Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
18. Kapitel
Epilog
331 Tage deutscher Einheit
Am dreißigsten August neunzehnhunderteinundneunzig saß Lisa im
D-Zug, der von Erfurt nach Frankfurt am Main fahren sollte. Von dort aus wollte
sie nach Kreta fliegen. Ziel der Reise war Atlantis 21, die Ferienanlage in
ihrem Dorf im Süden der Insel. Dorthin wollte auch Frohner mit einem Notar
kommen, um das Testament von Willi alias Pierre Lombard zu eröffnen.
Christoph hatte die umständliche Reise nach Kreta organisiert. Er
mußte auch im Zug sein, aber Lisa hatte ihn auf dem Bahnsteig nicht
entdecken können. Am Fenster ihres Abteils stand ein kleiner Mann mit
runzeligem Gesicht. Er mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, damit er
durch das heruntergeschobene Fenster mit seiner Tochter und ihrer Familie, die
auf dem Bahnsteig standen, sprechen konnte. Wenn sich der Mann reckte,
leuchteten weiße Socken unter dem Hosenschlag hervor. "Noch
fünf Minuten", sagte er.
Lisa blickte auf ihre Uhr. Wo nur Christoph blieb? Er hatte doch alle
anderen Tickets.
"Es war wirklich schön bei euch." Der Mann mit den
weißen Socken war gerührt. "Habt Dank für alles."
Lisa musterte ihn. Wie ein Verfolger sah er nicht aus, dazu war er zu alt und
nicht kräftig genug. Der Mann klammerte sich an den Fenstergriff, als
wollte er sich daran emporziehen.
"Papa, du kommst doch bald wieder", rief die Tochter auf dem
Bahnsteig. Sie hielt ihm ihr Baby entgegen, nahm ein Händchen und winkte
damit.
Der Mann lächelte und winkte zurück. Sein Winken glich dem eines
Staatsmannes, der eine Militärparade abnimmt: den Arm seltsam abgewinkelt,
die Finger dicht aneinandergelegt. "Noch zwei Minuten", sagte er.
Lisa dachte an die Erfurtomi, die sicherlich noch damit beschäftigt
war, den Frühstückstisch abzuräumen. Jedesmal, wenn sie von
Erfurt wegfuhr, hatte sie das beklemmende Gefühl, Lucie allein zu lassen.
Diesmal hatte Lisa Angst um sie. Die Leute um Hugosch hatten sie schon einmal
in ihren Fängen gehabt.
Die Frau auf dem Bahnsteig rief ihrem Vater zu, er solle beim nächsten
Besuch nicht wieder soviel mitbringen. "Wir können jetzt ja auch
alles bei uns in der Kaufhalle bekommen."
"Aber meine selbstgemachte Erdbeermarmelade nicht", widersprach
er. Seine Tochter pflichtete ihm bei, meinte dann aber, daß die von Dr.
Oetker auch nicht schlecht sei. Die Unterhaltung stockte. Vielsagend nickten
sich die Bleibenden und der Abreisende zu. "Nach meiner Uhr
müßte der Zug jetzt losfahren", sagte der Mann.
Lisa überlegte, was sie tun sollte, wenn Christoph nicht käme. Sie
würde auch allein nach Kreta reisen, das war nicht das Problem. Aber sie
hatte Angst, verfolgt zu werden.
Alle Leute, die an ihrem Abteil vorbeikamen, schauten hinein. Lisa
fühlte sich beobachtet und sah in jedem Menschen einen Verfolger.
Christoph könnte doch wenigstens einmal am Abteil vorbeilaufen, damit sie
beruhigt war.
Im Lautsprecher auf dem Bahnhof knackte es, dann kam ein Gong, dem die
Durchsage folgte, daß der Zug nach Frankfurt am Main jetzt abfahren
würde. Die Familie auf dem Bahnhof winkte jetzt heftiger.
Langsam ließ der Zug den Bahnhof hinter sich.
Was, wenn Christoph den Zug verpaßt hatte? Sie könnte auf die
Toilette gehen und Frohner über das Funktelefon anrufen, um ihn zu fragen,
ob alles wie besprochen abliefe. Doch dann fiel ihr ein, daß das Funknetz
im Osten Deutschlands noch nicht lückenlos geschlossen war. Nein,
Christoph durfte den Zug nicht verpaßt haben.
Eine ältere Frau kam in das Abteil, an der Hand einen achtjährigen
Jungen. Der Junge fuhr mit seiner Oma in die Ferien - in die
Verwöhnferien.
Die Frau atmete schwer und hielt dem kleinen Mann am Fenster ihre Platzkarte
unter die Nase. Der Mann räumte den Sitz und rutschte einen Platz weiter.
"Der ist auch besetzt", sagte die Frau und wies eine zweite
Platzkarte vor. Daraufhin setzte sich der Mann beleidigt an die Tür.
Die Frau schob ihren breiten Hintern auf den Fensterplatz und verlangte,
daß der Junge sich neben sie setzen sollte. Der warf seinen
lilatürkispinkfarbenen Rucksack auf den Sitz und lief auf den Gang, wo er
sich auf den Sims stellte und das Fenster herunterschob. Seine feinen blonden
Haare wurden vom Fahrtwind durcheinandergewirbelt. Mit zugekniffenen Augen
schickte er seine Blicke der Lokomotive um Kilometer voraus. Durch die offene
Abteiltür rief die Frau dem Jungen zu, er sollte nicht in Fahrtrichtung
gucken, sonst bekäme er rote Augen. Der Junge ignorierte die Ermahnung.
Die Oma schnaufte, klemmte die Tasche neben sich und klappte das Tischchen
heraus.
Sie hatte ein rundes Gesicht, das sich in einer langen Hautfalte über
Hals und Brustkorb mit dem Busen vereinigte, nur das Kinn hob sich als kleiner
Hügel noch einmal ab.
Einen Arm auf das Klapptischchen gestützt, schaute sie abwechselnd aus
dem Fenster und sorgenvoll zu ihrem Enkel.
Lucie wird jetzt auch aus dem Fenster sehen, dachte Lisa. Allerdings schont
ihre Ellenbogen ein selbstbesticktes Sofakissen, das sich im Laufe der Zeit der
Form des Fensterbrettes angepaßt hat. Elke hatte es bestickt und ihr vor
Jahren geschenkt.
Schon zum dritten Mal lief ein Mann mit einer grünen Baseballkappe am
Abteil vorbei. Wieder sah er Lisa an. Verfolgte dieser Typ sie? Er könnte
aber auch zu Christophs Leuten gehören, dachte sie. Ja, der Mann kam
sicher so oft vorbei, um sich zu vergewissern, daß es ihr gut ging.
Zuzwinkern konnte er ihr nicht; das könnte jemand sehen. Im Abteil
fühlte sie sich einigermaßen sicher. Solange sie Menschen um sich
hatte, konnte ihr nichts passieren.
Lisa schloß für einen Moment die Augen. Sofort stand der
Biesenthaler Friedhof vor ihr. Sie sah die Gesichter der Leute, das
verhärmte von Kretschmar, das strenge, frustrierte der Schmiedinger, das
gemeine von Schröder, das fischige von Schmidt und das hinterhältige
von einem Mann, den sie nicht kannte. Auf einmal fiel es ihr ein, wo sie diesen
Mann schon einmal gesehen hatte: bei der Ökoparty auf der Nummer neun.
Lisa stellte sich diese Leute auf Willis Jacht vor. Wie sie sich mit ihm gestritten
hatten. Sie sah, wie die Schmiedinger an Deck hin- und herlief, sie hörte
Hugoschs fettes Lachen und die Drohungen der anderen Männer, leise, bestimmt,
gefährlich. Alexandra hatte erzählt, die fünf Leute seien wieder
weggefahren, nachdem sie sich mit Willi verabredet hätten. Aber was geschah,
nachdem Alexandra ins Hotel gefahren war?
Lisa seufzte. Die Oma schaute sie besorgt an. Der Junge kam vom Gang herein
und verlangte etwas zu essen. Die Gesichtszüge der Oma verklärten
sich.
Das Brot war dünn geschnitten und dick mit Wurst belegt. Der Geruch von
Zervelatwurst zog durch das Abteil, rauchig und fettig. Der Junge wollte mit
der Schnitte wieder auf den Gang ans Fenster. "Du ißt die Schnitte
hier im Abteil", sagte die Oma. Der Junge kaute und musterte Lisa.
Warum sollte Willis Testament in Atlantis 21 eröffnet werden und nicht
in Zürich oder London?
Erst vor drei Monaten war sie mit Iannis über den Paß gefahren
und von Kreta abgereist. Sie freute sich darauf, ihr Dorf wiederzusehen, Willis
Lieblingsdorf Nummer zwei. Diesmal kam sie nicht als Fremde, sondern als
Besitzerin von Atlantis 21. Lisa schmunzelte, als sie an den dicken Vangelis
dachte, bei dem sie in der Küche gearbeitet hatte. Wie würde der
dicke Vangelis sie behandeln? Er wird mich behandeln wie immer, dachte sie. Er
wird genauso ruppig sein und den Boß hervorkehren, und er wird mit mir
Raki trinken und herumbrüllen.
Die Feriensiedlung hatte Willi bauen lassen. Nein, Lisa hatte keinen
Verdienst an Atlantis 21. Sie hatte nichts dazu getan.
Aus der Teddytasche holte Lisa einen Computerausdruck hervor, auf dem die Zukunft
für Atlantis 21 konzipiert war. Jeder Hotel- und Restaurantbesitzer im
Dorf sollte von Atlantis profitieren. Deshalb gab es kein Restaurant in der
Feriensiedlung, sondern nur eine Bar und einen Frühstücksraum. Etwa
sechzig Gäste fanden in den Bungalows Platz. Pool, Tennisplatz und die
Bar durften aber auch von anderen Touristen, die ins Dorf kamen, genutzt werden.
Vielleicht, dachte Lisa, vielleicht ist Atlantis das Ziel aller meiner
Reisen?
Aus den Augenwinkeln heraus nahm sie wieder die grüne Baseballkappe
wahr. Der kleine Mann mit den weißen Socken, der die ganze Fahrt
über Zeitung gelesen hatte, ging aus dem Abteil. Lisas Herz schlug
schneller. War er vielleicht doch einer, der sie beobachtete? Ob sie das Abteil
wechseln sollte?
Ein kräftiger junger Mann riß die Abteiltür auf und fragte,
ob hier noch etwas frei sei. Die Oma schaute ihn böse an. Lisa war nicht
fähig zu reagieren. Jetzt haben sie mich, dachte Lisa. Er setzte sich auf
den Platz an der Tür, dem kleinen Mann gegenüber. Ein Sitz nur war
zwischen ihm und Lisa. Hatte der kleine Mann etwa Verstärkung geholt? Der
kleine Mann kam wieder ins Abteil. Den Neuzugestiegenen beachtete er nicht.
Lisa sah darin den Beweis, daß sie sich abgesprochen hatten. In jeder
Bewegung der beiden Männer sah sie ein Zeichen geheimer
Verständigung.
In Fulda stieg die Oma mit dem Jungen aus. Jetzt war Lisa mit den beiden
Männern allein. Warum hatte sie sich nicht in einen Großraumwagen
gesetzt? Verdammt! Die brauchten ja nur die Vorhänge an der Tür
zuzuziehen. Lisas Schreie würde niemand hören. Der kräftige
junge Mann wippte mit dem Fuß. Lisas Muskeln spannten sich. Wenn er
zwanzigmal gewippt hat, springen beide auf. Panik ergriff sie. Eins, zwei,
drei, vier ... Fliehen konnte sie nicht, die beiden Männer an der Tür
würden ihr den Weg versperren ... zwölf, dreizehn, vierzehn ... Wie
konnte sie auch so dumm sein und sich ans Fenster setzen?
Sie versuchte sich einzureden, daß die zwei Männer ganz normale
Reisende waren. In Filmen hatte sie gesehen, daß Verfolger von ihren
Opfern nicht gesehen werden wollten. Warum kam kein anderer Fahrgast ins
Abteil? ... zwanzig. Nichts geschah. Der kräftige Mann wippte mit seinem
Fuß, der kleine las weiter in seiner Zeitung.
In Frankfurt am Main wartete Lisa, bis die beiden Männer das Abteil verlassen
hatten. Erst dann nahm sie ihre Tasche und trat auf den Gang. Wie aus dem Nichts
stand plötzlich Christoph hinter ihr. Hatte er nebenan im Abteil gesessen?
Alle Angst wich von ihr. Wie konnte sie nur annehmen, daß er sie im Stich
ließ?
Sie fuhren mit einem Nahverkehrszug nach Wiesbaden, von dort mit einem Taxi
zum Flughafen Frankfurt. Christoph lotste Lisa zu einem Gate, das weit
außerhalb lag. Sie stiegen in einen kleinen Firmenjet. Er gehörte zu
den Vauxhallwerken in Luton, nahm aber auch Privatpassagiere mit. Christoph
saß einige Plätze vor ihr. Neben Lisa wühlte ein
Geschäftsmann ständig in seinem Aktenkoffer herum, um immer wieder
neue Papiere hervorzuholen und zu überfliegen.
Von Christoph sah sie nur den blonden Schopf. Christoph sah gut aus und
schien in seiner korrekten Art unnahbar. Könnte er sie nicht mehr
beschützen, wenn er sich in sie verliebte? Wenn das Testament in Atlantis
eröffnet war, würde er auf ihrer Gehaltsliste stehen.
"Verzeihung", sagte der Geschäftsmann neben ihr, "sind
Sie aus der PR-Abteilung?"
Lisa sah ihn verwundert an. Dann wurde ihr bewußt, daß sie ja in
einem Firmenjet saß. Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
"Ich bin privat hier", antwortete sie.
"Kommen Sie aus Deutschland?"
"Ist mein Englisch so schlecht?"
Er lachte. "Im Gegenteil, Ihr Englisch ist fabelhaft! Machen Sie in
London Holiday?"
"Ja, ein paar Tage", antwortete sie.
"Dann kann ich Ihnen einen Tip geben: In der Royal Academy of Art ist
zur Zeit eine phantastische Ausstellung. Dadaismus, Fluxus und vieles über
diese Zeit. Es wird Ihnen sicher gefallen."
Lisa fragte sich, wieso der Geschäftsmann ihr die Ausstellung empfahl.
Wie ein Kunstliebhaber, ein feinsinniger Mensch sah er nicht aus. Er wirkte
zu steif, um Dadaismus schön zu finden. Aber wie sah ein Kunstkenner aus?
Wie sah ein Mörder aus? Wollte der Geschäftsmann sie in eine Falle
locken? War dieser Firmenjet wirklich sicher? Saß der Verfolger etwa schon
neben ihr? Sie hustete laut, um Christoph auf sich aufmerksam zu machen. Doch
der schien sie nicht zu hören. Der Geschäftsmann bestellte bei der
Stewardeß Wasser für Lisa. Und wenn nun in dem Wasser, das die Stewardeß
lächelnd vor sie hinstellte, K.o.-Tropfen waren? Wenn alle in diesem Flugzeug
Hugoschs Leute waren? Wenn sogar Christoph zu ihnen gehörte? Lisa wurde
schwindlig. Sie mußte sich zusammenreißen. Es ging hier nicht um
sie, sondern wieder einmal nur um Willis Vermögen. Genau wie in Kairo.
Für ihre Trauer und ihre Angst interessierte sich niemand. Willis Vermögen
mußte gesichert werden.
In Luton ging alles sehr schnell. Christoph kam auf sie zu. "Hier steht
unsere Maschine", sagte er und wies auf einen Hubschrauber.
"Warum dieser Aufwand?" fragte sie.
"Aus Sicherheitsgründen", erwiderte Christoph. "Morgen
wird das Testament eröffnet, und es kann sein, daß Sie ab morgen
eine reiche Frau sind."
"Ich verstehe gar nichts", sagte Lisa. Sie konnte den Flug
über London nicht genießen.
"Sie werden sich daran gewöhnen müssen", meinte
Christoph achselzuckend.
Der Flug ging ein Stück in Richtung Westen, dann nach Süden,
geradenwegs zum Heathrow-Airport.
Die Maschine nach Kreta war schon aufgerufen. Sie hatten Mühe, sich bis
zu ihren Plätzen durchzukämpfen. Dieser Flug war restlos ausgebucht.
"Warum sitzen wir in so einer vollen Maschine?" fragte Lisa.
"Das ist ein Charterflug", antwortete er. "Falls uns bisher
jemand gefolgt sein sollte, ist es praktisch unmöglich für ihn, in
dieser Maschine mitzufliegen." Christoph hatte also auch in Heathrow noch
mit Verfolgern gerechnet?
"Und wenn ein Passagier sein Ticket zurückgegeben
hätte?" fragte sie angstvoll.
"Man kann auf dem Flughafen so kurzfristig kein Ticket für eine
Chartermaschine kaufen."
Christophs Stimme klang genervt. Lisa fragte nicht weiter.
Vor dem Flughafen in Heraklion stand ein Kleinbus mit der Aufschrift
"Atlantis 21". Christoph und Lisa warteten, bis der letzte der acht
Feriengäste im Fahrzeug saß. Iannis, der Taxifahrer aus dem Dorf,
begrüßte Lisa mit Handschlag. Sie erkundigte sich nach dem Baby, das
seine Frau vor zwei Monaten geboren hatte.
"Ola ine poli kala", antwortete er zufrieden. Alles war in bester
Ordnung. Aus seiner Hosentasche zog er ein Foto. "Mein Sohn", sagte
er voller Stolz. Lisa bewunderte das Baby, das mit großen Augen in die
Kamera staunte.
Ein junges Ehepaar mit einer kleinen Tochter saß Lisa gegenüber.
Der Mann fotografierte die ganze Fahrt über. Unter den Gästen war
auch eine hübsche blonde Frau um die Dreißig. Lisa sah sie schon mit
Wassili im Morgengrauen mit seinem Kutter aufs Meer hinausfahren. Die blonde
Frau taxierte Christoph.
Auf der Fahrt durch Kretas Berge kam es Lisa so vor, als sei sie nie fort
gewesen. Alles war ihr vertraut. Sie war zu Hause. Jetzt, Ende August, war die
Landschaft völlig ausgedörrt und vertrocknet. Die Agavenblüten
waren verwelkt, Büsche und Sträucher an den Straßenrändern
abgestorben. Nur in den Tälern, wo es genügend Wasser aus den Bergen
gab, verschwendete die Natur ihre kräftigsten Farben.
Der Kleinbus fuhr im Dorf über den Busplatz. Touristen saßen in
Pavlos' Kafeneon, das seit seinem Tod von seiner Schwester betrieben wurde.
Iannis steuerte das Fahrzeug durch ein buntbemaltes Gittertor, über dem
ein Schild prangte: "Welcome to Atlantis 21".
Es ging eine schmale Asphaltstraße hinauf. Hinter dem Bus knatterte
ein Motorrad. Lisa hätte Iordannis darauf fast nicht wiedererkannt. Er
hatte sich für die Touristinnen herausgeputzt: schwarze Hosen mit
Bügelfalten, die in polierten Stiefeln steckten, ein schneeweißes
Hemd, das Haar mit Gel an den Kopf geklebt.
Lisa erinnerte sich an den heftigen epileptischen Anfall, den er im Winter
vorn am Steg gehabt hatte, und daran, wie er ihr geholfen hatte, die Wohnung zu
renovieren.
Lisa winkte ihm zu. Er ließ den Motor ungeduldig aufheulen, fuhr dicht
an den Bus heran, blieb zurück, um dann wieder Vollgas zu geben und knapp
hinter dem Bus scharf zu bremsen. Überholen konnte er nicht, denn der
schmale Weg wurde von niedrigen blühenden Hecken gesäumt, von
weißgestrichenen Steinen, über die fleischige Pflanzen ihre Triebe
wuchern ließen, und von Kübeln, in denen Palmen wuchsen.
Dahinter erstreckte sich eine Liegewiese, in deren Mitte türkisfarben
ein Pool lag. Kinder spielten auf einem großen Klettergerüst. Vor
einem größeren Haus endete die Fahrt. Lisa staunte nicht schlecht:
Aus der Baustelle war innerhalb der letzen drei Monate eine komplette
Urlaubsanlage entstanden.
Die Gäste stiegen aus. Lisa genoß die Hitze, die ihren Körper
umfing. Aus dem Haus kamen zwei junge Frauen. Eine winkte Christoph zu und gab
ihm augenzwinkernd zu verstehen, daß Dr. Frohner bereits unten im Dorf
bei Vangelis wartete. Lisa hätte sich gern ein wenig frisch gemacht. Doch
Christoph mahnte zur Eile und stellte ihre Tasche hinter die Rezeption. Lisa
warf einen flüchtigen Blick auf die Säulen, die das Haus stützten
und die Sicht freigaben auf den steil abfallenden Fels bis hinunter zum Meer.
Durch ein raffiniert angelegtes System aus Lichtschächten, Fluren und Kanälen
zog die frische Meeresluft durch das ganze Haus - eine natürliche Klimaanlage.
Lisa ließ sich von Christoph ins Dorf begleiten. Die
Markisengestänge vor den Restaurants an der Strandpromenade waren mit
buntem Stoff oder Strohmatten belegt. Darunter waren kaum noch freie Tische zu
finden. Die Wirte begrüßten Christoph fast kumpelhaft, und ihr
begegneten sie mit einer Herzlichkeit, die sie nicht erwartet hatte. Soutiri,
Christina vom Kiosk und die Engländerin Dorothy kamen auf sie zu, um sie
zu begrüßen.
"Ich hoffe, du schickst mir jeden Tag ein paar von deinen
Gästen!" rief Dorothy lachend.
Dimitri, der Wirt vom Aphroditi, hielt ihre Hand fest und sagte:
"Schön, daß du wieder da bist." Lisa konnte sich nicht
erklären, wie er das meinte. Aber seine einfachen Worte bedeuteten mehr,
dessen war sie sich sicher.
Vor dem Restaurant "Adonis" standen drei tunesische Kellner und wiesen
Touristen ab, einer Familienfeier wegen. Stimmengewirr und Musik drangen durch
die geöffneten Fenster nach draußen. Lisa und Christoph betraten
das Restaurant durch den Seiteneingang.
Das Restaurant war voller Leute. Einige saßen an Tischen, die zu drei
langen Tafeln zusammengeschoben waren, die anderen standen am großen
Kühlschrank, der den Gastraum von der Küche teilte. Die kräftig
gebauten Männer trugen die Hemden halb aufgeknöpft, hatten dicke
Ringe an den Fingern und goldene Ketten um den Hals.
Lisa dachte an die geschlossenen Veranstaltungen bei Vangelis, zu denen
Leute aus ganz Griechenland anreisten: Zuhälter, Hoteliers,
Autohändler, Plantagenbesitzer, Dealer. Für diese Gäste war nur
das Beste gut genug: Olivenöl aus eigener Ernte, selbstgemachter Feta,
frischer Fisch und ausgewählter Wein aus den Bergen. Vangelis ließ
nur seine Freunde aus dem Dorf bei seinen Festen dabeisein. Lisa hatte er nie
dazu eingeladen. Warum war sie heute dabei?
Einer der fremden Männer ging zu einer Tafel, an der Huren aus Athen
saßen, junge, aufreizend geschminkte Griechinnen in raffiniert
geschnittenen Kleidern. Sie rauchten und lachten derb über jeden seiner
Scherze.
Lisa stieß mit Dimitri und Soutiri an. Auch Iannis hielt ihr sein Glas
entgegen.
Nicola, der die griechischen Gesellschafter von Atlantis 21 vertrat, bestand
darauf, daß Lisa ihr Glas mit ihm leerte. Dann fragte auch er, ob sie
jetzt im Dorf bliebe. Fürchtete er um seine Position in der
Feriensiedlung? Lisa versicherte ihm schnell, daß er immer gebraucht
werden würde. Daraufhin mußte sie ein zweites Glas austrinken.
Der Pope Iannis saß an der Tafel bei den einheimischen Frauen zwischen
Christina und der anmutigen Bäckerin.
Aus einem Faß an der Tür schöpfte Iordannis Raki in eine
Flasche und ging damit von einem zum anderen, um jedem einzuschenken.
Da riß Vangelis ihm die Flasche aus der Hand und baute sich vor Lisa
auf. Er drückte ihr ein Wasserglas in die Hand und füllte es,
woraufhin sie mit ihm anstoßen mußte. Der erste Schluck Raki
brannte in ihrer trockenen Kehle. Sie suchte mit den Augen nach Dr. Frohner,
doch Vangelis beanspruchte ihre ganze Aufmerksamkeit.
Er war der mächtigste Mann im Dorf. Mit dem Adonis gehörte ihm das
größte Hotel, nur die Feriensiedlung Atlantis 21 hatte mehr Betten.
Er war auch der erste, der hier im Dorf ein Hotel gebaut hatte. Das Geld
dafür stammte aus Amerika. Ein entfernter Neffe von ihm, und das
erzählte Vangelis besonders gern, wohnte in New York. Dessen Job war es,
in dem einen Jahr die Brooklynbridge von rechts nach links zu streichen und im
nächsten Jahr von links nach rechts. Mit dem Adonis hatte Vangelis einen
finanziellen Vorsprung von zehn Jahren vor allen anderen Hotelbesitzern
herausgewirtschaftet. Er konnte aufstocken, aus- und anbauen, wann er wollte,
hatte als erster Innentoiletten und Duschen, und so war es ihm möglich,
die höchsten Übernachtungspreise zu verlangen, die ihm auch gezahlt
wurden. Diesen finanziellen Vorsprung hatte im Dorf niemand mehr aufholen
können.
"Dein Onkel mit seiner Feriensiedlung war keine Konkurrenz für
uns", sagte er.
"Ich werde auch keine Konkurrenz sein", sagte sie, jedes Wort
betonend. "Es bleibt alles, wie es ist."
"En daxi", sagte Vangelis. Das bedeutete: in Ordnung. "Ich
habe sowieso den besten Fisch."
Lisa war von der Atmosphäre ganz benommen. Sie erinnerte sich an das Weihnachtsfest
im letzten Jahr, zu dem Vangelis sie nicht eingeladen, und als sie dennoch gekommen
war, nicht beachtet hatte. Er hatte ungerührt weitergemampft, und ihr war
das Wasser im Munde zusammengelaufen. Er hatte sie einfach ignoriert.
Lisa erblickte die alte Sophia, die breitbeinig auf einer Bank an der Seite
saß, die Fäuste auf die Schenkel gestützt. Sie hatte Lisa schon
eine Weile mit ihren Argusaugen gemustert. Das schwarze, unter dem Kinn verknotete
Kopftuch umrahmte ihr runzeliges Gesicht und schien die hängenden, farblosen
Wangen vor dem Herabfallen zu bewahren.
Sophias Schwester Georgia kam ächzend und stöhnend ins Adonis
gehumpelt. Unter ihrem schwarzen Kopftuch baumelte der graue geflochtene Zopf
bis zur wulstigen Hüfte. Sie setzte sich neben Sophia auf die Bank. Die
beiden Schwestern hockten wie Glucken nebeneinander, wie Spiegelbilder, die
Blicke strafend durch das Adonis schickend.
Georgias blasse Augen blieben an Lisa haften, durchbohrten sie, arbeiteten
sich an ihrer Gestalt auf und nieder, verweilten an ihrem Unterleib. Dann zerschnitt
Georgias schrilles "Panajia" die verrauchte Luft. Sie zeigte mit gekrümmtem
Finger auf Lisa. Die war wie gelähmt. In die plötzliche Stille hinein
donnerte Vangelis: "Mach, daß du fortkommst! Ramoto!" Georgia
wandte sich beleidigt ab, rutschte von der Bank und schlurfte zu Maria in die
Küche.
Iordannis entblößte seine Zahnlücke und steckte eine
Zigarette hinein. "Georgia hat aus deiner Wohnung zwei Zimmer
gemacht", sagte er zu Lisa. "Aber du brauchst ja die Wohnung nicht
mehr. Du hast ja jetzt viele Zimmer."
Er schenkte ihr nach und lief dann wieder zwischen den Gästen umher.
Als die Huren an der Tafel laut lachten, schnellte Sophias Kopf
krähengleich herum. Doch die kümmerten sich nicht um Sophias tadelnde
Blicke, sie stießen miteinander an und lachten noch lauter. Georgia
machte sich in der Küche zu schaffen. Von dort beobachtete sie jede
Bewegung von Lisa.
Eleni, die achtjährige Tochter von Vangelis, trug Marias Baby wie eine
Puppe auf dem Arm durch das Restaurant. Sophia winkte sie zu sich, nahm ihr
das Baby ab und küßte Gesicht, Händchen und Füße.
Eleni verlangte es lautstark zurück. Das Baby fing an zu schreien, Sophia
schimpfte mit Eleni und drückte den Säugling an ihren großen
Busen. Georgia zeterte und drohte Eleni mit dem Holzlöffel aus der Küche.
Maria eilte mit einem Fläschchen in der Hand zu ihrem Baby.
Hinter der Mauer aus Bier- und Colakästen donnerte Vangelis' Stimme.
Sophia verstummte. Eleni lief heulend zu ihrem Vater und beschwerte sich,
daß Sophia ihr dauernd das Baby wegnehme. Doch Vangelis winkte ab. Er
wollte Ruhe und kein Frauengekreisch. Er schaute Georgia und Sophia an, die
unter seinem Blick lammfromm wurden, sich sogar ein Lächeln abrangen.
Lisa entdeckte Küde Frohner, der sich vorn am Kassentisch mit einem
untersetzten, elegant gekleideten Herrn unterhielt. Frohner stellte ihr den
Notar, Iorgo Manamanakis, vor, der am nächsten Morgen das Testament
eröffnen sollte.
"Was ist denn hier los?" fragte sie.
Frohner hob die Schultern. "Ein Fest."
"Aus welchem Anlaß?"
"Wozu braucht es einen Anlaß?" fragte der Notar in
gebrochenem Deutsch. "Es reicht doch, daß wir feiern."
"Sie gehören jetzt zum Dorf", meinte Frohner.
Auf einmal soll ich zum Dorf gehören, dachte sie. Vor zwei Monaten war
ich nur eine von vielen Touristinnen. Jetzt, wo Willi nicht mehr da ist, werde
ich plötzlich für Vangelis und all die anderen wichtig. Lisa war sich
nicht schlüssig, ob sie sich darüber freuen sollte. Die Männer
aus dem Dorf musterten sie, aber nicht mehr mit der griechischen Arroganz,
sondern wohlwollend. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie mußte mit
jedem anstoßen.
Lisa ging zu der Tafel, an der die Frauen des Dorfes und einige Kinder saßen.
Sie unterbrachen ihr Gespräch, um Lisa zu begrüßen. Christina
stand auf, bot ihr den Platz an und goß aus einer Kanne Wein für
sie ein.
"Es ist schön, daß du wieder da bist, Panajia", sagte
sie.
Der Hirte Michalis kam zu Lisa an den Tisch. "Bleibst du jetzt für
immer bei uns?" fragte er.
"Ich weiß noch nicht."
Sein Schäferhund Theo stupste sie mit seiner feuchten Nase an und
schnupperte an ihr. Lisa streichelte ihn, redete ihm zu. Der Hund legte seinen
Kopf auf Lisas Oberschenkel.
"Er hat dich nicht vergessen", sagte Michalis und lächelte.
Sein Lächeln war still und bescheiden. Mit Michalis verband Lisa eine
platonische Liebe. Im Winter war sie seiner Schönheit verfallen. Sie hatte
seine Gelassenheit gemocht und seinen Stolz, ihn beneidet um das Leben, das er
in den Bergen führte. Doch alle Träume und Wünsche, die sie
seinetwegen hegte, fanden ein jähes Ende, als sie für ihn
Liebesbriefe an zwei Dutzend Frauen in ganz Europa geschrieben hatte.
"Ich sehe dich", sagte Michalis und erhob sich. Das hatte er im
Winter auch zu ihr gesagt, und sie hatte noch gehofft, daß sie ihm
gefiele. Aber Michalis fand große Brüste schön, wie sie beim
Briefeschreiben von ihm erfahren hatte.
Die vielen Rakis, die Lisa hatte trinken müssen, bemächtigten sich
ihres Kopfes. Sie mußte unbedingt etwas essen. Vor allem mußte sie
den Alkohol loswerden. Auf der Toilette steckte sie den Finger in den Hals und
erbrach Raki und Wein. Sie durfte heute abend nicht betrunken werden,
weil sie morgen früh einen klaren Kopf brauchte. Dann trank sie Wasser,
gleich aus der Leitung.
Als sie wieder ins Restaurant zurückkam, brüllte Vangelis nach
seiner Frau Maria. Die erhob sich vom Tisch der Frauen und ging in die
Küche, wo sie faustgroße Kartoffeln für Pommes frites
zerschnitt. Die alte Sophia putzte Salat.
Wassili stand plötzlich neben Lisa und stieß mit ihr an. Er sah
verwegen aus mit seinem aufgeknöpften Hemd. Lisa vergaß für
einen Moment ihren Grundsatz, sich nicht wieder mit Wassili einzulassen. Ein
herber Duft, ein Gemisch aus Männlichkeit, Fisch und Raki, umgab ihn. Sein
Haar war zerzaust, als ob er eben erst vom Meer heimgekehrt wäre. Wassili
versorgte das Restaurant Adonis mit Fisch. Beim Sex war er ein Holzklotz, und
davon hatte sie genug. Sie wollte nichts mehr von ihm wissen.
"Siavolos", kreischte Georgia wieder durch das Adonis und zeigte
auf Lisa. Niemand achtete auf sie. Georgia bekreuzigte sich, tippte sich an den
Busen, dann auf den Boden, als wollte sie eine Verbindung zwischen ihrem Herzen
und der Erde herstellen.
Wassili ging in die Küche. Aus dem riesigen Kühlschrank nahm er
zwei Lammkeulen, die er auf einem Holztisch mit einer Axt zerteilte. Die
Stücke tränkte er in Öl, den Grillrost rieb er mit
Zitronenschale ein. Dann entzündete er die Gasflamme unter dem Rost. Bald
zog der Duft von gegrilltem Lammfleisch durch das Restaurant.
Lisa ging zu Frohner, der sich vor dem Kühlschrank mit Christoph
unterhielt.
"Auf Willis Beerdigung habe ich erfahren", begann Lisa
unvermittelt, "daß meine Oma aus Erfurt wegen Willis Geschäften
ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen hat. Was für Geschäfte
waren das?"
Das Lächeln verschwand aus Frohners Gesicht. "Eine unangenehme
Geschichte", sagte er, "die Willi damals allein nicht lösen
konnte. Er wollte einen Kinderfilm mit hunderttausend Mark fördern,
weiß der Teufel warum, und ich sollte für ihn eine finanzielle
Konstruktion dafür zustande bringen. Bevor Willi in Ostberlin seine Idee
erläutern konnte, haben seine, ich will mal sagen, Mitarbeiter die
Kalkulation für den Film in die Finger bekommen und gedacht, Willi wolle
die hunderttausend unterschlagen."
Vangelis stapfte quer durch das Restaurant und zog neben der Tür zu den
Toiletten einen Vorhang beiseite. Den Raum dahinter hatte Lisa für den
Vorratsraum gehalten, in dem Cola- und Bierkästen gelagert wurden. Frohner
hieß sie mitzukommen. In dem Raum standen ein runder Tisch, bedeckt mit
einem weinroten Samttuch, und sechs Stühle. Eine kahle Glühbirne
über dem Tisch erleuchtete den Raum. Einer der Stühle war Vangelis'
Spezialstuhl, dessen Beine durch Leisten miteinander verbunden waren, damit sie
unter seinem Körpergewicht nicht auseinanderbrachen.
Iordannis brachte ein nagelneues Kartenspiel. Der Hirte Michalis, Wassili,
Christoph und zwei Zuhälter aus Athen nahmen am Tisch Platz. Am Vorhang
postierten sich zwei junge Männer mit unbewegten Gesichtern. Jeder trug
für alle sichtbar eine Pistole im Hosenbund. Ein Mann im mittleren Alter
hatte eine lederne Tasche bei sich. Er war Arzt.
"Christoph zockt mit?" fragte Lisa entsetzt.
"Ich habe ihn damit beauftragt", erwiderte Frohner gelassen.
"Aber bei zwanzigtausend ist Schluß."
"Zwanzigtausend was?"
"Mark."
Lisa stürzte ihren Raki hinunter. Iordannis schenkte sofort nach.
Frohner hob sein Glas. "Auf den morgigen Tag!"
Christoph hatte die ausdrückliche Weisung, zu verlieren und auf diesem
Wege dem Dorf zwanzigtausend Mark zukommen zu lassen.
"Aber das Geld kommt doch nur Vangelis oder Wassili zugute",
begehrte Lisa auf. Es ist mein Geld, dachte sie.
"Die beiden sind das Dorf", meinte Frohner.
Vangelis mischte die Karten. Die anderen Männer standen um den Tisch
herum und beobachteten das Pokerspiel. Lisa war die einzige Frau im Raum.
Gespielt wurde um Drachmen. Auf dem Tisch häuften sich etliche
Fünftausender. Im Winter hatte Lisa die einheimischen Männer im
Adonis um Hunderter pokern erlebt, aber hier wechselte nun jede halbe Stunde
ein Kleinwagen seinen Besitzer!
Iordannis bediente die Spieler mit Raki.
Der Berg aus Geldscheinen in der Mitte des Tisches wuchs bei jeder Runde,
bis einer der Spieler ihn mit beiden Händen an sich raffte. Die Summen
schienen keine Rolle zu spielen. Hatte einer am Tisch kein Geld mehr, dann
holte er aus seiner Hose ein neues Bündel. Tausender wurden nicht
akzeptiert, nur Fünftausender. Die Männer pokerten mit eisernen
Mienen, doch wenn ein Spiel zu Ende war, redeten und schrien alle wild
durcheinander.
Den Hirten Michalis schien der Lärm nicht zu beeindrucken. Ob er verlor
oder gewann, interessierte ihn anscheinend nicht. Wassili hingegen lieferte
sich mit Vangelis nach jedem Spiel heftige Wortgefechte, in denen das Wort
"skatá" immer häufiger zu hören war, je länger
der Abend währte. Am meisten benutzte es Wassili.
"Scheiße", schimpfte er von Spiel zu Spiel lauter.
Ab und zu ging einer der Spieler nach nebenan in das Restaurant, um Lamm zu
essen. Maria stand bis in die späte Nacht am Grill.
Vangelis fluchte und schmetterte seine Faust auf den Tisch. Die jungen
Männer am Vorhang nahmen Haltung an. Der Arzt schaute gelassen in die
Runde. Einige Männer hielten in ihren Gesprächen inne. Da
zerriß Vangelis das Kartenspiel. Einer der Spieler hatte mit seinen
fettigen Fingern die Karten beschmutzt und wurde von den anderen des Zinkens
verdächtigt. Iordannis brachte neue Karten.
Lisa wandte sich an Frohner: "Hatte Willi denn die hunderttausend Mark
in den Film investiert?"
"Er hat nur dafür gebürgt", antwortete er. "Und
für diese Bürgschaft konnte er mit seinem Privatvermögen
einstehen."
"Aber keiner von Willis Kumpanen wußte, wie groß Willis
Privatvermögen war."
"Das ist der Punkt. Sie sind mißtrauisch geworden und haben seine
Mutter verhaftet. Und auf diese Weise hatten sie auch ihn."
Aus der Küche zog erneut der Duft gegrillten Fleisches herein.
"Ich muß etwas essen", sagte Lisa, "sonst überlebe
ich diesen Abend nicht."
Als sie den Spieltisch verließ, wollte Christoph mitgehen, aber
Frohner schüttelte den Kopf und zeigte auf den Berg Geld vor ihm. Frohner
begleitete Lisa selbst.
Maria hatte für Lisa Pellkartoffeln gekocht. Hastig aß sie die
Kartoffeln, getreu der Maxime Willis, daß man mit Kartoffeln im Bauch
jedes Saufgelage fast unbeschadet überstehen könne.
Lisa nahm das Gespräch wieder auf. "Willis Dienststelle
wußte doch, wo er sich aufhielt. Es wäre nicht nötig gewesen,
seine Mutter zu verhaften."
"Ich will mal so sagen", begann Frohner. "Ihn selber konnten
sie nicht verhaften, denn dann wären sie nicht mehr an die Konten
herangekommen, über die nur Willi allein verfügen konnte. Und die
Geschichte mit der Bankbürgschaft: Die konnte ich übernehmen, weil
Willi Hypotheken auf die Grundstücke der Lombards aufgenommen hatte."
"Dafür nahmen sie die Mutter als Pfand." Sie schüttelte
sich.
"So ist es. Aber mit der Verhaftung haben sie genau das Gegenteil von
dem erreicht, was sie bezweckt hatten. Willi lehnte von da an jegliche
Identifikation mit dem Staat ab. Wissen Sie, ich habe Ihren Vater kennengelernt
als einen überzeugten Kommunisten. Später sind ihm dann Zweifel
gekommen, weil er das Leben in einer Demokratie genossen hat, die Freiheit und
natürlich auch den Luxus. Dadurch kam er in Konflikt mit seinen Idealen
und der westlichen Lebensweise, mit unseren Spielregeln."
"Ist Willi zum Antikommunisten geworden?" fragte Lisa.
"Er ist Kapitalist geworden. Zwischen Kapitalist und Demokrat muß
kein Widerspruch bestehen."
Georgia kam an den Tisch und berührte Lisa. Ihr wurde unheimlich
zumute. "Lassen Sie uns wieder hineingehen", bat sie. Frohner war
einverstanden.
"Panajia", schrie Georgia, als Lisa sich erhob.
Christoph hatte einen größeren Betrag verloren. Er mußte
mit Vangelis anstoßen. Die Männer lachten. Vangelis' Sohn Kostas
durfte ein Weilchen hinter dem Stuhl des Vaters stehen und zuschauen. Aber das
machte Vangelis so nervös, daß er eine Runde verlor. Kostas wurde
fortgeschickt.
Jetzt saß auch der Notar mit am Spieltisch. Doch er pokerte nur eine
Runde mit, gab dann auf, weil er zuviel verloren hatte. Vor Vangelis hatte sich
der größte Geldberg angesammelt. Er nickte einem der fremden
Männer zu, der seinen Platz für eine Weile einnehmen durfte. Er nahm
seinen Gewinn und ging in die Küche, wo er Fleisch direkt vom Grill
aß.
"Warum hat Willi die Filmleute unterstützt?" nahm Lisa das
Gespräch wieder auf.
"Vielleicht aus Liebe", meinte Frohner. "Vielleicht aber
auch, weil ihm der Film über die Eskimos wirklich gefallen hatte."
"Die Uraufführung von 'Abenteuer am Nordpol' fand in seinem Kino
in Martigny statt", sagte sie gedankenversunken.
"Ich glaube, es hat ihm einfach Spaß gemacht", sagte
Frohner. "Er wollte etwas für andere tun."
"So war er immer", sagte sie. "Er wollte stets andere an
seinem Luxus teilhaben lassen, mich, seine Familie, seine Frauen. Und dabei ist
er zum Verbrecher geworden."
"So kann man es auch sehen", meinte er . "Aber ich denke,
Willi hat das für sich Lukrativste gewählt. An Ihrer Stelle, Lisa,
würde ich ihn so in Erinnerung behalten. Morgen werden Sie sein Erbe
antreten."
"Das Vermögen ist nur die eine Seite", sagte Lisa. Frohner
schaute sie fragend an, doch sie beendete den Satz nicht.
Die Frauen aus dem Dorf waren mit ihren Kindern nach Hause gegangen. Nur
noch das schrille Lachen der Huren drang zum Spieltisch.
Als Vangelis zurückkam, blieb er vor Lisa stehen.
"Iordannis könnte geheilt werden", sagte er.
Lisa wußte nicht, worauf er hinauswollte.
"Aber das kostet Geld", sprach er weiter. "Dein Onkel wollte
seinen Krankenhausaufenthalt bezahlen."
"Ich werde dafür sorgen", sagte sie bestimmt, "daß
Iordannis geheilt wird." Sie zeigte auf den Gewinn, den er in seiner Brusttasche
verwahrte. "Du verdienst ja dafür zuwenig."
Vangelis lachte abfällig und ging wieder an den Spieltisch. Iordannis
grinste, er ahnte, daß von ihm die Rede war.
Der Duft griechischen Kaffees verbreitete sich, als Maria ein rundes Tablett
hereinbrachte, auf dem ein Dutzend kleiner Tassen stand.
Es war kurz nach zwei Uhr nachts, als die Männer aufhörten zu
pokern. Sie gingen auf die Terrasse des Adonis und zückten ihre Pistolen
und Revolver. Vangelis holte sein Maschinengewehr hervor, stand breitbeinig in
der Tür und ballerte in die Luft.
Iordannis brachte Kästen mit leeren Bierflaschen auf die Terrasse. Die
Flaschen wurden hochgeworfen, und die Männer schossen darauf.
Dann kam Wassili zu Lisa. "Du gehörst jetzt zu uns", sagte er
und gab ihr die Pistole. Schwer lag sie in ihrer Hand. Lisa war aufgeregt.
"Ganz ruhig", sagte Wassili, und seine väterliche Art
beeindruckte sie. Er brachte ihre Hand in Position und warf die Flasche.
"Tora", rief er, und Lisa drückte ab. Sie verfehlte die Flasche.
"Jetzt gehörst du zum Dorf", sagte er.
"Panajia, Panajia!" kreischte Georgia. Sie stand in ihrem Vorgarten,
die Fäuste in den Hüften, und musterte Lisa neugierig.
Lisa erwachte am nächsten Morgen mit schwerem Kopf. Wie sie in das
Zimmer gekommen war, wußte sie nicht mehr. Ein Moskitonetz hing an einem
Ring von der Decke herab und überspannte das übergroße Bett.
Lisa löste eine Aspirintablette in Wasser auf. Sie wollte kalt duschen,
konnte aber kein Badezimmer entdecken. Da war nur eine metallene Treppe, die
nach unten führte.
Das Zimmer hatte Fenster nach allen vier Seiten. Sie sah auf das Dorf, das
Meer, die Berge und auf die Feriensiedlung. An einem Fenster stand ein
großer Korbstuhl. Reiseführer, Bildbände und Stadtpläne
füllten das Regal unter dem Fenstersims daneben.
"Ach, Willi", sagte sie leise. "Dieses Bett hast du für
dich entworfen. Ein richtiges Prinzessinnenbett mit Schleier. Alexandra hätte
es gefallen. Typisch, ein Kühlschrank neben dem Bett. Aber du hättest
nicht nur Cola, Bier und Wein darin gehabt, stimmt's?"
Für den Augenblick war sie froh, eine kalte Cola trinken zu können,
um den Brand in ihrer Kehle zu löschen. "Wozu brauchtest du den Stadtplan
von Paris? Ich war es doch, die mit Elke immer Mensch, ärgere dich nicht!
auf den Straßen von Paris gespielt hat. Elke hat immer verloren. Ja, gut,
ich gebe zu, sie hat auch mal gewonnen. Aber nur, weil sie die Spielregeln geändert
hat und nicht über die Straßen, sondern mit der Metro vom Montmartre
zur Place de la Concorde fuhr."
Beim Gehen schienen Tausende von Nadeln in ihren Füßen zu
stechen. Lisa klammerte sich an das Geländer der Treppe und stieg Stufe
für Stufe hinunter. Die Treppe knisterte leise unter ihrem Gewicht. Unten
fand sie einen kleinen Flur vor, eine Kochnische und auch ein geräumiges
Bad.
Die kalte Dusche ließ das Blut kräftiger durch die Adern
zirkulieren und ernüchterte sie. Lisa zog sich den Bademantel, der bei den
Handtüchern hing, über und öffnete die Tür weit, um die
frische Meeresluft hereinzulassen. Auf dem Balkon schlief Iordannis, sein
Gewehr hielt er wie ein Kuscheltier im Arm. Er blinzelte, rappelte sich auf und
grinste Lisa an.
"Warum schläfst du hier?" fragte sie.
"Ich habe auf dich aufgepaßt", sagte er mit belegter Stimme.
"Man kann ja nie wissen."
Durchs Fernglas entdeckte Lisa auf einem nahen Hügel Michalis mit seiner
Herde. Er winkte wie in alten Zeiten. Vangelis saß wie gewohnt auf der
Terrasse des Adonis und trank Kaffee. Plötzlich hob er die Hand zum Gruß.
Kein Zweifel, er grüßte nach oben zu ihr - eine Geste, die sie verwunderte
und berührte. Das hatte er noch nie getan. Verwirrt blickte sie zu Iordannis,
dann wieder hinüber zum Adonis. Zaghaft winkte sie zurück. Wassilis
Worte kamen ihr wieder in den Sinn: "Jetzt gehörst du zum Dorf."
Das war es doch, was sie sich ein halbes Jahr lang innig gewünscht, jedoch
nie erreicht hatte. Was erwarteten die Dorfbewohner jetzt von ihr?
Im Souterrain des Hauses saßen Frohner und der Notar an zwei
aneinandergestellten Tischen, gedeckt mit weißen Laken, eine brennende
Kerze darauf.
Bei allen hatte die letzte Nacht ihre Spuren hinterlassen. Der Notar
räusperte sich, wollte sprechen, doch seine Stimme war noch brüchig.
Er räusperte sich erneut. Frohner meinte, den offiziellen Teil könne
man getrost weglassen.
Der Notar entnahm seiner Aktentasche eine Mappe. Er sagte, daß in
seiner Kanzlei, in der Züricher Dependance, das Testament von Pierre
Lombard hinterlegt worden sei. Er nannte Urkundenrollennummer, Daten und
verlangte Lisas Ausweis.
Dann las er vor, was Willi in seinem Testament geschrieben hatte. "Im
vollen Besitz meiner geistigen Kräfte verfüge ich hiermit, daß
im Falle meines Todes all mein Vermögen ausnahmslos in den Besitz von Lisa
Meerbusch überzugehen hat."
Dann folgten Angaben über die einzelnen Posten des Vermögens. In
einer deutsch-griechischen Hotelgesellschaft hielt Willi alias Pierre Lombard
mit fünfundfünfzig Millionen DM fünfundsiebzig Prozent der
Anteile. Die Gesellschaft betrieb vier Hotels in Griechenland, darunter die
Feriensiedlung Atlantis 21 und eine projektierte Hotelanlage auf der Insel
Gavdos mit vierhundert Betten.
Weiter besaß Willi acht Hotels in Thüringen mit einem Wert von
einhundertzwei Millionen DM. Einhundertfünfzig Millionen
repräsentierte eine Aktiengesellschaft, die eigens dafür
gegründet worden war, um den Ausbau dieser Hotels zu finanzieren.
Für dreihundertzehn Millionen DM gab es Aktien, entsprechend der
beigefügten Aufstellung. Der Notar verzichtete auf das Verlesen der
einzelnen Papiere, zeigte nur kurz die mehrseitige Liste.
In verschiedenen europäischen Ländern gehörten Willi acht
Eigentumswohnungen im Gesamtwert von dreieinhalb Millionen DM. In München,
Frankfurt am Main, Hamburg und Zürich hatte Willi insgesamt sieben
Miethäuser gekauft, die gegenwärtig einen Wert von vierundzwanzig
Millionen D-Mark hatten.
Außerdem war er Mehrheitsaktionär einer spanischen Firma, die
Hochspannungsisolatoren herstellte, Wert: siebzig Millionen DM.
Schließlich verfügte Willi über Privatkonten in der Schweiz
und in Deutschland, die einen Saldo von insgesamt elf Komma drei Millionen DM
auswiesen.
"Herzlichen Glückwunsch, Frau Meerbusch", sagte der Notar.
"Sie sind Erbin von insgesamt siebenhundertfünfundzwanzig Komma acht
Millionen Mark. Wenn Sie hier bitte unterschreiben möchten?"
Lisa mußte jede Liste und jede Aufstellung abzeichnen. Ihr schwirrte
der Kopf. Sie wußte, wieviel hunderttausend Mark waren. Soviel Geld hatte
sie schon einmal in der Hand gehabt. Aber dieses Millionenvermögen, das
sie jetzt erben sollte, das konnte sie sich nicht vorstellen. Das war ein
Schock. Wie ein Automat unterschrieb sie die Papiere. Sie konnte sich nicht
erklären, warum Menschen Geld anhäuften, das sie ihr Leben lang nicht
verbrauchen konnten. Ihr kam gar nicht in den Sinn, daß viel Geld zu
haben auch Macht und Einfluß bedeutete.
Der Notar verabschiedete sich mit den Worten: "Ihr Vater war ein
Gentleman. Wir haben ihn als Geschäftsmann achten gelernt. Sein
ostdeutscher Witz hat unsere Phantasie beflügelt. Wir haben oft zusammen
gelacht." Etwas verlegen hielt er inne, als wollte er noch etwas
hinzufügen, doch dann verabschiedete er sich schnell. "Unsere Kanzlei
ist stets zu Ihren Diensten, Madame Meerbusch." Er küßte ihre
Hand, verließ als erster die Bar und ging zum Hotelbus.
Madame hatte nur Willi zu ihr gesagt, und das war lange her, verdammt lange
her.
Draußen rief er nach Nicola. "Nicola, ella!" Nicola
ließ seinen Kaffee stehen und hielt dem Notar die Beifahrertür auf.
Er reichte ihm zwei Ziegenkäse in einer Tüte. Sophia kam von ihrem
Garten und schenkte ihm Zitronen und Salat. Als Nicola die Tür
schließen wollte, sah er Wassili die Strandpromenade heraufkommen.
Über der Schulter hingen zwei Hummer. Hinter ihm ging Iordannis mit einem
Korb voller feuchter Algen. Nicola verstaute alles unter den Sitzen.
Christoph brachte Kaffee.
"Was wollte mein Vater mit soviel Geld?" fragte Lisa.
Frohner preßte die Lippen aufeinander, dachte nach. Nach einigen
Sekunden antwortete er: "Für manche ist es Sport. Prestige für
andere. Wieder andere sind psychisch krank und brauchen das Geld als
persönliche Bestätigung. Es gibt auch Leute, die spielen mit Geld,
und es gibt welche, die damit handeln. Ich glaube, Willi war halb Spieler, halb
Händler. George Bernhard Shaw schrieb einmal: 'Geld ist nicht alles, aber
viel Geld ist schon etwas.' Verstehen Sie, was ich meine?"
"Händler wurde er durch Sie, nicht wahr?" fragte Lisa.
"Ich habe ihm beigebracht, wie man mit Geld handelt."
"Weil Sie daran verdient haben."
"Wie ich Ihnen schon in Kairo sagte, war das Teil unserer Abmachung.
Der Handel mit Geld bestimmte unsere geschäftliche Beziehung."
"Warum hat Willi ein Drittel seines Vermögens in den neuen
Bundesländern investiert?" fragte sie.
"Ich habe ihm dazu geraten", gab Frohner Auskunft. "Willi
hatte mit dem Gedanken gespielt, in seiner Heimat etwas aufzubauen. In
Deutschland herrschte eine Zeit des Aufbruchs, nennen wir sie ruhig
Gründerjahre. Ganz Europa investiert ja dort seit der Wende. Und mit dem
Ankauf der Hotels hat Willi sich wohl einen Jugendtraum erfüllt. Er stammt
doch aus Thüringen, oder?"
Lisa bejahte. "Er hat einen Teil seiner Kindheit dort verbracht. Was
passiert jetzt mit den Hotels?"
Frohner spreizte die Finger. "Das ist Ihre Entscheidung, Lisa. Die
Hotels gehören jetzt Ihnen."
"Ich weiß", sagte Lisa, ihr fiel Matthias Vogt ein, ihr
erster Westchef, der Konzeptionen für die gerechtere Verteilung des
Volksvermögens entwickelt hatte.
"Lisa", sagte Frohner, und in seiner Stimme lag plötzlich ein
väterlicher Ton, "ich weiß, was Sie in den letzten Tagen
durchgemacht haben. Sehen Sie, mit Willi habe auch ich einen Freund verloren,
und ich kannte ihn länger als Sie ..." Er schwieg.
Lisa lachte bitter. "Wollen wir uns jetzt streiten, wer das
größere Anrecht auf meinen Vater hat?"
"So habe ich das nicht gemeint", Frohner blieb ernst.
"Ich brauche für die Hotels ein Konzept", sagte sie
entschlossen. "Meine Hotels in Thüringen müßten zu einer
Kette zusammengefaßt werden: Atlantis mit Namen. Die Beschäftigten
in den Hotels können mit der Zeit Anteile erwerben."
"Wie viele?" fragte Frohner.
"Bis zu neunundvierzig Prozent, maximal", sagte sie und schrieb
eine Adresse auf einen Zettel. "In Neu-Isenburg gibt es einen Mann, der
Matthias Vogt heißt. Wahrscheinlich ist er zur Zeit in Leipzig, macht
dort Unternehmensberatung. Ich kenne diesen Vogt ganz gut und will, daß
er die Rahmenbedingungen untersucht. Das Konzept soll von Anfang an
profitorientiert sein, muß also Strategien enthalten für
Gastlichkeit, Gemütlichkeit, Bequemlichkeit."
Frohner zog die Brauen hoch. "Das ist Ihre erste
Geschäftsentscheidung", sagte er. "Dank Ihres Vaters brauchen
wir nicht bei Null anzufangen."
Er trank aus. Dann winkte er Christoph, der hinter der Bar mehrere Akten
hervorholte. Frohner reichte sie an Lisa weiter. "Das sind die Dossiers,
die ich auf Ihren Wunsch hin von den Leuten auf der Beerdigung habe anfertigen
lassen. Seien Sie vorsichtig, Lisa. Und vergessen Sie nicht: Sie sind ab jetzt
Geschäftsfrau."
Wortlos nahm Lisa die Dokumente an sich und verließ die Bar. Diese Dossiers
bedeuten ihr mehr als das ganze Erbe. Im Zimmer begann sie zu lesen. Jedes Dossier
enthielt die Fotos, die bei der Beerdigung in Biesenthal aufgenommen worden
waren. Nachdenklich betrachtete Lisa die Bilder, versuchte, sich die Gesichter
einzuprägen.
Eva Schmiedinger wohnte zur Zeit in Potsdam, Lerchenweg eins. Sie war im
Antiquitätengeschäft tätig, taxierte für Auktionen
Möbel, Bilder, Porzellan, Tafelsilber und dergleichen. Anfang der
achtziger Jahre hatte sie im Fernstudium ihren Abschluß in
Kunstgeschichte gemacht. Das befähigte sie seinerzeit, konfiszierte
Antiquitäten zu taxieren und in Mühlenbeck bei Berlin westdeutschen
Antiquitätenhändlern gegen harte Valuta anzubieten. Eva Schmiedinger
pflegte zu diesen Geschäftspartnern nach wie vor Kontakte und erhielt von
ihnen regelmäßig Aufträge, Auktionen vorzubereiten.
Lisa ließ das Dossier sinken. Warum durfte die Schmiedinger
weiterleben, als wäre nichts passiert? Die Potsdamer Villa, die Lisa aus
den Akten kannte, bewohnte die Schmiedinger allein wie eine Fürstin. Lisa
wünschte ihr den Tod. Genauso wie Willi sollte sie sterben, unerwartet und
qualvoll. Lisa könnte den Bremsschlauch ihres Autos durchschneiden. Die
Vorstellung, wie Schmiedingers Auto gegen einen Baum fuhr, erfüllte Lisa
mit Genugtuung.
Sie setzte sich in den Korbsessel und las im Dossier über
Schröder.
Karl-Heinz Schröder war in Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen.
Im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit hatte er in der alten
Bundesrepublik mit elektronischen Erzeugnissen, später mit Computern
gehandelt. Vom amerikanischen Geheimdienst entlarvt und danach von der
bundesdeutschen Staatsanwaltschaft wegen Verletzung der Embargobestimmungen in
bezug auf den Handel mit dem Ostblock angeklagt, floh er kurz vor seiner
Verhaftung in die DDR. Von Ostberlin aus organisierte er weitere Geschäfte
mit Hard- und Software. Er verfügte im Handelszentrum in der
Friedrichstraße über ein eigenes Büro und kassierte im Laufe
der Jahre Provisionen in Millionenhöhe. Zum Zeitpunkt der Vereinigung war
das, was ihm in der Bundesrepublik vorgeworfen worden war, verjährt. Eine
Steuerschuld aus seinen früheren Geschäften von einer Million DM
zahlte er vereinbarungsgemäß in Raten ab. Zur Zeit lebte er in
Chemnitz.
Lisa betrachtete das Foto von Schröder, das Frohners Leute auf Willis
Beerdigung gemacht hatten. Das graue Haar hatte er an der linken Schläfe
lang wachsen lassen, damit er das kahle Rund auf dem Kopf unter der sorgfältig
gekämmten Strähne verbergen konnte. Es sollte der Eindruck eines vollen
Schopfes erweckt werden. Das, was die Natur dem Haupt verwehrte, sproß
um so verschwenderischer zwischen Nase und Kinn. Schröder trug einen akkurat
geschnittenen Vollbart.
Auch Schröder mußte sterben. Lisa richtete eine imaginäre
Pistole auf das Foto und drückte ab. Vor ihm wollte sie stehen, er sollte
sehen, wer ihn umbrachte. Lachen würde sie dabei und Willis Namen nennen.
Genießen würde sie, wie er zusammenbrach.
Lisa blätterte weiter im Dossier.
Peter Schmidt lebte jetzt offenbar beschäftigungslos in der Nähe
von Schwerin. Er war nach neunzehnhundertneunzig im Baugeschäft tätig
und hatte sich mit seiner Firma an mehreren Projekten in den neuen Bundesländern
beteiligt. Seine Firma konnte günstigere Konditionen bieten als andere,
da er polnische Arbeiter weit unter Tarif beschäftigte, zum Teil auch schwarz.
Doch mit dem Auftrag, für die aus Ostdeutschland zurückkehrenden russischen
Soldaten Wohnungen in ihrer Heimat zu errichten, hatte er sich wegen mangelnden
Kapitals übernommen. Banken verweigerten ihm Kredite, weil keine Bürgschaft
der Bundesregierung vorlag. Schmidts Firma mußte Konkurs anmelden. Seitdem
vertrieb er Werbetafeln, die auf Bahnhöfen aufgestellt wurden. Mit Knebelverträgen
hatte er seinen Kunden Zehnjahresverträge aufgezwungen.
Lisa lachte, am liebsten wäre sie sofort nach Schwerin gefahren, um ihn
zu besuchen, ein Stück Draht von seiner Baustelle in der Tasche. Sie
würde die Techniken der Selbstverteidigung zum Angriff nutzen: Tritt in
die Hoden, Genickschlag, Tritt gegen die Knie, und wenn er sich vor Schmerzen
auf dem Boden krümmte, wie Willi sich gekrümmt haben mußte,
dann würde Lisa den Kniefall anwenden, sich mit den Knien auf seine Nieren
fallen lassen. Und dann würde sie ihn mit dem Draht erwürgen.
Lisa erschrak bei dem Gedanken, mit ihren eigenen Händen einen Menschen
umbringen zu wollen. Aber sie durfte keine Skrupel zulassen. Sie hatte ihrem
Vater Rache geschworen.
Sie nahm das Dossier und las weiter.
Siegfried Kretschmar hielt sich ohne festen Wohnsitz im Raum Thüringen
auf. Er frequentierte vier verschiedene Hotels. Firmen aus den alten
Bundesländern hatten eine Methode entwickelt, Klärschlamm zu
Spezialdünger zu verarbeiten, den Kretschmar lastwagenweise in
Thüringen und in Mecklenburg-Vorpommern vertrieb.
Kretschmar gehörte zur Truppe, zu Willis Mördern. Das war Grund
genug für Lisa, sich auch für ihn einen Tod auszudenken. Von einem
Berg sollte er stürzen oder aus einem oberen Hochhausfenster. Lisa
würde seinen Sturz genießen und seinen Namen auf ihrer Liste
abhaken.
Die Nachforschungen über Kronbecher waren so gut wie erfolglos
geblieben.
Manfred Kronbecher wohnte in Berlin-Hohenschönhausen. Er war
pensioniert. Bis Ende neunundachtzig arbeitete er bei der Bezirksleitung der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Berlin in der Abteilung Finanzen.
Sein Aufgabengebiet im MfS konnte nicht ermittelt werden. Sie wollte Christoph
einen Zusatzauftrag geben, um noch mehr über diesen Kronbecher zu
erfahren.
Kronbecher war zwar auf der Beerdigung gewesen, Lisa hatte ihn auch auf
Herberts Grundstück bei Biesenthal gesehen, aber mit Willis Jacht hatte er
offenbar nichts zu tun.
Lisa vermißte das Dossier von Dieter Hugosch. Aber der war ja auch
nicht auf Willis Beerdigung.
Hugosch sollte seine Freiheit, wenn er aus dem griechischen Gefängnis
entlassen werden würde, nicht genießen können. Lisa würde
ihn ausfindig machen. Sie würde ihn anbaggern. Dieser fette geile Bock
würde ihren Reizen nicht widerstehen können, selbst wenn er auf dicke
Weiber stünde. Sie würde mit ihm essen gehen und danach in ein
Hotelzimmer. Dort würde sie sich langsam ausziehen. Er dürfte keinen
Verdacht schöpfen, sie würde ihm etwas in den Champagner
tröpfeln, das ihn vergiftete. Würdelos sollte er sterben, halb
ausgezogen. Aber wenn das Gift zu langsam wirkte? Wenn sie nun mit ihm schlafen
müßte, weil Hugosch zu fett war und das Gift nicht rechtzeitig
anschlug?
Lisa wußte, daß sie die fünf Leute nicht umbringen konnte.
Aber die hatten ihren Vater auf dem Gewissen und liefen noch immer frei herum.
Sie wollte das nicht länger tatenlos hinnehmen. Frohner hatte sie gewarnt.
Sie sollte sich aus allem heraushalten. Was aber, wenn niemand etwas gegen die
Mörder unternahm? Sie würde nicht ruhig weiterleben können. Lisa
fühlte sich von ihnen bedroht, gerade jetzt, da sie die Alleinerbin von
Willis Vermögen war. Irgendwann würden seine Mörder
dahinterkommen, denn die hatten es doch auf Willis Geld abgesehen. Sonst
würde er ja noch leben. Sie mußte etwas tun. Die Angst vor
Verfolgern mußte ein Ende haben.
Lisa packte den Computer aus und schloß ihn an das Funktelefon an. Doch
sooft sie die gespeicherten Bilder der Akten durchgesehen hatte, Beweise für
den Mord an Willi Meerbusch hatte sie nicht gefunden. Die letzten Aufzeichnungen
in den Akten stammten vom Dezember neunzehnhundertneunzig.
Warum hatte ihr Vater die Akten aufgehoben? Waren sie für ihn eine Art
Lebensversicherung? Vielleicht wollte er den fünf Leuten drohen, falls ihm
etwas zustieße, daß die Akten dann öffentlich gemacht
würden? Oder wollte er, daß Lisa die Akten der Polizei übergab?
Oder der Mafia? Sie stellte sich Schmiedingers Kreischen vor, wenn die eines
Morgens neben einem blutigen Pferdekopf im Bett aufwachte. Vielleicht hatte
Willi nur den Plan, ihnen von der Existenz der Akten zu erzählen, wie
beiläufig, aber er war nicht mehr dazu gekommen. Dann wüßten
seine Mörder nichts von den Akten und wiegten sich in Sicherheit?
Lisa stieß im Computer wieder auf die Entführung und Ermordung
Dr. Helmut Sauers. An diesem Verbrechen waren alle beteiligt gewesen.
Lisa Meerbusch kam eine Idee: Den Mord an Willi konnte sie nicht beweisen,
aber sie konnte diesen Verbrechern insgesamt elf Entführungen und drei
Morde anhand der Originalakten, die in Alexandras Keller lagerten, nachweisen.
Willis Mörder nur umzubringen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,
erschien ihr als Strafe zu gering. Lisa wollte diese Leute hinter Gitter
bringen. Die Akten waren belastend genug, um sie für den Rest ihres Lebens
aus dem Verkehr zu ziehen. Lisa würde ihren Vater rächen. Sie wollte
Willis Mörder anzeigen - wegen Menschenraub und Mord.
Aber sie selbst wollte dabei nicht in Erscheinung treten. Sie mußte
eine anonyme Anzeige aufgeben.
In einem Kaufhaus werde ich mir Lederhandschuhe kaufen, plante sie, um keine
Fingerabdrücke zu hinterlassen. Aber ich habe die Dokumente schon
angefaßt, und Alexandra auch. Vielleicht könnte ich die Seiten
irgendwie einschweißen oder mit Folie überziehen. Nein, dann
konserviere ich ja die Fingerabdrücke. Oder sollte ich die Papiere dick
mit Haarlack einsprühen? Vielleicht reicht es, wenn ich sie gründlich
mit einem Fensterleder abwische? Oder einfach kopiere? Ich brauche
Briefumschläge und selbstklebende Buchstaben für die Adresse. Die
Briefmarken werde ich aus einem Automaten ziehen. Nur nicht selber die Marken
anlecken! Am besten einen Schwamm in irgendeinen Fluß tauchen und daran
die Briefmarken befeuchten. Ich werde mein Wohnzimmer mit Folie auslegen und
darauf die Akten aus dem Postmietbehälter sortieren, damit kein Fussel auf
mich hinweisen kann. Wenn ich alle Akten in die Briefumschläge gepackt
habe, dann fahre ich irgendwohin, wo ich noch nie gewesen bin. Nach Prenzlau
zum Beispiel. Unterwegs werfe ich Handschuhe, Folie, Schwamm, die restlichen
Buchstaben und das Fensterleder in verschiedene Papierkörbe. Und die
Briefe in verschiedene Briefkästen. Die übrigen Akten verbrenne ich.
Spätestens zwei Tage später, am dritten September
neunzehnhunderteinundneunzig, wird bei der Generalstaatsanwaltschaft des Landes
Berlin eine anonyme Anzeige gegen die Personen Siegfried Kretschmar, Eva
Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder, Peter Schmidt und Dieter Hugosch
eintreffen.
Entschlossen legte sie das Dossier in die Teddytasche, verpackte Telefon und
Computer. Iordannis lief über den Balkon. Lisa lächelte und
schüttelte den Kopf. Dann zog sie ihre Kletterschuhe an und machte sich
auf den Weg zu ihrem Lieblingsplatz auf den minoischen Ruinenberg, zu ihrem
Ölbaum.
Vor dem Atlantis traf sie Frohner im Gespräch mit Vangelis, der sich
nochmals vergewisserte, daß die Hotelgesellschaft auch weiterhin vom Dorf
aus versorgt wurde. Lisa ließ die beiden Männer über das
Atlantis reden. In den nächsten fünf Tagen hatte sie noch
genügend Zeit, sich in das Management einzuarbeiten.
Vom Ölbaum aus schaute sie auf das Dorf. Wassili zerlegte Schwertfische
drüben am Steg. Er war umringt von Touristen, die das Schauspiel fotografierten.
Einige Katzen harrten in gebührendem Abstand aus, lechzend nach Abfällen.
Georgia saß in ihrem Garten, Christina war bei ihr, und Eleni scheuchte
die Hühner. Im ersten Stock, dort, wo Lisa noch vor Monaten allein gewohnt
hatte, saßen jungen Leute auf der großen Terrasse und sonnten sich.
Die Terrasse wurde jetzt in der Mitte durch ein Geländer geteilt. Lisa
lächelte bei dem Gedanken, daß Georgia so die doppelte Miete kassierte.
In den Restaurants herrschte Hochbetrieb. Dorothy bediente selber. So sparte
sie sich eine Bedienung. Pavlos' Schwester trat aus dem Kafeneon und schaute
zum Berg. Sie winkte zurück, als Lisa winkte. Lisa sah das Dorf, und das
Dorf sah sie.
"Können sich Menschen wirklich so ändern?" Lisa sprach
leise mit sich selbst. "Jetzt gehöre ich zum Dorf dazu. Na
schön. Aber das habe ich nicht mir zu verdanken. Willi, es ist allein dein
Verdienst! Wo bist du? Ich brauche dich!"
Einige Touristen, die vorbeiliefen, sahen sie erstaunt an.
"Liebeskummer", konstatierte eine Frau belustigt.
Ja, Liebeskummer, dachte Lisa. Ich habe dich geliebt, Willi.
"Und jetzt liebst du mich nicht mehr?" fragte die bekannte, vertraute,
geliebte Stimme von Willi. Sie war ganz nahe an ihrem Ohr. Der Duft seines Rasierwassers
umfing sie.
"Warum kommst du erst jetzt?" fragte Lisa.
"Du bist sehr gut ohne mich zurechtgekommen", lobte er.
"Ich habe überlebt", korrigierte sie, und in ihr stieg die
Wut hoch; Wut auf Willis Leichtsinn, die Postmietbehälter bei ihr
unterzustellen, Wut auf das Erbe, das sie nie beansprucht hätte, Wut,
daß er sie gezeugt und alleingelassen hatte, Wut, daß er das Risiko
eingegangen war, auch sie opfern zu müssen.
"Was hätte ich denn anderes tun sollen?" fragte er. "Du
warst die einzige, die mit dem Inhalt der Kisten fertig werden konnte."
"Ich mußte mich verleugnen deines Geldes wegen", brauste sie
auf. "Dein Geld ist wie ein Fluch. Dabei wollte ich nur ein ganz normales
Leben führen."
"Du möchtest also Montag früh aufstehen, warten auf den Bus,
der dich zur Arbeit fährt, warten auf die Mittagspause, warten auf den
Feierabend, warten auf das Wochenende, die Gehaltszahlung, den Urlaub, warten
auf Weihnachten und auf die Rente. Warten auf den Tod. Verstehst du das unter
einem normalen Leben?"
"Ich will mein eigenes Leben haben, nicht dein Leben
weiterführen."
"Jeder ist seines Glückes Schmied!"
"Als Kind habe ich mich gefragt, warum du immer nur so kurz zu uns gekommen
bist. Hätte ich mich nur getraut, laut zu fragen! Du kamst, wann du wolltest,
und du bist gegangen, wann du wolltest. Kaum warst du da, mischte sich in meine
Freude die Angst, daß du gleich wieder gehen würdest. Wenn ich abends
ins Bett mußte, wußte ich, daß du morgens nicht mehr dasein
würdest. Das Wort Vati lag mir auf den Lippen und erstarb. Ich war zu gut
erzogen, um zu fragen, warum. Es war eben so. Ich habe auch nie gefragt, warum
die Zeit vergeht. Sie vergeht eben."
Sie lehnte sich an den Stamm des Ölbaumes und sog die Salzluft ein. Auf
der Terrasse des Adonis saßen Vangelis, Wassili und Christoph. Sie
tranken Kaffee und sahen auf das Meer.
"Zu Ernst wollte ich nie aufschauen", sagte sie. "Du warst
das Vorbild für mich. Wie du wollte ich werden, wenn ich groß bin.
Warum, das kann ich heute nicht mehr sagen, nachdem ich alles von dir
weiß. Du hast mich geschickt getäuscht. Aber Täuschung war ja
dein Beruf."
"Du hast mich für unfehlbar gehalten, das schmeichelte mir, und ich
versuchte dieses Bild in dir zu bewahren. Du, Lisa, warst einer der wenigen
Menschen, die mich geliebt haben, die mich in meinem Tun bestätigt, manchmal
sogar gelobt haben. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn mein Vater
für mich dagewesen wäre. Dann hätte ich Kronbecher nicht gebraucht
und Sauer auch nicht, Frohner hätte ich nie kennengelernt. Nun hast du
einen ganz anderen Vater kennengelernt, einen mit Schwächen und Fehlern."
"Du warst zu feige, Willi, sonst hätte ich einen tollen Vater
gehabt. Das werfe ich dir vor. Du warst zu feige, dich öffentlich zu Elke
zu bekennen. Du warst zu feige, ehrlich vor dir selbst zu sein. Wie konntest du
morgens in den Spiegel blicken?"
"Der Mensch lebt mit seinen Kompromissen."
"Aber nicht mit Verrat an sich und der Gesellschaft", sagte sie.
"Menschen wie du haben uns die Chance für einen Neuanfang verbaut.
Jede Diskussion über uns kann mit dem Stasivorwurf abgewürgt werden!
Die Stasi funktioniert immer noch!"
"Ich war Kommunist. Das war früher fortschrittlich, heute ist das
anscheinend ein Verbrechen. Was ist morgen? Ich brauchte einen inneren Halt.
Welcher Glauben ist der richtige?"
"Gab es denn für dich keine anderen Maßstäbe? Frohner
war doch dein Lehrer, sagst du. Warum hast du dich in deinem Glauben nicht an
ihn gehalten?"
"In Zinnowitz hast du dich mit Zwölf nicht ins Wasser getraut, wenn
Quallen drin waren", sagte Willi. "Ich mußte sie für dich
wegschieben."
"Aber du hast mich glauben gemacht, daß nur wenige Quallen im
Wasser seien, und daß Quallen Angst vor Menschen haben", sagte Lisa.
Sein Gesicht stand vor ihr: Die zusammengekniffenen blauen Augen,
verschmitzt, klar, selten ruhig auf einen Punkt gerichtet, kleine gelbe
Sprenkel in der Iris, darüber die buschigen Brauen, spärlich und kurz
die Wimpern, die Stirn nackt, das schüttere Haar von der undefinierbaren
Farbe eines Straßenköterfells, das schnurgerade Nasenbein, am Ende
die Nasenflügel, die schmalen Lippen, die beim Lachen noch schmaler wurden
oder sich stülpten, wenn er sie mit den Worten tröstete "Madame,
ich regle das", die warmen Lippen, die ihre Stirn berührten oder ihr
etwas ins Ohr flüsterten oder Geschichten erzählten oder verschlossen
blieben, wenn er zuhörte, die großen Ohren am runden Kopf mit ihren
zerklüfteten Knorpelfalten und kurzen Ohrläppchen, das unrasierte
Kinn, das er zärtlich an ihren Wangen rieb.
"Du bist nicht mehr da", sagte Lisa zu ihm. "Gerade das hat
mich erwachsen gemacht. Deine Erziehungsarbeit hast du mit deinem Tod
nachgeholt, sozusagen im Crashkurs."
"Der Zufall meiner Geburt hat mich hierhergestellt", sagte er.
"Soll das eine Verteidigung werden?" fragte sie. "Ein
Plädoyer für den Verrat? Willst du dich deiner Schuld entledigen?
Ertrinkst du jetzt in Selbstmitleid?"
"Ich war ersetzbar, Madame. Aber ich wollte nicht enden wie
Sauer."
"Sie sind auf dich zugekommen, und du hattest nichts Eiligeres zu tun,
als zu unterschreiben."
"Ich bin freiwillig zu ihnen gegangen, weil ich das Ausmerzen
feindlicher Kräfte richtig fand. Ich wollte die junge sozialistische
Republik vor dem Ausbluten retten. Deshalb begrüßte ich auch den
Mauerbau."
"Von der Mauer hast du ja nur profitiert", sagte sie.
"Tausende haben das getan", hielt er dagegen. "Reisekader gab
es wie Sand am Meer, Künstler, Schauspieler, Regisseure und andere
Kulturschaffende, Kombinatsdirektoren, Delegationen aus allen Bereichen, sie
alle haben den Westen geschmeckt."
"Du warst Kommunist, hast dich aber im Westen wohler
gefühlt."
"So wie du den Blick nicht von diesem Dorf lassen kannst, in der Hoffnung,
noch mehr zu entdecken, habe ich für mich Ausschau gehalten, ob ich nicht
auch mehr bekommen könnte. Ich wußte, daß ich nicht ewig so
weiterleben konnte - in dieser Zerrissenheit zwischen Luxus und Mangel, zwischen
Marktwirtschaft und Planwirtschaft, zwischen Loyalität und Betrug, zwischen
Freiheit und Stacheldraht, zwischen Abenteuer und Langeweile, zwischen Geborgenheit
und Tod, zwischen den Welten. Aber so lange es ging, wollte ich das genießen.
Noch einen Tag und noch einen. Der Reisepaß bedeutete Leben für mich.
Ich wurde an der Leine gehalten, wenn auch an einer langen. Aber es gab immer
die Nabelschnur zur Zentrale. Und die Nabelschnur wart auch ihr, meine Familie.
Sie hatten Protokolle über dich, sie haben meine Mutter verhaftet. Verstehst
du, sie haben mich an meiner Achillesferse getroffen. Als ich das endlich geschnallt
hatte, war ich schon fest in ihrer Hand. Und wenn sie es gewollt hätten,
wäre ich auch austauschbar gewesen."
"Ernst hat sich nicht für Lucie oder mich eingesetzt", sagte
Lisa. "Das stimmt, aber ich verstehe nicht, wie du dich für unsere
Familie aufgeopfert hast und gleichzeitig an der Konzeption für die
Internierungslager für Oppositionelle mitarbeiten konntest. Hast du diese
Konzeption nie zu Ende gedacht? Wie weit wart ihr gedanklich entfernt von
Massengräbern? Dafür verachte ich dich. Ich schäme mich dessen,
was ihr seit Jahrzehnten geplant hattet. Wie hätte die Operation
geheißen? Politische Säuberung? Der Tag X?"
"Die Lager wurden nie genutzt", sagte er.
"Das war nur eine Frage der Zeit."
"Und der Kapazität."
"Ich habe dich geliebt, Willi. Aber ich fürchte mich vor dieser
Liebe. Du bist ein Monster."
"Und du?" fuhr er auf. "Die Diktatur war nur möglich
durch Menschen wie dich!"
"Ich habe niemanden umgebracht!" schrie sie.
Zynisch war sein Lachen und laut.
"Wirf den ersten Stein", schrie er sie an. "Wirf ihn, wenn du
ohne Schuld bist! Du kannst nicht werfen."
"Ich bin nicht so schuldig wie du", wehrte sie sich.
"Du hörst selbst, wie lächerlich das klingt. Wir haben beide
gehorcht; ich meinen Befehlen, du deinen Lehrern und Eltern."
"Ich habe niemanden getötet", beharrte sie. "Mord kann
ich nicht verzeihen."
"Du bist meine Tochter", sagte Willi.
"Ich durfte es nie sein", widersprach sie. "Und trotzdem
muß ich mich mit deiner beschissenen Vergangenheit auseinandersetzen. Was
kann ich dafür? Ich bin ein Ausrutscher von dir und Elke, ein Regiefehler
..."
"Elke hat dich das niemals spüren lassen."
"Das stimmt. Aber warum habt ihr mich belogen?"
Willi lachte. "Jetzt führe dich nicht wie ein kleines Kind auf,
Madame. Willst du mich posthum an die Wand stellen?"
"So wie ihr Sauer umgebracht habt. Und Sauer war nicht der
einzige."
"Willst du alle Spitzel aus dem Verkehr ziehen? Das kannst du nicht,
Lisa."
"Ich weiß. Ich muß mit dem Wissen um dich weiterleben, denn
du bist mein Vater. Ich muß mit allen weiterleben, denn ich begegne ihnen
überall. Im Zug, im Flugzeug, im Supermarkt. Aber es ist nicht gerecht,
daß diese Menschen unbescholten davongekommen sind und womöglich
in Positionen sitzen, wo sie wieder über anderer Menschen Schicksal entscheiden
können. Diese Positionen muß man ihnen nehmen."
"Eine neue Chance?"
"Vielleicht muß man ihnen eine neue Chance zubilligen. Aber das
geht nur, wenn die Gesellschaft ihre wirkliche Schuld kennt. Verzeihen ja, aber
nicht vergessen."
"Das wäre eine große menschliche Geste", sagte Willi.
"Was soll ich denn mit deinem Vermögen machen? Ich habe es nie
gewollt."
"Du hast unterschrieben, jede Liste einzeln. Für diese
Unterschriften bist du verantwortlich."
"Was hätte ich denn tun sollen?"
"Genau dasselbe, was du mir vorwirfst, nicht getan zu haben:
ablehnen."
Lisa schwieg betreten.
Ihr Blick verfolgte die Linie des Horizonts, die
Unregelmäßigkeiten aufwies. Gavdos schien über dem Wasser zu
schweben. Ganz deutlich war eine helle Linie zwischen der Insel und dem Meer zu
erkennen. Die Insel schien auch viel näher zu sein als sonst. Sie erkannte
helle Sandstrände. Neben der Insel schwebte ein Turm, der wie ein Minarett
aussah. War das eine Fata Morgana?
Langsam schritt Lisa die Stufen hinunter, ohne den Blick von der Luftspiegelung
zu lassen. Sie erinnerte sich, wie Willi in Mirtos, seinem Lieblingsdorf Nummer
eins, am Strand umhergelaufen war, mit ausgestreckten Armen und gespreizten
Fingern den Horizont zu fassen versuchte und dabei wie ein Irrer geschrien hatte:
"Im Frühjahr kannst du jede Menge Fata Morganen erleben! Stell dir
mal vor, wie sich Tripolis wie auf einer Kinoleinwand an den Himmel zeichnet!
Du siehst die Straßen, die Moscheen, du siehst eine ganze Stadt, die dreihundert
Kilometer weit weg ist, wie sie lebt und brodelt!"
Sie glaubte ihm nicht. Um eine Kiste Champagner haben sie gewettet. "Du
bekommst zwei Kisten", versprach Lisa, "wenn ich die Headline des
Wüstenkuriers von Tripolis lesen kann."
Sie hatte keine Gelegenheit mehr, die Wette einzulösen.
Langsam stieg sie vom Berg. Die Luftspiegelung veränderte sich. Das Minarett
entpuppte sich als ein Schiff, das mit dem Bug in ihre Richtung gezeigt hatte.
Die Insel Gavdos senkte sich auf die Meeresoberfläche herab.
ENDE