Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

17. KAPITEL

Lisa trifft Ernst vor der Nummer neun
303 Tage deutscher Einheit

Lisa brachte zuerst die Schale mit den Gigantes, den griechischen dicken Bohnen in Tomatensoße von der Küche zum Grillplatz hinter der Nummer neun, dann den Topf mit den in der Röhre gebratenen Lammstücken, Backkartoffeln und grünen Bohnen. Die Schüsseln hatte sie wegen der Fliegen mit Tellern zugedeckt. Sie schnitt das knusprige Weißbrot auf. Döskopp war am Morgen extra des frischen Brotes wegen bis nach Eberswalde zu seinem Bäcker gefahren.
Auf der Wiese hinter dem Blumengarten und den Spargelreihen grub sich die Schaufel eines Baggers ins trockene Erdreich. Staub und Auspuffgase umwölkten das lärmende Fahrzeug.
Opa Herbert kam aus den Gemüsegärten mit einer Stiege grüngelber Tomaten wieder, die nur von einem Hauch Rot überzogen waren. Eine tiefrote Tomate überreichte er Lisa mit großväterlichem Stolz. Vorsichtig putzte Lisa den Sand von der sonnenwarmen Frucht, biß in das feste Fleisch hinein, schlurfte das Innere und genoß den würzigen Geschmack.
Suse lief Herbert zwischen die Beine. Sie biß sich an der Hose fest und zog knurrend daran, kläffte und sprang an ihm hoch. "Ist ja gut, Suse", beruhigte Herbert den jungen Hund.
Lisa holte den griechischen Bauernsalat aus dem Kühlschrank. Herbert schüttelte mißmutig den Kopf. "Dann bin ich ja bei den feinen Sachen schon satt", sagte er. Von jeher lehnte er Vorspeisen aller Art grundsätzlich ab. "Bei uns gab es immer nur ein Essen und sonntags Kompott."
"Salat gehört zu griechischem Essen", beharrte Lisa.
Herbert trat kräftig gegen die Stufen, damit die Erde von den Gummistiefeln platzte. Dann lief er ins Haus, um sein Gewehr zu holen. Als er die Töpfe und Schüsseln in der Küche erblickte, rief er nach draußen: "Wie viele Leute hast du denn eingeladen, Kindchen?"
"Luxus ist nur für die Augen", belehrte ihn Lisa. "Keiner soll denken, es sei nicht genug da."
"Aber es ist doch schade drum", opponierte Herbert.
Breitbeinig, die Hände vor der Brust verschränkt, beobachtete er, wie der Bagger die Wiese vor dem Grundstück aufwühlte, dort, wo noch vor einiger Zeit die Bürocontainer gestanden hatten.
Die Grube, die der Bagger aushob, wurde schnell tiefer, der Berg aus Erde daneben wuchs. Auf dem Acker vor der Datsche reihte sich schon Baugrube an Baugrube; die ersten Fundamente für mehrstöckige Wohnhäuser mit Geschäften im Erdgeschoß waren bereits fertig. Auf der anderen Seite der einstigen Apfelbaumallee stand der riesige Kasten eines dreigeschossigen Möbelhauses, dem gegenüber ein Gartencenter. Beides sollte am nächsten Wochenende eingeweiht werden. Dazwischen war ein Rosenrondell mit einem Springbrunnen in der Mitte angelegt worden. Von einem Laster wurden kleine Bäume abgeladen, die entlang des Weges vom Rondell zu den Wohnhäusern gepflanzt werden sollten. Ein- und Mehrfamilienhäuser erstreckten sich bis zum Wald.
Lisa fragte nach Max. "Will gleich nachschauen", nuschelte Herbert, "wo sich der Döskopp wieder rumtreibt." Er strich über sein Gewehr. Dabei sagte er: "Die buddeln da draußen wie die Weltmeister. Aber sie schaffen es nicht, ein Telefon zu uns zu legen. Um uns zwei alte Olle kümmert sich niemand mehr. Die ganze Landschaft verschandeln sie, und dabei sinkt das Grundwasser zu weit ab. Nee, es ist nicht mehr schön hier."
Ein Laster fuhr über die Wiese auf den Bagger zu. Beim Wenden kam er dem Stacheldrahtzaun des Grundstücks bedrohlich nahe. Herbert ergriff sein Gewehr und hob die geballte Faust. Er stapfte nach vorn zum Zaun, von wo aus sogleich Herberts Geschimpfe und Hundegekläff zu vernehmen war. Döskopp war bei seiner Wachschicht im Ausguck wieder einmal eingeschlafen; schimpfend kletterte er von oben herunter. Sein Gesicht hellte sich sofort auf, als er den gedeckten Tisch sah.
Wenn Lisa kochte, gab es auch einen guten Schluck zu trinken, das wußte er.
"Deinen Mann beneide ich jetzt schon. So eine Frau habe ich mir immer gewünscht."
"Alles normal da draußen?" fragte Lisa.
Döskopp winkte ab und brubbelte: "Was heißt schon normal? Vorhin ist wieder so ein Westheini mit einem fetten Auto vorbeigefahren. Hat sich nach dem Weg zum See erkundigt. Die suchen immer neue Vorwände, damit sie sich hier umsehen können. Als der Westheini mein Gewehr gesehen hat, ist er schleunigst abgehauen!"
Lisa fühlte sich äußerst unwohl bei dem Gedanken, der "Westheini" könnte ein Verfolger sein. Zwei Monate war Willi jetzt tot, und die Mörder liefen noch immer frei herum. Lisa sollte sich aus allem heraushalten, hatte Frohner gesagt. Sollte sie die Hände in den Schoß legen? Willi war ihr Vater, ihm hatte sie Rache geschworen. Und sie würde ihren Schwur halten.
"Mensch, Lisa, du träumst ja am hellerlichten Tage!" Döskopp knuffte ihr in den Arm. Lisa zuckte zusammen. Der Gestank der Auspuffgase des Baggers wehte über den Grillplatz.
Lisa nahm die Deckel von den Schüsseln. Skeptisch blickten die beiden Männer auf das Essen. Herbert stichelte, als er die Lammstücken sah: "Sieht ja aus wie Kitekat."
Döskopp mischte gleich mit: "Das ist ja schon mal durchgekaut worden!"
Kommentarlos tat Lisa das Essen auf. Dem Fleischgeruch folgend, fand sich die Pieze ein. Miauend forderte sie ihren Anteil.
"Du hau ab", fauchte Herbert, "immer diese Bettelei!" Er warf der Katze ein Stück Fleisch zu. Hund und Katze fauchten sich an, doch die Katze war schneller.
"Daß sie das nimmt?" wunderte sich Herbert. "Die Viecher fressen ja nur noch das teure Whiskas. Neulich habe ich eine andere Dose geholt, so ein Billigangebot, das hat sie nicht mal angeschaut."
"Das ganze neumodische Zeug", fluchte Döskopp, "das kann gar nicht bunt genug beklebt sein. In meinem Laden früher, bevor ich zur Polizei kam", erinnerte er sich, "da habe ich die Milch noch in Kannen ausgegeben. Heute muß da eine Tüte her, und hier noch ein Karton, und die Bilder darauf können gar nicht bunt genug sein."
"Das wollen die ja nur", sagte Herbert, "damit du mehr Getränke kaufst."
"Die behumsen dich von vorn bis hinten."
"Du läßt dich dauernd behumsen", rief Herbert mit vollem Mund. Hastig kaute er den Bissen hinunter und redete weiter: "Ich bin hier nämlich derjenige, der das Geld zusammenhält." Zu Lisa gewandt, sagte er: "Der Olle achtet ja nicht aufs Geld. Wenn der einkaufen geht, bringt der nur unnützes Zeug mit. Neulich kam er mit fünf Paketen Waschmittel an! Was soll ich denn mit fünf Paketen Waschmittel?"
"Die waren gerade günstig", verteidigte sich Döskopp. "Man muß progressiv einkaufen. Das meint Johanna auch."
"Der und progressiv", meckerte Herbert. "SPD hat er gewählt und ist auch noch stolz drauf! Die Towarischs von früher machen doch heute alle auf SPD und sitzen schon wieder auf ihren breiten Hintern in weichen Sesseln. Und denen geht's gut!"
Max wollte widersprechen, aber Herbert ließ ihn nicht zu Worte kommen. "Die Noskes haben doch die Revolution verhindert. Die haben schon in der Weimarer Republik immer rumgeklüngelt mit den anderen und ihr Fähnchen nach dem Wind gehängt. Und heute sind die nicht anders."
Max schnappte nach Luft. "Es ist meine Privatsache, wen und was ich wähle", krächzte er.
"Dann komm mir nicht mit progressiv", wies Herbert ihn zurecht. "Du hast von Tuten und Blasen keine Ahnung. Das Waschmittel klumpt bloß, wenn es zu lange liegt." Opa Herbert stand auf und ging ins Haus.
"Es ist alles bescheiden schön", sagte Döskopp in die peinliche Stille. "Das Leben ist wie eine Hühnerleiter; ob ruff oder runter, es ist beschissen."
Lisa war enttäuscht. Sie hatte nicht den ganzen Vormittag gekocht, damit die beiden sich stritten. Herbert kam mit drei Flaschen Radeberger Pilsner zurück und stellte sie auf den Tisch. Döskopp stichelte: "Aus dem Russenmagazin, was?"
Döskopp ist zu DDR-Zeiten regelmäßig in das Russenmagazin gegangen, weil es dort manchmal Radeberger Bier gab. Als Lisa noch ein Kind war, durfte sie ab und zu auf Döskopps Moped mit ins Magazin fahren. Erst mußte man an der Theke auswählen, was man kaufen wollte, was so einfach nicht war, denn die beleibten Offiziersfrauen verwehrten die Sicht, und Lisa hatte alle Mühe, einen Blick auf das Mischka-Konfekt und die getrockneten Apfelringe zu werfen. Dann mußte man sich an der Kasse anstellen, um alles zu bezahlen. Für jeden Posten bekam man einen Bon. Danach ging's wieder zur Theke, wo man gegen Vorlage des Kassenbons die Ware bekam. Döskopp umging diese langwierige Prozedur. Er flirtete mit den Kassiererinnen, nannte sie liebevoll "sestra", Schwester, oder "djewushka", Mädchen. Manchmal sagte er auch "drushba", Freundschaft. Dabei legte er seine krummen Finger vertrauensvoll auf die fleischigen Hände der russischen Kassiererin. Die kicherte geniert, steckte das Geld ein und gab Max den gefüllten Stoffbeutel. Obenauf lag für Lisa das russiche Konfekt in einer Konsum-Papiertüte, auf der stand: Gut gekauft - gern gekauft.
"Hat es euch denn wenigstens geschmeckt?" fragte Lisa, um das Thema zu wechseln.
"War ein bißchen fremdländisch", mäkelte Herbert.
"Also ich fand das Essen gut", sagte Döskopp, nur um in Opposition zu Herbert zu gehen. "Es war besser als neulich bei diesem Ausflug von der Volkssolidarität."
"Die gibt es noch?" fragte Lisa erstaunt. "Ich dachte, die wäre längst aufgelöst."
"Nein, nein", beeilte Döskopp sich zu sagen. Endlich hatte er eine geduldige Zuhörerin. "Die machen noch Weihnachtsfeiern, und letzten Monat haben sie einen Ausflug gemacht, mit Bussen nach Güstrow."
"Zu Ernst Barlach?" fragte Lisa.
"Wer ist denn das?" fragte Döskopp. "Nein, wir waren in einer Gaststätte, die hieß "Zum goldenen Hirsch", glaube ich ..."
Döskopp hielt inne, denn lautes Motorengeräusch erstickte jegliches Gespräch. Lisa stöhnte. Das griechische Essen fand sein jähes Ende. Der tägliche Kleinkrieg mit den Bauarbeitern begann, die sich einen Spaß daraus machten, die beiden Alten zu ärgern. Schon brummte ein zweiter Bagger über die Wiese auf das Grundstück zu. Die Schaufel ragte einer Raubtiertatze gleich nach oben.
"Der kommt nur bis an den Zaun", schrie Herbert gegen den Lärm an. "Hat Schiß, daß ihm Maxe eine verpaßt."
Döskopp hielt das Luftgewehr im Anschlag.
Vor dem Zaun ließ der Fahrer den Motor auf Hochtouren laufen. Eine Handbreit vor dem Zaun hielt der Fahrer an, stieg aus und pinkelte durch den Zaun in den Blumengarten. Herbert drohte mit dem erhobenem Spaten. Der Fahrer verrichtete in Seelenruhe sein Geschäft und schloß sich gerade die Hose, als Herbert am Zaun angelangt war.
"Saubande, elende!" rief er dem Fahrer zu und schlug mit dem Spaten auf den Zaun. Der Fahrer bestieg seinen Bagger. "Das nächste Mal fahr' ich deinen Zaun um", sagte er lachend.
"Dann kriegst du es mit mir zu tun", brüllte Döskopp, der auf den Ausguck geklettert war. Er legte, vor Zorn zitternd, das Gewehr an, entsicherte es.
Lisa glaubte schon den Schuß zu hören, doch der Motor heulte auf, und der Bagger setzte ein Stück nach vorn, so daß sich der Maschendraht der Zaunes bog. Lisa sah das grinsende Gesicht des Fahrers, der plötzlich wendete und zur Baugrube zurückfuhr. Döskopp schimpfte siegessicher vom Dach: "Nicht mit uns!"
Vom Weiher her kamen vier Leute über die Wiese. Lisa erkannte Ernst Meerbusch, der einem der Baggerführer die Hand schüttelte, dem anderen zuwinkte und etwas rief, das sie im Krach der Motoren nicht verstehen konnte. Ernst Meerbusch hielt in seiner Bewegung inne, als er Lisa, Geschirr in den Händen haltend, auf dem Grillplatz entdeckte. Er wandte sich kurz an die anderen drei und lief zielstrebig auf den Eingang zum Grundstück zu.
Döskopp im Ausguck pfiff auf seiner Trillerpfeife. Herbert rannte aus dem Haus. "Verschwinde!" schrie er wütend. "Runter von meinem Grund und Boden!"
Ernst Meerbusch lachte. "Hier vorn ist nicht dein Grund und Boden, Herbert!"
"Geh mir aus den Augen!" rief Herbert. "Ich will dich hier nicht mehr sehen!"
Lisa kam ihrem Opa zur Hilfe. "Hau ab!" fauchte sie. "Was hast du hier zu suchen?"
Ernst Meerbusch hob die Schultern und meinte: "Ich bin nur vorbeigekommen, um Guten Tag zu sagen."
"Das hast du ja jetzt getan", entgegnete sie kühl. Ernst Meerbusch ging nicht.
"Was noch?" fragte sie.
"Nun laß uns doch vernünftig miteinander reden", sagte er.
"Nur mit meinem Anwalt", rief Herbert. Er drehte ihm den Rücken zu und ging in die Scheune. Oben im Ausguck stand Döskopp, das Gewehr im Anschlag.
Haßerfüllt blickte Lisa auf Ernst Meerbusch vor dem Stacheldrahtzaun. Unter seinem Bauarbeiterhelm sah er albern aus. Seine Finger waren viel zu gepflegt für diese Aufmachung.
"Daß du dich noch hierher traust", sagte sie kopfschüttelnd.
"Warum denn nicht?" rechtfertigte er sich. "Ich habe niemandem etwas getan."
Lisa lachte auf. "Nein, du wäschst deine Hände in Unschuld. Du hast ja bloß deinen Vater betrogen."
Er wollte widersprechen, doch Lisa ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Du hast dafür gesorgt, daß die Menschen ihr Land hergaben und bis heute keinen Pfennig dafür sahen, aber jetzt schon die fälligen Steuern für den Verkauf zahlen müssen."
"Jeder hat Aktien erworben, genau wie ich. Geld gibt's erst, wenn der Freizeitpark Geld abwirft. Das ist eine Investition in die Zukunft!"
"Schöne Zukunft, wenn sich vor Biesenthal die Autos zehn Kilometer weit stauen."
"Das wäre dann der Beweis, daß es im Freizeitpark das frischeste Fleisch, die besten Forellen gibt. Und was deinen Vorwurf anbelangt, ich hätte meinen Vater verhökert: Ich habe mein Erbteil eingebracht in die Gesellschaft, das Erbe, das ich früher oder später sowieso bekommen hätte."
"Das Land wird dir nie gehören", stellte Lisa fest.
"Ich weiß", sagte Ernst Meerbusch ruhig, "mir steht nur der Pflichtteil zu. Aber du mußt doch zugeben, daß Herberts Schachzug, seinen Besitz in die Ökostiftung einzubringen, schwachsinnig war. Er verdient keinen Pfennig daran."
"Du kapierst nicht, warum er das getan hat", sagte sie. "Er hat verhindert, daß du das Land bekommst, nachdem du ihn hintergangen hast."
"Ich habe meinen Posten im Vorstand. Und wenn Herbert stirbt, dann bekomme ich sowieso meinen Pflichtteil. Herbert hat nichts erreicht mit seinem Starrsinn."
"Bei Herberts Tod könnte man wohl etwas nachhelfen. Oder was wolltest du mit der Entmündigung erreichen?"
"Lisa, also komm, das ist eine fiese Unterstellung! Ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Erinnerst du dich, wer deine Hamster gefüttert hat, weil du das Interesse an ihnen verloren hattest? Ohne mich wären die armen Viecher jämmerlich verhungert und in ihrem eigenen Dreck krepiert. Oder denke an deine Froschzucht ... Ich habe Elke niemals geschlagen, und dich habe ich auch nie verdroschen, obwohl du es manchmal verdient hättest. Nein, wenn du denkst, ich lauere Herbert hinterm Busch auf und erschrecke ihn, daß er einen Herzinfarkt kriegt, da kennst du mich schlecht. Würde er vor meinem Auto über die Straße gehen, ich würde bremsen ... " Die Luft vibrierte. "Ich kann warten", schrie er durch den Lärm.
Ein Hubschrauber schwebte im Tiefflug über das Grundstück hinweg zum Möbelhaus auf der anderen Seite der Allee. An einem Seil hing ein übergroßes M. Auf dem Dach des Gebäudes liefen Männer hin und her und versuchten, das M zu fassen.
"Ich möchte nicht wissen, was du als Vorstandsmitglied verdienst", provozierte Lisa.
Ernst Meerbuschs Kopf schnellte herum. "Was hat das damit zu tun?"
"Hast du Trude auch gleich einen Posten verschafft?"
"Nun bleib aber bei der Sache, Lisa. Wo kommen wir denn da hin?" Die Frage, wo wir denn da hinkämen stellte er immer, wenn er nicht weiterwußte. Lisa haßte seine Art, Fragen zu umgehen.
Ernst Meerbusch schaute zum Dach des Möbelhauses, wo die Bauarbeiter den Buchstaben vom Seil gelöst hatten. Dann flog der Hubschrauber wieder über Grundstück und Weiher Richtung Biesenthal. Der Lärm verebbte allmählich. In Lisas Ohren dröhnte er noch nach, als sie sich an Ernst Meerbusch wandte: "Wo wir da hinkommen? Vielleicht zur Wahrheit. Du und Trude, ihr habt prächtig zueinander gepaßt. Zwei Kleinbürger, die schon zu DDR-Zeiten alles verurteilt haben, was nicht lebte wie sie. Es konnte aber nicht jeder Richter werden, wir brauchen auch Schichtarbeiter oder Kellnerinnen, wie Frau Braun zum Beispiel."
"Jetzt fang nicht wieder mit den alten Kamellen an. Ich bitte dich."
"Für Frau Braun sind das keine alten Kamellen, dank deines Urteils, das du bis heute nicht widerrufen hast."
"Das Urteil ist aufgehoben, wir haben darüber geredet, Lisa. Ich kann nichts dafür, daß das Jugendamt im nachhinein feststellen mußte, daß die Mutter ihrem Kind kein geborgenes Zuhause bieten kann."
"Wer definiert denn, was Geborgenheit ist?" fragte sie spitz. "Ist ein Kind geborgen, wenn der Mann ein Ehebrecher ist? Oder wenn er tagsüber Leute verurteilt, nur weil sie aus der DDR ausreisen wollten? Oder ..."
"Jetzt hör aber auf", sagte er in einem moralisierenden Ton, der typisch für ihn war.
"Was glaubst du, wieviel Müttern es nach der deutschen Einheit genauso geht wie Frau Braun? Durch dein Urteil ist das Jugendamt erst auf sie aufmerksam geworden." Lisa tat vom lauten Reden der Hals weh. Sie hustete.
"Was spielst du dich so auf?" fuhr Ernst sie an. "Du hast ja keinen blassen Schimmer! Ich konnte damals nicht anders, als der Zwangsadoption zuzustimmen."
"Um deinen Arsch zu retten!" schrie Lisa voller Wut.
"Richtig, Lisa!" brüllte Döskopp vom Ausguck herunter und schwenkte anfeuernd den Arm. "Gib's dem Knacker!"
Herbert kam aus dem Garten wieder. Er hatte einen Korb Erdbeeren geerntet. Ernst Meerbusch würdigte er keines Blickes. Er klopfte Lisa auf die Schulter. "Laß den doch."
"Warum hast du die Affäre mit Trude angefangen?" fragte sie unvermittelt.
"Laß Trude aus dem Spiel!" Ernst schlug nun seinen autoritären Ton an, den Lisa so haßte. "Die Ehe mit Elke war lange vorher zu Ende."
Verlegen grub er mit dem Gummistiefel eine Spur in das Gras. Doch Lisa ließ nicht locker. "Hast du Elke jemals geliebt?"
"Selbstverständlich."
"Ich meine, hast du sie als Frau begehrt?"
"Ich glaube nicht, daß ich dir das beantworten muß."
"Nein, das geht mich nichts an", gab Lisa zu. "Ich will es trotzdem von dir wissen."
Zischend hielt ein Laster bei Ernst Meerbusch. "Das ist die letzte Fuhre", rief der Fahrer durch den Motorenlärm. Ernst Meerbusch legte Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten an den Helm, zum Zeichen, daß er verstanden hatte.
"Also?" fragte Lisa, als der Laster fortgefahren war.
Ernst Meerbusch strich mit der Hand über das Kinn. "Elke hat mir nicht mehr das gegeben, was ich als Mann brauchte. Sie war eine attraktive Frau, aber ich kam nicht an sie heran. Ständig Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, zu müde. Verstehst du? Ich bin auch nur ein Mann."
"Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, warum sie sich so verhalten hat? Hast du jemals die Gründe für diese Verweigerung vielleicht auch bei dir gesucht?"
"Was weiß denn ich? Wir sind zu verschieden. Ich bin mehr praktisch. Sie vergrub sich in ihre Poesie, in ihre Texte. Wir kamen nicht mehr zusammen. Wir haben uns auseinandergelebt. Es war nicht meine Schuld!"
Lisa lachte bitter. "Hast du auf den Parteiauftrag gewartet, um dich scheiden zu lassen? Was wärst du denn ohne deine Partei geworden?"
"Das will ich dir sagen: Ich wäre ein Bauernsohn geblieben, hätte nicht studieren können und hätte Elke und dir nicht so ein bequemes und sorgenfreies Leben bieten können."
"Sorgenfrei", wiederholte Lisa mokant.
"Jetzt hör mir mal zu!" rief er. "Ich habe unterschrieben, weil ich überzeugt war. Ich habe unterschrieben, weil ich den Staat aufbauen wollte. Ich habe unterschrieben, weil ich den Antifaschismus richtig finde. Ich habe unterschrieben, weil für mich der Sozialismus die bessere Gesellschaft war." Lisa wollte ihn unterbrechen, doch Ernst ließ es nicht zu. "Ich habe unterschrieben, weil ich dieser Gesellschaft etwas geben wollte, weil ich mich einbringen wollte. Dafür kannst du mich hassen. Ich habe nicht aus Karrieregründen unterschrieben. Ich habe auch nicht unterschrieben, weil ich mir Vorteile erhoffte. Daß es mir besser ging als anderen DDR-Bürgern, darüber war ich froh. Denn meinen Wohlstand konnte ich mit meiner Familie teilen."
"Du hast dich nicht verändert", sagte Lisa. "Wie in alten Zeiten. Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'. Du bist deinen neuen Chefs gegenüber so loyal, daß du sogar deinen eigenen Vater verhökerst und das Land der Bauern dazu!"
"Du hast recht, ich habe mich nicht verändert. Denn ich bringe mich in die kapitalistische Gesellschaft ein, wie ich mich in die sozialistische eingebracht habe. In dem Freizeitpark schaffe ich nämlich Arbeitsplätze."
"Zum Glück bist du nicht mein Vater!" Lisa schrie. "Ich bin heilfroh, daß ich nicht einen Typen wie dich zum Vater habe!"
"Wie meinst du das?" Ernst war wie vom Blitz getroffen. "Wie du das meinst, habe ich gefragt!"
"Du bist nicht mein Vater", sagte Lisa mit Stolz. Sie betonte jedes Wort: "Du bist nie mein Vater gewesen."
Ernst wandte sich ab und stierte in die Richtung, aus der das Brummen des Hubschraubers kam. Jetzt hing ein großes O an dem Seil. Dann schaute er Lisa mit verengten Augen an. Sie hielt seinem Blick stand.
"Ich habe Elke geheiratet", sagte er, "da warst du unterwegs. Ich kann mich genau erinnern, wie ich dich gezeugt habe."
"Ich weiß es besser."
In Ernsts Kopf arbeitete es. Lisa dachte daran, wie er früher in solch schwierigen Situationen im Zimmer auf- und abgelaufen war. Nun setzte er sich aber in das spärliche Gras vor dem Zaun, ohne Rücksicht auf seine Hose zu nehmen. Die Lippen aufeinandergepreßt, schüttelte er den Kopf.
"Willi!" Lisa konnte das Wort nur von seinen Lippen ablesen.
"Mein Bruder", sagte er vorwurfsvoll. "Jetzt wird mir auch klar, warum du zwei Wochen vor dem Termin gekommen bist. Mein eigener Bruder!"
"Na und?" sagte Lisa. "Willi war eben ein bißchen früher dran."
Ernst faßte sich schnell. Beim Aufstehen sagte er leise: "Aber ich habe dich erzogen. Willi war selten genug da. Ich habe dich nach bestem Wissen ..." Er brach den Satz für einen Moment ab, Tränen standen in seinen Augen. "Ich habe mich um dich und Elke gekümmert, da kannst du mir keinen Vorwurf machen."
"Du hast deine Pflicht erfüllt, zumindest das, was du für deine Pflicht gehalten hast. Und deine neuen Chefs brauchen dich bloß an deine Pflicht zu erinnern, und schon kuschst du wie früher vor deinen Parteibonzen. Denkst du, ich habe nicht gemerkt, daß ihr mir die harmonische sozialistische Ehe bloß vorgeheuchelt habt? Ich konnte mir früher nicht erklären, was da nicht stimmte, ihr wart die Vorbildehe für mich. Nie habt ihr euch vor mir gestritten, aber ihr habt euch auch nie vor mir geküßt - mal abgesehen von den Donald-Duck-Küssen auf die Wange. Hast du dich nie darüber gewundert, daß Elke mich immer sofort von deinem Schoß genommen hat?"
"Seit wann weißt du das?" fragte er. Nichts war übriggeblieben von seiner Überlegenheit. Er tat Lisa leid, doch irgendwie genoß sie seine Niederlage.
"Das spielt keine Rolle", antwortete sie trocken.
Ernst bewegte die Lippen. Seine Finger verkrampften sich. "Mit welchem Recht führst du dich vor mir so auf?" fragte er unerwartet scharf. "Ist das der Dank, daß ich achtzehn Jahre lang für dich gesorgt habe, dich zu einem nützlichen Mitglied der sozialistischen Gesellschaft, zur Disziplin, zur Ehrlichkeit erzogen habe?"
"Mit dieser Erziehung kann ich aber heute nichts mehr anfangen, denn diese Gesellschaft existiert nicht mehr. Außerdem habe ich unendliche Mühe, die Verklemmtheit abzulegen, die du mir aufgezwungen hast. Ich weiß nicht, ob ich dir dankbar sein muß dafür, daß du mich achtzehn Jahre lang ernährt hast, mich, das Kuckuckskind, das dir untergeschoben wurde."
Das war zuviel für ihn, Lisa sah, wie sein Kinn zuckte.
"Du bist vielleicht nicht biologisch meine Tochter", sagte er, "aber ich habe in dir immer meine Tochter gesehen ..."
Seine Stimme versagte. Er stand auf und lief, ohne sich noch einmal umzusehen, über den Acker, zwischen den Baugruben hindurch zu den Containern an der Allee. Bevor er in den dritten von links hineinging, zog er ein Taschentuch aus seiner Hose.
Lisa war schockiert. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie hatte nicht so weit gehen wollen. Verzeih mir, dachte sie und unterdrückte ihr Weinen.
Eigentlich hätte Elke es ihm sagen müssen, überlegte sie. Elke hätte ihm sagen müssen, daß er keinen Nachkommen hat. Bis zu diesem Augenblick war sie davon überzeugt gewesen, daß er sie nie geliebt hat.
Lisa ging zurück, und ihr Blick streifte die Hundegräber am Gartentor, die Rosen darauf, den Phlox.
In ihr stiegen Bilder aus der Kindheit auf: Plänterwald, der Weg durch den Park zum Rummel. Alle paar Schritte standen Polen, die Schmuck in Form von Rasierklingen verkauften. Sie erinnerte sich, wie Ernst Luft holte und rief: Milizia! Im Nu zerstob der Schwarm der fliegenden Händler in alle Richtungen. Sie sah, wie Ernst sich kaum vor Lachen halten konnte. Elke war damals empört gewesen über sein Verhalten. Aber Ernst hatte gesagt: Das sind doch alles Verbrecher! Lisa erinnerte sich daran, wie sie Ernst durchs Schlüsselloch beobachtet hatte, als er sich sein Glied wusch. Er hielt es über den Waschbeckenrand und seifte es gründlich ein, schob die Vorhaut vor und zurück, rutschte gleichmäßig mit der seifigen Hand darüber. Als er die Seife abspülte, hatte es eine dunkelrote Spitze und stand waagerecht ab. Sie fand ihn damals abstoßend.
Lisa stand am Eingang zur Datsche. Die Gedanken an die Vergangenheit mit Ernst konnte sie nicht verdrängen. Von einer Tagung hatte Ernst ein leuchtend orangefarbenes Handtuch mitgebracht. Niemand außer ihm durfte es benutzen. Lisa hatte sich einmal damit abgetrocknet, weil es flauschiger war als die Malimohandtücher, und war von Elke dabei erwischt worden. Es gab einen Riesenärger. Wir gehen auch nicht an dein Spielzeug, hatte Ernst geschimpft. Lisa war damals in der ersten Klasse. Das ist ungerecht, hatte es in ihrem Kopf gehämmert, das ist ungerecht. Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag und noch dunkel, packte sie alle Schulsachen in ihren Schulranzen. Zwei Anoraks stopfte sie in Einkaufsnetze, die Kuscheltiere dazu. Dann schlich sie sich aus der Wohnung. Sie wollte nach Erfurt zu ihrer Omi laufen. Draußen lag frischer Schnee. Schon an der Kaufhalle schwitzte sie unter der Last ihres Gepäcks. Sie ging zur Straßenbahnhaltestelle. Niemand kam ihr entgegen. Der Müggelheimer Damm lag im Dunkeln, kein Scheinwerfer war zu sehen. Nur weg von zu Hause. Nach Erfurt!
An der Haltestelle in der Wendenschloßstraße wurde sie von einer netten älteren Frau in grauer BVB-Uniform angesprochen. Sie ging mit ihr in einen Wohnwagen. Sie trank den Tee, den die Frau ihr kochte, und begann in ihrem Schreibheft die gepunktet vorgedruckten Buchstaben nachzumalen; vielleicht waren die Schüler in Erfurt schon weiter im Stoff. Plötzlich stand Ernst im Wagen. Lisa erwartete ein Donnerwetter. Ernst bedankte sich bei der älteren Frau, nahm Lisas Sachen in die eine Hand, Lisa an die andere und ging zum Auto. Er sagte kein Wort, bis sie zu Hause waren. Elke hatte Tränen in den Augen, als sie Lisa in die Arme schloß. Sie streichelte ihr über den Kopf und flüsterte, meine liebe Lisa, mein Kind, du darfst das nie wieder machen, wir haben uns zu Tode erschrocken. Ernst hatte nichts gesagt.
Ein Stüber auf ihre Schulter riß sie aus den Gedanken. "Dem hast du es aber gegeben!" Döskopp klopfte ihr anerkennend auf die Schulter.
Herbert rief nach ihnen. Er hatte den Kaffeetisch gedeckt. Lisa und Döskopp gingen ins Haus. Döskopp erzählte in allen Einzelheiten, was er vom Gespräch zwischen Lisa und Ernst Meerbusch mitbekommen hatte. Herbert brummte nur: "Was gibst du dich mit dem noch ab?"
Vogelstimmen klangen ins Zimmer. Der Baulärm war verstummt, und die Abendsonne schien gelbrot durch die Fenster. Suse lag auf dem grünen Sofa und schlief. Nur die spitzen Ohren wackelten, wenn Löffel klapperten.
Lisa hatte Kaffee gekocht. Aus einer Pappschachtel packte Herbert eine weiße, gefrorene Zitronencremetorte, mit Liebesperlen garniert, aus, schnitt sie auf und balancierte ein Stück auf Döskopps Untertasse. Der machte sich gleich darüber her.
"Schmeckt komisch", sagte er. "Da haben sie Zement reingemacht."
"Oben Gips und unten Zement", bestätigte Lisa. "Eine Baustofftorte."
Herbert lachte. "Mußt du das nächste Mal im Laden sagen: eine Baustofftorte, bitte. Da haben sie Perlen draufgemacht. Max, willst du meine Liebesperlen?"
Döskopp lehnte ab, schaute mißmutig auf sein Tortenstück. "Alles diese olle Creme. Wenig Krume im Kuchen. Das Zeug wird immer mehr im Mund."
Lisa nahm sich vor, das nächste Mal auch den Kuchen selber zu backen, mit Honig und Weinstein.
"Du bist doch Lehrerin", begann Herbert, als der Tisch abgeräumt war. "Du kannst mir helfen." Lisa vermutete, daß Herbert irgendeinen amtlichen Brief geschrieben haben wollte.
Herbert übergab ihr einen Brief der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte.
Er setzte seine Leidensmiene auf. "Die haben mir schon wieder geschrieben wegen der Rente. Ich soll da was ausfüllen."
Lisa überflog den sechsseitigen Fragebogen aus dünnem Ökopapier, auf dem gefordert wurde, "die einzelnen Beschäftigungsverhältnisse lückenlos und in zeitlicher Reihenfolge aufzuführen", dabei auch Krankheiten, Ausbildungszeiten sowie Kriegsgefangenschaft zu berücksichtigen.
Herbert kramte nervös in den Kästen des Wäscheschrankes. "Ich kann diese dämliche Mappe nicht finden!"
"Soll ich mal schauen?" bot Lisa an.
"Sie muß ja irgendwo sein."
"Schau doch mal im Kühlschrank nach", empfahl Döskopp, der von oben durch die Öffnung Herbert beobachtete.
"Ach, halt deinen Sabbel", befahl Herbert. Er wühlte in der Kommode und warf alte Bücher auf den Boden, Kästchen, alte Hefter, Nähzeug. Er knallte einen Kasten zu, öffnete den nächsten und präsentierte schließlich die braune Kunstledermappe, deren prall gefüllte Hälften mit einem Druckknopf zusammengehalten wurden.
"Hier ist alles drin, ich habe nichts weggeworfen", sagte Herbert und setzte sich auf das grüne Sofa. Der Hund verzog sich unter den Tisch. Herbert schüttete die Kunstledermappe aus, Dutzende Papiere lagen auf der Tischplatte. Auffordernd blickte er Lisa an.
Herbert hatte alles, was gedruckt, also amtlich war, aufgehoben: Kontoauszüge, Kassenbons, Geburts- und Heiratsurkunden, Fahrkarten, Autopapiere, Werbung, etliche Anschreiben, Versicherungspolicen, auch ihre Briefe, die sie am Computer geschrieben hatte. Lisa sortierte Werbeblätter und Kassenbons aus dem Papierberg heraus und ordnete die Dokumente nach Datum.
"Unser Haus stand vorn an der Straße", begann Herbert, der auf einmal völlig in die Vergangenheit versunken war. "Wir hatten ein richtiges großes Bauernhaus mit Stall und Gesindekammern. Zwölf Schweine hatten wir. Und hundertdreißig Morgen Land."
Döskopp gab vom Ausguck seine Kommentare dazu. Opa Herbert sprach lauter.
"Wir mußten unseren Grund und Boden nie verlassen, wenn wir einen Sonntagsspaziergang machten. Ein ganzes Stück vom Wald gehörte uns, und das ging dann vor fast bis nach Melchow, also da wohnten dann Roches, unsere Nachbarn. Die hatten auch ein schönes Haus, so eins mit einem abgeflachten Dach. Unseres hatte ja einen ganz normalen Giebel. Mit dem Sohn von Roches, dem Paule, bin ich in eine Klasse gegangen ..."
"Ich war auch in deiner Klasse", rief Döskopp.
"Aber nicht lange", konterte Herbert. "Du mußtest ja ein paar Klassen zweimal machen, weil's so schön war!" Er kicherte.
Döskopp kniete an der Leiter und blickte wütend zu Herbert herunter. "Einmal bin ich sitzen geblieben, aber da war ich lange krank."
"Fangen wir an", sagte Lisa entschlossen. "Zuerst deine Geburtsurkunde."
"Die geb' ich nicht her", protestierte Herbert. "Die haben im Rathaus schon meinen SV-Ausweis behalten, und seitdem hatte ich nur Ärger. Wenn die jetzt auch noch meine Geburtsurkunde behalten, dann bin ich für die gar nicht auf der Welt!"
Lisa versprach, die Unterlagen zu kopieren und die Originale nicht aus der Hand zu geben. Herbert griff zielsicher in den Papierberg und faltete dann behutsam einen gelblichen Bogen mit altdeutscher Schrift auseinander, der nur noch an einem Falz zusammenhing, die anderen hatten sich aufgelöst.
"Geburtsurkunde Nr. 454. Biesenthal am 16. November 1919. Vor dem unterzeichnenden Standesbeamten erschienen heute die Eheleute Friedrich und Hermine Meerbusch, beide evangelischer Religion, wohnhaft zu Biesenthal, Marktstraße 4, und zeigten an, daß am zwölften November des Jahres neunzehnhundertneunzehn nachmittags um fünf drei Viertel Uhr zu Biesenthal, Marktstraße 4, ein Knabe geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen Herbert erhalten habe."
"Der Weiher hinten war ja damals immer voller Wasser", erinnerte sich Herbert. "Als Kind bin ich darauf rumgepaddelt mit einem selbstgebauten Floß! Und meine Kinder haben auch dort gespielt und du auch, Lisa, bis die LPG Anfang der Siebziger meliorisiert hat. Ich war immer auf dem Bauernhof, bis auf die Zeit, in der ich in Rußland war. Maxe war auch immer da. Na ja, Maxe hat's schwer gehabt, sein Vater hat sich totgesoffen, die Mutter hatte eine Anstellung bei der Bürgermeistersfrau im Hause, hat nicht viel verdient. In der Volksschule war Maxe auch keine Leuchte. Er hat die Emma zur Frau gekriegt. Die Emma. Für was zu essen hat sie sich sogar anfassen lassen. Aber das interessiert die von der Rente sicher nicht."
"Volksschule?" fragte Lisa. "Wo sind deine Zeugnisse oder der Abschluß?"
"Schläge mit dem Rohrstock habe ich bekommen. Unser Lehrer, wie hieß er gleich?
"Lehmann", rief Döskopp von oben.
"Ja richtig, Lehmann, das war ein ganz scharfer, erst war er Sozi, dann hat er auf Hitler gemacht. Auf dem Hintern war's nicht so schlimm, wenn er gehauen hat, aber auf die Finger, das hat weh getan. Und wenn einer die Hände weggezogen hat, hat der gleich noch einen drauf gegeben. Gelernt haben wir deswegen nicht besser. Nachmittags haben wir den Mädels aufgelauert, wenn die aus der Mädchenschule kamen. Wenn es windig war und die Röcke sich aufbauschten, hatten wir unseren Spaß. Ich hatte damals schon ein Auge auf die Lucie geworfen. Die hatte Zöpfe bis zu ihrem festen runden Hintern. Aber die trug sie um den Kopf gewickelt wie einen Kranz. Stand ihr prächtig. Wie lang ihr Haar war, habe ich erst später gesehen, kurz vor der Hochzeit. Nein, nein, ich habe nicht die Katze im Sack geehelicht." Herbert kicherte wie ein Dreizehnjähriger.
"Hast du einen Gesellenbrief, oder ein Zeugnis?" warf Lisa ein und suchte in den Papieren. Herberts verklärtes Lächeln schwand. Er reichte ihr ein dunkelblaues leinenbezogenes Büchlein, etwas größer als ein Reisepaß. Darin befand sich, kunstvoll gefaltet, der Lehrbrief. Das gelbliche Büttenpapier bescheinigte befriedigende und genügende Leistungen und ein gutes Betragen während der vierjährigen Lehrzeit und gab wohlgemeinte Ratschläge mit auf den Lebensweg: Sei fleißig wie eine Biene, dann ist Wohlergehen dein Lohn. Arbeit ist des Bürgers Zierde. Segen ist der Mühe Preis. Nur Erfahrung bildet. Werde deinem Stand ein Muster, der Menschheit eine Zierde.
"Dann hast du als Tischler gearbeitet", sagte Lisa.
"Tischler war ich nur ein paar Monate, dann habe ich Lucie geheiratet und auf den Hof meiner Eltern gebracht. Dort war genug zu tun."
"Warst du in dieser Zeit versichert?" Lisa sagte: "Ich muß dich das leider fragen, weil die Leute von der BfA das für die Berechnung deiner Rente brauchen."
Herbert schüttelte den Kopf. "Unwahrscheinlich, daß mein Vater uns versichert hat. Meine Mutter hatte an allem, was Lucie tat, etwas zu meckern. Sie war eifersüchtig auf das junge Ding im Hause, auf das auch mein Vater ein Auge geworfen hatte. Zum Glück hat er sie niemals angerührt!"
Herbert kam ins Schwärmen. "Zum Anfang war es schön mit der Lucie. Sie hatte mich wirklich gern. Aber nach Ernsts Geburt mußte ich mich immer bei ihr anmelden, wenn ich ihr an die Wäsche wollte. Schokolade wollte sie haben! Ich mußte sie mittwochs unter ihr Kopfkissen legen, damit ich am Wochenende durfte. Soviel Aufwand für das bißchen!"
Döskopp lachte von oben und machte mit den Fingern obszöne Zeichen. "Meine Emma war da besser. Sie tat's jederzeit schon für ein Brot, es mußte nur knusprig sein."
"Und dann kam die Ilse", redete Herbert weiter, "das neue Dienstmädchen, auf den Hof. Eine Brünette, die nicht auf den Mund gefallen war. Das erste Mal schnappte ich sie in der Scheune. Die Ilse wollte immer besiegt werden. Sie strampelte jedesmal. Als meine Frau vom Techtelmechtel mit Ilse erfuhr, hat sie Theater gemacht. Dann muß wohl meine Mutter sie ins Gebet genommen haben, denn bald darauf wurde Lucie wieder ganz lieb zu mir; ich durfte jetzt auch unter der Woche. Das Ergebnis war Wilhelm, und dann war wieder Schonzeit angesagt. Zu der Zeit jagte die Lucie die Ilse vom Hof, aber ich habe sie beim Reichsarbeitsdienst wiedergetroffen. Biesenthal ist ja ein kleines Nest."
Opa Herbert saß ganz in Gedanken versunken da. Lisa tippte auffordernd mit dem Stift auf den Dokumentenstapel.
"Diese Idioten!" schimpfte Herbert plötzlich. "Die wollen alles über mein Leben wissen, aber sie erfahren gar nichts. Woher soll ich denn wissen, wie ich versichert war? Die Rentenleute glauben ja nur solchen Papieren!"
"Sonst können sie deine Rente nicht berechnen", dämpfte Lisa seine Aufregung. "Wann warst du denn wieder beitragspflichtig beschäftigt?"
"Recht hast du, meine Kleine", sagte Herbert. "Ich habe geackert mein Leben lang, erst auf dem Hof meines Vaters, dann in Sibirien, in Schacht sieben, für die Russen, und zum Schluß wieder auf dem Hof. Aber da waren meine Eltern schon tot, und Lucie hat sie ganz allein unter die Erde gebracht."
Bei der Ausstellung des Wehrpasses hatte sich der Beamte bei seinem Geburtsdatum verschrieben und Herbert fünf Tage älter gemacht. Dieses falsche Datum zog sich auch durch die folgenden Dokumente. Inzwischen feierte er auch den falschen Geburtstag.
Lisa versuchte, Herberts Leben lückenlos, wie es im Fragebogen gefordert war, zu rekonstruieren. Zu jedem Datum brauchte sie ein Dokument. Herbert verzweifelte. Einige Dokumente konnte er nicht finden. Er trank einen Schnaps nach dem anderen und fragte immer wieder, was denn sein Privatleben die Leute von der Rente anginge.
"Die Idioten!" schimpfte er. "Die wissen doch gar nicht, was Krieg ist! Da gehen auch mal Unterlagen verloren, oder nicht?"
Lisa versuchte ihn zu besänftigen: "Komm, es sind nur noch zwei Seiten, ganz einfache Fragen. Warst du beim MfS, ein OibE oder bei der Verteidigung?"
Herbert begann zu zittern. Seine Halsschlagader schwoll an und pulsierte bei jedem Herzschlag.
"Was wollen die von mir?" fragte er entgeistert. "Ich war nicht bei der Stasi!" Mit einer Handbewegung fegte er die Dokumente vom Tisch. Er lief im Zimmer umher, schlug gegen die Schubladen und Schranktüren. "Wer ist denn schon so verrückt und gibt bei dieser Frage eine ehrliche Antwort?" fragte er. "Oder haben die auch Stasimethoden, um die Antworten im Fragebogen nachzuprüfen?"
Lisa war selbst völlig verwirrt von dieser Frage. "Was die gesamtdeutsche Staatsanwaltschaft nicht zuwege bringt, soll jetzt die BfA übernehmen?" fragte sie.
"So isses", meinte Herbert und schlug mit der Faust auf den Tisch. Suse verdrückte sich jaulend in die Kochecke. Döskopp schrie von oben: "Sie kriegen die Leute von der Stasi nicht zu fassen, also wollen sie sie bestrafen mit einer kleineren Rente!"
Herbert lachte bitter. "In was für einem Land leben wir eigentlich?"
Erschöpft ließ er sich auf das Sofa fallen. "Mach ein großes Kreuz bei Nein", befahl er Lisa. "Aber ein ganz großes! Und schreib dahinter, die können mich mal am Arsch lecken!"
Döskopp feixte von der Luke ins Zimmer. "Ich habe nie Probleme mit meiner Rente gehabt." Er winkte Lisa zu sich herauf.
Oben gab er ihr sein Fernglas und zeigte auf die Reihe Container. Der dritte von links war erleuchtet. Lisa sah durch das Fernglas in ein Büro, wo Ernst Meerbusch eine Frau auf dem Schreibtisch vögelte. Diese Frau war nicht Trude.

18. Kapitel - Epilog