Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
16. KAPITEL
Deutsch-deutscher Imbiß an der Autobahn
282 Tage deutscher Einheit
Lisa war erschüttert von Lucies Erzählungen. Ihr Mitgefühl hatte
sich während der Schilderungen oft in Wut und Haß gegen Hugosch und
die Schmiedinger verwandelt. Beide waren auf der Beerdigung. Hatte Lucie sie
nach all den Jahren nicht erkannt?
Tränen nahmen Lisa die Sicht. Und Insekten klebten an der Frontscheibe
des Wartburgs. Lisa zog am Griff für die Scheibenwaschanlage; das Wasser
spritzte in dünnem Strahl auf das Glas. Die Scheibenwischer
hinterließen schmierige Streifen. Ein selbstgemaltes Schild am
Autobahnrand kündigte Sonjas Brutzelbude an, einen der improvisierten
Imbißstände, wie sie jetzt oft an den Autobahnen und
Landstraßen zu finden waren. Lisa blinkte rechts. Hubert im schwarzen
Mercedes hinter ihr betätigte die Lichthupe zum Zeichen, daß er das
Blinken gesehen hatte.
Auf dem Kopfsteinpflaster in der Einfahrt zum Parkplatz bebte der ganze
Wartburg unter ohrenbetäubendem Lärm. Alles vibrierte und klapperte:
die Konsole mit den Armaturen, der Aschenbecherdeckel, die Türverkleidung,
die Fensterscheiben, die Rückbank, der Werkzeugkasten. Lisa parkte hinter
einem grünen Golf. Für einen Moment dröhnte das
Motorgeräusch in den Ohren nach.
Lisa konnte vor Aufregung und Empörung nicht gleich aussteigen. Sie kämpfte
mit den Tränen der Verbitterung. Ihre Erfurtomi hatte nicht die Spur einer
Chance gehabt. Die Anweisung, Lucie Meerbusch zur Staatsfeindin zu erklären,
kam von ganz oben. Und wo kein Feind war, erfand die Staatssicherheit ihre Feinde,
beliebig. Und gerade diese Beliebigkeit hielt die Menschen in Angst. Die demütigenden
Erlebnisse von Lucie, ihr Ausgeliefertsein, ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit
- zum Wohle des Volkes, im Namen des Volkes, alles mit dem Volk, alles durch
das Volk, alles für das Volk -, Lisa suchte nach tröstenden Worten,
doch keines konnte ausdrücken, was sie empfand.
Lucie versuchte mit fahrigen Griffen den Gurt zu lösen. Lisa half ihr.
Huberts Gesicht tauchte vor der Scheibe auf, er klopfte. Lisa schreckte auf,
kurbelte das Fenster herunter.
"Alles in Ordnung?" fragte er.
"Ja, ja", antwortete Lisa. "Nur eine kleine Pause. Und dann
fahren wir in einem Rutsch bis nach Erfurt durch."
Hubert winkte Elfie und Robert. Die stiegen aus dem Mercedes. Hubert half
Lucie aus dem Wartburg. "Bist du sicher, daß dir das Ostauto
bekommt? Fahr doch mit uns, wir haben schöne Musik, da kommst du auf
andere Gedanken."
"Ich will keine anderen Gedanken", beharrte Lucie. Sie hakte sich
bei Lisa ein. Hubert eilte voraus zum Imbißkiosk.
Sonjas Brutzelbude war ein ausgedienter und umfunktionierter Zirkuswagen. Er
stand im Halbschatten dreier Birken. Eine blauweiß gestreifte Markise
verlängerte das Kioskdach vor der Theke bis zu einem gleichfarbigen
baldachinartigen Zelt. Darunter standen auf einem Lattenrost weiße
Plastiktische und Stühle.
Hubert winkte. "Alles frei!"
Der Sohn Robert sprang vor der Luke hoch, um zu sehen, was es gab.
"Ist das nun der Fortschritt?" fragte Lucie. "Früher gab
es richtige Gaststätten, denn wir konnten sehr gut mit Messer und Gabel
essen."
"Man kam nur nicht hinein in eure Restaurants", sagte Hubert
sarkastisch. "Sie werden plaziert!"
"Und heute gehören sie der Treuhand, die unfähig ist, neue
Käufer zu finden", sagte Lisa.
"Und das Geschirr war früher auch nie richtig abgewaschen",
sagte Elfie, "weil es im Osten keine Spülmaschinen gab."
Robert rannte in Schlangenlinien vor dem Zelt umher, wobei er einen
Fuß nachzog und um sich herum Staub aufwirbelte.
"Wie bei uns in den Fünfzigern und Sechzigern", stellte Elfie
fest. "Da wuchsen die Imbißstände auch wie Pilze aus dem Boden,
nicht wahr, Hubert?"
Kein Lüftchen wehte, die Äste der Birken hingen staubig und
schlaff herab. Der Autobahnlärm übertönte das Brummen des
Generators hinter dem Verkaufswagen.
Hubert trat an das Brett vor der Luke, studierte die kreidebeschriebene
Anzeigetafel und beäugte das Innere des Zirkuswagens.
"Was darf es denn sein?" fragte eine mollige ältere Frau.
"Empfehlen kann ich meine hausgemachten Buletten." Die
kaffeebohnengroßen Grübchen in ihren runden Wangen lachten wie ihre
Augen. Sie legte die Drahtbürste, mit der sie den Grill geputzt hatte,
beiseite und wischte die Hände an ihrem geblümten Nylonkittel ab. Auf
dem dauergewellten grauen Haar saß ein weißes Käppi.
"Buletten nimmst du nicht", flüsterte Elfie Hubert zu, wobei
sie in Richtung der Verkäuferin lächelte. "Erinnere dich an Naxos,
wo du dir eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hast."
Robert quengelte: "Ich will ein Eis!" Er zog Elfie am Ärmel
und hopste ungeduldig hin und her.
"Bitte, sagt man", mahnte Elfie.
"Ich will bitte ein Eis!"
"Mensch, das ist ja alles so teuer wie bei uns", sagte Hubert
ärgerlich. "Früher hat eine Bockwurst eine Ostmark
gekostet."
"Dieser Parkplatz ist auch Deutschland", sagte Lisa.
"Hier ist doch alles noch rückständig", sagte er lauter.
"Hier gibt's doch noch keine Qualität."
Die Grübchen im Gesicht der Frau verschwanden. "Mein Herr, unsere
Thüringer Rostbratwürste sind in aller Welt berühmt."
Elfie versuchte zu schlichten: "Mein Mann hat das nicht so
gemeint."
"Und ob ich das so gemeint habe! Es gibt ja nicht mal ein
vernünftiges Klo hier!" Hubert zeigte auf die
Zellstofftaschentücher und das Toilettenpapier in den Büschen.
"Wir wollen doch nur einen Kaffee trinken", sagte Elfie.
"Ich will aber ein Eis", beharrte Robert. "Bitte."
"Ihr seid eingeladen", sagte Lisa.
"Für mich wirklich nur einen Kaffee", sagte Elfie
entschieden. Hubert suchte sich ein Wiener Schnitzel und eine Thüringer
Rostbratwurst aus, dazu bestellte er eine Cola.
Während die Frau im Kiosk mit einer Holzzange die Würste auf den
Rost legte, sagte sie gereizt: "Die Toilette ist hinter dem Zelt, die
blaue Kabine."
Hubert lief in das Zelt und setzte sich zu Elfie, Lucie und Robert.
Die Frau sah ihm kopfschüttelnd nach. Dann sagte sie zu Lisa, die vor
der Theke wartete: "Es gibt zum Glück auch andere Wessis, meinen Chef
zum Beispiel. Sonst hätte ich den Laden längst hingeschmissen."
Die Thüringer Rostbratwürste verströmten Majoranduft.
Die Frau legte ein verpacktes Schnitzel in die Mikrowelle und stellte den
Knopf auf drei Minuten ein.
"Was haben Sie denn früher gemacht?" wollte Lisa wissen.
"Früher ist gut", antwortete die Frau. "Dieses
Früher ist ja noch nicht mal ein Jahr her! Aber Sie haben recht, es kommt
einem wie eine Ewigkeit vor. Ich war Blumenbinderin. Bin fast gleichzeitig mit
meinem Mann entlassen worden. Rumsitzen und heulen nutzte ja nichts. Wir
mußten uns um uns selber kümmern. Und da haben mein Mann und ich
diesen Imbißstand aufgemacht."
"Wie läuft das Geschäft?"
"Wir sind zufrieden. Jetzt haben wir rund um die Uhr geöffnet,
seit sie uns nachts den Wagen aufgebrochen und geplündert haben. Ich am
Tage, mein Mann nachts. Das war mir zu gruselig, nachts als Frau allein auf
diesem Autobahnparkplatz. Aber inzwischen habe ich meine Stammkundschaft, meist
Trucker. Sehen Sie, da kommt der Klaus aus Venlo."
Ein Laster mit Anhänger hielt zischend in der Kurve. Der Staub, den er
aufwirbelte, schwebte als Wolke vom Parkplatz in ein Weizenfeld.
"Na, Sonja, mein ein und alles", begrüßte der Trucker
die Frau von weitem. Er legte die Hände auf seine linke Brust. Sonja
lachte. "Nicht so stürmisch, mein Mann schläft hinten."
Sie stellte drei Kaffeebecher und eine Dose Cola auf ein Tablett und legte
den Pappteller mit der Thüringer Rostbratwurst und dem Schnitzel dazu.
Zwischen Tablettrand und Kaffeebecher klemmte sie einen zweiten Pappteller mit
dem Toast und schob ein verpacktes Stück Streuselkuchen darunter. Das Plastikbesteck
ragte schräg nach oben vom Tablett auf.
Lisa nahm ihr das Tablett ab und balancierte es ins Zelt an den Tisch.
"Stellt euch mal vor, die wohnen hier. Die Frau arbeitet am Tage und ihr
Mann in der Nacht."
"Das haben wir früher auch gemacht", sagte Hubert. "Es
wird einem eben nichts geschenkt."
"Und wo ist mein Eis?" fragte Robert.
Lisa gab ihm fünf Mark. "Such dir selbst eins aus."
Lisa verteilte das Essen und die Getränke.
"Du ißt nichts?" fragte Lucie. Lisa schüttelte den
Kopf.
"Aber du mußt was essen, wenn du fährst." Lucie kramte
aus ihrer Handtasche eine Tafel Schokolade. Lisa entfernte das Papier.
Weißer Belag überzog die Schokolade.
Elfie erkannte das Preisschild ihres Stuttgarter Discounters und sagte:
"Lucie, die Tafel habe ich dir vor einem halben Jahr geschenkt."
"Ich weiß", sagte Lucie. "Von deinen Keksen habe ich
auch noch welche. Möchtest du lieber einen Keks, Lisa?" Sie legte
eine durchsichtige Plastiktüte mit zerbrochenen Keksen auf den Tisch.
"Die mußt du doch nicht essen", sagte Elfie mitleidig und
zog aus Roberts Rucksack eine Verpackung mit ganzen Keksen. Hubert trat ihr auf
den Fuß. Elfie ließ die Packung schnell wieder verschwinden.
"Deine Pakete, Elfie, waren all die Jahre wirklich eine große
Hilfe", sagte Lucie.
"Aber ich bitte dich, das war doch selbstverständlich",
versicherte Elfie.
"Das war unsere Pflicht als Verwandte", meinte Hubert.
"Da konnte ich den Berlinern öfter mal was Gutes zukommen
lassen", sagte Lucie. "Lisa, du hast dich doch für die Kekse
immer bedankt?"
"Hm, ja", machte Lisa spitz, sie dachte an Elkes moralische Aufforderungen,
Dankesbriefe zu schreiben und sagte laut: "Besonders lieben Dank für
die Kekse, Bruchkekse!"
Hubert sah sie beleidigt an. "Die Bruchkekse waren genauso gut wie die
ganzen."
"In unseren Paketen war auch Kaffee drin", sagte Elfie, "und
Tee. Das war alles nicht billig. Ganz zu schweigen vom Porto."
"Das weiß ich ja", sagte Lucie. "Besonders die leeren
Joghurtbecher konnte ich immer sehr gut gebrauchen. Ich bin dir heute noch
dankbar dafür."
"Wieso?" fragte Lisa. "Das ist doch alles abgerechnet worden.
Jedes Paket konntet ihr von der Steuer absetzen ..."
"Von der Steuer absetzen heißt noch lange nicht, daß man
das ganze Geld wiederbekommt", erklärte Hubert.
"... und außerdem habt ihr doch für jedes Paket sechzig Mark
von Lucies Konto abgebucht", beendete Lisa ihren Satz.
"Woher weißt du das?" fragte Hubert scharf.
Lisa holte die zusammengehefteten Kontoauszüge von Lucie aus ihrer
Tasche und legte sie auf den Tisch. Einzelne Blätter hatte sie mit gelben
Klebezetteln markiert.
"Hier sind die Buchungen", sagte Lisa. "Zu Weihnachten habt
ihr sogar für hundert Mark Geschenke nach Erfurt geschickt."
"Das war mit Willi so abgemacht", versicherte Elfie eilig.
"Streitet euch nicht", meinte Lucie besänftigend. "Die
Pakete haben der ganzen Familie sehr geholfen, das war die Hauptsache."
"Außerdem haben wir Lucie in den Urlaub eingeladen", sagte
Elfie.
"Ja, zweimal", sagte Lisa. "Ihr habt euch jeweils
eintausendfünfhundert Mark überwiesen, im Juli fünfundachtzig
und im August sechsundachtzig."
"So ein Urlaub kostet doch auch Geld", sagte Lucie. "Ich
finde das gerechtfertigt. Allein schon die Übernachtung und die
Verpflegung im Schwarzwald."
"Jeweils eine Woche auf dem Campingplatz", ergänzte Lisa.
Robert kam mit einer Familienpackung Eis an den Tisch. Elfie klemmte ihm ein
Tempotaschentuch in den Ausschnitt. "Aber iß langsam, daß du
kein Bauchweh kriegst." Zu Lisa gewandt: "Hubert hat sich immer
freigenommen, um Lucie vom Bahnhof abzuholen. Du mußt einfach mal den
Verdienstausfall zusammenrechnen."
"Ich rechne es Elfie und Hubert hoch an, daß sie mich alte Frau
in den Urlaub mitgenommen haben. Ich war doch eine Belastung für euch
junge Leute."
"Aber Mutti, so darfst du das nicht sehen."
"Doch, doch", meinte Hubert, "wenn wir schon aufrechnen, dann
müssen wir alles auf den Tisch legen. Wir hatten es damals auch nicht so
üppig, denn das Haus war gerade erst fertig geworden, und wir hatten
Schulden. Wir konnten wirklich keine großen Sprünge machen. Und
trotzdem haben wir uns um Lucie gekümmert."
Die Frau vom Kiosk kam an den Tisch. "Haben die Herrschaften noch einen
Wunsch?"
"Wieso, ist Schichtwechsel?" mokierte sich Hubert.
Sie ignorierte seine Provokation.
"Ich zahle", sagten Lisa und Lucie gleichzeitig. Sie lachten.
"Wie früher", sagte Lisa lachend, "wenn wir uns im
Restaurant um die Rechnung gestritten haben."
Hubert grinste. "Ich würde mich nie ums Bezahlen streiten."
"Ich auch nicht." Lisa reichte der Verkäuferin einen Schein.
"Stimmt so."
"Fünf Mark Trinkgeld?" wunderte sich Elfie. "Na, du
mußt es ja haben."
"Da hast du die sogenannte Armut im Osten", sagte Hubert.
"Denen geht es besser als uns. Wir haben damals mit vierzig Mark
angefangen. Und euch hat man das wertlose Ostgeld zwei zu eins umgetauscht. Von
der Währungskriminalität will ich erst gar nicht reden. Man darf gar
nicht daran denken, wie das unsere Wirtschaft belastet hat."
"Du redest, als wolltest du die ganze deutsche Misere mir und Lucie in
die Schuhe schieben", regte sich Lisa auf. "Ich habe nicht darum
gebeten, Bundesbürgerin zu werden."
"Aber die Vorteile nutzt du", keifte Hubert. "Ich habe mein
ganzes Leben lang hart gearbeitet, aber ein halbes Jahr auf Kreta, wie du,
konnte ich mir nicht leisten."
"Tu doch nicht so, als hättest du ein Leben voller Entbehrungen
geführt", sagte Lisa. "Ich war auf Kreta, du hast ein Haus und
ein dickes Auto."
"Bist wohl neidisch?" fragte Hubert.
"Jeder entscheidet für sich, was gut ist", sagte Elfie
beschwichtigend. "Freuen wir uns lieber, daß unsere Familie wieder
vereint ist ..."
"Ja, vereint und gemeinsam an einem Tisch." Lucie mußte sich
schneuzen, sie erinnerte sich an die Stasiverhöre. Sie lächelte
abwesend.
"Und daß Lisa nach vierzig Jahren ihr Fernweh stillt, ist doch
nur verständlich", meinte Elfie, freundlicher als nötig.
"Ich habe nicht vierzig Jahre in der DDR gelebt, sondern nur
dreiundzwanzig", korrigierte Lisa.
"Ich gucke mal nach den Verfolgern", rief Robert und rannte aus
dem Zelt.
"Was für Verfolger?" fragte Lisa erschrocken. Dieter Hugosch
etwa, der war nicht auf der Beerdigung gewesen. Nein, das konnte nicht sein.
"Ach was, Hubert hat uns ganz verrückt gemacht", spielte
Elfie die Sache herunter. "Vorhin sind eine ganze Zeit zwei Autos hinter
uns gefahren. Der letzte ist vor einer halben Stunde abgebogen. Mein Mann
hört manchmal das Gras wachsen."
"Das ging über zweihundert Kilometer", regte sich Hubert auf.
"Aber ich konnte ja nicht schneller fahren wegen eurer Nuckelpinne. Warum
kaufst du dir kein neues Auto, Lucie?"
Lucie lächelte. "Wovon denn? Von meinen siebenhundert Mark Rente?
Eine neue Waschmaschine wäre viel nötiger."
"Wir haben dir doch für die Währungsumstellung zehntausend Ostmark
übergeben", erinnerte sich Elfie.
"Halt dich da raus", sagte Hubert zu seiner Frau.
"Na, hör mal, es geht um meine Mutter!" regte sich Elfie auf.
"Du hattest tausend Westmark von Lucies Konto umgerubelt eins zu zehn
..."
"Das steht doch jetzt gar nicht zur Debatte", fauchte Hubert.
"Das ist eine ganz andere Geschichte."
"Apropos Westkonto", sagte Lisa. "Ich habe alle Auszüge
für Lucie geprüft. Das Konto weist Ende Juni einen Habensaldo von
sechsundzwanzigtausend Mark auf."
"Das ist sehr viel Geld", sagte Elfie ehrfurchtsvoll.
"Bei meiner Durchsicht der Auszüge aus dem Jahre einundachtzig ist
mir aufgefallen, daß einige Kontoauszüge fehlen." Lisa schlug
die ersten mit gelben Klebezetteln markierten Auszüge auf, Nummer
vierundzwanzig und Nummer siebenundzwanzig. "Wo sind die Auszüge
dazwischen? Es fehlen zwei Stück."
"Zeig her!" Hubert riß ihr das Heftchen weg, um sich von
Lisas Behauptung zu überzeugen. "Was weiß ich", sagte er.
"Die hat jemand rausgenommen."
"Aus welchem Grund? Nur ihr beide hattet die volle
Verfügungsgewalt über das Konto", sagte Lisa ruhig. "Oder
hast du irgendwelche Auszüge herausgenommen, Lucie?"
"Nein, warum sollte ich? Ich habe das Heft nie angefaßt. Davon
verstehe ich zu wenig."
"Ich habe auch keine herausgenommen", sagte Lisa. "Wo sind
also die fehlenden Auszüge?"
"Ist das ein kommunistisches Verhör?" brauste Hubert auf.
"Sag doch gleich Gestapo", konterte Lisa.
Hubert räusperte sich, besah sich nochmals die Auszüge. "Ich
weiß gar nicht, was du willst. Auf Nummer vierundzwanzig steht
zwölftausend und auf Nummer siebenundzwanzig auch. Die Beträge sind
gleich."
"Welche Buchungen sind auf den fehlenden Belegen getätigt
worden?" Lisa ließ nicht locker.
"Wovon redet ihr überhaupt", entrüstete sich Elfie.
"Wir kommen von einer Beerdigung!"
Lucie streichelte ihr über die Hand und sagte: "Wenn einer in der
Familie gestorben ist, haben die Angehörigen ein Recht darauf, auch
über Geld zu reden."
"Das ist doch pietätlos", sagte Elfie und hielt ein
umhäkeltes Taschentuch unter ihre Nase.
"An vier weiteren Stellen fehlen ebenfalls jeweils zwei
Kontoauszüge", sagte Lisa. Sie zeigte Hubert die anderen markierten
Stellen.
"Mein Gott, das ist über zehn Jahre her", ereiferte sich Hubert.
"Wie soll ich wissen, was mit den Zetteln passiert ist? Wir haben damals
gerade das Haus gebaut. Vielleicht sind sie beim Umzug verschüttgegangen."
"Eigenartig", sagte Lisa, "daß vom Jahre einundachtzig
genau die beiden Belege fehlen, wonach Willi zwanzigtausend Mark auf Lucies
Konto überwiesen hat."
"Woher weißt du das?"
"Ich habe hier Willis Einzahlungsbelege, die gesamten
Überweisungen an die Familie."
"Wieso hast du die? Wieso ...?" Elfie entrüstete sich.
Lisa gab jedem einen Ausdruck. Hubert riß die Kopie an sich und
überflog hastig die Überweisungen. Er erkannte, daß Lisa die
Kontrolle über die gesamte Kontoführung hatte.
"Das lasse ich mir von dir nicht gefallen!" schrie er aufgeregt
und versuchte die Kopien wieder einzusammeln. Doch Lucie hielt ihre fest.
"Ich habe ein Recht auf Klärung, Hubert."
"Dann weißt du womöglich auch, wo Willi sein restliches
Vermögen hat?" fragte Hubert ablenkend.
Lisa spürte, wie sie rot wurde.
"Ich verstehe genug von Buchhaltung, um zu wissen, daß Kontoauszüge
laufend durchnumeriert sind."
"Du ziehst da was an den Haaren herbei." Hubert wirkte
versöhnlicher. "Ich kann dir versichern, daß wir Lucies Konto
nach bestem Wissen und Gewissen geführt haben. Wenn Auszüge fehlen,
dann ist das bedauerlich, aber wir werden doch nicht so ein Theater machen
wegen ein paar verlorengegangener Zettel. Wir sind doch eine Familie."
"Es geht mir nicht um irgendwelche Zettel", brauste Lisa auf.
"Es geht hier um fünfmal zwanzigtausend Mark, die Willi an seine
Mutter überwiesen hat, die aber nirgendwo auf ihrem Konto
auftauchen!"
"Das kannst du doch gar nicht beurteilen", erregte sich Hubert.
"O doch." Lisa faltete ein Blatt auseinander, auf dem sie mit dem
Computer Willis Zahlungen aufgelistet hatte. Parallel zu den Überweisungen
an Lucie waren auch jeweils zwanzigtausend Mark auf die Konten von Elfie,
Hubert, Elke, Ernst, Lisa und Herbert geflossen, wie auch auf Sabines Konto und
im letzten Jahr vor seinem Tod je zwanzigtausend auf Alexandras und Silvys
Konten.
Lisa übergab jedem auch eine Kopie dieser Aufstellung.
"Wie das?" fragte Elfie. "Dir hat er auch zwanzigtausend
überwiesen?"
"Mir auch, genauso wie euch, Elke, Ernst ..."
"Haben etwa die anderen Frauen auf der Beerdigung auch alle Geld
bekommen?" empörte sich Elfie.
"Natürlich", sagte Lisa. Sie genoß Elfies
Empörung, dann fügte sie hinzu: "Sie waren doch seine Frauen. Er
hat mit ihnen gelebt, nur ohne Trauschein."
"Aber das geht doch nicht! Er hätte zuerst an seine Familie denken
müssen, nicht an diese Personen, die es ja nur auf sein Geld abgesehen
hatten."
Hubert beschwichtigte seine Frau: "Es war Willis Geld, und er konnte
damit machen, was er wollte."
"Mit dem eigenen Geld kann jeder machen, was er will", sagte Lisa.
"Aber nicht mit Lucies Geld."
"Lisa", mischte sich Elfie ein, "ich finde es schön,
daß du dir soviel Mühe gibst und uns diese Aufstellungen
überreichst. Aber sieh mal, du kannst das alles gar nicht wissen - zum
Beispiel wie Banken bei uns funktionieren, Kontogebühren und das alles.
Jede einzelne Buchung kostet bei uns Geld, Mädchen. Du bist nun mal in der
Ostzone aufgewachsen ..."
"Das heißt DDR", verbesserte Lisa.
"In der sogenannten DDR", korrigierte Hubert. "Lucie, nun sag
doch auch mal was! Denkst du etwa, wir hätten ..."
"Das einzige, was ich bis jetzt verstanden habe", sagte Lucie, "ist,
daß genau zu der Zeit, als Willi mir Geld überwiesen hat, ihr euer
Haus gebaut habt, und daß jetzt nach Lisas Liste auf meinem Konto hunderttausend
Mark fehlen." Sie blätterte in den Kontoauszügen. Dann sah sie
Elfie an, der die Röte ins Gesicht schoß, lächelte und sagte:
"Aber ich vertraue euch, ihr werdet schon gewußt haben, wie ihr mein
Geld am besten anlegt."
"Das haben wir auch", sagte Elfie.
"So?" fragte Lisa.
Hubert schlug mit der Faust auf den wackligen Plastiktisch und fuhr Elfie
wütend an: "Ich habe gesagt, du sollst dich da raushalten. Du
kümmerst dich doch sonst nie um Bankgeschäfte!"
Elfie war beleidigt. "Es war deine Idee, das Geld für das Haus von
Mutters Konto zu nehmen, kurzfristig, versteht sich. Es konnte ja keiner ahnen,
daß die Mauer so schnell fallen würde. Wir sind alle überrascht
worden, nicht wahr, Lucie?"
"Aha", machte Lisa. "Jetzt sind wir endlich ein Stück
weiter."
"Ich verstehe", sagte Lucie. "Ihr wolltet das Haus bauen, hattet
aber nicht genug Geld. Und es lag genügend Geld auf meinem Konto, an das
ich sowieso nicht herankam. Ihr habt euch das Geld von mir geborgt in der Annahme,
ich hätte zugestimmt. Die Fünftausend von der Währungsumstellung
habt ihr auch behalten."
"Nein", behauptete Hubert. "Das Geld ist ja nicht weg, es ist
im Haus."
"In eurem Haus", verbesserte Lisa.
"Das ist ja alles nicht schlimm", sagte Lucie, "aber warum
habt ihr mich nicht gefragt?"
"Wir konnten doch nicht", jammerte Elfie. "Wir wollten dich
nicht in Gefahr bringen."
"In welche Gefahr?"
"Hätten wir denn Honecker schreiben sollen?" fragte Hubert.
"Der hätte dich gleich eingesperrt."
"Wir konnten es nicht schreiben", sagte Elfie, "die Stasi hat
doch alle Briefe gelesen."
"Aber bei euren Besuchen hättet ihr darüber reden
können", sagte Lisa.
"In der Zone wurden alle abgehört", sagte Hubert.
"Nachher hätten die uns nicht wieder nach Hause gelassen."
"Und ist der Schwarzwald auch verwanzt?" fragte Lisa. "Lucie
war vor der Wende bei euch. Ihr habt euch über zehn Jahre hinweg
hunderttausend Mark geliehen. Was ist eigentlich mit den Zinsen für das
Geld?"
"Wieso denn Zinsen?" fragte Hubert. "Zinsen innerhalb der Familie
- so was habe ich ja noch nie gehört!"
"Lucie könnte heute von den Zinsen leben", sagte Lisa,
"wenn ihr euch nicht so großzügig bedient hättet."
"Wirklich?" fragte Lucie.
"Wart ihr wenigstens so clever und habt für Lucie eine Wohnung im
Haus gebaut?"
"Wir haben erst einmal für Robert das Dachgeschoß
ausgebaut", sagte Elfie. "Wir konnten ja nicht wissen, daß die
Mauer fallen würde."
"Schön dumm", meinte Lisa.
"Du kannst das gar nicht beurteilen", sagte Hubert. "Es waren
andere Zeiten damals. Und jetzt kommst du daher mit deiner kommunistischen
Halbbildung und willst uns den Kapitalismus erklären? Auf deine
Erklärungen verzichte ich. Natürlich werden wir Lucie das Geld
zurückzahlen mit Zinsen und Zinseszins."
"Und wann?" fragte Lisa aufgebracht. "Lucie ist
zweiundsiebzig Jahre alt. Sie braucht das Geld jetzt. Willst du auf einen
Lottogewinn warten?"
"Wir müssen uns hier nicht von so einer Ossimaus derart beleidigen
lassen", sagte Hubert erbost. "Die Ostzone ist uns beigetreten, nicht
umgekehrt, verstanden? Wir sind die Sieger der Geschichte! Denn euer System hat
jämmerlich versagt. Also reiß deinen Mund nicht zu weit auf!"
Lisa zwang sich zur Ruhe. "Der Beitritt berechtigt dich noch lange
nicht, das Faustrecht einzuführen. Es gilt deutsches Recht für alle.
Und ich werde nicht zurückschrecken, für Lucie das Geld gerichtlich
einzuklagen."
"Willst du mir drohen?"
"Jetzt ja."
Lucies Augen wurden immer größer. "Ich bitte euch Kinder,
streitet euch nicht, ich bitte euch. Das Geld ist im Haus, und da liegt es gut.
Elfie hätte es sowieso geerbt."
"Da hast du es", sagte Elfie triumphierend zu Lisa.
"Und wo sind die siebzigtausend Mark, die Willi kurz vor seinem Tod an
Lucie überwiesen hat?" fragte Lisa und zeigte auf die Kopien.
"Siebzigtausend?" wunderte sich Lucie. "Davon weiß ich
ja gar nichts."
"Wenigstens die müßten auf ihrem Konto sein. Aber eigenartigerweise
fehlen auch diese beiden Belege, der von der Einzahlung und der von eurer Abbuchung.
Das Haus ist ja fertig. Parken die siebzigtausend vielleicht dahinten auf vier
Rädern?"
Hubert und Elfie schwiegen. Robert platzte heraus: "Der Mercedes hat hundertfünfzigtausend
gekostet, stimmt's, Vati?" Elfie gab ihm einen Klaps auf den Mund.
"Deine Mutter", sagte Lisa zu Elfie, "bekommt siebenhundert
Mark Rente im Monat."
"Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst", sagte Hubert.
"Schenk du ihr doch im Monat tausend Mark. Auf dein Konto hat Willi doch
auch überwiesen."
"Mein Geld nimmt Lucie nicht an, denn sie hat im Gegensatz zu euch eine
Ehre im Leib."
"Borgen bringt Sorgen", sagte Lucie und seufzte.
"Aber auf das Konto hat sie einen Anspruch", sagte Lisa. "Das
ist ihr Geld, um das sie niemanden bitten muß." Lisa zitterte vor
Wut.
"Erbschleicherin", sagte Elfie verächtlich.
"Du kannst mich nicht beleidigen", sagte Lisa, "es geht um Lucies
Geld, das euch nicht gehört, das ihr euch aber unter den Nagel gerissen
habt. Reden wir also über die Rückzahlung."
Elfie startete erneut ein Ablenkungsmanöver: "Es ist wirklich sehr
taktlos, jetzt von Geld zu reden, statt Lucie zu trösten."
"Ich brauche keinen Trost." Lucie wich der ausgestreckten Hand
ihrer Tochter aus.
"Ich schlage vor", sagte Lisa, "daß ihr Lucie von jetzt
ab monatlich fünftausend Mark zurückzahlt, immer pünktlich zum
Ersten. In drei Jahren hättet ihr dann hundertachtzigtausend abgezahlt.
Dann reden wir über die Zinsen."
"Fünftausend im Monat, das können wir nicht", sagte
Hubert außer sich.
"Dann nimmst du eben eine Hypothek auf das Haus auf", sagte Lisa.
"Da ist schon eine drauf."
"Verkaufst du eben deinen Mercedes und fährst ein bescheideneres
Auto."
"Ich brauche den Wagen zur Repräsentation. Ich muß meine
Familie schließlich allein ernähren."
"Elfie, du gehst nicht mehr arbeiten?" fragte Lucie erstaunt.
"Ich habe noch nie gearbeitet", gab Elfie verunsichert zu.
"Ich dachte, du arbeitest in der Keksfabrik", sagte Lisa.
"Das ist eine Freundin von mir, die hat mir immer die Kekse
mitgebracht."
"Wir haben alle geglaubt, du wärst Sekretärin in der
Keksfabrik Villingen", sagte Lisa belustigt.
"Meine Frau hat mit Robert und dem Haus genug zu tun", verteidigte
Hubert sie.
"Dann schlage ich vor, du gehst arbeiten", sagte Lisa,
"Robert ist ja aus dem Gröbsten raus."
"Wir lassen uns unser Leben nicht von dir vorschreiben", sagte
Hubert kategorisch. "Du hast doch mit der ganzen Geschichte nichts zu
tun."
"Nein", meinte Lucie, "Lisa hat recht. Es wäre besser,
wenn du arbeiten gingest, Elfie. Nicht wegen des Geldes. Glaub mir. Ich habe
auch bis zur Rente gearbeitet."
"Ich gebe ab und zu Klavierstunden", sagte Elfie. "Meine
Schüler wären sehr traurig, wenn ich sie nicht mehr
unterrichtete."
"Jetzt hört mal alle her", sagte Lucie. "Im vollen
Besitz meiner geistigen Kräfte und unter Zeugen vererbe ich dir, Elfie,
hunderttausend Mark. Die brauchst du mir nicht zurückzuzahlen."
Elfie starrte ihre Mutter mit großen Augen an und fragte: "Mir
persönlich vererbst du das Geld?"
Hubert wollte etwas sagen, doch Lucie schnitt ihm das Wort ab: "Ja,
aber die siebzigtausend hätte ich schon ganz gern wieder. Für ein
neues Auto und eine Waschmaschine. So, jetzt komm, Lisa, ich will nach
Erfurt."
Lucie stand auf, streichelte Robert über den Kopf, gab ihm einen
Kuß und überreichte ihm ein kleines Portemonnaie mit Münzen
drin.
"Für deine Spardose."
Robert vergaß sich zu verabschieden. Er vertiefte sich ins
Geldzählen.
17. Kapitel