Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
15. KAPITEL
Lucie Meerbusch will Ehre, nicht Rache
282 Tage deutscher Einheit
Die Luft über den Betonplatten der Autobahn flimmerte. Lisas Hände
waren feucht geworden. Schweißtropfen liefen über Gesicht und
Körper. Immer wieder tauchten vor ihr die Gestalten der Mörder auf
dem Biesenthaler Friedhof auf, immer wieder sah sie die Gesichter der Fotos,
die sie ständig bei sich trug. Die harte Federung des Wartburgs reagierte
auf jeden Teerstreifen, der die Betonplatten der Fahrbahn trennte. Lisa war die
ganze Zeit wie ein Automat gefahren. Sie hatte kaum registriert, daß das
Autobahnkreuz Schkeuditz längst hinter ihnen lag.
Lisa wehrte sich zu glauben, was Lucie erzählt hatte. Sie wollte es einfach
nicht glauben, obwohl sie aus den Akten wußte, daß Dieter Hugosch
der Vernehmer gewesen war. Er hatte Kronbechers Befehl befolgt, zu beweisen,
daß Lucie Meerbusch ein Sicherheitsrisiko für die DDR darstellte.
Lisa wußte aber auch, daß es damals nicht um Lucie ging. Ihre Delegierung
nach Düsseldorf, die Erteilung des Visums für die Westreise hatte
man von oberster Stelle als Vorwand benutzt, um den Offizier und Genossen Willi
Meerbusch zu zwingen, Auskunft über die Herkunft von einhunderttausend
DM zu geben, mit denen er seine Koproduktion der Kölner Laoze-Film-Gruppe
finanziert hatte. Willis Erklärung, es habe sich dabei lediglich um eine
Bürgschaft gehandelt, reichte Kronbecher nicht. Er hegte den Verdacht,
Willi Meerbusch sei noch in andere Geldgeschäfte verwickelt. Klaus Uhland
allerdings tauchte in den Akten nicht auf.
Die Indizien waren eindeutig, Lisa Meerbusch wollte nur noch die Recherchen
von Frohner abwarten, dann würde sie handeln, aber nicht unüberlegt.
"Ich fahre bei nächster Gelegenheit auf einen Parkplatz",
sagte Lisa.
Lucie war einverstanden.
"Warum hast du mir nie erzählt, daß du im Gefängnis
warst?" fragte Lisa.
"Ich habe mich geschämt", sagte Lucie niedergeschlagen.
"Was hättest du denn von mir gedacht?"
"Wie lange warst du denn drin?"
"Einhundertvierunddreißig Tage, gut vier Monate, vom sechzehnten
August bis zum zwanzigsten Dezember neunzehnhundertfünfundsiebzig. Am
siebenundzwanzigsten September jenen Jahres ist mein Vater in Heidelberg
gestorben. Die haben mir nichts davon gesagt. Das habe ich erst von Willi
erfahren, als er mich rausgeholt hat. Ohne Willi hätte ich die fünf
Jahre absitzen müssen. Er ist sogar aus der Schweiz gekommen und hat um
meine Freilassung gekämpft. Ernst, dein Vater, hat mich nicht einmal im
Gefängnis besucht."
In Lisa stieg Empörung auf. Ernst Meerbusch hatte für seine Mutter
keinen Finger gekrümmt. Er brauchte für keines seiner Verbrechen zu
büßen. In diesem Moment fand Lisa es unpassend, ihrer Erfurtomi zu
sagen, wie tief ihr Sohn Willi in den Intrigen der Staatssicherheit verstrickt
war, die sie nur als Faustpfand benutzt hatte, um Willi zu erpressen.
Lisa hatte in den Protokollen gelesen, die über Lucies Haft, über
die Verhöre und den Strafvollzug angefertigt worden waren. In der DDR gab
es offiziell keine politischen Häftlinge, und Lucie war nach ihrer
Urteilsverkündung in eine Zelle zusammen mit einer Mörderin, einer
Betrügerin und einer gewalttätigen Frau gesperrt worden. Sogar im
Gefängnis noch hatte Eva Schmiedinger sie von anderen inhaftierten Frauen
bespitzeln lassen, und sie hatte eine Verleumdungsintrige unter den
Häftlingen eingefädelt, wofür Lucie in der Zelle von ihren
Zellengenossinnen brutal verprügelt worden war.
"Deine Geschichte muß öffentlich gemacht werden", sagte
sie wütend. "Kannst du dich an Namen erinnern?"
"Wie denn? Nein, vorgestellt hat sich niemand von denen.
Außerdem, Lisa, nach Rache ist mir nicht zumute. Nein, ich wünsche
niemandem Unglück. Sieh mal, es hat sich ja viel verändert. Ich
möchte nur freigesprochen werden von dem ungerechtfertigten Vorwurf. Ich
möchte mein Leben als unbescholtene Bürgerin beenden. Ich möchte
ein amtliches Papier, das mich rehabilitiert. Moralisch bin ich ja schon
freigesprochen ... aber ich will es auch juristisch sein. Wir leben immer noch
in Deutschland, vielleicht heißt es später, ich sei doch
vorbestraft."
"Aber wovon soll man dich denn freisprechen?" unterbrach Lisa. "Du
hast nichts verbrochen, nicht nach DDR-Recht und schon gar nicht nach bundesdeutschem
Recht. Es gibt nichts, wovon man dich freisprechen müßte! Deine Peiniger
müssen angeklagt werden. Das ist die einzige Gerechtigkeit, die dir widerfahren
kann!"
"Das macht nichts rückgängig", sagte Lucie ruhig.
"Sieh mal, ich konnte meinen Vater nicht noch einmal sehen, er ist ohne
mich unter die Erde gekommen, ich kann nur noch sein Grab besuchen. Das ist es,
was ich den Funktionären in der DDR nie verzeihen kann."
"Du hast vier Monate lang im Gefängnis gesessen", insistierte
Lisa. "Du müßtest doch Haftentschädigung bekommen."
"Ach, Kindchen, die Zeit gibt mir niemand zurück. Viel trauriger
finde ich, daß ich das Vertrauen zu Klaus Uhland verloren habe. Er hatte
mit der ganzen Geschichte nachweislich nichts zu tun."
"Woher weißt du das?" fragte Lisa.
"Willi hat es mir gesagt. Aber erst später."
"Und wieso ...", Lisa suchte nach Worten, "... da wäre
doch mit einem klärenden Gespräch ... ich meine, zwischen dir und
Klaus Uhland ..."
"Die Zeit, die Zeit, mein liebes Mädchen, ich will dir mal etwas
sagen", Lucie wurde kategorisch, "wenn man einmal einem Menschen
derart mißtraut hat, dann kann man von diesem Menschen nicht verlangen,
daß der einem noch einmal vertraut. Verstehst du?"
"Nein."
"Ich hätte Klaus besser kennen sollen nach all den Jahren, nach allem,
was er für mich und meine Kinder getan hat. Ich habe ihn eine Zeitlang
gehaßt, weil ich glaubte, er hätte mich denunziert. So ein Vorwurf
ist nicht mit einem klärenden Gespräch aus der Welt geschafft. Da
ist etwas unwiederbringlich kaputtgegangen zwischen uns. Für dieses Mißtrauen
schäme ich mich."
Lucie weinte, sie mußte mit dem Taschentuch immer wieder in ihre
Augenwinkel tupfen.
"Ich bin trotzdem der Meinung, daß du entschädigt werden mußt",
sagte Lisa. "Du hast deine Position im Betrieb verloren und den Goldschmuck
..."
"Das Gold haben sie eingeschmolzen", sagte Lucie. "Aber
vielleicht ist das gut so. Ich behalte lieber die Menschen in Erinnerung, dazu
brauche ich kein Gold. Ich möchte nur rehabilitiert werden. Das Urteil von
damals soll aufgehoben werden."
"Aber warum?" fragte Lisa.
"Ach, Kind, laß die Geschichte ruhen."
"Nein, ich will das wissen", beharrte Lisa. "Alle um mich herum
haben mich mein Leben lang im Ungewissen gelassen. Blindheit schützt vor
Mitschuld nicht. Das habe ich inzwischen gelernt, Lucie. Was soll ich meinen
Kindern sagen, wenn sie mich nach der DDR fragen? Soll ich ihnen erzählen,
wie glücklich ich bei den Jungen Pionieren gewesen bin, und daß ich
von allem anderen nichts gewußt habe? Ich glaube nicht, daß sie
sich damit zufriedengeben werden. Ich möchte von dir die ganze Geschichte
erfahren, Lucie. Ich will wissen, in was für einen Staat ich hineingeboren
wurde, und in was für einer Gesellschaft ich gelebt habe. Daran will ich
mein Lebtag denken - ich will es nicht vergessen." Lisa hatte sich in Rage
geredet. Sie atmete schwer. Lucie blickte starr aus dem Fenster.
"Du hattest doch einen Prozeß?" fragte Lisa nach einer
Weile.
"Erst nach über einem Monat. Die Zeit meiner Untersuchungshaft
wurde nicht angerechnet, weil ich selbst die Untersuchung verzögert
hätte durch meine mangelnde Kooperationsbereitschaft. Dabei hatte ich noch
Glück. Andere Frauen haben ein halbes Jahr und länger auf ihren
Prozeß warten müssen."
Lucie seufzte. Sie sagte, daß sie alles vergessen wolle. "Aber
ich kann es nicht." Immer wieder hörte sie die Stimmen der Vernehmer,
immer wieder dieselben Fragen. Die Erinnerung daran ließ sie jetzt, da
sie angefangen hatte, alles zu erzählen, nicht mehr los.
Ihr Verteidiger saß in einem winzigen Zimmer. Zum ersten Mal seit Wochen
erblickte sie wieder Tageslicht. Die Sonne schien, ein paar Federwölkchen
zogen über den blauen Sommerhimmel. Lucie war ergriffen von dieser Schönheit,
die sie wie ein Geschenk empfand. Sie konnte sich nur schwer auf das konzentrieren,
was der Verteidiger sagte. Er war ein schmächtiges Männchen mit brüchiger
Stimme. Die Finger seiner Rechten waren gelbbraun. Geruch von kaltem Rauch umgab
ihn.
"Sie haben Ihre Anklageschrift gelesen", stellte er fest.
"Das habe ich", antwortete Lucie. "Aber das ist alles nicht
wahr."
"Das sagt jeder", versetzte er kalt und schaute auf die Uhr.
"Frau, äh ...", in seinen Akten las er den Namen ab, "...
äh, Frau Meerbusch, erwarten Sie keine Wunder. Am besten, Sie geben alles
zu, das vereinfacht die Sache."
Lucie blickte ihn ungläubig an. "Was sagen Sie da?"
"Ich weiß", entgegnete er, "das ist nicht leicht, aber
es könnte sich strafmildernd auswirken."
"Strafe? Wofür? Nein, ich werde nicht lügen", sagte
Lucie entschlossen.
"Sie tun sich damit aber keinen Gefallen, und Ihrer Familie erst recht
nicht. Überschlafen Sie diese Angelegenheit noch einmal, ich werde
zusehen, daß ich bis zum Prozeß nächste Woche noch einmal
einen Termin für Sie bekomme. Versprechen kann ich das nicht. Ich rate
Ihnen nur, die Sache nicht unnötig zu komplizieren."
Der Verteidiger verließ den Raum. Lucie war durcheinander. Auf welcher
Seite stand der Verteidiger? Die Wächterin führte sie zurück in
die Zelle. Die frischen Kleider mußte sie wieder abgeben.
Auf den Prozeß setzte Lucie all ihre Hoffnungen. Ihr Sohn Ernst, der
Familienrichter, schwor auf das sozialistische Recht. Sie würde ihr Recht
bekommen. Da konnten die Vernehmer noch so falsche Behauptungen aufstellen. Sie
würde dem Richter sagen, wie sie behandelt worden war, daß sich
niemand um ihr geschundenes Knie gekümmert, daß man ihr jegliche
ärztliche Hilfe verweigert hatte. Sie würde ihm sagen, wie es zu den
Mißverständnissen gekommen war, daß sie auf einer Dienstreise
unterwegs war, daß sie vom Betrieb delegiert worden war, dank ihrer
Leistungen und Zuverlässigkeit. Wenn sie unter Eid aussagte, dann konnte
man ihre Aussage nicht einfach verfälschen. Sie würde darauf
bestehen, daß Kolleginnen als Zeugen aussagten. Vor einem Gericht der DDR
würde ihr Recht widerfahren. Vielleicht würde sie dann bald Elke,
Ernst und Willi wiedersehen? Zwar machte der Verteidiger ihr nicht eben Mut.
Aber sie hatte selbst einen Mund zum Reden.
Lucie sehnte den Prozeß herbei. Bis zum Prozeß ließ sich
der Verteidiger nicht mehr blicken.
Der Gerichtssaal war so groß wie ein Klassenzimmer. Unter dem Bildnis
Honeckers, demselben Foto, das auch bei Klaus Uhland über dem Beratungstisch
hing, nahm die Richterin Platz. Zur Fensterseite hin setzten sich die Schöffen.
Eine hölzernes Geländer trennte das Gericht vom Saal. Links davor
nahm der Staatsanwalt Platz, rechts Lucie mit dem Verteidiger; sie saßen
beengt wie in einer Schulbank. Zwischen Anklage und Verteidigung war der Zeugenstand,
der in diesem Prozeß nicht benötigt werden würde.
Die drei Bankreihen im hinteren Teil des Raumes waren für Zuschauer
vorgesehen. Die Richterin schloß zuerst die nicht vorhandene
Öffentlichkeit aus, bevor sie den Prozeß eröffnete.
"Warum ohne Öffentlichkeit?" flüsterte Lucie dem
Verteidiger zu.
Der legte den Finger auf den Mund und nuschelte: "Ist so üblich
bei dieser Art von Prozessen."
"Welcher Art?"
Der Verteidiger hob die Schultern.
Lucie beantwortete die Fragen nach ihren persönlichen Daten.
Mühsam nur dämpfte sie ihre Erregung. Sie brannte darauf, endlich das
alles aussagen zu können, was ihr wochenlang durch den Kopf gegangen war.
Der Verteidiger bedeutete ihr, nur auf Fragen zu antworten.
Der Staatsanwalt verlas die umfassende Anklage und legte die
Beweisstücke vor: Der Brief, den Lucie eine Woche vor ihrer Abreise nach
Düsseldorf an ihre Tochter Elfie geschrieben hatte, wurde ihr als
unerlaubte Kontaktaufnahme zum westlichen Ausland ausgelegt. Die Sätze, in
denen Lucie geschrieben hatte, wie sehr sie sich freue, ihre Tochter wieder in
den Armen zu halten und am gemeinsamen Tisch zu sitzen, wurden als
konterrevolutionäre Handlung und staatsfeindliche Äußerungen
interpretiert; Lucie hätte auf die Wiedervereinigung Deutschlands
hingearbeitet. Die Modeillustrierten aus dem Westen, die Lucie in ihrer Wohnung
aufbewahrte, waren in den Augen des Staatsanwaltes imperialistisches
Propagandamaterial, das die Angeklagte bei ihren Kollegen zu verbreiten
versucht hatte. Urlaubsfotos, die sie ein Jahr zuvor im Harz gemacht hatte,
waren plötzlich illegale Aufnahmen der DDR-Grenzanlagen zu
Spionagezwecken. Die Liste der Anklagepunkte war lang, die Beweisstücke -
bis hin zu den Gutachten über den Wert des Goldschmuckes - häuften
sich vor der Richterin.
Während dessen beobachtete Lucie die Richterin, deren Augen nervös
von einem Winkel des Raumes zum anderen und auf den Schreibtisch wanderten,
wo sie ständig in Akten blätterte. Trafen sich Lucies und ihre Blicke,
fuhr sich die Richterin durch das Haar. Jung war sie noch, könnte vom Alter
her ihre Tochter sein. Abwechselnd kniff sie die Lippen aufeinander oder beleckte
sie.
Einer der Schöffen war eingenickt. Zur Beweisführung wurden lange
Passagen aus den Protokollen von Lucies Verhören vorgelegt. Bei so klarer
Beweislage konnte man auf die Ladung von Zeugen verzichten. Der Verteidiger
redete etwa eine Minute über Lucies Alter und daß sie im Betrieb
eine leitende Stellung innehatte. Dann fragte die Richterin mit dünner
Stimme: "Frau Meerbusch, möchten Sie sich dazu
äußern?"
Lucie hatte nur darauf gewartet, sie erhob sich. Doch alles, was sie sagen
wollte, war wie weggeblasen. Lucie atmete schwer. Der Raum begann sich zu
drehen. Sie schaute die Richterin an, ihr Blick streifte die drei
Schöffen, die gelangweilt auf ihren Plätzen hingen. Der
Eingeschlafene war aufgewacht und gähnte.
"Sehr verehrte Frau Richterin", begann Lucie. "Die
Vorwürfe gegen mich sind vollkommen unberechtigt." Sie achtete nicht
auf das Zischeln des Verteidigers. "Ich beteuere hiermit meine Unschuld.
Man hat mich ohne Grund meiner Freiheit beraubt. Die Anklageschrift wurde mir
nur kurz zur Verfügung gestellt, meinen Verteidiger habe ich vorher nur
für einige Minuten gesehen."
Die Richterin nahm Lucies Worte regungslos zur Kenntnis. Ihr Desinteresse
regte Lucie auf. Sie suchte nach Worten, mit denen sie die Richterin zu einer
menschlichen Regung bewegen konnte. Der Verteidiger zog sie am Ärmel.
Lucie setzte sich.
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück. Der Verteidiger meinte:
"Was ist denn nur in Sie gefahren? Jetzt kann ich gar nichts mehr für
Sie tun. Ich schätze, Sie bekommen zweieinhalb bis vier Jahre. Die
Urteilsbegründung höre ich mir nicht mehr an. Warum haben Sie nicht
auf mich gehört?"
"Ich sagte Ihnen doch, daß ich nicht lügen werde",
sagte Lucie.
"Und ich sagte Ihnen, Sie sollen nicht alles noch schlimmer machen,
verdammt!" Der Verteidiger reichte Lucie nur bis ans Kinn. Er fuchtelte
mit den Armen wie ein Zwerg, der sich Gehör verschaffen wollte. Dann
winkte er ab und sagte: "Sollte das Urteil empfindlich höher
ausfallen als vier Jahre, dann setzen Sie sich mit mir in Verbindung." Er
packte seine Akten zusammen. "Sie haben sich das selbst zuzuschreiben,
Frau Meerbusch. In den Augen des Gerichtes sind Sie uneinsichtig und
unbelehrbar. Na dann, alles Gute." Er verließ grußlos das
Gericht.
Nach einer Viertelstunde kam das Gericht wieder herein. Die Richterin verlas
das Urteil im Namen des Volkes. Das Gericht befand Lucie Meerbusch in folgenden
Anklagepunkten für schuldig: verfassungsfeindlicher Zusammenschluß,
staatsfeindliche Hetze, Spionage, versuchte Republikflucht, Staatsverleumdung.
Das Strafmaß wurde auf vier Jahre und sechs Monate festgesetzt. Die Zeit
der Untersuchungshaft könne nicht angerechnet werden, hieß es, da
die Angeklagte durch ihr unkooperatives und provokantes Verhalten die
Beweisaufnahme selbst verzögert habe. Sämtliches bewegliches Eigentum
der Angeklagten werde vorläufig beschlagnahmt.
"Angeklagte", sagte die Richterin, ohne Lucie anzuschauen,
"Sie haben die Möglichkeit, noch etwas zu sagen. Möchten Sie von
diesem Recht Gebrauch machen?"
"Sehr verehrte Frau Richterin", sagte Lucie. "Weiß
eigentlich Ihre Mutter, was Sie hier tun?"
Die Richterin kniff die Lippen zusammen. "Die Sitzung ist
geschlossen."
Die Sitzung, in der über ihr weiteres Leben entschieden wurde, hatte
keine Stunde gedauert. Lucie wurde abgeführt.
Ihrer guten Arbeitsleistungen wegen durfte Lucie nach den ersten beiden
Monaten ihres Strafvollzuges einen Brief schreiben. Sie hatte nur ein Blatt
Papier bekommen, und darauf mußte all das Platz finden, was sie bewegte.
Wenn sie die Augen schloß, war sie in ihrem Wohnzimmer, inmitten ihrer
Bücher, sie genehmigte sich einen Kirschlikör und hörte Tschaikowskys
viertes Klavierkonzert, dessen Melodie sie leise mitsummte. Oder sie goß
in ihrem Garten die Rosen am Zaun, ihre Lieblingsblumen, siebenundsechzig Stöcke.
Die meisten hatte ihr Willi von seinen Reisen mitgebracht. Die samtigen Rosen,
die seidigen; einige blühten bis in den Spätherbst. Oder sie lief
morgens über das taufeuchte Gras oder über die kühlen Steinplatten
zum Apfelbaum, an dem die Früchte schon tomatengroß sein mußten,
die gelben mehligen Äpfel, die sich so herrlich im Winter verbacken ließen.
Rechtzeitig einkellern müßte sie diese Äpfel mit der wachsartigen
Schale, damit sie lange frisch blieben.
Die Früchte ihres Gartens reiften ohne sie, für die Stare,
für die Wildschweine und Rehe, die die Lücke im Zaun sicher
längst entdeckt hatten.
Doch über das, wonach sie sich sehnte, konnte sie Willi nichts
schreiben. Sie quetschte die Zeilen dicht aneinander, benutzte manchmal
Abkürzungen, schrieb sehr konzentriert.
"Lieber Willi, auf einmal darf ich schreiben, und ich weiß nicht,
wo ich anfangen soll. Ich bin im Strafvollzug. Es geht mir gut. Ich habe den
Wimpel 'Beste Näherin' errungen. Verdiene einen Spitzenlohn: 28 Mark
monatl.! Mit meinen Zellengenossinnen komme ich inzw. einigermaßen hin,
nach anfänglichen Probl. Als Gen. ist man eben nicht so gern gesehen. Die
Zeit ist für mich stehengebl. Ich messe sie an den Falten im Gesicht. Wenn
ich nach 5 Wochen auf den Kalender schaue, sind erst 2 Tage vergangen. Ich habe
aufgehört, die Tage zu zählen. Irgendwann werden die Jahre vergangen
sein. Vielleicht kannst du mal in meiner Whg. vorbeischauen? Es graust mich
fast vor dem Draußen. Was werden die Koll. im VEB sagen? Werden sie mir
glauben? Ich weiß es nicht. Das Essen ist gut, ich kann nicht klagen. Die
Erde dreht sich weiter, ohne mich. Ich bin außerhalb. Gut zu wissen,
daß wir Strafgef. alle dieselben Sorgen haben. Es ist eng hier, ich kann
nicht ausweichen. Manchmal, weißt Du, sehne ich mich nach meiner
Einzelzelle zurück. Ja, ja, ich sollte dankbar sein für die
Gemeinschaft, für das Tageslicht, das jetzt durch die Fenster dringt,
für die frische Luft auf dem Weg von d. Zelle zur Näherei. Mein
lieber Sohn, mein Wilhelm. Sei umarmt und schäme Dich nicht Deiner Mutter.
Du weißt, ich habe immer alles dafür getan, daß aus Euch
anständige Kinder werden. Es war oft schwer, aber gemeinsam haben wir es
geschafft. Daß ich hier sein muß, peinigt mich mehr als Euch. Aber
macht Euch keine Sorgen. / Grüße an Deine Geschwi. und Elke,
natürlich auch mein Enkelchen. In Liebe. Deine Mutter Lucie."
Sie faltete den Brief zusammen.
Eine Zellengenossin kam an den Tisch und sagte: "Na, vielleicht
schicken die den Brief sogar ab."
Willi erhielt diesen Brief erst einen Monat später.
16. Kapitel