Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
14. KAPITEL
Lucie Meerbusch als Faustpfand
5550 Tagen vor der deutschen Vereinigung
"Das hat nichts mit Safari-Look zu tun!" rief Lucie Klaus Uhland
zu, ihrem Vorgesetzten in der Ökonomie. Aufgeregt zeigte sie ihm die Schnitte
für die Sommerkollektion des nächsten Jahres. "Ich habe Modelle
eingekauft mit Schnallen, mit Taschen und mit Knöpfen und Reißverschlüssen.
Und was habt ihr daraus gemacht?"
Klaus Uhland widersprach: "Das wird zu teuer. Jedes Teil würde mit
dem ganzen Schnickschnack sechzehn Minuten mehr Fertigungszeit benötigen.
Lucie, versteh doch, das geht nicht."
"Wer soll denn diese langweiligen Dinger hier anziehen?"
Wütend schaute sie ihn an. "Mach einfach alles fünfzig Mark
teurer; unsere Kundinnen werden das schon bezahlen, wenn ihnen die Sachen
gefallen. Geht das nicht rein in deinen Männerkopf?"
"Das kriege ich oben nie durch", verteidigte sich Klaus Uhland.
"Immer dieses Oben", regte sie sich auf.
"Ich bin schon froh, Lucie, daß ich wenigstens den Baumwollstoff
durchgekriegt habe."
Lucie setzte sich an den Beratungstisch. Einen Moment verweilte ihr Blick auf
dem Bild an der Wand, aus dem Honecker wie durch ein Fenster milde in das Zimmer
hinunterlächelte.
"Laß uns darüber reden", schlug sie vor. "Du hast
deine Planvorgaben, ich meine Kunden. Die DDR-Bürgerinnen leiden keine Not
mehr, sie haben genug Kleider, und wenn sie sich ein neues Kleid kaufen, dann
muß es ihnen gefallen. Sonst kaufen sie nämlich nichts."
"Der Tag hat nur drei Schichten, Lucie. Ich kann in ein Kleid wie das
Modell Budapest zum Beispiel nicht mehr als zweiunddreißig Minuten investieren.
Da sind zwei Taschen drauf, Gürtellaschen, Schulterstücke und an den
Kragenspitzen kleine Knöpfe. Was willst du mehr?"
"Modell Budapest", wiederholte Lucie sarkastisch. Sie zog eine Seite,
die sie aus einer Westillustrierten gerissen hatte, aus der Tasche, faltete
sie langsam auseinander und strich sie glatt, bevor sie sie Uhland über
den Tisch zuschob. "So sieht Safari-Look aus. Siehst du den Unterschied?"
Seine Augen streiften das Foto nur flüchtig, auf dem eine Frau in einem
khakifarbenen Overall, der vorwiegend aus Taschen, Reißverschlüssen,
Druckknöpfen und Laschen zu bestehen schien, sich neben einem Jeep die
Lippen schminkte. Uhland stieß hörbar Luft durch die Nase. "Ich
sehe einen Unterschied von mindestens siebenundzwanzig Minuten, vom Material
ganz zu schweigen."
Er kam um den Tisch herum und legte ihr seine große warme Hand auf die
Schulter. "Hast du nicht Lust, heute abend mit mir im Ratskeller ein
Fläschchen Wein zu trinken?"
"Nee, du", sagte Lucie entschieden, "wir sind gerade beim
nächsten Sommerkatalog. Und ich habe keine Ahnung, welche Modelle wir den
Kaufhäusern anbieten sollen. Das Modell Budapest wird jedenfalls kein
Renner. Aber du kannst ja am Wochenende zu mir in den Garten kommen. Die
Kollegen von der Konfektion kommen auch."
"Die Stachelbeeren müßten reif sein", vermutete Klaus.
"Also Stachelbeerkuchen?"
"Vielleicht", gab sie lächelnd zurück. "Die
Erdbeeren haben dieses Jahr früh ausgedient. Zuviel Regen, zuwenig
Sonne."
Klaus wurde ernst. "Lucie, ich wollte sowieso mit dir reden. Ich
spreche zuerst mit dir, und du kannst dann sagen, ob du das überhaupt
willst."
"Nanu, so förmlich?" fragte sie.
"Du bist jetzt über siebzehn Jahre in unserem Kombinat und hast eine
Menge Auszeichnungen. Du setzt dich kritisch mit deiner Arbeit auseinander,
bist eine vorbildliche Genossin. Also", Klaus Uhland holte Luft. Lucies
Augen wurden immer größer. "Ich habe dich vorgeschlagen für
die Reise zur Modemesse nach Düsseldorf."
Er machte eine Pause. Lucies Mund stand offen. "Du machst einen
Witz", sagte sie.
"Nein, Genossin Meerbusch, ich bin der Meinung, daß du die
einzige in unserem Betrieb bist, die genügend Ahnung hat. Du bist
Schneiderin mit Leib und Seele ..."
Lucie dachte daran, wie die Damen- und Herren-Maßschneiderei von Clara
in Sömmerda sechsundfünfzig geschlossen wurde und sie beide von da
an im Kombinat arbeiteten.
"Du brauchst ja nur ein Modell zu sehen, zack-zack, drei Striche, und
du kannst uns die Schnitte vorbereiten."
Lucie wurde skeptisch. "Ich soll spionieren?"
"Nicht doch", wehrte er ab, "aber vielleicht kommst du in
Düsseldorf auf neue Ideen. Also, was ist?"
Lucie wurde schwindlig vor Aufregung. Klaus Uhland gab zu bedenken:
"Die Entscheidung von oben steht ja noch aus, und auf diese Entscheidung
habe ich natürlich keinen Einfluß."
"Ja", sagte Lucie, "ich möchte nach Düsseldorf
fahren."
Fast zwanzig Kolleginnen und Kollegen aus dem VEB Elegante Mode Erfurt waren
mit Ehepartnern, einige mit ihren Kindern gekommen. An diesem Sonntag im Juli
fünfundsiebzig wurde es richtig heiß. Lucie schlug nur kleine
Portionen Sahne, streute Zucker hinein, damit sie schneller steif wurden und
nicht gleich in der Sonne zusammenfielen.
"Das Modell London ist richtig fesch", sagte Traudel aus der
Buchhaltung.
"Das heißt nicht mehr London, sondern Leningrad",
korrigierte Lucie zwinkernd.
"Aber es ist noch dasselbe Modell?"
"Sicher, wir haben es nur umbenannt." Die Kollegen lachten.
"Wann kommen endlich die Parkas?" fragte Sigrid, eine
Modezeichnerin aus dem Betrieb. "Meine Kinder löchern mich schon die
ganze Zeit."
"Bedaure", sagte Klaus Uhland. "Von den Parkas kriegst du
sowieso keinen ab. Die gehen nächste Woche alle mit der Winterkollektion
nach Berlin."
"Wirklich? Da muß ich meinen Kindern in Weißensee Bescheid
sagen."
"Lucie, wann können wir mal einen Blick in den neuen Katalog
werfen?" fragte Traudel.
Lucie hob die Schultern. "In drei Wochen vielleicht."
"Kinder, redet nicht laufend von der Arbeit! Wo warst du im
Urlaub?" wandte sich Klaus Uhland an Traudel.
"Noch gar nicht", sagte sie schulterzuckend, "wir machen
dieses Jahr Winterurlaub in Oberhof, im Interhotel."
"Ha, da habe ich letzten Winter den vom Schwarzen Kanal
getroffen", erinnerte sich Christa aus der Näherei.
"Eine flotte Freundin hatte der!" sagte ihr Mann. "So einen
Beruf wie der hat möchte ich auch haben: Westfernsehen gucken."
Sigrid fragte: "Lucie, was ist denn nun mit deiner Reise? Der ganze
Betrieb spricht davon."
Lucie antwortete: "Ich weiß auch noch nichts."
"Aber der Messetermin steht doch schon fest!" Sigrid
schüttelte den Kopf.
"Lucie, bringst du mir was mit?" fragte Traudel.
"Was möchtest du denn haben?" fragte sie.
"Habt ihr gehört, ich habe einen Wunsch frei!"
"Hör auf, sie hat doch auch kein Geld", sagte Sigrid. "Das
bißchen Tagegeld, das sie bekommen wird."
"Dein Sohn Willi wird dich schon nicht hängen lassen",
flüsterte Traudel.
Lucie hatte die Tischtennisplatte aufgebaut. Klaus half, die
Hollywoodschaukel in den Schatten zu rücken. Er setzte sich, schlug mit
seiner Hand auf den Sitz neben sich und sagte den Kindervers auf: "Mein
rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir die Lucie her."
Lucie lachte und setzte sich neben ihn.
"Jedes Jahr wird es schöner bei dir", sagte er.
"Es ist auch genug Arbeit", hielt sie dagegen. Ihr Blick streifte
die Beete und Blumenrabatten und das Stück Maschendraht, das die
Wildschweine wieder eingerissen hatten.
"Ich könnte dir helfen. Du weißt schon."
"Ich komme sehr gut allein zurecht." Lucie Meerbusch liebte ihre
Freiheit. Und es war nicht einfach, Klaus Uhland auf Distanz zu halten.
"Ich habe dich als Reisekader vorgeschlagen, weil ich dir
vertraue", sagte er.
"Was hat das damit zu tun?" unterbrach Lucie gereizt.
"Es gab in der Kombinatsleitung Bedenken. Ich meine, du hast Kontakte
zu deiner Tochter in Stuttgart, und dein Sohn fährt laufend rüber,
natürlich in höherem Auftrag, ich weiß ..."
"Jetzt hör mir mal gut zu, mein Lieber", sagte Lucie ärgerlich.
"Ich finde es großartig, daß du mich vorgeschlagen hast. Ich
empfinde deinen Vorschlag als Auszeichnung für meine Leistungen. Das hat
nichts mit unserer Beziehung zu tun."
"Wenn du fahren kannst, Lucie, würdest du drüben bleiben
wollen?"
"Wie kommst du denn darauf?" fragte sie entrüstet zurück.
"Ich habe eine schöne Wohnung und meinen Garten. Nee du, mach dir
mal keine Sorgen um mich. Mit fünfundfünfzig noch einmal von vorn
anfangen? Du denkst wohl, die haben auf so eine wie mich gewartet im Westen?
Ich will keinen Neuanfang mehr. Sollte mir allerdings drüben jemand hunderttausend
Mark schenken, dann käme ich ins Grübeln. Warum fragst du?"
"Nur so", sagte er. "Ich würde dich vermissen."
Der nagelneue Dienstpaß lag auf dem Küchentisch. Lucie setzte
sich und betrachtete das grüne Dokument mit dem eingepreßten Emblem
der DDR. Das Paßbild war nicht besonders geworden, die Aufregung stand in
ihrem Gesicht. Sie hatte die Erlaubnis, eine Woche in den Westen zu reisen. Vom
Betrieb aus hatte sie versucht, Elfie und Hubert in Stuttgart zu erreichen,
vielleicht könnten sie für ein paar Tage nach Düsseldorf kommen?
Sie hatte aber keinen Anschluß bekommen. Ob der Eilbrief noch rechtzeitig
angekommen war? Auf jeden Fall würde sie anrufen, sobald sie in
Düsseldorf war.
Ausgerechnet heute war ihre Friseuse nicht dagewesen, heute, wo es darauf
ankam! Aber die junge Frau Brettschneider hatte ihr Haar auch ganz gut
hingekriegt.
Lucie stand auf und prüfte zum zehnten Mal, ob sie alles eingepackt hatte:
das bunte Kostüm aus der Modellschneiderei, die Bluse aus Seide, die Willi
ihr mitgebracht hatte, die Hosen, falls es abends kühler werden würde,
das Nachthemd, die Waschtasche, die Creme, die italienischen Schuhe aus dem
"Exquisit", die Accessoires, schließlich fuhr sie zu einer Modemesse,
und natürlich den Schmuck. Lucie liebte Goldschmuck. Den ersten Ring hatte
sie von ihrem Großvater zur Konfirmation geschenkt bekommen. Die lange
Kette hatte ihr Herbert geschenkt, als Ernst geboren wurde. Der filigrane Ring
mit dem eingefaßten Türkis war Herberts Geschenk, als Lucie mit Elfriede
schwanger war. Den Armreif bekam sie bei der Geburt von Willi. Sie lächelte,
als sie daran dachte, wie sie ihn geboren hatte. Als die Hebamme nach dem Namen
fragte, zählte Lucie wahllos Namen auf: Wilhelm, Kurt, Dieter, Paul, Otto.
Es reicht, es reicht, hatte die Hebamme gerufen. Willi, der Wahnsinnige, hatte
ihr eines Tages goldene Ohrringe, den passenden Ring, Armreif und Kette aus
dem Westen mitgebracht. Lucie wußte nicht, daß es sich bei diesem
Mitbringsel um Angebote aus einem Kaffeegeschäft handelte. Sie legte alles
behutsam in die Schmuckschatulle, die sie in ihre Handtasche steckte.
Es klingelte. Lucie schreckte auf. Klaus Uhland überreichte ihr eine
Orchidee. Lucie kämpfte mit den Tränen. "Eine Orchidee! Noch nie
hat mir jemand eine Orchidee geschenkt." Sie gingen ins Wohnzimmer.
"Damit du an mich denkst", sagte er verlegen.
"Aber sie geht auf der Reise kaputt. Und wenn ich wiederkomme, ist sie
verwelkt."
"Ist sie nicht", sagte Klaus. "An dieser Orchidee wirst du
noch lange Freude haben."
Jetzt erst erkannte sie, daß es eine künstliche Blüte war.
Sie überspielte ihre Enttäuschung und ging den Weinbrand aus der
Speisekammer holen.
"Wir haben uns doch schon im Betrieb verabschiedet." Lucie
wunderte sich über seinen Besuch.
"Ich wollte dich noch einmal sehen."
"Du tust ja so, als würde ich für Jahre verreisen! In einer
Woche bin ich wieder da! Und wehe, die Planung ist nicht fertig. Du mußt
dem Bleier mal auf die Füße treten."
"Lucie, du bist unverbesserlich", sagte Klaus und prostete ihr zu.
"Paß auf dich auf in der großen, weiten Welt."
Er trank aus und ging. Als Lucie die Tür geschlossen hatte, fiel ihr
auf, wie blaß Klaus gewesen ist. Sie schloß den Koffer, prüfte
noch einmal die Papiere in der Handtasche, Ausweis, Reisepaß,
Sozialversicherungsausweis. Sie blickte sich in der Wohnung um, suchte nach
einer Kleinigkeit für Elfie. Etwas, was sie bei sich in Stuttgart nie
bekommen würde, etwas Hübsches aus der DDR. Kurzerhand steckte sie
die künstliche Orchidee ein.
Lucie ging durch die Absperrung zu den Kontrollbaracken.
Der Offizier vom DDR-Zoll verzog keine Miene, als er sagte:
"Öffnen Sie bitte Ihre Tasche!" Lucie öffnete ihre
Handtasche.
"Nein, den Koffer, bitte!"
Ihr fiel ein Stein vom Herzen, daß sie die Schatulle nicht zeigen
mußte. Der Zöllner wühlte in den Sachen, die Lucie so
zusammengelegt hatte, daß sie keine Falten bekamen während der
Reise. Er entnahm der Waschtasche ein Paket Watte, knautschte es durch,
daß die Tüte außen herum zerriß. Er sortierte Zahnpasta
und Creme aus und brachte alles in einen separaten Raum zum Röntgen. Dann
wickelte er die Rolle Toilettenpapier ab, die Lucie vorsorglich für die
Zugfahrt eingesteckt hatte.
Lucie war die Prozedur peinlich. Westler und Rentner standen hinter ihr und
beobachteten, welche persönlichen Dinge sie in ihrem Koffer mitführte.
Als er ihr die Sachen zurückgab, gab er bei jedem Stück ein kaltes
"Bitte" von sich. Lucie haßte diese fischige Höflichkeit.
"Gehen Sie bitte weiter!" Wieder dieses "Bitte". Der
Uniformierte gab Lucie den Reisepaß zurück. "Bitteschön.
Und eine angenehme Reise."
Lucie stopfte den zerwühlten Wäscheberg in den Koffer. Sie
überlegte, ob das Hotel, in dem sie wohnen würde, ein Bügeleisen
hatte.
Sie schleppte den Koffer zur Paßkontrolle. Von den zehn
Durchgängen, die Pferdeboxen ähnelten, war nur einer geöffnet.
"Zittern Sie nicht so!" fuhr sie der Grenzsoldat an. "Oder
haben Sie was zu verbergen?"
Lucie lächelte den jungen Mann unsicher an. "Entschuldigen Sie
vielmals, ich bin sehr aufgeregt."
Sein Gesicht hinter dem Glas war wie versteinert. An der Wand hinter Lucie
war ein Spiegel. Sie reichte Reisepaß und Personalausweis durch den
Schlitz.
"Drehen Sie den Kopf langsam nach rechts", forderte der Mann.
Lucie tat es. Er fixierte sie, dann das Paßbild und wieder sie. Immer
wieder, als stimmte das Paßbild nicht mit ihrer Person überein. Sie
wurde noch nervöser. Dann tippte der Grenzer etwas in eine Maschine, die
Lucie nicht sehen konnte. Sekunden später ertönte ein Piepen. Der
Grenzer fragte schließlich: "Lucie Meerbusch?"
Sie bejahte.
"Lauter!"
"Ja, das ist mein Name."
"Wohnhaft in Erfurt? Nordhäuser Straße?"
"Ja."
"Sie arbeiten im VEB Elegante Mode Erfurt?"
"Ja doch."
"Treten Sie zurück, Sie werden gleich abgeholt."
Lucie nahm ihren Koffer wieder auf und ging vor die Box. Die Leute, die hier
warteten, sahen sie mißtrauisch an. Einige mitleidig. Ein Ehepaar aus dem
Westen tuschelte. Lucie fühlte, wie sie rot wurde und ihr Herz anfing,
heftig zu schlagen. Sie nahm eine Herztablette aus ihrer Handtasche.
Nach einigen Minuten kam ein junger Mann in Uniform und forderte sie auf
mitzukommen. Er lief zu einer Seitentür. Lucie konnte mit ihrem schweren
Koffer kaum folgen.
"Stimmt etwas nicht?" fragte sie. Der Uniformierte sagte, sie
solle hier warten.
Lucie befand sich in einem fensterlosen Raum, der nur mit einem Tisch und
zwei Stühlen eingerichtet war. Das weiße Neonlicht war
bedrückend. Der Zug nach Düsseldorf fuhr in anderthalb Stunden. Lucie
versuchte, sich selbst zu beruhigen: Die können nicht mich meinen; das
muß eine Verwechslung sein.
Sie stellte sich vor, gerade in Düsseldorf anzukommen, und auf dem
Bahnhof würde sie Elfie in die Arme schließen. Lucie hatte das Bild
so deutlich vor Augen, daß sie dem Weinen nahe war. Sie nahm die
künstliche Orchidee aus der Handtasche und betrachtete sie durch den
Zellophandeckel der Schachtel. Es war dumm von mir, die Kunstblume mitzunehmen,
dachte sie. Elfie wird genauso enttäuscht sein wie ich. Ein Stück
Thüringer Räucherwurst wäre das Richtige gewesen. Oder
geräucherter Schinken. Klaus hätte das schon besorgt. Ich hätte
ihm nur Bescheid sagen müssen. Aber Räucherware darf man nicht
ausführen. Warum kommt denn keiner? Haben die mich vergessen? Mein Zug
fährt in einer Stunde.
Es vergingen weitere zwanzig Minuten, ehe die Tür aufgeschlossen wurde.
Lucie wunderte sich, warum man sie eingeschlossen hatte. Ein anderer
Uniformierter kam herein und bat sie, ihm zu folgen. Er nahm den Koffer und
ging voran. Sie gingen durch einen anderen Ausgang der Paßkontrolle,
einen abschüssigen Tunnel entlang. Der Uniformierte klingelte an einer
Tür, zwei andere nahmen Lucie in Empfang. Sie fragte wieder, ob etwas
nicht in Ordnung sei, und bekam statt einer Antwort die Aufforderung, ihre
Handtasche auszuräumen.
Lucie bekam Angst. Wenn die den Schmuck sehen, lassen sie mich nicht fahren.
Ich hätte ihn doch in der Zollerklärung angeben sollen.
Der eine Mann griff nach dem grünen Sozialversicherungsausweis und
blätterte darin.
"Wo arbeiten Sie?" herrschte er sie an. Lucie antwortete mit
unsicherer Stimme, während der andere in der Handtasche kramte und
zielsicher die Schmuckschatulle herausholte. Lucies Herz schmerzte.
"Wohin wollten Sie reisen?"
"Nach Düsseldorf zur Modemesse." Sie war verzweifelt.
"Mein Zug fährt doch gleich!"
Der Koffer lag offen auf einem Tisch, der andere Mann hatte den Inhalt
ausgeschüttet, hielt jedes Teil gegen das Licht. Als er einen ihrer
Schlüpfer hochhielt, fragte er: "Und wozu der
Sozialversicherungsausweis?"
"Den nehme ich immer mit", sagte Lucie, "falls ich krank
werde und zum Arzt muß."
"Gehen Sie da hinein", wies sie der eine an und öffnete eine
Tür. Er schubste Lucie hinein und schloß ab. Lucie begriff nicht,
was mit ihr passierte. Vollkommene Dunkelheit umgab sie. Tastend erkundete sie
den Raum, der so klein war wie eine Umkleidekabine beim Arzt. Keine Klinken
innen.
Was machen die mit mir? Warum sagt mir keiner, was los ist? Mein Zug
fährt gleich! Das Herz tat weh. Ihr wurde übel in der stickigen Luft.
Von draußen hörte sie die Stimmen der beiden Männer.
"Ist schon ein tolles Ding, dieses Heimann-Gerät."
"Kommt ja auch von drüben."
"Sonst hätten wir der ihre Klunkern gar nicht gefunden."
"Gut, daß wir die Röntgenschleuse haben."
Lucie weinte vor Verzweiflung. Sie hatte sich so auf die Reise gefreut. Der
Zug war bestimmt längst abgefahren. Was sollte sie im Betrieb
erzählen? Warum behandelte man sie, die Genossin Meerbusch, wie eine
Verbrecherin? Sie hatte nichts getan. Im Gegenteil, unter ihrer Leitung
überbot die Abteilung Konfektion den Plan, und das nicht nur auf dem
Papier.
Die Kabine wurde aufgeschlossen. Grelles Licht blendete in ihren Augen. Lucie
erkannte die Umrisse zweier Frauen, uniformiert zwar, aber sie hoffte, die Frauen
würden mehr Verständnis für ihre Situation zeigen als die Männer.
Sie fragte nach ihrem Gepäck.
"Das ist in Sicherheit", sagte die eine. Sie war wesentlich jünger
als Lucie, Ende Zwanzig, Anfang Dreißig. "Ziehen Sie sich aus."
Lucie zog sich langsam aus. Sie schämte sich des unförmigen und
ausgewaschenen Rheumagürtels wegen.
"Wo arbeiten Sie?" fragte die zweite Frau.
"Das habe ich Ihnen schon gesagt", erwiderte Lucie. "Ich
möchte wissen, was los ist. Ich bin auf einer Dienstreise."
"Sie müssen sich ganz ausziehen", sagte die Jüngere
unbeeindruckt. "Also, Ihre Arbeitsstelle?"
Lucie antwortete.
"Bücken", befahl die Ältere. Lucies Rücken
schmerzte. "Ganz runter!"
"Ich kann nicht", klagte Lucie.
"Aber in den Westen fahren können Sie." Die Jüngere
tippte mit den Fingern auf die Tischplatte.
Die Ältere zog sich einen Gummihandschuh an, drückte Lucies
Pobacken auseinander und steckte ihren Finger zuerst in die Scheide, dann in
den After. Lucie schrie vor Schmerz auf. Die Jüngere untersuchte die
Sachen, die Lucie abgelegt hatte.
"Sie können sich wieder anziehen."
In Lucie stieg die Wut hoch. Mußte sie sich diese Behandlung bieten
lassen? Sie war Genossin, keine Schmugglerin. Warum sagte ihr niemand, wonach
sie suchten? Den Schmuck hatten sie entdeckt. Was wollten die noch?
"Warten Sie hier", sagte die Ältere, "Sie werden abgeholt."
Lucie saß regungslos, fühlte sich von unsichtbaren Augen
beobachtet. Sie rief sich die letzten Gespräche im Betrieb in Erinnerung,
in denen sie etwas Kritisches gesagt haben könnte. Was hatte sie sich
zuschulden kommen lassen? Der Sonntag auf dem Grundstück? Der war harmlos,
lief ab wie immer, wenn die Kollegen kamen. Gemeckert hat ja jeder über
die Versorgung, über den Materialmangel. Oder Klaus? Einer mußte sie
angeschwärzt haben. Aber womit?
Der Name Klaus Uhland setzte sich in ihren Gedanken fest. War er einer von
der Staatssicherheit? Hatten die ihn in das Kombinat geschleust, damit er die
Leute aushorchen konnte? Nein, er hatte ja selber zwei Jahre gesessen. Bis fünfundfünfzig.
Trotzdem, er hatte so komisch gefragt gestern abend. Oder hat er was in die
Orchidee gesteckt? Lucie, reiß dich zusammen. Du siehst Gespenster. Aber
Klaus werde ich in Zukunft mit Vorsicht begegnen.
Nach einer Stunde kam ein Mann in Zivil herein. "Es tut mir leid",
sagte er, "aber wir müssen Sie zur Klärung eines Sachverhaltes
hierbehalten."
"Was für ein Sachverhalt?" wollte sie wissen. "Sie
halten mich jetzt schon seit Stunden auf. Sagen Sie doch, was Sie wissen
wollen. Ich habe nichts zu verbergen."
"Kommen Sie bitte mit."
"Ich habe einen dienstlichen Auftrag", sagte sie verzweifelt,
"ich muß nach Düsseldorf."
"Meine Kollegen werden das klären", sagte er, packte sie am
Arm und führte sie über einen Flur in einen anderen Raum, in dem vier
uniformierte Männer standen und die beiden Frauen, vor denen sie sich
ausgezogen hatte.
Einer der Männer sagte: "Frau Meerbusch, wir machen eine kleine
Autofahrt, und Sie kommen mit."
"Das ist ein Irrtum", rief Lucie. "Bitte rufen Sie meinen
Betrieb an. Herr Uhland kann Ihnen bestätigen, daß ich dienstlich
unterwegs bin."
Lucie hatte Angst, in eine Maschinerie geraten zu sein, aus der es kein
Entrinnen gab. Zwei Männer rechts von ihr, zwei links, die ältere
Frau lief voraus, die jüngere hinterher. Sie stiegen eine Treppe hinauf
und traten ins Freie. Keiner der Passanten nahm von der Gruppe, die zu einem
weißen Wartburg ging, Notiz. Lucie wollte schreien. Sie schrie nicht. Aus
Angst.
Lucie weigerte sich einzusteigen. "Erst will ich wissen, was Sie von
mir wollen. Ich will wissen, wohin wir fahren."
Der eine Mann öffnete die hintere Tür, packte Lucie am Genick und
warf sie mit voller Wucht in das Auto, als sei sie kein Mensch, sondern ein
Koffer. Dabei stieß sie sich am Türrahmen das Knie auf. Rock und
Strumpfhose waren ruiniert.
Auf der langen Fahrt über die Autobahn gewann Lucie Meerbusch ihre
Fassung wieder. Der Schmerz am Knie, das rot wurde und anschwoll, brachte sie
zur Besinnung. Haßerfüllt blickte sie auf die beiden Frauen, die mit
eiserner Miene rechts und links neben ihr saßen. Die jüngere
trommelte auf die Armlehne an der Tür. Lucie stellte sich diese Frau als
junges Mädchen vor; sie mußte sehr hübsch gewesen sein. Doch
nun war alle Jugendlichkeit aus dem Gesicht gewichen.
Ihr könnt mit mir eine ganze Menge machen, dachte sie, aber klein
kriegt ihr mich nicht. Ich habe in meinem Leben einiges geleistet. Was ist das
für ein Land, für das ich gearbeitet habe? Was ist das für eine
Partei, die so etwas zuläßt?
Der Wartburg fuhr von der Autobahn. In Gotha hielten sie vor einem
Krankenhaus. Ein älterer Arzt führte Lucie in einen Behandlungsraum,
wo zwei Schwestern warteten. Die beiden Bewacherinnen kamen mit hinein und
setzten sich mit unbewegten Gesichtern an den Schreibtisch.
"Ziehen Sie sich aus", ordnete der Arzt an.
"Warum?" fragte Lucie.
"Ich habe gesagt, Sie sollen sich ausziehen!"
Eine Schwester meinte beschwichtigend: "Nun ziehen Sie sich schon aus,
wir untersuchen Sie nur."
"Ich bin nicht krank."
Der Arzt griff nach ihrem Mantel, wollte ihn herunterreißen. Lucie
wehrte sich, lief um den Tisch herum. Die beiden Bewacherinnen hielten sie
fest. Sie schrie, trat mit den Füßen, kratzte, schlug mit den
Fäusten um sich. Die Frauen verdrehten ihr den Arm, so daß Lucie
sich nicht mehr rühren konnte. Jetzt geben sie dir eine Spritze,
fürchtete sie.
Eine Schwester krempelte einen Ärmel hoch und legte einen
Blutdruckmesser an. Lucie spürte das kalte Metall in der Armbeuge und wie
der Luftschlauch aufgepumpt wurde.
"Ganz schön aufgeregt", sagte die Schwester hämisch.
Ich möchte Sie mal sehen in meiner Situation, wollte Lucie schreien.
Doch der Schmerz im verdrehten Arm ließ das nicht zu.
"Na also", sagte der Arzt, "warum denn nicht gleich so?"
Die Bewacherinnen gaben sie frei. Erschöpft fiel Lucie auf dem Stuhl
zusammen. Gelbe Zettel lagen auf dem Tisch. Auf einem las Lucie ihren Namen,
handschriftlich in ein aufgestempeltes Formular eingetragen.
"Hafttauglich" stand darüber.
Lucies Herz flatterte. Wenn jetzt kein Wunder geschähe, würde sie
einfach von der Bildfläche verschwinden, und niemand wußte, wo sie
war. Sie bot alle Kraft auf, um zu fragen, was sie verbrochen habe. "Das
ist Freiheitsberaubung. Wer Sie auch sind, Sie haben kein Recht, so etwas mit
mir zu machen!"
"Bleiben Sie bitte ruhig", sagte die jüngere Bewacherin. Es
klang wie eine Drohung. Als hätte sie hinzugefügt: Sonst müssen
wir Sie ruhigstellen.
"Ich bin ganz ruhig", sagte Lucie, "aber ich will wissen, was
hier gespielt wird. Ich bin Genossin, ich habe in meinem Betrieb Verantwortung
zu tragen. Rufen Sie bitte in Erfurt an, fragen Sie nach Herrn Klaus
Uhland!"
Der war jetzt vielleicht der einzige, der ihr helfen konnte.
Die Bewacherinnen brachten Lucie zurück zum Wartburg. Die beiden
Männer hatten gewartet. Kaum saß Lucie auf der Rückbank, warf
ihr die Jüngere eine Decke über den Kopf. Die andere hielt sie fest.
Lucie war so erschrocken, daß sie sich nicht bewegen konnte. Das ist
nur ein Traum, redete sie sich ein, ein übler Traum. So etwas macht man im
Sozialismus nicht.
Die Fahrt über die Autobahn dauerte lange. Dunkelheit umgab sie und der
Geruch von Mottenpulver. Bei jedem Schlagloch, das ihren Körper
erschütterte, erschrak Lucie. Der Motor dröhnte, das Fahrgestell
klapperte bei jeder Teerlinie zwischen den Betonplatten der Straße. Lucie
begann zu schwitzen, sie zwang sich zur Ruhe, war ausgelaugt. Schlafen konnte
sie nicht.
Der Wagen hielt, der Motor wurde abgestellt. Lucies Herz begann wieder
heftig zu schlagen. Die Decke wurde ihr vom Kopf gerissen. Die Frisur war
hinüber. Sie befand sich vor einem roten Klinkerbau, direkt vor ihr eine
kleine Eisentür. Es war dunkel geworden. Ein warmer Nachtwind streichelte
ihr Gesicht. Die Bewacherinnen hielten sie an den Oberarmen in festem Griff.
Der Fahrer klingelte. Nach einigen Minuten wurde das Tor aufgeschlossen. Ein
kräftiger uniformierter Mann zog Lucie hinein und schloß ab. Er
führte sie einen hohen dunklen Gang entlang. Das Knie schmerzte bei jedem
Schritt. Lucie humpelte. Die festen Stiefel des Mannes schlugen dumpf auf den
Steinboden, das Leder quietschte. Der Gang kreuzte andere Gänge,
überall gingen Türen ab.
Wen sie einmal haben, den lassen sie so schnell nicht wieder los, hatte
Willi gesagt. Das hämmerte bei jedem Schritt in ihrem Kopf.
Der kräftige Mann schloß eine Gittertür auf, ging mit Lucie
hindurch, schloß ab. Rechts und links waren Türen mit
Gucklöchern. Es folgten noch etliche Gittertüren, die er
aufschloß und hinter Lucie sofort wieder abschloß. Sie
fürchtete, nie wieder herauszukommen. Nicht einmal den Weg würde sie
allein zurückfinden. Sie fühlte sich wie in einem Tunnel ohne Ende.
Ihr wurde wieder schwindlig. Sie hatte Durst.
Das Zimmer, in das sie geführt wurde, war im Gegensatz zu den
Gängen beinahe gemütlich. Sehnsüchtig blickte Lucie auf den
Holzhocker. Sie konnte nicht mehr laufen. Das unförmige bläuliche
Knie und der Rücken quälten sie.
"Warten Sie hier", befahl der Mann und ließ Lucie allein.
Sie hörte, wie er abschloß. Dann setzte sie sich auf den Hocker. Das
Zimmer war so groß wie ihr Büro in Erfurt. Ein einfacher Tisch stand
da, darauf eine Schreibmaschine. Der Raum hatte kein Fenster. Unter der Decke
waren kleine quadratische Öffnungen, schwarze Löcher. Und wieder
dieses beißende weiße Neonlicht, das ihr die Tränen in die
Augen trieb. Lucie schloß die Augen. Sie hatte jegliches Zeitgefühl
verloren.
Jemand rüttelte sie wach.
Ein stechender Blick traf sie aus Augenschlitzen, die in ein breites,
fettgepolstertes Gesicht eingebettet waren. Der korpulente Mann ging schweren
Schrittes zum anderen Tischende und ließ sich mehr auf den Stuhl fallen,
als daß er sich setzte. Er öffnete die Uniformjacke, von deren
geflochtenen silbernen Schulterstücken ein Stern golden blitzte. Ein
Offizier, vermutete Lucie. Der Mann steckte die Daumen unter die grünen
Hosenträger. Er musterte sie und nickte gelegentlich mit dem Kopf, wie zur
Bestätigung einer Annahme. Die Behäbigkeit, mit der er sich bewegte,
die etwas zu dicht beieinanderstehenden Augen, das Doppelkinn
flößten Lucie Vertrauen ein, obwohl die beinahe gerade Linie von den
Nasenflügeln zu den nach unten zeigenden Mundecken auf Strenge
schließen ließen. Er schien verständiger zu sein als alle, die
ihr heute begegnet waren. Vielleicht der ruhigen Bewegungen wegen, die
menschlich waren, nicht so militärisch.
Lucies Handtasche und ihre Personalpapiere lagen auf dem Tisch.
"Hören Sie", sagte Lucie, "das ist ein
Mißverständnis. Was wirft man mir denn vor?"
"Die Fragen stelle ich", schnauzte sie der Mann an. "Haben
Sie etwas dagegen, wenn wir eine Schallaufzeichnung machen?"
"Nein", sagte Lucie niedergeschlagen. "Sie tun doch sowieso,
was Sie wollen."
Er fragte sie nach ihren Personalien, die ohnehin im Ausweis standen, dann
nach der Arbeitsstelle.
"Aber das habe ich schon Ihren Kollegen erzählt", sagte
Lucie.
"Frau Meerbusch, wir haben Hinweise aus der Bevölkerung, daß
Sie die DDR für immer verlassen wollten."
Lucie erschrak. "Wer hat das behauptet?"
"Wir haben Hinweise aus der Bevölkerung", sagte der Vernehmer
gelassen. Seine Lippen bewegten sich beim Sprechen kaum, das Gesicht zeigte
keine Regung.
Nie hatte Lucie irgend jemandem gegenüber auch nur die leiseste Andeutung
gemacht, daß sie im Westen bleiben wollte. Sie selbst hatte diesen Schritt
nicht einmal erwogen. Der einzige, der sie vorher gefragt hatte, war Klaus!
Aber der konnte doch den Scherz mit den hunderttausend Mark nicht ernstgenommen
haben. Oder doch? Dieser Schweinehund! Deshalb ist er beim Abschied so blaß
gewesen!
"Geben Sie doch zu, daß Sie von der Dienstreise nicht
wiederkommen wollten!" Die Stimme des Offiziers klang bedrohlich.
"Nein", sagte Lucie erregt. "Ich wollte nie drüben
bleiben!"
"Sie geben aber zu, daß Sie in der DDR unzufrieden sind."
Lucie verneinte, erzählte von ihrer schönen Wohnung, vom
interessanten Beruf, vom Garten. Der Vernehmer nickte ab und zu und notierte
sich einiges in einen Notizblock. Der Tisch kippelte leicht beim Schreiben.
"Wie groß ist Ihr Grundstück?" fragte er unerwartet.
"So an die achthundert Quadratmeter", sagte sie.
"Es sind achthundertneunundsechzig Quadratmeter. Sind Sie schon einmal
in den Westen gereist?"
"Sie wissen doch alles", fuhr Lucie auf, "warum fragen Sie
immer wieder dasselbe?"
"Wir fragen so lange, bis wir die Wahrheit kennen. Warum führen
Sie Ihren SV-Ausweis mit sich?"
Lucie sagte: "Falls ich zum Arzt muß."
"Was wollten Sie mit dem Gold?"
"Ich nehme auf jede Reise Schmuck mit", sagte sie.
"Im Werte von siebzehntausendvierhundertsiebenundvierzig Mark?"
"Ich wollte im Westen nicht arm aussehen, wollte jeden Tag andere
Stücke tragen. Schließlich war ich unterwegs zu einer Modemesse. Man
sollte mir nicht gleich ansehen, daß ich aus der DDR komme."
"Sie schämen sich also, Staatsbürgerin der DDR zu sein?"
"Um Himmels willen, nein!"
"Wozu also der Schmuck?"
"Ich wollte ihn tragen, weil ich Gold schön finde, weil ich immer
Goldschmuck trage, weil ..."
"Geben Sie doch zu, daß Sie den Schmuck versetzen wollten!"
unterbrach er sie.
"Versetzen? Ich bitte Sie. Das sind Erinnerungsstücke. Ich wollte
die DDR in Düsseldorf würdig vertreten."
"Wo haben Sie das Gold her?"
"Es sind Geschenke", sagte Lucie und zählte auf, von wem sie
welches Stück hatte. Sie sagte, daß sie sich einige Stücke
selber gekauft hatte und benannte den Juwelier in Erfurt.
"Hm", machte der Vernehmer. "So kommen wir nicht weiter, Frau
Meerbusch. Sie müßten sich schon genauer überlegen, was Sie
sagen. Wir erfahren die Wahrheit so oder so, wenn nicht von Ihnen, dann von
jemand anderes. Denken Sie doch auch mal an Ihre Familie, an Ihre Söhne,
an ihre Enkelin Lisa. Also noch einmal. Wozu hatten Sie den Schmuck mit?"
"Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt", beteuerte Lucie.
"Was wahr ist, bestimme ich!" donnerte der Vernehmer. Lucie zuckte
zusammen.
"Es liegt an Ihnen", sagte er, "wie hoch das Strafmaß
ausfällt. Alles hängt von Ihrer Kooperationsbereitschaft ab."
Ihr schwindelte. Das Wort Schallaufzeichnung zog wie ein Nebel durch ihren
Kopf.
"Ich habe nichts getan", rief sie, "und nichts geplant!"
Er stand auf. Blitzschnell war er an Lucies Seite. So nahe kam er heran,
daß sie die einzelnen Fäden im Stoff der Uniformjacke erkennen
konnte. Der Mann hatte nichts Vertrauensvolles mehr an sich. Dieser Fleischberg
jagte ihr Angst ein.
"Auf diesem Stuhl", donnerte der Offizier und klopfte mit den
dicken Fingern auf die Tischplatte vor ihrer Brust, "auf diesem Stuhl hat
schon so mancher gesessen und wollte den Helden spielen, aber ich habe bisher
noch jeden gekriegt!"
"Ich habe nichts getan", stotterte sie vor Aufregung.
"Sie haben noch nichts getan, weil wir das verhindert haben",
sagte er grinsend. Schwerfällig ging er zurück zu seinem Stuhl am
anderen Ende des Tisches. "Eine Untersuchungshaft kann sehr, sehr lange
dauern, Frau Meerbusch. Ich habe alle Zeit der Welt. Irgendwann redet jeder.
Warum machen Sie es sich unnötig schwer?"
Minutenlang herrschte Stille. Lucie Meerbusch begriff die
Gefährlichkeit ihrer Lage, ihre Hoffnung, daß sich alles als Irrtum
herausstellen würde, war verflogen. Lucie betrachtete den Mann, in dessen
Hand es lag, die Haftzeit zu verlängern oder zu verkürzen. Beliebig?
Der Offizier wich ihrem Blick nicht aus. Er verschränkte die Arme vor der
Brust. Unvermittelt fragte er: "Wie stehen Sie zur Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken?"
"Wie bitte?"
"Antworten Sie!"
"Nun", Lucie suchte nach Worten, "ich war noch nie dort. Aber
ich bin Mitglied in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische
Freundschaft."
Der Vernehmer schwieg. Kein Muskel seines Gesichts rührte sich, nur die
Nasenflügel blähten sich. Lucie dachte, er sei noch nicht zufrieden
mit der Antwort.
"Die Sowjetunion ist der wichtigste Verbündete der DDR,
wirtschaftlich, politisch und kulturell."
Abrupt stand er auf, stützte seine kräftigen Hände auf den
Tisch. "Alles Phrasen. Selbst Ihre Enkelin hätte klüger
geantwortet! Sie reden, als ginge Sie weder unser Staat noch die Sowjetunion
etwas an. Ihr Herz schlägt nicht für die richtige Seite! Sind Sie
schon einmal einem Sowjetbürger begegnet?"
Lucie schüttelte den Kopf.
"Hören Sie endlich auf zu lügen! Sie haben ja sogar mit
Soldaten der Roten Armee geschlafen! Oder haben Sie das schon vergessen?"
Lucie schwanden die Sinne. "Das waren keine Sowjetbürger",
sagte sie kraftlos. "Das waren Tiere."
"Ihnen hat dieses Schäferstündchen anscheinend großen
Spaß gemacht. Oder soll ich die Bezeichnung Tiere etwa als Beleidigung
auffassen?"
"Ich bin von denen vergewaltigt worden!" rief sie, und als sie den
unbeeindruckten Blick des Vernehmers sah, schrie sie in ihrer Verzweiflung noch
einmal: "Ich bin von denen vergewaltigt worden!"
"Und da soll ich Ihnen glauben", fuhr der Vernehmer ganz ruhig
fort, "daß Sie ein Freund der Sowjetunion sind, wo sie doch solch
tiefen Haß in sich hegen?"
"Das stimmt nicht!"
"Viel wahrscheinlicher ist doch, daß Sie endlich die Gelegenheit
beim Schopfe packen wollten, um aus der ehemals sowjetischen Besatzungszone
abzuhauen. Wissen Sie", seine Stimme wurde wieder leutselig, "in
gewissem Sinne könnte ich das sogar verstehen. Glauben Sie mir. Ich
könnte auch verstehen", er begann vor dem Tisch auf und ab zu gehen,
"daß es Ihnen um Ihren Landbesitz leid tut, der in die LPG
eingebracht wurde, und daß Sie, wie soll ich sagen, nicht damit
einverstanden waren."
"Ich bin von meinem Mann geschieden, das wissen Sie! Mit dem Bauernhof
habe ich nichts mehr zu tun."
"Geben Sie es doch zu, Frau Meerbusch. Sie haben die überzeugte
Genossin nur gespielt und ein Lippenbekenntnis nach dem anderen abgegeben,
damit man Vertrauen zu Ihnen gewinnt. Und dann wollten Sie dieses Vertrauen
schändlich mißbrauchen. Sie haben jahrelang wie eine Zecke auf dem
Baum auf eine Gelegenheit gewartet abzuhauen. Aber", er machte eine Pause,
" wir sind Ihnen zuvorgekommen."
Hinter ihr wurde eine Tür geöffnet. Die männliche Stimme, die
fragte, wann der Raum frei werde, kam ihr bekannt vor. Manfred Kronbecher,
schoß es ihr durch den Kopf. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Sie
hoffte, sich geirrt zu haben. Was der Vernehmer geantwortet hatte, war ihr in
der Aufregung entgangen. Doch sie hatte gesehen, wie seine Haltung sich
straffte, als sei der Mann in der Tür ein Vorgesetzter.
"Ich habe Durst", sagte Lucie matt.
15. Kapitel