Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

13. KAPITEL

Beerdigung in Biesenthal
282 Tage deutscher Einheit

Lisa parkte Lucies Wartburg vor dem Biesenthaler Friedhof. Lucie, die seit Erfurt kein Wort gesagt hatte, stieg aus. Es war kurz vor zehn Uhr morgens am zwölften Juli einundneunzig. Lucie trug ein schwarzes, etwas altmodisches Kostüm und einen Hut mit einem Schleier vor dem Gesicht. Elke begrüßte sie. Ihre Augen waren gerötet, die Finger ihrer Rechten umklammerten ein Taschentuch.
"Es ist eigenartig, nach so langer Zeit wieder einmal in Biesenthal zu sein", sagte Lucie. Sie hakte sich bei Elke ein. "Ich bin nur traurig, daß wir uns alle zur Beerdigung meines Sohnes wiedersehen und nicht aus einem freudigeren Anlaß."
Ein schwarzer Mercedes mit Stuttgarter Kennzeichen wirbelte Staub auf und hielt neben den Frauen.
Elfie stieg aus und kam auf Lucie zu. "Ach, Mutti."
"Ist schon gut, mein Kind", sagte Lucie. "Schick siehst du aus!"
Elfie zupfte an ihrer kurzärmligen schwarzen Seidenbluse. "Es ist gar nicht so leicht, im Hochsommer Trauerkleidung zu bekommen."
"Der Tod richtet sich nicht nach dem Wetter", sagte Lucie.
Hubert Schnabel, Elfies Mann, nahm Lucies Hand und sagte: "Ich möchte dir mein tiefstes Beileid aussprechen." Dann ging er zurück zum Auto und holte aus dem Kofferraum ein Grabgesteck aus Lebensbaumzweigen und weißen Callas.
Robert, der zwölfjährige Sohn von Elfie und Hubert, gab Lucie die Hand. "Ich bin ganz traurig", sagte er.
Lucie streichelte ihm über den Kopf. "Wir alle sind traurig, mein Kleiner."
An Elkes Arm ging sie die von alten Pappeln gesäumte Allee entlang. Auf den meisten Gräbern wucherten violette Erikapflanzen.
"Ich habe den Friedhof viel größer in Erinnerung", sagte Lucie.
Robert war vorausgelaufen. Er hockte vor einem schlichten Grabstein und rief: "Hier ist ein Kind gestorben!"
"Robert, komm her und benimm dich!" forderte Elfie. Der Junge rannte zu ihr. Sie klopfte über den schwarzen Stoff seines Anzugs, rückte die Fliege zurecht. Da entdeckte Robert Opa Herbert und Döskopp, die an einem frisch ausgehobenen Grab standen.
Herbert hatte einen von Willis Anzügen an. Er war ihm zu groß. Die Ärmel des Jacketts hatte er aufgekrempelt, die Hosenbeine umgeschlagen. Lisa sah das blaue Hemd aus Wildseide.
Herbert unterhielt sich mit einigen jungen Leuten. Bei ihnen stand Peter, der Ökorechtsanwalt, der den Entmündigungsantrag von Ernst niedergeschlagen hatte. Einige der Ökos hatten Blumen mitgebracht, andere trugen kleine selbstgewundene Kränze aus Gräsern und Blüten, die sie auf dem verbliebenen Wiesenstück hinter der Nummer neun gepflückt hatten.
Döskopp faßte die Hand von Johanna und hielt in seiner Linken einen Strauß gelbblühendes Johanniskraut.
Auf der anderen Seite des Grabes standen Manfred Kronbecher, Siegfried Kretschmar, Eva Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder und Peter Schmidt. Schmidt hielt einen Kranz mit der Aufschrift: "Willi, unser treuer Kamerad".
"Das sind doch die von den Fotos", flüsterte Lisa. Nur Dieter Hugosch konnte sie nirgends entdecken. Doch dann dachte sie, der sitzt wegen seines falschen Reisepasses sicher noch in einem griechischen Gefängnis.
"Welche Fotos?" fragte Elke. "Kennst du diese Leute?"
Lisas und Kronbechers Blicke trafen sich. Wer ist dieser Mann? dachte sie. Gehört er auch zu Willis Kollegen? Zu seinen Mördern? Irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen, aber wo?
Lisa hatte Frohner versprechen müssen, auf der Beerdigung ruhig zu bleiben und keine Szene zu machen. Sie wollte sich an diese Abmachung halten.
"Das sind", stotterte sie, "das sind sicher Arbeitskollegen von Willi."
"Das finde ich aber sehr aufmerksam", meinte Elke, "daß sogar seine früheren Kollegen zur Beerdigung kommen."
Lucie musterte die Männer skeptisch. "Da ist doch der Manfred", sagte sie. Als sie Eva Schmiedinger sah, war sie irritiert. Aber sie erkannte ihre Peinigerin aus dem Gefängnis vor neunzehn Jahren nicht wieder. Für einen Moment stand das Gefängnis wieder vor ihren Augen, und sie erinnerte sich an die stundenlangen Verhöre. Doch sie wollte sich nicht erinnern. Nicht jetzt. Lucie wandte sich ab.
Ein Polizist stand auf der Allee, ein zweiter an der Weggabelung. Sie verständigten sich über Funk.
Lisa ging zu Christoph, der in Begleitung einer Frau in einigem Abstand hinter der Familie stand.
"Wer sind denn die Polizisten hier?" fragte sie.
"Die Polizei ermittelt wegen Mordes. Ich schätze, die anderen Herren sind vom BND."
"Die Leute da vorn", sie wies mit dem Kopf zu Kronbechers Gruppe, "waren auf den Fotos, die mir der Polizeibeamte in Kairo gegeben hat."
"Ich weiß", sagte Christoph.
"Den Weißhaarigen kenne ich aber nicht."
Christoph hob die Schultern. "Wir machen Fotos von allen, und dann sehen wir weiter. Darf ich dir Isabell vorstellen?"
Die Frau neben ihm grüßte Lisa wortlos.
"Aus Martigny", sagte Lisa.
"Woher wissen Sie ...?" Isabell lächelte matt.
Zwischen den Gräbern spazierten unauffällig aussehende Herren umher, die das Geschehen am Grab nicht aus den Augen ließen. Zwei Fotografen liefen herum und knipsten aufdringlich.
Auf der Allee kamen Frauen. Sie unterhielten sich nicht, gingen einzeln. Unter ihnen war Silvy, Lisas Freundin. Auch Alexandra kam über die Allee.
"Wieso sind so viele Leute hier?" regte sich Elke auf. "Das sollte doch eine Beerdigung im engsten Kreis sein."
"Willst du den Leuten verbieten zu trauern?" fragte Lisa.
Elke fing an zu weinen.
"Elke hat aber recht", mischte sich Döskopp ein. "Es ist doch eine Familienfeier!" Johanna klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
Herbert suchte Blickkontakt zu Lucie. Doch sie vermied es, ihren geschiedenen Mann anzuschauen, und trat dicht hinter Elfie und Hubert.
Herbert stand allein.
Eva Schmiedinger flüsterte zu Kronbecher: "Komm, wir legen die Blumen hin und gehen."
"Wir bleiben", antwortete dieser.
"Aber Willi ist tot, und bei den Verwandten ist nichts mehr zu holen."
"Wir bleiben."
Ein Leichenwagen fuhr langsam über die Allee und hielt vor dem ausgehobenen Grab. Vier Männer luden den Sarg mit Willis Leiche aus und stellten ihn auf die Bretter, die quer über der Grube lagen. Dann traten sie zurück und blieben etwas abseits stehen. Die Gespräche verstummten. Gespannt warteten alle, was nun geschehen würde. Nichts geschah.
"Kommt denn kein Pfarrer?" flüsterte Elfie.
"Willi war nicht in der Kirche", gab Elke leise zurück.
"Na, dann irgendeiner vom Beerdigungsinstitut."
"Hast du denn einen bestellt?" wandte sich Elke an Lisa.
"Warum soll ich einen bestellt haben?"
"Na, aber einer muß doch was sagen", meinte Alexandra. Sie begann zu heulen.
"Warum?" fragte Lisa. "Die vier Männer, die das Grab zuschaufeln, habe ich bezahlt. Aber wozu ein Redner, der Willi gar nicht kennt?"
"Das ist doch aber peinlich", meinte Elfie. "Irgendeinen hättest du doch bestellen müssen."
"Sag du doch was", schlug Lisa vor.
"Ich hab' mich gar nicht vorbereitet", sagte Elfie.
"Du wirst doch etwas zum Tode deines Bruders sagen können."
"Ich bin viel zu fertig." Elfie schluchzte. "Erst die Reise, die ganze Aufregung ..."
"Dann sagt eben niemand etwas", meinte Lisa und gab den Sargträgern ein Zeichen.
Die vier Männer traten an den Sarg, hoben ihn an, um die Bretter wegzuschieben und den Sarg in die Erde zu lassen.
"Wenn keiner was zu sagen hat", meinte Sabine, "dann sage ich etwas." Doch Isabell hielt sie zurück. "Zuerst die Familie."
Trude drückte Ernsts Hand und schob ihn nach vorn.
"Was ist denn das für eine komische Beerdigung?" fragte Eva Schmiedinger.
"Bleib ruhig", wies Kronbecher sie zurecht. Er stieß Schmidt an, daß er am Grab reden sollte.
Als dieser losgehen wollte, ging Lucie zu Herbert hinüber und zog ihn an die Stirnseite des Grabes. Ernst kam hinzu.
Döskopp trat vor Schmidt. "Wer sind Sie überhaupt?" fuhr er ihn an. Johanna beschwichtigte ihn: "Du bist kein Polizist mehr, Maxe." Schmidt trat wieder zu Kronbecher und den anderen.
Lucie und Herbert standen, sich an den Händen haltend, am Grab. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Ein Team vom Biesenthaler Lokalfernsehen postierte sich ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Grabes. Die Kamera surrte.
Herbert brachte kein Wort über die Lippen.
Ernst räusperte sich. "Liebe Gemeinde ..."
Elke stürmte auf ihn zu. "Du redest hier nicht! Herbert, nun sag doch was!"
Lisa versuchte ihre Mutter zurückzudrängen.
Ernst sagte: "Wer soll denn reden?" Trude hielt sich ein Taschentuch an die Augen.
Hubert wollte etwas sagen, doch seine Frau Elfie hinderte ihn daran. "Drängle dich nicht vor!"
Döskopp klopfte Herbert auffordernd auf die Schulter.
Herbert verneigte sich vor dem Grab. Er bückte sich und nahm etwas Erde in seine Hand. Unbeholfen warf er die Erde in das Grab. Dann holte er tief Luft, atmete wieder aus, zitterte. Sein Gesicht bekam rote Flecken. Er zog die Nase hoch, wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
Döskopp wollte Herbert zu Hilfe kommen, doch Johanna hielt ihn fest.
"Nun sag endlich was", wisperte Lucie.
"Opa, sag endlich was!" rief Robert laut. Elfie zog ihn am Ärmel und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.
"Ich ..." Herberts Stimme zitterte. "Ich freue mich ..." Er zog wieder die Nase hoch, schneuzte sich. "Ich freue mich, daß ihr alle gekommen seid."
"Wir sind hier heute zusammengekommen", sagte Lucie, die Tränen unterdrückend, "um unseren Sohn Wilhelm ... Kurt Dieter Paul Otto zu ... zu begraben."
Herbert brach in Weinen aus. Lucie nahm ihn in den Arm und geleitete ihn ein paar Schritte zur Seite. Einige Frauen schluchzten auf.
Ernst stellte sich an Herberts Stelle. "Lieber Willi ... mein Bruder ..." Seine Stimme klang brüchig wie die eines alten Mannes. Er bemühte sich um Fassung. "Lieber Willi", begann er von vorn. Dann brachte er kein Wort mehr über die Lippen.
Hubert trat neben ihn und begann mit fester Stimme: "Liebe Trauergemeinde! Wir alle, die wir hier versammelt sind, haben etwas mit unserem Bruder Willi zu tun gehabt." Die Erregung stand in seinem Gesicht. Er holte tief Luft und redete weiter. "Jeder hat Willi gekannt. Viele haben nicht gewußt, was er beruflich gemacht hat."
Herbert hatte sich gefaßt und fiel ihm ins Wort: "Das wollen wir hier und heute auch nicht besprechen!"
Hubert fuhr fort: "Wir wollen einen Menschen, der sein Lebenswerk getan hat, zu Grabe tragen." Es fiel ihm schwer, weiterzureden. "Wir wollen Abschied nehmen von dir, Willi ... dich verabschieden ... für immer ..."
Robert schaute zu seiner Mutter auf und fragte: "Kann ich auch was sagen?"
"Du hältst den Mund", zischte Elfie. Robert maulte. Er drehte das Gesteck in der Hand, eine Blüte brach ab.
Döskopp tätschelte Roberts Wange und legte den Finger auf den Mund. Dann stellte er sich hinter Herbert und ließ seinen Blick streng über die Trauernden schweifen.
Lucie nahm alle Kraft zusammen. Sie trat an das Grab und warf eine Handvoll Erde hinein. Bei dem Geräusch, das die Steinchen auf dem Holzdeckel verursachten, zuckte sie zusammen. "Mein lieber Sohn", begann sie. "Ich habe dir sicher manchmal Unrecht getan. Als du ... als du die Maikäfer losgelassen hast, da habe ich dich sogar geschlagen ..." Sie schluchzte.
"Ich habe dich auch geschlagen", sagte Herbert. "Verzeih mir!"
Döskopp wollte seine Meinung sagen: "Von mir hast du auch mal eine hinter die Löffel gekriegt." Johanna verhinderte, daß er weiterreden konnte. "Das gehört nicht hierher", sagte sie.
"Daß Willi ein Rotzbengel war, muß aber auch gesagt werden", verteidigte sich Döskopp. Alle schauten ihn befremdet an. "Sonst entsteht doch ein ganz falscher Eindruck", beharrte er. "Der Willi war kein Engel."
"Das ist nun mal auf einer Beerdigung so", beschwichtigte ihn Johanna.
"Das ist aber falsch", trotzte Döskopp und warf beleidigt den Strauß Johanniskraut auf den Sarg.
Elke wollte nach vorn. Alexandra hielt sie zurück. "Ich gehöre auch zu seiner Familie", sagte Elke. "Wenn hier alle etwas sagen, dann kann ich das auch. Laß mich los!"
"Du bist hier." Alexandra hielt sie fest. "Das reicht. Erst die Eltern, dann die Geschwister. Einer nach dem anderen. Du bist hier nicht die wichtigste, Elke!"
"Mein lieber Sohn", redete Lucie mühsam weiter, "ich will mich bei dir entschuldigen ... für alles ..."
Hubert sprang ein: "Die Mauer hat unsere Familie getrennt ... aber sie konnte unsere Familie nicht auseinanderbringen ... Wenn wir heute hier im Osten ... lieber Willi ... an deinem Grabe stehen ... und wiedervereint hier stehen ... dann ist das ein Augenblick, in dem die Familie ... in dem die Familie dir die letzte Ehre erweist ... Es sind alle deine Freunde am Grab ..."
"Ich bin auch da, Willi", rief Robert. Elfie hielt ihm den Mund zu. "Ich bin dein Neffe!" schrie Robert durch Elfies Hand.
"Lieber Bruder", sagte Ernst, "durch dich haben wir ... ohne deine Ideen, deinen Humor ... wir wären alle so froh, wenn ... wenn du noch unter uns weilen und sehen könntest, was aus unserem schönen Biesenthal wird ..."
Die Kamera des Fernsehteams kam nahe an sein Gesicht heran. Ernsts Haltung straffte sich. Fotoapparate klickten. Ernst sagte: "Jetzt wird deine Heimatstadt zum Mittelpunkt zwischen Eberswalde und Berlin und Bernau. Jetzt entsteht in Biesenthal das, wovon wir als Kinder geträumt haben ... eine Landschaft ... eine blühende ..." Er wandte sich von der Kamera ab.
Hubert ergriff  wieder das Wort: "Liebe Biesenthaler, liebe Freunde, liebe Familie. Wenn wir heute hier stehen ... dann ist es für dich, Lucie ... am schwersten. Denn du hast Willi ... Otto Wilhelm Paul geboren. Du hast ihm das Leben geschenkt ... in einer schweren Zeit ... während du, Herbert ... im tiefsten Sibirien gefoltert wurdest ... Du, Lucie, hast in den schweren Jahren ... deine Kinder zusammengehalten in einer Zeit ..."
"Das ist doch nicht wichtig", begehrte Herbert auf. Döskopp beruhigte ihn.
"Was erzählt der für einen Quatsch", fuhr Elke auf. "Wir sind auf einer Beerdigung!"
"Jeder nimmt auf seine Art Abschied", sagte Lisa.
Schmidt flüsterte mit Eva Schmiedinger. "Müssen wir uns dieses Gesabbel anhören?"
"Sei ruhig", zischte Eva Schmiedinger. "Wenn du beerdigt wirst, dann kommen vielleicht auch deine Freunde und Kollegen und deine Familie."
"Wenn die alle fertig sind, kommen wir dran", ordnete Kronbecher an.
"Ich weiß noch, wie wir als Kinder Streiche zusammen gemacht haben." Ernst hatte sich wieder gefaßt. "Aber wir wollten nicht dich, liebe Mutter, ärgern, sondern wir haben unsere Kindheit ausgelebt. Unsere Familie ist auseinandergerissen worden ... Aber sie ist immer ... zusammengeblieben im Geist ... Und das ist dein Anteil, liebe Mutter ..." Seine Stimme versagte wieder.
Lucie schluchzte laut. Auch Elke, Elfie, Alexandra und Lisa heulten.
"Mutti", sagte Robert, "du mußt doch nicht weinen. Der ist doch schon tot."
"Du und Herbert", sagte Ernst, "ihr habt uns drei Kindern ... das Beste mit auf den Lebensweg gegeben ... Wir haben studieren können ..."
Kronbecher sagte leise: "Na, da waren wir wohl auch mit dran beteiligt."
Eva Schmiedinger stieß ihn an.
"Wenn wir heute hier an deinem Grab stehen", sprach Ernst, "dann wollen wir dir auch Dank sagen ... für den Rat, für die Freundschaft, für die ... für die Liebe, die du uns Anwesenden gegeben hast ..."
"Lieber Willi", fiel Hubert ihm ins Wort, "wir wollen uns heute von dir verabschieden. Du siehst uns erschüttert ... bewegt und traurig ... Du siehst die Gemeinde Anteil nehmen ... Wir alle verabschieden uns heute von dir ..."
Herbert drängte sich nach vorn und machte eine Handbewegung, als wollte er alle fortscheuchen. "So, jetzt könnt ihr alle gehen."
Als jedoch niemand ging, rief Döskopp: "Das war's. Schluß der Vorstellung."
Elfie und Robert gingen am Grab vorbei. Elfie hob etwas Erde auf und krümelte sie ins Grab. Trude warf Blumen hinein. Robert hob das Grabgesteck auf und ließ es auf den Sarg fallen. Die abgebrochene Blüte hinterher.
"Doch nicht das Gesteck!" rief Elfie aufgeregt.
Robert wollte ins Grab steigen, um es wieder herauszuholen.
Herbert sagte: "Ach, laß. Ist ja alles egal."
Herbert gab Lucie die Hand und wandte sich zum Gehen. Döskopp und Johanna gingen mit. Elfie stützte ihre Mutter.
"Welches Auto fährst du denn jetzt?" fragte Ernst, der mit Hubert über die Allee ging. Trude nahm Robert an die Hand.
"Einen BMW der Fünfhunderter Reihe", gab Hubert bereitwillig Auskunft. "Ich bekomme ihn nächste Woche geliefert."
Kronbecher und seine Leute waren verwirrt. "Kommt jetzt", befahl er. Die fünf Männer und Eva Schmiedinger traten geschlossen ans Grab.
"Was machen die denn jetzt am Grab, Tante Trude?" fragte Robert.
Lucie blieb plötzlich auf der Allee stehen, als sie jemanden reden hörte. Die anderen blieben auch stehen.
Schmidt hatte das Wort ergriffen. "Lieber Willi, liebe Anwesenden, liebe Genossen. Willi Meerbusch ... war uns ... ein lieber, ein wertvoller Kamerad. Er war uns ein Freund ..."
Durch Lisas Körper ging ein Zucken. Christoph hielt sie am Arm fest. Lisa hatte alle Mühe, sich zusammenzunehmen.
"Willi Meerbusch hat uns viele Jahre begleitet als Kollege, als Ratgeber", sagte Schmidt. "Willi Meerbusch, du warst unser Freund. Ich erinnere mich noch, lieber Willi, wie ich dich kennengelernt habe, wie du mir deine Freundschaft angeboten hattest, wie du mir die Hand reichtest. Ich, der ich drei Jahre jünger bin als du, ich habe diese Hand ergriffen und habe von dir gelernt, was Freundschaft ist. Du hast mir in der Zeit meiner Ausbildung, du hast mir auch in schweren Zeiten bei der Erfüllung meiner Aufgaben geholfen. Das werde ich dir nie vergessen. Wir alle, deine Kollegen, deine Kameraden, nehmen Abschied von dir in dem Gefühl, daß du aus einer Gemeinschaft herausgerissen wurdest durch ein Unglück, das uns tief erschüttert hat. Wir, deine Kollegen und Freunde, haben dich geliebt."
"Ihr Schweine", rief Alexandra plötzlich und rannte auf das Grab zu. "Ihr habt ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist! Mörder!" Eva Schmiedinger wollte sich auf sie stürzen, wurde aber von Kronbecher zurückgehalten. Elke lief ihrer Freundin nach, um sie zur Ruhe zu bringen. Doch Alexandra ließ sich nicht besänftigen. "Wegen euch liegt er jetzt da unten!"
Christoph wurde nervös. Auch Lisa war aufgewühlt.
Die fünf Leute hatten jeder eine Handvoll Erde in das Grab geworfen. Wie auf Befehl wandten sie sich um und liefen fast im Gleichschritt über die Allee an den anderen Trauergästen vorbei.
Herbert schaute ihnen ungläubig nach. Dann sagte er: "Wenigstens seine Freunde von früher sind gekommen."
Lucie schüttelte den Kopf. "Das waren keine Freunde. Das waren ... die kamen mir vor wie aus der Hölle."
"Aber", sagte Döskopp, "der Manfred hat uns immer geholfen."
"Trotzdem. Die haben Willi auf dem Gewissen."
"Wie kannst du so etwas behaupten?" fragte Ernst. Trude zog ihn am Arm.
Hubert griff beschwichtigend ein: "Wir sind alle aufgeregt. Wenn ich jemanden umbringe, komme ich doch nicht zu seiner Beerdigung."
Robert fragte: "Wer waren diese Leute?"
"Sei still!" zischte Elfie.
Das Fernsehteam eilte hinter Kronbecher her. "Herr Kronbecher, eine Frage! Hat Herr Meerbusch die Staatsjacht unterschlagen?"
"Fragen Sie doch die Treuhand", gab Kronbecher unwirsch zurück. Schmidt und Schröder drängten den Kameramann beiseite.
Herbert forderte die Familie auf, mit in ein Restaurant zu gehen.
Sabine ging zum Grab. Silvy trat zu ihr.
"Was ist denn jetzt los?" fragte Elke verwundert. Sie ging zu Alexandra, die auch an das Grab getreten war. Die Meerbuschs und die Schnabels blieben unschlüssig auf der Allee stehen.
Isabell kam nach Lisa als letzte mit an das Grab.
Die sechs Frauen standen dicht beieinander. Sabine faßte Silvys Hand, Silvy die von Alexandra. Schließlich hielten sich alle Frauen an den Händen. Christoph kam näher, stand hinter ihnen.
Sabine und Isabell wollten etwas sagen. Dann ließ eine der anderen den Vortritt. Sie lächelten.
Isabell begann: "Mein lieber Willi ... hier stehen wir, deine Frauen ..."
Die Frauen musterten sich gegenseitig. Da war Verbundenheit, aber auch Eifersucht in ihren Gesichtern zu lesen.
Isabell redete weiter: "Wir, die wir alle zu einem Moment in deinem Leben gehören ... wir gehören alle zu dir ... Ich habe dich gemocht, weil du so ein lustiger Kerl warst ... eigentlich ... weil du immer von Charlie Chaplin geschwärmt hast ... und weil du in deinem Kino immer für die Kinder Filme gespielt hast. Ich habe dich geliebt, weil du ... mich ... begleitet hast, weil du ... ein galanter Liebhaber warst, weil ... du mein Freund warst."
"Ja, lieber Willi." Sabine wischte sich die Tränen weg. "Es war schon komisch, wie ich dich alten Knacker kennenlernte ... Du warst zehn Jahre älter ... Du hattest einen Anzug an, einen Schlips ... du hattest ein schickes Auto, alles Dinge, die ich damals verachtete ... von denen ich mich getrennt hatte. Und in diesem Aufzug bist du ..." Sie lachte und weinte gleichzeitig. "... bist du zu uns in die Wohngemeinschaft gekommen und ... und hast dich als Filmproduzent vorgestellt ..." Sie war kaum zu verstehen. "Wie wir mit den Kindern aus der WG ... so lustige Stunden ... Ich erinnere mich an die Reisen mit dir, an die Großstädte, an die Hotels ... Aber ich erinnere mich auch immer daran, wie ich von dir gelernt habe, daß das Leben auch Liebe, Freundschaft ... Als wir dann auf Distanz gingen, waren wir Freunde, und ... und diese Freundschaft hat bis heute angedauert."
Silvy setzte zum Reden an. Fragende Blicke von allen Seiten trafen sie. Elke fragte: "Du etwa auch?"
Silvy reagierte auf die Frage nicht. "Ich habe dich, lieber Willi, immer nur dann gesehen, wenn du von weit draußen kamst. Von dort, wo ich nicht hinkonnte ... Ich habe die Welt durch deinen Mund, durch deine Worte kennengelernt, gelebt ... Ich bin durch Städte spaziert, habe in Gedanken mit dir Austern in Paris gegessen. Ich habe an einem aufregenden Leben teilgenommen. Es war nicht mein Leben, aber ich habe den Luxus genossen, den du in mein Leben gebracht hast. Ich habe mich immer danach gesehnt, an deiner Seite aus diesem verfluchten Gefängnis fliehen zu können. Denn jedes Mal, wenn du weggingst, wußte ich, daß ich nicht mitfahren konnte. Jedes Mal, wenn du weggingst, hast du ein Stück von meinem Herzen mitgenommen ..." Sie konnte nicht weiterreden.
"Mein lieber Willi", begann Elke tapfer, "ich habe ... du warst mein erster Mann, und ich habe dich ... ins Herz geschlossen ... Ja, wenn ich euch hier alle so sehe, euch Frauen, Willis Frauen ... ich war deine erste Frau. Ich habe dir ein Kind geschenkt, und ich schäme mich, weil ich dich oft verleugnet habe ... vor mir selbst, vor meiner Familie ... um meine Ehre zu retten. Ich hoffe ... ich hoffe, du verzeihst mir das ... Du hast dich immer um uns gesorgt. Es waren nicht deine Geschenke. Es war deine Fürsorge ... dein Leben habe ich nicht verstanden, weil ... weil ich das nicht leben konnte ... Das waren Welten ... Du in deiner, an der wir nicht teilnehmen durften ... aber du hast uns nicht ausgeschlossen ... Du warst immer ... bist immer zu uns gekommen ... mit deinem Lachen, deinem Optimismus ... mit deiner Menschlichkeit. Lieber Willi, du warst mein Mann ..."
Alexandra sprach jetzt: "Tja, Willi. Jetzt will ich auch meinen Senf dazugeben. Ich war deine wirkliche Geliebte ... deine Ostgeliebte ... Ich will mich nicht vordrängen vor Silvy ... Elke ... oder vor euch allen ... Aber ich war die einzige Frau, die wußte, daß du noch andere Frauen hattest ... Ich war eine echte Geliebte. Ich genoß den Luxus ... Ich habe dich genommen, wie du warst ... Du warst ein Kumpel. Wir waren nur Stunden oder Tage zusammen ... Es mußte heimlich sein. Aber du ... du warst ein Stück Luxus, auf das ich nicht verzichten wollte ..."
Lisa löste sich von Silvys Hand. "Ja, Willi, jetzt muß ich dir meine Geschichte erzählen. Beinahe wäre auch ich deine Geliebte geworden. Ich erinnere mich an den Tag ... an die Nacht auf Kreta, in der ich neben dir im Bett lag, und du mich beinahe ... Ich war für dich begehrenswert. Ich weiß, du hast Dinge getan, Willi, die ich dir nicht verzeihen kann ... oder die ich dir nicht verzeihen will. Du hast aber auch Dinge getan, die toll waren. Ich weiß, wer deine Mörder sind ... sie waren hier ... heute ... und ich werde nicht eher ruhen, bis ich sie alle .... ich werde dich rächen, Willi, mein ... mein Vater ..."
Elke sah Alexandra erschrocken an. "Ist das wahr?" fragte sie Alexandra. Die reagierte nicht.
Lisa sprach weiter: "Deine Mörder haben hier an deinem Grab Freundschaft geheuchelt, Kameradschaft ... Aber sie werden sich nicht weiter dahinter verschanzen können. Lieber Willi, ich werde deinen Tod rächen!"

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