Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

12. KAPITEL

Willis Besuch in Berlin-Köpenick
6784 Tage vor der deutschen Vereinigung

"Na, meine heimliche Geliebte", begrüßte Willi Elke. Er sagte das absichtlich, um Ernst zu provozieren und um Elke in Verlegenheit zu bringen. Sie konnte die Augen so schamhaft zu Boden richten, und das mochte er an ihr.
Die Neubauwohnung in Berlin-Köpenick im siebenten Stock roch noch nach Farbe und neuen Möbeln. Die Einrichtung war bis auf Ernsts Arbeitszimmer noch nicht komplett. Willi hatte angeboten, die Küche auszubauen, damit sie anders aussah als die tausend anderen Küchen im Wohngebiet. Ihr Mann hatte abgelehnt, und Elke hatte ihm beigepflichtet, daß so eine Einbauküche äußerst praktisch sei. Daß Willi die dunklen gespundeten Bretter für die Wandverkleidung seines Arbeitszimmers besorgte, tolerierte Ernst.
Willi nahm Lisa in die Arme. Sie schmiegte sich an wie ein Kätzchen.
"Ich koche heute", bestimmte Willi.
"Du brauchst nicht zu kochen", lehnte Elke ab, "wir tauen was auf. Oder ich mache schnell Karlsbader Schnitten. Ernst muß nachher noch weg. Keine Zeit für Experimente."
"Laß dich einmal verwöhnen", bat Willi und zwinkerte ihr zu. "Du brauchst auch keine Angst zu haben", versprach er, "daß du die Küche anschließend renovieren mußt."
Lisa erkannte ihre Chance, beim Kochen zu helfen. Sie saß am Küchentisch und krempelte sich schon die Ärmel hoch, legte ein Brettchen vor sich hin und fragte, was sie helfen könnte.
"Ist dein Zimmer aufgeräumt?" fragte Elke. Lisa zog einen Flunsch.
Willi nahm sie in Schutz: "Nicht wahr, immer, wenn die Erwachsenen etwas Spannendes vorhaben, fragen sie, ob das Kinderzimmer aufgeräumt ist." Lisa warf einen triumphierenden Blick in Elkes Richtung.
"Lisa wird heute etwas fürs Leben lernen", verkündete er.
Elke faßte sich an den Kopf und mahnte: "Da muß sie aber die ollen Sachen anziehen, wenn sie mit dir kocht. Und für nachher lege ich dir die Strickhosen und den Pullover aufs Bett." Sie ging hinaus, um für Lisa die Sachen zu holen. Lisa maulte. "Ich will aber nicht die Strickhosen anziehen, die kratzen, und der grüne Pullover ist doof."
Willi lief Elke nach und sagte leise: "Laß sie doch selbst aussuchen, was sie anziehen möchte."
Elke lachte auf. "Ich kann mir vorstellen, wie das aussehen wird. Sie würde jetzt, weil du da bist, das Rüschenkleidchen heraussuchen, und morgen den geblümten Rock, die gestreifte Bluse und die Fellstiefel."
"Na und?" fragte Willi.
"Hör mal, ich will, daß mein Kind vernünftig herumläuft", sie betonte das "mein", "und nicht zum Gespött der Leute wird."
Lisa kam ins Kinderzimmer. Elke verstummte. Willi bat Lisa, in der Küche Brettchen, eine Schüssel und Besteck herauszusuchen.
Als Lisa draußen war, fragte er: "Seit wann legst du denn Wert auf die Meinung der Leute?"
Elke winkte ab. "In so einem Viertel kennt man sich, Lisa soll hier zur Schule gehen. Warum willst du es ihr schwerer machen?"
"Hast du denn gar kein Vertrauen zu deiner Tochter?" fragte er vorwurfsvoll.
"Sie kann sich die Sachen noch nicht selbst heraussuchen. Dann zieht sie sich zu kühl oder zu warm an, von der Zusammenstellung will ich gar nicht reden."
"Du gibst ihr gar keine Gelegenheit, ihren eigenen Geschmack zu entdecken!" Willi war aufgebracht.
"Einer Sechsjährigen", spottete Elke.
Von der Küche her rief Lisa: "Ich bin fertig!" Willi rief zurück: "Ich komme gleich."
"Ich komme gleich, sagte die Schlange im Film", zitierte Lisa.
"Sie weiß, was ihr steht", sagte Willi zu Elke. "Wenn sie ihre Lieblingssachen anzieht und einer auf der Straße oder im Kindergarten über sie lacht, ändert sie es von ganz allein."
"Und ich kann mir auf der Elternversammlung anhören, wie unmöglich mein Kind immer herumläuft. Du redest davon, ich solle meinem Kind nicht meine Moral aufdrücken. Aber du willst mir dauernd deine Moral aufdrücken! Warum sollen wir etwas, das in Ordnung ist, ändern? Kann sein, daß das deine Frauen in der BRD anders handhaben", sagte sie eifersüchtig, "aber da herrschen andere Gesetze, die hier in Köpenick keine Gültigkeit haben."
Willi hielt sie am Arm fest. "Kapierst du nicht, wie du das Kind einengst?"
"Pah", machte Elke und riß sich los. "Ich war in meiner Kindheit noch viel eingeengter, da hatten wir nicht einmal genug zu essen. Und ich finde, aus mir ist etwas ganz Passables geworden. Zumindest hat es gereicht, daß du dich in mich verliebt hast ..."
Sie streckte ihm die Zunge raus, doch dann schluchzte sie.
"Wir wollen beide dasselbe, nämlich eine glückliche Lisa", sagte er versöhnlicher.
"Vielleicht", meinte sie, "haben wir nur verschiedene Auffassungen von Glück?"
In der Küche hatte Lisa sämtliche Brettchen herausgeräumt, alle Küchenmesser und drei verschieden große Schalen.
"Will man schönes Essen machen, muß man haben sieben Sachen", dichtete Willi, während er so leise wie möglich das überflüssige Geschirr wieder wegräumte, ehe Elke es sehen konnte.
"Backe backe Kuchen ...", Lisa sang den Vers. Abwechselnd klatschte sie in die Hände und schlug die Handflächen rhythmisch auf den Tisch. Willi hockte vor ihr, sie klatschten die Hände aneinander und sangen immer lauter.
"Was gibt es denn heute?" fragte Elke vom Flur aus.
"Gefüllte Auberginen", verkündete Willi.
"Gefüllte was?" fragte Lisa übermütig.
"Auberginen", wiederholte Willi. "Das Wichtigste dafür ist frischer Rosmarin. Wo habt ihr denn den Rosmarin?"
Elke lachte schrill auf und sagte: "Rosmarin verlangt der Herr! Frischen auch noch! Und das am siebenten März! Ich wäre schon froh, hätte ich wenigstens getrockneten. Döskopp reißt meine Kräuter immer wieder raus und verfüttert sie an Herberts Kaninchen."
Die Entschiedenheit, mit der Elke das sagte, trieb Lisa die Tränen in die Augen. Willi konnte seine Tochter nicht weinen sehen, so zierlich und zerbrechlich wie sie war.
"Mit dem werde ich reden", sagte Willi, er schüttelte den Kopf. "Kein Rosmarin, so, so."
"Ist das schlimm?" fragte Lisa und erklärte sich sofort bereit, in die Kaufhalle zu gehen und welchen zu holen.
"Was hast du, Willi?" fragte Elke. "Du guckst so komisch. Laß uns doch lieber Karlsbader Schnitten machen", sagte Elke. "Ich habe noch einen Rest gekochten Schinken, den legen wir auf Brot, ich mache die Dose Pfirsiche auf, die du Weihnachten mitgebracht hast, eine Scheibe Käse drüber, überbacken und fertig."
Lisa mischte sich ein: "Ich will aber die Schienen und keine Karlsbader Schnitten. Die gibt's so oft bei uns."
Willi trat vor seinen Koffer, die beiden Schlösser schnappten auf, und er sang: "Simsalabim."
"Zauberst du uns jetzt Rosmarin?" fragte Lisa.
"Voilà, der Rosmarin!" Willi stellte einen kleinen Blumentopf auf den Küchentisch. Er zupfte ein Blättchen ab, rieb es zwischen den Fingern und hielt es Lisa unter die Nase.
"Riecht wie ... wie", Lisa mußte überlegen. "Hab' ich noch nie gerochen! Riecht wie Gartenhecke."
Elke blieb in der Küchentür wie angewurzelt stehen und starrte auf den Kofferinhalt. "Willi", rief sie, "dein Koffer ist ja voller Gewürze! Was ist denn das? Frische Pfefferminze, lebender Thymian! Salbei! Willi, wir haben erst März! Wo kommen denn die Gewürze her?"
"Such dir was aus", sagte Willi gelassen.
"Olivenöl", hauchte Elke, als sie den Koffer untersuchte.
"Nicht wahr, Mutti, Onkel Willi kann zaubern!?" Lisa steckte ihre Nase in den Koffer. "Mhm, riecht das aber gut."
"Damit hat meine Mutter immer gekocht. Darf ich mal riechen?" Schon knackte der Verschluß der Ölflasche. Willi mußte lachen. Die vorsichtige Elke, die jede Westgurke vor Ernst verteidigen mußte, verlor die Beherrschung beim Anblick von Olivenöl. Im Geiste notierte Willi für seinen nächsten Besuch Olivenöl auf der Einkaufsliste für die Meerbuschs.
Lisa begann die Buchstaben auf den Tüten abzuzeichnen. Elke bat ihre Tochter, damit aufzuhören. "Dann wissen die Leute gleich, daß wir Westkontakte haben. Solche Gewürze gibt es bei uns nicht."
Lisa sagte enttäuscht: "Alles, was interessant ist, gibt es bei uns nicht."
Elke wies sie zurecht: "Jetzt werd nicht frech!"
"Wieso denn frech?" mischte sich Willi ein. "Sie hat ihre Meinung gesagt; und sie hat auf den Punkt gebracht, was ihr alle denkt, wenn ich den Koffer aufmache."
Elke verdrehte die Augen, als Willi zwei Auberginen aus dem Koffer holte.
"Lila Birnen", rief Lisa, "o wie toll, die muß ich gleich meiner Freundin Silvy zeigen."
Elke wollte das Olivenöl auf den Balkon bringen, wo sie das Obst und Gemüse, das Willi mitgebracht hatte, aufbewahrte. Doch er hielt sie zurück, er brauche das Öl zum Kochen.
"Nein", sagte Elke bestimmt. "Das Olivenöl wird nur für Salate verwendet. Du kannst das Sonnenblumenöl unten im Schrank zum Braten nehmen." Er blickte sie streng an, und Elke stellte das Öl wieder auf den Tisch.
"Schau genau zu", sagte er zu Lisa. "Ich schneide zuerst die Auberginen der Länge nach auseinander." Es war nicht leicht, mit dem spitzen Messer die Kernreihen entlangzufahren, denn Lisa hatte sich zwischen ihn und den Küchentisch gedrängt, um nichts zu verpassen. Mit einem Löffel hebelte er die Innenteile der Hälften heraus und legte sie beiseite. "Die sehen ja aus wie Senfgurken", sagte Lisa und schnippte die Kerne über den Tisch. "Nur nicht so glasig."
"Du kannst jetzt die Auberginenhälften kräftig mit Öl einreiben", sagte er zu Lisa, "bis sie sich vollgesaugt haben."
Elkes Augen hätte fast geweint, als sie sah, wie Willi seine Tochter mit dem Öl herumpanschen ließ. Er nahm ein Päckchen aus dem Koffer und wickelte ein halbes Pfund Tatar aus.
"Nur das Beste für meine Familie", kam er Elkes Protest zuvor. "Wo sind die Zwiebeln?"
Elke schickte ihn auf den Balkon. Ärgerlich registrierte er, daß der Blumenkohl, den er vor zwei Wochen mitgebracht hatte, noch nicht gegessen war.
Als er in die Küche zurückkam, war Elke dabei, das verschüttete Öl in einem Glas zu sammeln. Lisa saß mit gewaschenen Fingern am Tisch. Er stellte vor Lisa eine Schüssel, gab das Fleisch hinein und pulte die Blättchen vom frischen Thymianstrauß, die er dazugab. Dann zerschlug er ein Ei am Schüsselrand und sagte zu Lisa, sie müsse jetzt alles gut durchmischen. Lisa wollte eine Gabel nehmen, aber Willi meinte, mit den Fingern ginge das schneller und besser. Elke sagte, daß sie Gehacktes immer mit der Gabel mische.
"Warum?" fragte Willi. "Drück doch dem Kind nicht deine kaputte und krankhafte Reinlichkeit auf!"
"Bitte nicht wieder diese Diskussion", sagte Elke.
"Aber es sollte dir klar sein, daß. wenn du 'iih' machst, rohes Fleisch und alles, was so ähnlich aussieht, für Lisa in Zukunft eklig ist."
"Mutti macht oft 'iih', ist das schlimm, Onkel Willi?" fragte Lisa, die nur halb hinhörte.
"Ich habe nicht 'iih' gemacht", widersprach Elke.
"Noch nicht", lenkte er lächelnd ein und hackte Zwiebeln und Rosmarin. Lisa knetete mit wachsender Begeisterung die Fleischmasse mit den Händen durch.
"Soll ich Brot für das Fleisch in Milch einweichen?" fragte Elke. Willi sah sie an, als hätte sie etwas sehr Dummes gefragt, und schüttelte den Kopf.
"Nur noch Salz, Pfeffer und Majoran und etwas Öl."
"Kann ich Kartoffeln schälen?" fragte Lisa, die ein kleines Messer in der Hand hielt.
"Ich durfte als Kind nie solche tollen Sachen machen, sollte nur immer die Abfälle einsammeln und abwaschen", sagte Elke neidisch.
Willi kostete ihre Eifersucht auf Lisa aus. Plötzlich verließ Elke die Küche. Kurz darauf drang das Geräusch des Staubsaugers in die Küche.
Willi nutzte die unbeobachtete Gelegenheit, um Lisa außer der Reihe einen kleinen Osterhasen zu schenken, den sie aber gleich aufessen mußte. "Das ist der erste Osterhase, den es in diesem Jahr zu kaufen gab", sagte er.
Sie teilten die Fleischmasse durch vier und schichteten die Teile in die Auberginenhälften. Lisa holte jedes Restchen aus der Schüssel heraus und klebte es an die Füllungen. Willi breitete Alufolie auf dem Backblech aus und Lisa plazierte die gefüllten Auberginen auf dem Blech. Dann wurden sie noch einmal mit Öl bestrichen, und Willi schob das Blech in den Ofen, den er auf volle Hitze eingestellt hatte.
"Es macht Spaß, mit dir zu kochen", stellte Lisa fest.
Ernst schaute zur Küche herein.
"Na, wieder Verbrecher verurteilt?" provozierte Willi seinen Bruder.
"Nein, wir hatten heute Sitzung bei der SED-Kreisleitung."
Die beiden Männer gingen ins Arbeitszimmer. Ernst breitete eine Zeitung über die Unterlagen auf seinem Schreibtisch aus und ließ sich dann in seinen englischen Ledersessel fallen.
Willi öffnete das längliche Fach des Schreibsekretärs und holte eine Schnapsflasche heraus, in der nur noch ein Rest war.
"Den müssen wir erst austrinken, denn ich habe eine andere Sorte mit", sagte er.
Ernst stellte zwei bleikristallene Cognacschwenker auf den Tisch und nahm aus der Schublade einen Metalltrichter, den er neben die Gläser legte. Er teilte den Rest Schnaps auf und kontrollierte, daß die Pegel in den Gläsern gleich hoch waren.
"Warum eine andere Sorte?" fragte Ernst. "Der Remy Martin das letzte Mal war doch gut."
Willi trank mit Genuß, während Ernst den Schluck gierig hinunterkippte.
"Du brauchst die Protokolle vor mir nicht zu verstecken, lieber Bruder. Oder sollte ich besser sagen "IM Akteur"?"
"Woher weißt du das?"
Willi zog eine Flasche Johnnie Walker aus der Jacke.
"Ich glaube wie du an meine Obrigkeit, aber ich will nicht hundertfünfzigprozentig sein, verstehst du?" sagte Willi, während er knackend den Verschluß löste und den Inhalt umfüllte. Die leere Flasche steckte er wieder ein.
Ernst saß schweigend in seinem Sessel. Willi ging zurück in die Küche. Lisa war gespannt, wie die gefüllten Auberginen jetzt aussahen. Er öffnete den Ofen, nahm einen Topflappen und zog das Blech ein Stück heraus.
"Die sind ja ganz braun geworden", wunderte Lisa sich.
"Nicht braun genug", erklärte Willi und streute geriebenen Parmesan über die Auberginen. "Es läuft alles nach Plan, Madame. Wir stellen jetzt den Ofen auf klein und bereiten den Reis zu."
Willi hatte eine Tüte Wildreis mitgebracht.
"Iih, der ist ja ganz schmutzig!"
Lisa meinte, der Reis müsse gründlich gewaschen werden.
"Wilder Reis ist so dunkel", sagte er. Und zu Elke: "Siehst du, das meine ich."
"Was meinst du?"
"Lisa ist vollkommen auf dem Reinlichkeitstrip! Alles, was nicht blütenweiß ist, ist schmutzig."
Elke schickte Lisa ins Kinderzimmer. Sie ging erst, als Willi sie darum bat.
"Warum mußt du immer wieder damit anfangen?" fragte sie ärgerlich.
Willi dämpfte die Stimme, als er sagte: "Weil es um Lisa geht. Du brauchst vor mir nicht zu betonen, daß sie deine Tochter ist. Manchmal habe ich den Eindruck, du findest meinen vollen Koffer ja ganz nett, aber ansonsten soll ich mich raushalten - aus eurem Leben und vor allem aus Lisas Erziehung. So einfach ist das aber nicht."
"Red nicht so laut", zischte Elke. "Was soll das? Willst du mich erpressen?"
"Wir beide, Elke, haben ein Geheimnis."
Elke sah in den Flur, ob Ernst in der Nähe war. Die Tür zum Arbeitszimmer war verschlossen.
Willi ließ sich nicht beirren. "Unser Geheimnis ist kein Topf oder Garten. Es ist viel mehr: ein Kind! Wenn ich schon offiziell nicht der Vater sein darf, will ich zumindest meinen Beitrag zu Lisas Erziehung leisten. Ist das so schwer zu verstehen? Ich liebe unser Kind!"
Elke erwiderte trocken: "Tu doch nicht so. Du hättest sowieso keine Zeit, dich jeden Tag um Lisa zu kümmern."
"Genau das ist ja der Punkt", bestätigte Willi. "Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß ich Ideale habe, die nicht die schlechtesten sind, weil sie unter anderem auch von meinem Vater stammen. Ich sehe, wie du unsere Tochter zu einem vorbildlichen Mitglied der Gesellschaft erziehst, das sich vor der Küchenarbeit umzieht, das alles eklig oder schmutzig findet, was es nicht kennt, das sich nicht traut, mit Fingern in den Teig zu fassen. Unsere Tochter soll sich frei entwickeln, in einem gesunden Verhältnis zur Welt. Das willst du doch auch. Ich will, daß sie glücklich ist."
"Was heißt denn für dich Glück?" fuhr Elke auf. "Da sind wir wieder am Ausgangspunkt. Vielleicht sollten wir den Begriff zuerst definieren?"
"Warst du jemals in deinem Leben glücklich?" fragte er sanft.
Elke atmete schwer. "Mit dir war ich glücklich. Aber das war nicht von Dauer, wie du weißt. Jetzt bin ich glücklich und zwar mit Ernst, deinem Bruder, kapierst du das?"
"Ich hätte dich mein ganzes Leben lang geliebt", sagte er.
Elke lachte. "Das sagst du jetzt."
"Du bist doch in die kleinkarierte Bürgerlichkeit geflohen", hielt Willi ihr vor, "und zwar vor dir selbst, vor deinen Gefühlen. Du denkst, du könntest als Richtersfrau den Problemen des Lebens entgehen. Du hast Status gewählt, nicht Glück! Verdammt noch mal, ich will nicht, daß Lisa genauso eine verklemmte Kuh wird, die mit dreißig nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist." Elke wollte aufbrausen. "Ja, wie du. Sei doch ehrlich, wie oft schläfst du mit Ernst? Wie lange dauert euer Beischlaf? Du brauchst nicht zu antworten, ich kenne meinen Bruder. Aber binde mir nicht den Bären auf, daß du glücklich bist!"
"Jetzt gehst du zu weit", fauchte sie.
"Ah, da ist ja eine Gefühlsregung!" zog Willi sie auf.
Ernst steckte seinen Kopf durch die angelehnte Küchentür. "Gibt es bald was zu essen?"
Elke war rot geworden und schneuzte sich die Nase.
Am Abendbrottisch wich Elke Willis Blicken aus. Ohne Appetit säbelte sie an der Auberginenhälfte.
"Gibt es das nächste Mal wieder blaue Birnen, Obirnen, Willi?" fragte Lisa. "Die schmecken ganz toll!"
"Ich finde, Salz fehlt", sagte Ernst. "Lisa, hol rasch das Salz aus der Küche!"
Lisa legte die Gabel, die sie gerade in den Mund schieben wollte, auf den Teller und rutschte vom Stuhl.
Willi sagte zu Ernst: "Das Kind ist doch nicht dein Dienstbote."
"Was ist dabei, wenn sie Salz holt?" fragte Ernst. "Ich habe sie ja nur in die Küche geschickt, nicht in die Kaufhalle." Er lachte. "Für sie geht ab September der Ernst des Lebens los. Und in der Schule muß sie noch ganz andere Dinge leisten. Darauf freust du dich ja auch schon, stimmt's Lisa?"
Lisa nickte. Ihre Freude auf die Schule war ehrlich. Willi bedauerte, ihr nicht den Ranzen kaufen zu dürfen. Aber er sah ein, daß in Köpenick so ein bunter Westranzen unangebracht war.
"Lisa wird eine gute Schülerin und ein vorbildlicher Pionier", behauptete Elke.
"So gut wie Ernst?" provozierte Willi. Ernst war beleidigt.
"Du bist heute recht spitz, Willi." Elke hatte sich nur schwer in der Gewalt. Am liebsten hätte sie ihm eine geknallt.
"Warum gebt ihr vor Lisa nicht zu, daß Ernst nicht Klassenprimus war?" sagte Willi ironisch. "Das ist ganz normal. Primus kann immer nur einer sein."
"Ich habe das Abitur", brüstete sich Ernst. "Im Gegensatz zu meinem Bruder."
Willi wollte kontern, doch er tat es nicht, Lisa zuliebe.
"Gute Leistungen in der Schule sind der Grundstock des Lebens. Der eine begreift das früher, bei dem anderen platzt der Knoten später. Wenn Lisa das Lernen von Anfang an leicht fällt, ist es ihre Pflicht und Schuldigkeit, gute Leistungen zu erbringen. Sie hat doch nichts anderes zu tun. Erinnere dich, Willi, unter welchen Bedingungen wir zur Schule gegangen sind. Meine Tochter soll es besser haben."
Elke war zusammengezuckt.
Willi griente und meinte, er müsse bald gehen. Lisa klammerte sich mit gespieltem Geheul an ihn und hielt ihn fest. Willi mußte versprechen, ganz schnell wiederzukommen, erst dann gab sie Ruhe. Als er aufstand, lief Elke hinter den Vorhang und übergab ihm den Beutel mit den Westflaschen, die sie sich nicht traute, in den Müllschlucker zu werfen. Wortlos verabschiedeten sie sich.

13. Kapitel