Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
11. KAPITEL
Bekanntschaft auf der Autobahn
8200 Tage vor der deutschen Vereinigung
Willis Citroën war schneller als der Fiat von Hugosch. Aber Hugosch war ein
guter Fahrer, der ihn immer wieder einholte. Er hatte an diesem Donnerstag, dem
neunzehnten September achtundsechzig, wie immer den Auftrag von Kronbecher,
Willi Meerbusch auf seiner Fahrt von Zürich nach Berlin zu
überwachen. In Basel fuhr Willi auf die Autobahn. Hugosch hatte keine
Chance mehr. Kurz vor Karlsruhe hatte er Willi endgültig aus den Augen
verloren. Hugosch fluchte über den Mietwagen, der aus Kostengründen
nur ein Mittelklassewagen sein durfte.
Willi genoß die glatten Straßen, die Geschwindigkeit. Schnell zu
fahren, bedeutete ein Stück Freiheit für ihn. Kein Tempolimit, alles
aus dem Motor herausholen, das war die sinnliche Erfahrung des Westens für
Willi. Er brauchte diese Freiheit.
An der Raststätte Bruchsal wollte er tanken und Abendbrot essen. Er machte
auf jeder Fahrt von Zürich nach Berlin diesen Umweg, um Hugosch abzuschütteln.
Nach dieser Pause, die wie jedesmal eine Dreiviertelstunde währen sollte,
wollte er die knapp siebenhundert Kilometer bis Berlin in einem Zuge durchfahren.
Zwischen den Zapfsäulen der Tankstelle lief eine junge Frau umher und
sprach jeden, der tankte, an. Eine Tramperin, dachte Willi. Er schloß
sein Auto ab und ging in das Restaurant. Die Kellnerin nahm seine Bestellung
auf: Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen, dazu einen
verlängerten Kaffee.
Es war kurz vor elf Uhr nachts. Ein Pärchen schmuste am Fenstertisch.
Kinder rannten lärmend zwischen den Tischen hindurch, wurden von den Eltern
zurechtgewiesen. Zwei Frauen tranken Wein und schielten zu den beiden Truckern
drei Tische weiter. Junge Männer lehnten biertrinkend am Tresen und begafften
die beiden Frauen.
Die Kellnerin servierte Willi das Essen. "Ich muß gleich
kassieren", sagte sie. "Ab jetzt ist Selbstbedienung."
Die junge Frau, die draußen die Autofahrer angesprochen hatte, kam
herein. Sie setzte sich an einen Tisch nahe der Tür.
"Jetzt ist Selbstbedienung", rief ihr die Kellnerin zu, die ihre
Abrechnung erledigte. Die Frau ging zum Tresen und bestellte sich einen Tee.
Die jungen Männer pfiffen und heischten mit lautem Reden nach Beachtung,
aber sie ignorierte die Annäherungsversuche.
Sie trug mehrere Röcke übereinander, darüber einen wollenen
Seemannspullover, der ihr viel zu groß war. Auf dem Rücken baumelte
ein selbstgestrickter kleiner Rucksack.
Warum sich Willi für diese Frau interessierte und den Blick nicht von
ihr lassen konnte, wußte er selber nicht. Vielleicht war es die Bestimmtheit,
mit der sie die Männer abblitzen ließ, oder ihr geschmeidiger Gang
trotz der derben Wanderschuhe oder ihr schulterlanges glattes Haar, das sie
sich mit einer Armbewegung aus dem feingeschnittenen Gesicht strich, damit es
gleich darauf wieder zurückfallen konnte. Ihre Haut schimmerte im gedämpften
Licht der Bar wie Porzellan.
Einer der beiden Trucker ging zum Tresen, bestellte zwei Cola und wollte die
Frau zu einem Drink einladen. Sie lehnte ab.
Willi trank seinen Kaffee. Er hätte die junge Frau gern beschützt,
wußte aber, daß er, wenn er sie anspräche, genauso von ihr
abgewimmelt werden würde wie die anderen Männer.
Die Frau nahm ihren Tee, blickte sich im Restaurant um und kam auf Willi zu.
"Ist hier noch frei?" Sie setzte sich.
Willi trank seinen Kaffee und versuchte, sie nicht ständig anzustarren
und seiner Aufgeregtheit Herr zu werden. Die Frau aber musterte ihn ungeniert.
Er wollte an Isabell denken, doch ihr Bild verblaßte von Sekunde zu
Sekunde. Neunzehn oder zwanzig mochte sie sein. Nein, ein Flittchen war sie
nicht. Aber ob sie mit ihm schlafen würde? Er stellte sich vor, wie sie
mit zu ihm ins Auto stieg, welche Komplimente er ihr ins Ohr flüsterte,
wie er in ihren Röcken wühlte, die sie nicht einmal auszuziehen
brauchte ... Er spürte, daß seine Hose enger wurde. Nein, dachte
Willi, diese Frau ist nicht so, und es ist alles Scheiße, was ich mir da
ausmale. Und außerdem ist es gemein Isabell gegenüber.
"Woher kommst du?" fragte die Frau plötzlich.
Er erzählte ihr, daß er aus der Schweiz käme, Pierre Lombard
hieße und ein Kino in Martigny habe, und daß er auf dem Weg nach
Berlin sei.
"Du bist nicht wie die anderen", sagte sie. "Die da
drüben denken, die könnten sich bei mir einen runterholen." Sie
lächelte. "Ich heiße Sabine."
Diese Frau überrannte ihn mit ihrer Direktheit.
"Kannst du mich mitnehmen?" fragte sie. "Du gefällst
mir. Irgendwas fasziniert mich an dir. Ich weiß nicht, was, denn du bist
schon älter."
Willi stutzte. War er mit neunundzwanzig schon alt?
"Brauchst nicht gleich rot zu werden", sagte sie lachend.
"Bist du als Schweizer nicht gewohnt, daß Frauen dich
ansprechen?"
"Ehrlich gesagt, nein", druckste er und räusperte sich.
"Aber ich finde dich auch nett."
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. "Wenn du mich bloß
nett findest, können wir's gleich lassen."
Auf einmal wurde Willi klar, was ihn an der jungen Frau interessierte: Sie
ähnelte ein wenig Elke Meerbusch, der Mutter seiner Tochter.
Als er mit ihr das Restaurant verließ, lästerten die Männer
am Tresen.
"Das ist dein Auto?" fragte sie ungläubig. Sie lief um den
Citroën herum und stieg ein. Auf der Fahrt wurde es schnell warm. Sie zog sich
den Wollpullover aus, und Willi sah, daß sie zwei Blusen
übereinander trug.
"Ich bin noch nie mit einem älteren Mann zusammengewesen",
sagte sie.
Willi schwitzte, doch er mochte das Fenster nicht öffnen aus Angst, sie
könnte sich den unförmigen Pullover wieder überziehen. Ihre
feine helle Stimme paßte nicht zu ihrem burschikosen Wesen.
Sabine Preuß kam aus Kerpen bei Köln. "Nur noch der halbe
Ort von Kerpen steht", plauderte sie. "Den Rest hat die Braunkohle
gefressen. Aber ausgerechnet der Teil, in dem die Bruchbude meiner Mutter
steht, ist bis jetzt verschont geblieben."
Willi wunderte sich, daß auch im Westen ganze Ortschaften der
Braunkohle zum Opfer fielen.
Sabine hatte in der kleinen Ortschaft keinen Ausbildungsplatz als
Kindergärtnerin bekommen. Deshalb hatte sie sich auf eine Anzeige im
Kölner Stadtanzeiger hin in einem kleinen Frisörgeschäft auf der
Breiten Straße in der Nähe eines großen Kaufhauses beworben.
Jetzt stand sie kurz vor der Gesellenprüfung.
Ihre Kunden waren meist Provinzler aus dem Kölner Umland, die zum
Einkaufen in die Stadt fuhren. Vor einem halben Jahr war ein Fernsehredakteur
des Westdeutschen Rundfunks im Laden aufgetaucht, der Sabines Leben
entscheidend ändern sollte. Sein heruntergekommenes langes Haar wollte er
à la Paul McCartney in Form gebracht haben.
Sabine war es gewohnt, von attraktiven Männern, die im Laden mit ihr
flirteten oder ihr Komplimente machten, nach Dienstschluß zum Essen
eingeladen zu werden. Manchmal nahm sie die Einladungen an und schlief mit den
Männern. Doch der Fernsehredakteur versprach ihr nur, in der
darauffolgenden Woche wiederzukommen. Sie hatte seinem Versprechen nicht
geglaubt, ihn für verheiratet gehalten und die Sache als erledigt
betrachtet. Ein wenig traurig war sie gewesen, denn dieser Typ hatte ihr
gefallen, agil, gutaussehend, direkt zur Sache kommend.
Um so überraschter war sie, als er mit einer geklauten Heckenrose vor
dem Geschäft stand und sie zum Essen in das nahe gelegene italienische
Restaurant "Pepi" einlud. Dort hatte er ihr von seiner Reise nach
England in den kleinen Ort Summerhill erzählt, von den Kindern, die dort
frei erzogen wurden. Er hatte ihr aus dem Manuskript für den Fernsehbeitrag
vorgelesen und von seinen Vorhaben erzählt, Berliner Kinderläden und
Wohngemeinschaften zu besuchen, um darüber Filme für die dritten Programme
zu drehen. Zu seiner Berlinreise hatte er sie eingeladen. Sabine hatte Urlaub
genommen, obwohl sie im Geschäft gebraucht wurde, weil zwei Lehrlinge erkrankt
waren.
"Was ist denn nun mit dem Redakteur geworden?" erkundigte sich
Willi.
"Ich habe mich von ihm getrennt", sagte Sabine, nicht ohne Wehmut.
"Er nahm auf jede seiner Dienstreisen eine neue Freundin mit. Aber er hat
mich aus dem kleinstädtischen Mief bei meiner Mutter rausgeholt. Seitdem
wohnen wir in einer Wohngemeinschaft in Köln. In der WG haben fast alle
Leute mit Film zu tun; wir arbeiten gerade an einem lustigen Kinderfilm. Ich
betreue die Kinder." Sie kniete sch auf ihren Sitz und begann wie
selbstverständlich Willis Nacken zu massieren. Ihre Berührung
durchfuhr seinen Körper wie ein wohliger Schauer.
"Vielleicht ist ja heute meine Glücksnacht", sagte sie.
"Und warum erzählst du mir das alles?" versuchte er ihre
Offensive zu bremsen.
"Damit du dir Mühe gibst. Halt irgendwo an!"
Er war verunsichert. Sie hatte ihm das Zepter aus der Hand genommen, die
Initiative ergriffen. Mit seinen gewohnten Verführungskünsten kam er
nicht weiter. Er wollte sie haben. Er wollte sie erobern. Doch sie hatte ihn
erobert.
Willi hielt bei einem Motel an. Aus dem Kofferraum nahm er eine Flasche Sekt
mit ins Zimmer. Es roch muffig, nach feuchten Wänden, aber es war warm.
Sabine zog sich aus und setzte sich nackt aufs Bett. Willi konnte sie
anschauen, denn sie ließ das Licht brennen und verkroch sich nicht unter
die Bettdecke. Er goß den Sekt in Pappbecher, die er im Bad auf dem
Waschbeckenrand gefunden hatte.
Er küßte ihre Schultern, ihren Bauch, ihre Brüste. Sie
knöpfte sein Hemd auf, half ihm, die Hose abzustreifen.
"Erst komme ich", sagte sie leise, aber bestimmt.
"Wir kommen beide gemeinsam", flüsterte er.
"Von wem hast du denn diesen Quatsch?" Sabine lachte.
"Gemeinsamer Orgasmus!"
Diese Frau brachte ihn völlig aus der Fassung. War es denn nicht so,
daß Mann und Frau beim Beischlaf zusammen einen Höhepunkt hatten?
Alle Frauen, mit denen er bisher geschlafen hatte, waren zufrieden gewesen.
Oder spielte Isabell ihm etwas vor? Hatte Elke ihm nur etwas vorgespielt? Willi
quälten zweischneidige Gefühle, als sie neben ihm lag und ihn
streichelte. Er ließ sie gewähren, wie er es auch bei Isabell von
Zeit zu Zeit zuließ, daß sie ihn liebkoste.
Er legte sich auf sie. Sie war weich, empfangsbereit, sie nahm ihn auf.
"Warte", verlangte sie. "So wird das nichts."
Sie setzte sich auf ihn, bewegte ihr Becken, zwang ihn stillzuhalten.
Willi mußte sich zusammennehmen. Er versuchte an etwas anderes als an
ihren Körper zu denken, zählte die Sauerkohlplatten an der Decke. Er
hörte ihren Atem, wie er flacher und schneller wurde, sah ihr
verschwitztes Gesicht, die Zunge, wie sie die Lippen befeuchtete, die kleinen
Brüste, wie sie wippten, und er durfte sich nicht gehenlassen. Sabine
stieß leise spitze Schreie aus und ließ sich auf ihn niedersinken.
"Jetzt kannst du machen, was du willst", flüsterte sie. Willi
hob ihr Becken und nahm sie mit kräftigen Stößen.
Sabine küßte ihn zärtlich. "Pierre, du bist
entwicklungsfähig", sagte sie. "Irgendwann nehme ich dich mit in
meine Wohngemeinschaft."
Willi stieg aus seinem Auto. Auf dem Gehweg der Baseler Straße in Köln-Mühlheim
bildeten sich Wirbel aus fünffingrigen rötlichgelben Blättern
und Staub. Der Herbstwind bog das Geäst des alten Ahorns. Er kannte Sabine
nun schon über vier Monate und hatte diese Liaison geheimhalten können,
sowohl vor Isabelle als auch gegenüber Kronbecher.
Sabine knallte die Beifahrertür zu. "Oh, tut mir leid", sagte
sie. "Reg dich ab, Pierre! Ich weiß, dein Auto ist kein Mercedes."
Willi lachte. Er wollte seinen Arm um ihre Schulter legen, doch sie wehrte
ab.
"Wir gehen jetzt da rein", sie deutete auf die Villa. Die
großen Fenster im Erdgeschoß waren erleuchtet. Auf den zugezogenen
Vorhängen zeichneten sich die Schatten von gestikulierenden Leuten ab. Es
war das erste Mal, daß sie ihn in die Wohngemeinschaft mitnahm. Das
Filmprojekt der Gruppe, von dem sie ihm oft erzählt hatte, sah er als
seine große Chance an. Vielleicht konnte er so interessante Informationen
für die Abteilung sammeln - ein Lob von Kronbecher käme ihm im Moment
gerade recht.
"Die haben schon angefangen mit der Sitzung. Am besten ist, du
hältst dich aus allem heraus", sagte Sabine. Sie nahm ihren Rucksack
und ging auf die zweiflüglige Eingangstür zu. Willi war am Gartentor
stehengeblieben und betrachtete das Haus. Die Jugendstilvilla hatte zwei
lindgrün gestrichene Etagen, die Fenster waren farbig dunkler abgesetzt.
Das Dach war zu einer Wohnung umgebaut. Erstaunt registrierte Willi den
gefegten Weg, die Rosenstöcke, die beschnittene Hecke.
"Habt ihr einen Gärtner?" fragte er.
"Wozu?"
"Das ist alles so gepflegt hier."
"Denkst du etwa, wir sind Chaoten?" sagte Sabine und umarmte ihn.
"Du bist ein richtiger kleiner Spießer. Aber im Bett bist du
gut."
Willi wollte widersprechen, denn in seinen Augen war Hugosch ein
Spießer und auch Kretschmar, aber er doch nicht! Gleichwohl war er zu
nervös, als daß er in diesem Moment ein Streitgespräch mit
Sabine anstreben würde.
"Wie könnt ihr euch so eine Villa leisten?" fragte er.
"Einer von uns hat sie geerbt. Joachim Thorwald. Er hat die WG
gegründet, weil er mit Leuten leben wollte, mit denen er auch
zusammenarbeitet. Insgesamt neun feste Mitglieder leben und arbeiten hier in
verschiedenen Teams. Joachim vertritt das Haus, Xerxes und ich die
Wohngemeinschaft. Du wirst gleich alle kennenlernen."
Im geräumigen Hausflur war es wohlig warm. An einer Seite hing ein
Dutzend Mäntel. Unter der Treppe nach oben standen zwei Kinderwagen.
Geradezu sah man durch eine offene Tür in die Küche, die den Rest des
Erdgeschosses ausfüllte.
"Ein Wunder, daß du überhaupt noch kommst", sagte
Marion, die an der Stirnseite eines langen Tisches saß und in den Flur
blicken konnte. "Wen hast du denn da mitgebracht?"
"Sabines neuer väterlicher Geliebter." Xerxes grinste und
machte den beiden auf einer Bank Platz. In der Wohnküche saßen
vierzehn Leute an einem langen Tisch. Es roch nach Tomatensuppe, und die
leergegessenen Teller verrieten, daß sie geschmeckt hatte. Auf dem Tisch
lag zerbrochenes Brot, Weinflaschen waren nur noch halbvoll, Aschenbecher
quollen über. Kerzen brannten auf Untersetzern aus Alufolie.
"Du leidest wohl an Geschmacksverirrung", mäkelte Christine
und blickte abfällig auf Sabine und Willi. "Wie kannst du so einen
Scheißtypen hier anschleppen?"
"Ihr schleppt ja auch jeden Schrott hier an", konterte Sabine.
Willi war die Situation peinlich. "Guten Abend", sagte er steif.
"Am besten, ihr geht wieder", meinte Christine.
"Das ist Pierre, mein Gast", sagte Sabine. Sie stellte Willi die
Leute am Tisch vor. "Der mit der Mähne neben mir ist Xerxes. Weiter:
Achim, Wolle, Christine und Fox, mein Verflossener, und den Rest lernst du
heute abend noch kennen."
Alle musterten Willi Meerbusch, der in seinem gediegenen Anzug nicht in die
Runde paßte.
An einer Wand standen vier Kühlschränke, einer von ihnen war mit
einer langen Kette und einem Schloß versehen. Willi erinnerte sich,
daß Sabine ihn informiert hatte, dieser Kühlschrank sei
ausschließlich für die Kinder. In der Vergangenheit war es
nämlich vorgekommen, daß sich nachtschwärmerische Erwachsene
einfach an diesem Kinderkühlschrank bedient hatten, um sich um drei Uhr
morgens Mengen von Milchkaffee kochen zu können, und dabei haben sie
öfter die genau abgezählten Fruchtjoghurts aufgegessen. Daraufhin
hatten die vier WG-Kinder auf einer Vollversammlung die Kette mit Schloß
gefordert.
Durch die hohen Fenster konnte man im Sommer in den Garten gehen. Zwischen
den Fenstern hing der Dienstplan, zwei Katzen fraßen aus einer
Schüssel, die auf dem Fußboden stand.
An der langen Wand zum Fenster hingen Zeitungsartikel, Drehpläne,
Kostümzeichnungen, und auf Nägeln waren Quittungen aufgespießt.
Darunter hielten Reißzwecken eine Skizze für ein Filmplakat fest:
"Abenteuer am Nordpol. Ein Spielfilm für Kinder von sechs bis
sechsundsechzig." Willi sah zwei Eskimos, denen ein Eisbär einen
soeben gefangenen Fisch abjagen wollte. Am Rand las er: "Regie: Joachim
Thorwald. Produktion: Laoze-Film-Gruppe Köln."
"Bleibt der etwa wirklich hier?" Christine ließ nicht
locker. Sie musterte Willis Schweinsledertasche.
"Warum nicht", gab Sabine zurück. "Lucia ist ja auch bei
unseren Sitzungen dabei, obwohl sie nicht zur WG gehört."
"Ich bin aber öfter hier", verteidigte sich Lucia.
"Pierre wird von jetzt an auch öfter mein Gast sein", sagte
Sabine unbeeindruckt.
"Wenn ich störe, kann ich ja in einer Kneipe auf dich
warten", bot Willi an, der mit soviel Ablehnung nicht gerechnet hatte.
"Ich hab' gesagt, du hältst dich da raus, das hier ist meine
Angelegenheit", wies ihn Sabine zurecht.
"Du kannst doch keine wildfremden Leute hier anschleppen", sagte
Christine. Sie hielt Willi provokativ seine Tasche hin. Sabine riß ihr
die Tasche aus der Hand.
"Pierre ist mein Gast heute nacht. Wer weiß, wie lange das heute
wieder geht, aber später habe ich noch was vor mit ihm. Und das
berührt ausschließlich meine Persönlichkeitsrechte!"
"Woher kommst du?" wandte sich Achim an Willi.
"Aus der Schweiz", antwortete Willi betont höflich und nahm
neben Xerxes Platz, "aus der Nähe von Martigny."
"Der paßt nicht hierher", ereiferte sich Christine wieder.
"Der kommt doch vom Mond."
"Nein, aus der Schweiz", wies Xerxes sie zurecht.
"Sind die alle in der Schweiz so beknackt wie du?" Christine
wandte ihm den Rücken zu.
"Bist du ein Banker?" fragte Achim.
Sabine schaltete sich ein. "Du mußt auf die Fragen nicht
antworten, Pierre."
"Laß nur, ich habe nichts zu verbergen. Ich betreibe ein kleines
Kino in Martigny, und mein Hobby sind Filmfinanzierungen ..."
"Ein Kapitalist zum Anfassen!" rief Marion, die jetzige Freundin
von Fox.
"Es ist mir scheißegal, mit wem du vögelst", regte sich
Christine auf, "aber dies hier ist eine interne Sitzung. Dieser Typ da
lebt wohlanständig in der Schweiz. Welches Recht hat er, in einer
sozialistischen Wohngemeinschaft zu schnüffeln und bei unserer Sitzung
dabeizusein?"
"Dieser Typ da hat einen Namen. Er heißt Pierre Lombard, und er
ist mein Gast", beharrte Sabine. "Wir hatten in einer vorigen Sitzung
beschlossen, daß Gäste am Leben in der WG teilnehmen können.
Ich hafte für ihn, komme für seine Kosten auf, also, wo ist das
Problem?"
"Sabine, sieh mal", versuchte Fox zu vermitteln, "wir
besprechen hier interne Sachen, die nur uns was angehen. Wenn Pierre sich
für unser Filmprojekt interessiert, dann reden wir morgen
darüber."
"Jedesmal, wenn ich einen Typen mitbringe, spielst du den
Eifersüchtigen. Mich kotzt das an!" Sabine setzte sich zu Willi und
lächelte ihm aufmunternd zu.
"Mir ist egal, ob er hier ist oder nicht", sagte Marion gelassen.
"Wir sprechen doch bloß über ganz normale Sachen, wie sie in
jeder Familie auch besprochen werden."
"Es kann ihm nicht schaden, wenn er sich bei uns ein bißchen
emanzipiert", sagte Xerxes und goß Willi ein Glas Bier ein.
Doch Christine beantragte eine Abstimmung. "Wer ist auch dagegen,
daß völlig Fremde bei unseren Sitzungen teilnehmen?"
"Hör auf!" Xerxes winkte ab. "Du willst gleich ein neues
Gesetz einführen, darüber müßten wir erst reden. Als
heutiger Sitzungsleiter verfüge ich, daß er bleiben kann, aber den
Mund zu halten hat."
Sabine lehnte sich zufrieden zurück und stupste Willi an. Willi atmete
hörbar aus. Während der Diskussion wanderten seine Blicke ruhelos
zwischen Sabine und den Filmplakat hin und her. Bis jetzt hatte er das
Filmprojekt nur als einen günstigen Einstieg in die Gruppe angesehen, aber
er mußte sich eingestehen, wie sehr ihn die Geschichte des Kinderfilms zu
interessieren begann. Morgen würde er mit Achim reden.
"Also weiter", sagte Xerxes. "Wir waren beim
Dienstplan."
Carola sagte: "Es ist auffällig, daß du, Christine, schon lange
nichts mehr zur Lebensqualität unserer Wohngemeinschaft beiträgst.
Auf dem Dienstplan sehe ich seit Monaten keine KBF-Einträge, du kaufst
nicht ein, machst nicht sauber. Du schottest dich in letzter Zeit ganz schön
ab."
"KBF heißt Küche, Bad, Flur", flüsterte Sabine
Willi zu.
"Ich hatte einfach keine Zeit", verteidigte sich Christine.
"Du ißt und scheißt hier gemütlich ein halbes Jahr
lang in diesem Haus und beteiligst dich nicht an den Diensten!" Achim
explodierte. "Wir wollen deine Scheiße nicht mehr wegmachen,
während du deinen Psychokoller auskurierst."
"Ich weiß nicht, was ihr wollt", Christine wurde laut. "Es
kann doch mal vorkommen, daß einer mit sich selbst zu tun hat."
"Vor fünf Monaten hast du dich das letzte Mal eingebracht",
sagte Carola.
"Das ist ja Überwachung!"
"Wir wollen dir nicht an den Karren fahren", sagte Carola,
"aber wir leben gleichberechtigt in einer Gruppe, in der sich jeder
äquivalent an der Aufrechterhaltung der Gemeinschaft zu beteiligen
hat."
"Ich schlage vor, daß Christine ihre Sollsituation klärt und
aufholt. Ansonsten beantrage ich Ausschluß bei der nächsten
Sitzung", sagte Achim.
"Nur weil du bei mir nicht landen kannst." Christine sah ihn
wütend an. Wenn Blicke töten könnten, dachte Willi. Die
Diskussion fand er spannend. Solch eine Auseinandersetzung hatte er noch nicht
erlebt. Es war halb eins, als die Gruppe zum Tagesordnungspunkt Verschiedenes
kam.
"Was die Finanzierung unseres Filmprojekts betrifft", meldete sich
Sabine, "so habe ich mit Pierre darüber gesprochen. Aber vielleicht
kannst du selber etwas dazu sagen, Pierre."
Willi spürte, wie sein Herz schneller schlug. Jetzt sollte er reden vor
diesen Leuten, die sich eben noch über Kindererziehung und Mietrückstände
und eine Beziehung zwischen zwei WG-Mitgliedern gestritten haben. Mit Sabine
war abgesprochen, daß er der Gruppe seinen Vorschlag zur Finanzierung
unterbreiten sollte. Doch all seine Sätze, die er sich auf der Fahrt zurechtgelegt
hatte, paßten ebenso wenig in diese Atmosphäre wie sein Anzug. Er
mußte sich konzentrieren. "Das Projekt, so wie Sabine es mir geschildert
hat, finde ich gut."
"Warum?" fragte Christine lauernd. Sie hatte die Kritik der Gruppe
wegen ihrer fehlenden Beteiligung an den Hausdiensten noch nicht verwunden.
"Was interessieren einen wie dich Demos und Studenten oder unsere
Filme?"
"Deutschland interessiert mich."
"Was hältst du von der DDR?" fragte Fox geradeheraus. Alles
hatte Willi erwartet, aber nicht, daß er hier zur DDR Stellung nehmen
mußte. Zudem tat der Rotwein seine Wirkung.
Willi haßte es, wenn er nicht genau wußte, wie er antworten
sollte. War es jetzt richtig, die DDR zu loben, oder sollte er sie verdammen?
Willi ahnte, daß er sich mit dieser Antwort alles verderben könnte,
Sabine, die Gruppe, alles.
"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hat nicht der Sozialismus
erfunden, aber der Sozialismus ist meiner Ansicht nach die Gesellschaft, die
diese Ideale am ehesten erfüllen kann."
"Weich nicht aus!" beharrte Fox. "Ich habe dich nach dem
anderen Deutschland gefragt."
"Ich zolle dem Versuch, in einem Teil Deutschlands den Sozialismus zu
errichten, meinen Respekt. Ich meine, es werden noch genug Fehler gemacht, aber
ich bin gespannt, was daraus wird."
"Die Verfolgungen und Verhaftungen", mischte sich Christine ein,
"respektierst du also auch?" Sie ließ jetzt ihren Frust an
Willi aus.
Willi begann zu schwitzen. "Natürlich nicht, aber wenn ich nicht
irre, geschieht hier im Westen genau dasselbe."
"Ich frage dich nicht, was du von beidem besser findest, ich frage nach
der DDR."
"Ich glaube, man kann da nicht pauschal antworten. Grundsätzlich
stehe ich der DDR wohlwollend gegenüber. Noch hat mir niemand in der DDR
etwas getan."
"Ich hab' Verwandte drüben", sagte Monika. "Die sind
sehr vorsichtig mit dem, was sie schreiben, aber wenn man zwischen den Zeilen
liest, sieht das alles nicht so rosig aus mit dem Sozialismus."
"Aber es gibt keine Arbeitslosen", sagte Achim. "Für die
ist es selbstverständlich, daß jeder Schulabgänger einen
Ausbildungsplatz erhält."
"Und was ist mit der Meinungsfreiheit?" konterte Sabine.
"Schau dir doch die politischen Scheinprozesse gegen Janka und Harich an!
Das war in der Sowjetunion sechsunddreißig bis achtunddreißig auch
so! Was heißt schon Sozialismus, wenn man ständig Angst haben
muß!"
Ausgerechnet die Frau, die er begehrte, mußte ihm in den Rücken
fallen. Willi fühlte sich überfordert. Doch völlig neu war
für ihn, daß die Diskutierenden nicht versuchten, sich gegenseitig
zu überzeugen, sondern sie ließen Meinungen anderer gelten.
Es war Viertel vor drei. Xerxes gähnte und schaute auf die Uhr. "Wir
wollten noch mit Pierre über die Filmfinanzierung sprechen", sagte
er.
Alle schauten gespannt zu Willi.
"Wenn ihr damit einverstanden seid", sagte er gefaßt,
"werde ich mit meinen Gesellschaftern und Aktionären darüber
reden, inwieweit wir euch unterstützen können. Dazu brauche ich aber
Material, Fotos, Exposé, Dialogproben ..."
"Und dann klaut ihr uns unsere Idee?" befürchtete Achim.
"Ich habe gesagt, wenn ihr wollt." Willi lehnte sich zurück.
"Ich brauche ein Papier, das ich meinen Partnern in Zürich vorweisen
kann, über das man reden kann. Es ist nur ein Vorschlag. Laßt es
sein, wenn ihr nicht wollt."
"Ich finde es großartig, daß du uns eine Zusammenarbeit
anbietest", vermittelte Marion. "Aber du mußt auch verstehen,
daß das unsere Ideen sind, die wir nicht so einfach aus dem Haus geben,
ohne zu wissen, wohin."
Willi lachte und entgegnete ruhig: "Soll ich mich jetzt
ausweisen?"
"Seid ihr bescheuert?" regte sich Sabine auf. "Da kommt
jemand, der die Kohle hat, die wir dringend für die Koproduktion mit dem
Fernsehen brauchen, und ihr startet ein Verhör. Ich verbürge mich
für Pierre."
"Wir können es ja versuchen", drehte Xerxes bei. "Du
wirst die Mappe von Sabine in den nächsten Tagen bekommen. Gibt es noch
weitere Themen, die nicht bis nächste Woche Zeit haben? Keine. Dann ist
die Sitzung geschlossen. Gute Nacht."
Sabine ging mit Willi in ihr Zimmer im ersten Stock. In der Mitte stand das
Bett auf groben, knarrenden Holzdielen, von allen Seiten begehbar. Das Licht
einer Straßenlaterne schien durch das Muster eines roten Batiktuches, das
Sabine vor das Fenster gehängt hatte.
Willi legte die Wäsche von einem der beiden Korbstühle auf die schwere
Truhe an der Wand und setzte sich. Sabine öffnete eine Flasche Rotwein,
stellte zwei Gläser auf den niedrigen, runden Tisch und zündete den
dicken Kerzenstummel an. Die Flamme blakte. Im flackernden Licht wirkte Sabines
Gesicht wieder wie Porzellan.
"Jetzt bist du geschockt", sagte sie belustigt.
Willi hob die Schultern. "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Aber es
hat mich beeindruckt, wie ihr die Gemeinschaft organisiert, und doch hat jeder
dabei seine Privatsphäre."
"Anders geht es nicht", sagte Sabine.
"Und du hast hier keinen Freund?"
Sabine lachte. "Alle sind meine Freunde. Aber wenn du statt Freund
Sexpartner meinst: ab und zu. Meist bringe ich mir einen Partner von
draußen mit."
"Keinen festen?"
"Wärst du sonst hier?"
Willi kostete den Wein, der noch strenger schmeckte als der, den er bei der
Sitzung getrunken hatte. Er unterdrückte ein Schütteln. An die
trockenen Rotweine konnte er sich nur schwer gewöhnen.
"Vor einem Jahr hatte ich einen festen Partner", erzählte
Sabine. "Zum Anfang waren wir oft zärtlich miteinander, ohne
daß wir miteinander geschlafen haben. Wir lagen den ganzen Tag im Bett
und haben uns nur gestreichelt. Weißt du, Zärtlichkeit ist für
mich mehr als nur Vorspiel zum Sex. Zärtlichkeit ist Ausdruck dafür,
daß ich den Partner mag. Für meinen früheren Freund hatte
Zärtlichkeit immer nur ein Ziel: Sex. Ich weiß bis heute nicht, was
ihm gefällt, er hat nie darüber gesprochen. Ich hatte nur seine
Reaktionen. Einmal habe ich, als er schlief, seinen Penis berührt. Da ist
er zusammengezuckt, als hätte ihn eine Wespe gestochen! Das hat mich
völlig verunsichert, und ich habe mich danach nicht mehr getraut, ihn
anzufassen."
Willi war das Thema peinlich. "Wo ist er heute?"
"Weiß der Kuckuck. Bei seiner Mutter wahrscheinlich. Die hat ihn
total zur Reinlichkeit erzogen."
Sabine hatte die Füße, die in wollenen Strümpfen steckten,
auf die Sitzfläche hochgezogen, ihre Arme um die Beine geschlungen und den
Kopf auf die Knie gelegt. Das Haar fiel ihr immer wieder ins Gesicht. Willi
begehrte sie.
"Er hat durchgesetzt", erzählte sie weiter, "daß
ich mich nach dem Vögeln wusch. Aber ich wollte lieber zärtlich von
ihm gestreichelt werden. Für ihn war sein Orgasmus das Ende der Veranstaltung.
Für mich ist aber ein Orgasmus Bestandteil beim Sex, dem Zärtlichkeit
vorausgeht und auch nachfolgt. Nach der Kopulation einfach aufzustehen, war
für mich immer ein Bruch, die ganze Stimmung war hin. Vor dem Vögeln
könnte ich das Waschen noch verstehen, aus hygienischen Gründen. Es
kam mir so vor, als ob Vögeln für ihn eine Sauerei wäre. Was
ist so schlimm daran, ein Bett vollzusudeln? Das macht Spaß. Der Sex mit
ihm hat mich körperlich befriedigt, aber er war so klinisch. Ich habe die
Bettwäsche, in der wir bei seiner Mutter geschlafen haben, bei mir zu Hause
gewaschen. Und als ich sie zurückbrachte, hat seine Mutter sie noch einmal
gewaschen. Das hat genervt. Dagegen kam ich nicht an. Das ging soweit, daß
er im Winter beim Vögeln die Bettdecke weggeräumt hat, und ich habe
gefroren. Er sagte, er wird wahnsinnig, wenn er unter der Decke vögeln
müßte. Er hatte eine panische Angst vor Flecken."
"Habt ihr nie darüber gesprochen?" fragte Willi und wunderte
sich über die Frage. Er wollte sich nicht in fremde Angelegenheiten
mischen, schon gar nicht in intimes. Das ging niemanden etwas an. Zugleich
erstaunte ihn, daß Sabine genauso offen über Sex sprach wie
über den Dienstplan unten in der Küche.
"Ich sagte ja, es war unmöglich, mit ihm darüber zu
reden."
Willi kam sich vor wie auf einem Prüfstand. "Warum erzählst
du mir das?"
"Weil ich so etwas nicht noch einmal erleben möchte. So, und wenn
du jetzt mit einer stundenlangen Balz anfängst, dann können wir es
gleich lassen."
"Und warum liegen wir dann noch nicht im Bett?"
Sabine begann sich auszuziehen.
"Laß mich das machen", bat Willi. Er stand auf und umarmte
sie. Sabine drängte ihren Schenkel zwischen seine Beine, sie hielt sich an
seinem Hintern fest. Willi zog den Wollpullover über ihren Kopf. Die
zierliche Gestalt, die spitzen Brüste erregten ihn.
"Aber ich bin zuerst dran", flüsterte sie.
"Ich weiß."
Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und Xerxes kam herein.
"Kannst du Lucia eine Binde borgen?"
Sabine löste sich aus Willis Umarmung. "Hat sie doch ihre Tage
gekriegt?"
"Na, zum Glück", sagte Xerxes. "Tut mir leid, ich wollte
nicht stören."
"Du störst nicht, aber in fünf Minuten hättest du
gestört", erwiderte Sabine. Nur noch mit dem Slip bekleidet, ging sie
zur Truhe, legte die Sachen auf die Dielen und nahm eine Packung Binden heraus.
Sie gab ihm drei Stück. Willi war eifersüchtig, weil Xerxes sie fast
nackt sah. Er kam sich lächerlich vor in offener Hose und dem
heraushängenden zerknitterten Hemd. Xerxes trank einen Schluck aus Sabines
Glas, bedankte sich und ging.
"Schließt du dein Zimmer nicht ab?" fragte Willi.
"Wozu? Was ist Besonderes dabei, wenn zwei miteinander schlafen? Wo
waren wir stehengeblieben?"
Sabine legte sich auf das Bett und kroch halb unter die Decke.
"Mich stört es aber, wenn jederzeit jemand reinkommen kann",
sagte er.
"Dann schließ ab."
Der Geruch der ausgeblasenen Kerze mischte sich mit dem der Zedernkugeln auf
dem Fensterbrett. Sabine wand sich unter Willis Berührungen wie eine
Schlange. Sie führte seine Hand, gab den Rhythmus vor. Sie legte sich auf
ihn, nahm seinen Penis zwischen die Schenkel. Willi mußte sich
zurückhalten. Sie setzte sich auf ihn, ließ ihn in sich hinein.
"Ich brauche noch eine Weile", sagte sie. Willi krallte sich in ihre
Schenkel. Sabine bewegte sich auf ihm immer schneller. Sie führte seine
Hand an den Schoß. Willi fühlte die Feuchtigkeit, bewegte den
Finger. Nur das Geräusch ihres flachen stoßartigen Atems
erfüllte das Zimmer. Dann ein leiser Schrei, hell wie ein Fiepen. Sabine
legte sich auf ihn, und ihr Haar bedeckte sein Gesicht. Willi legte sie auf den
Rücken und nahm sie von oben. Sabine umarmte ihn, kuschelte sich an.
Der Morgen graute, als Willi sich erhob, seine Hose anzog, um auf die
Toilette zu gehen. In der Küche brannte noch Licht. Willi hörte ein
Schluchzen. Er verharrte auf den Stufen.
"Hast du es ihm denn gesagt, daß du ihn magst?" Willi
erkannte Achims Stimme.
"Das weiß ich doch nicht nach dem ersten Mal", sagte
Christine.
"Du bist bescheuert. Wolle hat einmal mit dir geschlafen, weil es sich
ergeben hat und weil ihr beide Lust hattet, und du erhebst gleich
Besitzansprüche."
"Man schläft doch nicht einfach so miteinander", lehnte sich
Christine schluchzend auf. Sie putzte sich die Nase.
"Woher soll er denn wissen, daß du dich in ihn verliebt hast,
wenn du es ihm nicht sagst?" fragte Achim.
"Er hat doch eine Freundin."
"Das ist nicht dein Problem. Wie soll er denn reagieren, wenn er deinen
Anspruch nicht kennt?"
"Er hat es mir ja auch nicht gesagt."
"Weil er nur mit dir schlafen wollte."
"Das ist alles so kompliziert."
"Das ist ganz einfach. Du sagst ihm, daß du ihn magst. Damit kann
er was anfangen. Entweder macht er mit seiner Margit Schluß, oder du
mußt die Finger von ihm lassen."
"Aber er hat mit mir geschlafen!"
"Aus dem Mittelalter sind wir ja nun raus! Mädel, schaff klare
Verhältnisse!"
Willi mußte zu nötig, als daß er länger hätte stillstehen
können. Er schlich ein paar Stufen nach oben, um dann mit normalem Geräusch
nach unten zu kommen. Die beiden in der Küche nahmen keine Notiz von ihm.
Christine saß zusammengekauert am Tisch. Achim hatte einen Arm auf die
Lehne ihres Stuhls gelegt.
Was wollte Achim von Christine, die er doch eben noch so hart kritisiert
hatte, fragte sich Willi.
Das Bad war weiß gekachelt. Vor der Toilette stand eine Badewanne, die
bequem vier Leute fassen konnte. Es gab eine Duschkabine mit Druckbrausen, die
rechts und links in die Kacheln eingelassen waren. Auf einem Schemel lagen
Badetücher. In der Ecke hinter der Tür standen drei Gartenstühle
und ein Klapptisch. In Kopfhöhe durchzog ein Spiegelstreifen den Raum, der
sich bei den Waschbecken nach unten hin verbreiterte. Willi konnte,
während er auf der Toilette saß, sein Spiegelbild sehen. Es
störte ihn, daß Sabine ihn "Pierre" nannte.
Als Willi aus dem Bad kam, küßten sich Christine und Achim. Er
schlich sich an der Küchentür vorbei. Bevor er zu Sabine ins Zimmer
ging, hörte er Christines Stöhnen und das rhythmische Rucken eines
Stuhls.
Am nächsten Morgen diskutierte Joachim Thorwald mit Pierre Lombard aus
Zürich die Filmgeschichte. Es war ein Kinderfilm, der von einem
alleinstehenden Vater mit seinem Sohn erzählte, ein klassisches
Vater-Sohn-Thema. Er skizzierte die Handlung: Vater und Sohn leben in der
Großstadt. Der Vater unterhält einen Tante-Emma-Laden, in dessen
hinterem Bereich er mit dem Jungen wohnt. Es ist Herbst, das neue Schuljahr hat
angefangen, und der Vater fragt seinen Sohn, wohin er in den nächsten
Sommerferien verreisen wolle. "Zu den Eskimos", antwortet der Sohn.
In seiner Phantasie bevölkern gerade Eskimos die Lebensmittelregale, sie
laufen über die Schulbücher und auf seinen Frühstücksbroten
herum.
Dem Wunsch seines Sohnes möchte der Vater nachkommen, aber nur unter der
Bedingung, daß der Junge ein "Mittelklassezeugnis" am Schuljahresende
nach Hause bringt. Also verbannt der Sohn die Eskimos in den Kühlschrank,
damit die ihn nicht länger vom Lernen abhalten können. Er schafft
es tatsächlich, seine Leistungen in der Schule zu verbessern. Vater und
Sohn begeben sich auf die abenteuerliche Reise durch Europa über das Meer
nach Grönland zu den Eskimos. Sie lernen das Leben dieser Menschen kennen,
wohnen in Schneehütten, gehen auf die Jagd, müssen Gefahren bestehen.
Der Junge sieht, daß Eskimokinder ebenso wie er lernen müssen, daß
sie spielen, sich streiten, Probleme mit den Eltern haben. Es ist zwar aufregend
bei den Eskimos, aber bald sehnt er sich wieder nach Hause zu seinen Freunden
zurück. Vater und Sohn verabschieden sich von den Eskimos. Ankunft auf
dem Flughafen in Köln und Happy-End.
Willi Meerbusch prüfte die Kalkulation des Filmvorhabens. Die
Geschichte gefiel ihm, und er stellte einen Betrag von hunderttausend Mark in
Aussicht. Ihm fehlte zwar noch die Idee, wie er die Gelder beschaffen
könnte, aber vielleicht fiel ja Küde Frohner etwas ein. Willi war
sich sicher, daß Kronbecher für die sozialkritischen Dokumentarfilme
über das Ruhrgebiet, die die Laoze-Film-Gruppe produzierte, Interesse
zeigen würde. Er stellte sich vor, daß die Laoze-Gruppe sogar
für Arthur Schnitzlers "Schwarzen Kanal" wirklichkeitsgetreue
Filmberichte liefern könnte.
Sabine fiel ihm um den Hals.
"Was willst du denn dafür haben?" fragte Joachim. "Das
machst du doch nicht aus Freundschaft."
"Ich verlange alle Rechte, um den Film im Ostblock auszuwerten."
"Das ist alles?"
"Das ist alles."
Joachim Thorwald schwieg. Diesen Mann hatte der Himmel geschickt. Das Geld
sicherte die Finanzierung des Films. Die Ostblockrechte konnte dieser Schweizer
sich an den Hut stecken, die waren im Westen sowieso nichts wert.
Monopoly in Domburg
8170 Tage vor der deutschen Vereinigung
"Fahrt ihr oft nach Zealand an die Nordsee?" fragte Willi.
Sabine saß in ihrem viel zu großen Seemannspullover am
Küchenfenster und schaute durch das nasse Frühlingswetter an Willis
Lieferwagen vorbei zu den Dünen. In dem Nebel, der von der See
heraufstieg, schlichen einige Gestalten zum Teehaus, das am Strand auf
Pfählen stand. Sabine drehte sich eine Zigarette, beobachtete Willi.
"Ich liebe dieses Wetter, diese Stimmung im Mai, wenn sich die Luft
über dem Meer in Nebel verwandelt und langsam auf die Küste zukommt.
Alles ist dann so unwirklich." Sabine nippte an ihrem Rotwein.
"Paß bloß auf", scherzte Willi, "gleich reitet
Hauke Haien vorbei."
Sabine lächelte ihn an. "Was sollte ich denn mit sieben- bis
zehnjährigen Kindern in Köln unternehmen? Mit dem Auto bin ich in
drei Stunden an der Nordsee, das ist das beste für sie. Na, und auch
für mich. Wenn ich Kinderdienst übers Wochenende habe, fahre ich
immer hierher."
Auf der Glasveranda, die sich dem großen Zimmer anschloß, spielten
die fünf Kinder aus der Wohngemeinschaft Monopoly.
Die Gasheizung zischelte. Langsam breitete sich Wärme aus. Auf dem
Küchentisch stand eine Obstkiste voller Lebensmittel, daneben Flaschen mit
Limonade, Wasser und Rotwein.
Die Kinder kreischten auf. "Ereigniskarte!" Peggy las vor:
"Du hast in einem Kreuzworträtsel-Wettbewerb gewonnen. Ziehe
zweitausend Mark ein."
Lars jauchzte. "Toll, schon wieder Geld!"
"Und das von der Bank!" rief Detlef. Die Kinder lachten
übermütig. Sabine und Willi beobachteten sie durch die offene
Tür, wie sie in ihr Spiel vertieft waren. Willis Koffer und die
Rucksäcke der Kinder lagen noch im Raum verstreut.
"Marko, du bist dran. Mach schon!"
Der Würfel rollte auf den Boden. Mara hob ihn auf. "Eine
Drei!"
"Hihihi, ins Gefängnis!" rief Detlef und stellte Markos Figur
ins Gefängnis.
"Unten gilt nicht", protestierte Marko und würfelte noch
einmal.
"Nein, die Drei gilt!" schrien die anderen Kinder.
Sabine ging zur Tür. "Seid nicht so laut!"
Die Kinder achteten nicht auf sie. Sie spielten mit gleicher Lautstärke
weiter.
Willi legte den Arm um Sabines Taille. "Ein ganzes Ferienhaus mit vier
Zimmern, Küche und Bad für uns allein?" fragte er. "Das ist
doch teuer! Wer bezahlt das?"
"Das Haus gehört Marions Mutter", sagte sie und räumte
die Lebensmittelkiste aus. Für das Frühstück stellte sie das
große Glas Schokocreme neben die Haferflocken, Cornflakes und das
Müsli. Zum Rindfleisch legte sie Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln, eine
Dose mit Erbsen, Gewürze und eine Flasche Olivenöl.
"Marions Mutter berechnet uns nur die Heizung", sagte sie.
"Außerhalb der Saison steht das Haus ja sowieso leer."
Sabine fand das dunkle Honigbrot, schnitt es auf, bestrich die Scheiben mit
Butter, schichtete sie auf einen großen flachen Teller und brachte ihn
ins Zimmer zu den Kindern. Ohne Sabine zu beachten, griffen sie sich die Brote.
"Danke," sagte Sabine provokativ. Die Kinder quälten sich ein
Danke heraus.
"Die sind völlig taub heute", sagte Sabine, als sie sich
wieder zu Willi setzte.
Willi schüttelte ungläubig den Kopf. "Die spielen das schwere
Spiel ganz allein?"
"Siehst du doch." Sabine lachte. "Die amüsieren sich wie
Bolle. Die sitzen auch im Kinderladen manchmal drei, vier Stunden und spielen
Monopoly."
"Aber Monopoly ist doch so kompliziert! Ich staune, wie diszipliniert
die miteinander umgehen. Das könnte ich mir bei unseren Kindern nicht
vorstellen."
"Wie, unsere Kinder?" fragte Sabine. "Schweizer Kinder
können nicht Monopoly spielen?" Sie lachte.
"Nicht in diesem Alter. Ich dachte immer, antiautoritäre Erziehung
hätte nur was mit Lärm und Toben zu tun."
"Wenn Kinder sich über Wochen und Monate austoben können",
sagte Sabine, "wenn sie ihre Position innerhalb der Gruppe ausgelotet haben
und wenn sie ihre Gefühle und Bedürfnisse artikulieren können,
dann sind sie auch fähig, sich lange zu konzentrieren und stundenlang Monopoly
zu spielen. Sie können ihre Individualität in solchen Spielen ausleben."
"Ich kann das gar nicht glauben", sagte Willi. "Ich finde es
faszinierend, wie die Kinder da sitzen und sich vertragen. Das ist völlig
neu für mich."
"Komisch. Gibt es das bei euch in der Schweiz nicht?"
Willi stand auf. Bei einem Disput über freie Kindererziehung konnte er
nicht mithalten. Er fühlte sich von Sabine mehr und mehr in die Enge
getrieben. Wie lange würde er ihr wohl noch den Schweizer vorspielen
können? Manchmal hatte er schon mit dem Gedanken geliebäugelt, wegen
Sabine die DDR endgültig zu verlassen. In ein, zwei Jahren vielleicht,
wenn er mit Frohners Hilfe genügend Geld auf seinem zweiten Privatkonto
bei der Züricher Bank verdient hatte. Aber vorher mußte er ihr die
Wahrheit über sich sagen. Sabine war ehrlich zu ihm. Willi haßte
seine Verlogenheit. Von Isabell wollte er ihr nichts erzählen; Sabine
hatte schließlich auch andere Männer, wenn er nicht da war. Das
schmerzte, aber es war nicht zu ändern.
Sabine schnitt das Fleisch in große Stücke und würzte es mit
Pfeffer, Salz und getrockneten Kräutern. Willi ging zu den Kindern auf
die Veranda, von der aus er über die Strandstraße bis zur rauhen
See schauen konnte.
Die Kinder registrierten seine Anwesenheit nur mit einem Seitenblick. Mara
zählte ihr Geld, wobei sie die Scheine nach der Höhe ihres Wertes
ordnete und die kostbaren orangefarbenen Scheine in der Hosentasche versteckte.
"Du wurdest zum Vorstand gewählt. Zahle jedem Spieler tausend
Mark", las Peggy eine Spielkarte vor.
"Schon wieder zahlen?" rief Marko. "Letzte Runde mußte
ich schon vierzigtausend an Mara für die Schloßallee blechen. Das
ist ungerecht!"
"So ist aber das Spiel", sagte Lars und feixte.
"Du wolltest ja meine Schloßallee zu Anfang nicht kaufen",
sagte Mara. "Das hast du jetzt davon."
"Dann bin ich ja gleich pleite", maulte Marko.
"Kannst dir ja was von der Bank borgen", schlug Peggy vor.
"Ja, ja, und dir dann zehn Prozent schenken." Doch er willigte
ein.
Peggy gab ihm vier orangefarbene Spielgeldscheine, die Marko mit saurer
Miene an Mara weitergab.
"Meine Straßen sind lange nicht so teuer wie die
Schloßallee", sagte Marko ärgerlich.
"Ich bau' mir noch ein Hotel", verkündete Detlef. "Wenn
ihr jetzt bei mir vorbeikommt, dann müßt ihr fünfundzwanzigtausendfünfhundert
Mark blechen!" Er betonte genüßlich die Silben der hohen Zahl.
"Willst du nicht erst ein bißchen Geld sparen, ehe du dir ein
Hotel leistest?" fragte Willi.
"Bloß nicht", ereiferte sich Detlef und zeigte auf die Spielfiguren,
die sich auf den Feldern vor dem Rathausplatz gesammelt hatten. "Dieses
Geschäft lass' ich mir doch nicht entgehen!"
"Aber du hast jetzt selbst gar kein Geld mehr", wandte Willi ein.
"Du hättest doch noch warten können, bis du über Los
viertausend eingestrichen hast!"
"Dann ist es vielleicht zu spät", belehrte Detlef ihn. "Du
mußt bauen, bauen, bauen, soviel du kannst, damit du die teuren Mieten
kassieren kannst."
"Aha", machte Willi.
Marko zog noch immer einen Flunsch.
"Du hast vorhin gesagt, das Spiel ist ungerecht", sprach Willi ihn
an. "Was meinst du damit?"
"Die Schloßallee ist einfach zu teuer", nörgelte Marko.
Neidisch schielte er auf Maras Geldstapel.
"Wir könnten ja die Schloßallee und die Parkallee billiger
machen", schlug Lars vor.
"Nö", protestierte Mara.
"Doch", meinte Detlef. "Die anderen Preise könnten
bleiben."
"Und was ist mit deinem Rathausplatz?" griff ihn Mara an.
"Den machen wir dann auch billiger, so, als ob du gar kein Hotel
hättest."
"Wie kommt es denn dazu, daß in der einen Straße die Mieten
so hoch und in anderen so billig sind?" fragte Willi. "Weiß das
jemand?"
"Weil da eben mehr Leute vorbeikommen", sagte Lars.
"Richtig", lobte Willi. "Wenn mehr Leute kommen und einkaufen
gehen, dann kann man ja mehr verdienen in einer Straße. Es gibt ja in
jeder Stadt eine teure Straße, in Köln ist es die Hohe Straße,
in Düsseldorf die Kö, in Berlin der Kurfürstendamm ..."
"Da war ich mal!" rief Lars. "Da sind wir ins Kino
gegangen."
Lars schlug vor, die Schloßallee und die Parkstraße billiger zu
machen und dafür die Turm- und die Badstraße teurer.
"Und die Seestraße auch teurer machen", rief Marko
begeistert.
"Haha, nur weil sie dir gehört", stänkerte Peggy.
"Was wäre denn", fragte Willi, "wenn in den Städten
alle Mieten gleich wären?"
"Nöö!" Alle Kinder waren dagegen.
"Dann würde ja jeder immer nur das gleiche bekommen", sagte
Peggy.
"Das macht dann keinen Spaß mehr", fand Lars.
"Es macht also nur Spaß", fragte Willi, "wenn sich
manche von euch an ihren Grundstücken eine goldene Nase verdienen und
andere dabei arm machen?"
"Das ist doch gerade das Spannende", sagte Lars.
Willi wandte sich an Marko: "Wie könnte man denn das Spiel
gerechter machen?"
"Alle Karten gleich machen", schlug Marko vor. "Mehr
Gleichheit."
"Nö", Maras Stimme überschlug sich. "Aber nicht
alle Straßen ganz gleich."
"Es geht doch nur dem gut, der die Schloßallee hat", sagte
Willi.
"Da dürfte kein Hotel gebaut werden", sagte Marko. Er hatte
seinen Ärger noch nicht überwunden.
"Dann wäre ja die Schloßallee billiger als die
Bahnhofstraße", protestierte Mara, sie hielt ihr Geldbündel
fest.
Die Kinder schrien durcheinander. Die einen wollten alle Preise angleichen,
andere wollten nur Maras Straßen billiger machen.
Mara protestierte: "Meine Straßen billiger und deine teurer,
schöne Gerechtigkeit."
"Pierre!" Detlef zog Willi am Ärmel. "Wenn man hierhin
kommt, dann muß man dem Finanzamt viertausend Mark geben. Einkommenssteuer.
Was ist Einkommenssteuer?"
Sabine lachte. Schon eine ganze Weile hatte sie die Runde am Tisch
beobachtet. "Es gibt Gulasch", sagte sie.
"Au ja, mit Zwiebeln" rief Detlef. "Die müssen aber ganz
sein!"
"Nein, mit Tomaten!"
"Oder mit Möhren," warf Willi ein, "feine englische
Art."
"Iiih Möhren", Mara verzog das Gesicht, "lieber mit
Erbsen und brauner Butter."
"Oder nur mit Salz und Pfeffer und ganz knusprig, mit Sahnesauce?"
wollte Sabine wissen.
"Und Nudeln!" riefen die Kinder.
Sabine beruhigte sie. "Jeder bekommt seinen Gulasch, wie er es
möchte." Sie ging lachend in die Küche.
Kurz darauf drang das Geräusch von bratendem Fleisch ins Zimmer,
süßlicher Geruch breitete sich aus.
Die Kinder einigten sich darauf, neue Karten zu basteln mit geringeren
Preisunterschieden für die einzelnen Straßen.
"Aber einmal spielen wir noch so, wie es ist", verlangte Mara.
Willi dachte darüber nach, daß er selbst seit geraumer Zeit von
den schnell wechselnden Angeboten und Nachfragen auf den Aktienmärkten
profitierte. Er stellte sich vor, was passieren würde, wenn alle Aktien
plötzlich den gleichen Kurswert hätten. Es gäbe einen zweiten
schwarzen Freitag an den Aktienbörsen. Er überließ die Kinder
ihrem Spiel und ging zu Sabine in die Küche. Sie löschte gerade das
spritzende Öl im Topf mit Wasser. Als die Soße im Topf blubberte,
stellte sie die Flamme kleiner.
"Da hast du ihnen aber eine schwere Lektion verpaßt", meinte
sie lachend.
"Hab' ich was falsch gemacht?" fragte er verunsichert.
Sabine küßte seine Stirn. "Nein, das war in Ordnung."
Willi schenkte ihr und sich Wein ein und fragte: "Wissen denn die
Kinder, wieviel vierzigtausend Mark sind?"
"Quatsch", sie schüttelte den Kopf. "Vierzigtausend Mark
sind für sie einfach eine bestimmte Menge, also daß der eine mehr
als der andere hat. Und sie wissen, daß sich hinter viel Geld und vielen
Straßen Möglichkeiten verbergen, noch mehr anzusammeln, und das ist
... Macht."
"Die Kinder lernen also mit sieben oder acht Jahren die Regeln der
kapitalistischen Gesellschaft", sagte Willi.
"Na klar", Sabine lächelte. "Würden wir ihnen die
Regeln der sozialistischen Gesellschaft beibringen, dann würden sie in
unserer scheitern."
"Aber das ist doch eine Ellenbogengesellschaft", sagte Willi.
"Ich meine, mit diesem Spiel wird ihnen Geldgier anerzogen und
beigebracht, wie sie den anderen am besten ausnehmen können. Das kann doch
nicht in deinem Erziehungssinne sein! Ich meine, das spricht doch gegen alle
eure Ideale!"
"Wir erziehen die Kinder doch nicht gegen die Gesellschaft, in der sie
leben müssen!" Sabine lachte und schüttelte den Kopf. "Du
redest manchmal wirklich komisch, Pierre."
Willi fühlte sich ertappt.
"Warum soll der kindliche Drang nach Macht und Überlegenheit
unterdrückt werden?" fragte sie. "Damit die Kinder ihn
später ausleben können? Mit den Mitteln eines Erwachsenen? Ich lasse
ihnen lieber beim Monopoly freien Lauf, da können sie sich
abreagieren."
"Auf dem Elternabend letzte Woche waren aber einige Eltern ganz
schön sauer", meinte er.
"Einige sind eifersüchtig, weil es bei uns im Kinderladen keine
Verbote gibt. Wenn die Kinder der Meinung sind, nicht aufs Klo gehen zu
müssen, sondern einfach in die Zimmerecke, dann lassen wir sie. Irgendwann
stinkt es ihnen selber, und sie machen von ganz allein sauber und gehen lieber
auf die Toilette."
"Gibt das keinen Ärger?" fragte Willi verwundert.
"Klar hat das Ärger gegeben", erwiderte sie. "Aber es
ist doch viel natürlicher, wenn die Kinder in ihrer Gruppe, im Kleinen die
Regeln der Gesellschaft lernen. Und die Eltern haben diesem Experiment
zugestimmt."
"Aber irgendwann", sagte Willi, "beginnt der Ernst des
Lebens. Da müssen sie sich unterordnen, Gesetze einhalten, sind
gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt. Ich meine, freie Erziehung ohne
Verbote und Drangsalierung ist ja wunderbar, aber sind die Kinder später
in der Gesellschaft lebensfähig?"
"Die Kinder leben jetzt ihre Bedürfnisse aus", antwortete
Sabine, während sie die Blättchen von den frischen Rosmarinzweigen
zupfte. "Wenn sie in der Dusche Doktor spielen, dann greifen wir nicht
ein. Warum soll aus dem menschlichen Körper ein Geheimnis gemacht werden?
Sie befriedigen jetzt ihre Neugier, wenn sie entsteht, und haben später
ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und zum Partner. Sie haben
viel schöneren Sex. Und genauso ist das mit allen anderen
Bedürfnissen."
"Wie?" fragte Willi interessiert. "Wenn ich aber einem
anderen Kind sein Spielzeug wegnehme, weil ich eben gerade das Bedürfnis
habe, damit zu spielen, ist doch der Streit vorprogrammiert."
"Die Kinder einigen sich. Du kannst mitspielen, oder du wartest, bis
der andere fertig ist."
"Und wie klärt ihr sie auf?" fragte Willi anzüglich.
"Laßt ihr sie zusehen beim Sex?"
Sabine hob die Schultern. "Wir hindern sie in der Wohngemeinschaft nicht
daran." Sie lachte, als sie erzählte: "Neulich haben Marko und
Detlef hinter der Badezimmertür mich mit Achim beobachtet, und am nächsten
Morgen wußten alle, daß ich acht Minuten und elf Sekunden bis zum
Orgasmus gebraucht habe." Sabine amüsierte sich über Willis verdutztes
Gesicht, dann wurde sie ernst. "Wenn die Kinder Fragen haben, dann antworten
wir darauf und speisen sie nicht mit Geschichten über die Bienen ab. Wir
respektieren die Kinder."
"Aber all das nützt nichts, wenn die Kinder zu Hause wieder
eingeengt werden", meinte Willi.
"Du sagst es."
"Also müßt ihr zuerst die Eltern erziehen."
"Die Eltern sehen ja jeden Abend am Abendbrottisch, daß ihre
Kinder nicht dem Streß ausgesetzt sind wie andere", erklärte
sie. "Ihre Kinder brauchen ihre Bedürfnisse und Gefühle nicht zu
unterdrücken, wie es die Leistungsgesellschaft fordert. Hier können
sie den ganzen Tag in den Dünen herumtoben, und wenn sie jetzt Monopoly
spielen, dann ist das eine spielerische, eine distanzierte Auseinandersetzung
mit Geld, mit Besitz oder Macht. Sie wollen viel Geld anhäufen und
müssen dabei bestimmte Regeln einhalten, aber ich glaube nicht, daß
wir mit diesem Spiel die großen Bankiers oder Kapitalisten erziehen. Denn
sie spielen genauso Räuber und Gendarm oder ihre anderen Rollenspiele, die
sie sich ausdenken. Im Moment finden sie Monopoly aufregend, und sie
können damit das Spiel ihrer Eltern und der Gesellschaft kapieren."
Willi grinste. "Und nach welchem Rezept kochst du jetzt, um die
unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen?"
"Ich koche wie immer, nur wer keine Zwiebeln oder keine Erbsen mag, der
bekommt eben nur Soße, so einfach ist das."
Nach dem Essen wanderten sie alle am Strand entlang. Es nieselte, die
Nordsee trug Schaumkämme. Willi spielte mit den Kindern Einkriegezeck.
Doch bald war er außer Atem, ließ sich der Länge nach in den
Sand fallen. Die Kinder warfen sich auf ihn und lachten übermütig.
Lars brummte, so tief er konnte: "Ich bin Ärger eins."
"Und ich bin Ärger fünftausend", gab Willi atemlos
zurück. Er kabbelte sich mit Lars im Sand, und die anderen Kinder tobten
mit. Einen Moment später mußte sich auch Sabine gegen die Angriffe
der Kinder wehren.
Die Dämmerung verschlang das Grau der See, färbte sie schwarz. Die
Kinder waren längst im Bett. Sabine und Willi saßen in der
geräumigen Küche, tranken Wein.
"Ich muß dir etwas sagen", begann Willi.
"Du bist verheiratet", mutmaßte Sabine. Über ihre Stirn
zog sich eine Falte, die im Schein der Kerze noch tiefer wirkte.
Willi schüttelte den Kopf. Er konnte sie nicht ansehen, er blickte auf
den Boden.
Sabine zog die Füße auf die Sitzfläche. "Dann kann es
ja nicht so schlimm sein", meinte sie.
Willi atmete tief ein und aus. Sabine sah ihn fragend an.
Er nahm allen Mut zusammen. Er mußte die Sache jetzt hinter sich
bringen, denn mit der Lüge wollte er nicht weiterleben.
"Ich bin nicht verheiratet", sagte er langsam und räusperte
sich, doch der Kloß im Hals blieb. "Ich bin auch nicht Pierre
Lombard. Auch kein Schweizer Staatsbürger."
Sabine machte große Augen. Sie nahm die Füße herunter,
steckte sie in die Schuhe. "Wer bist du dann?" fragte sie leise.
Willi trank das Glas aus, stellte es auf den Tisch und blickte in Sabines
grüne Augen. "Ich heiße Wilhelm Kurt Dieter Paul Otto Meerbusch
und lebe in der DDR." Er erzählte ihr, daß er für die DDR
in der Schweiz Bankgeschäfte abwickle und immer, wenn er vorgab, eine
Dienstreise machen zu müssen, in die DDR fuhr.
Sabine hörte ihm mit unbewegter Miene zu. Sie unterbrach ihn nicht,
sagte kein Wort. Als Willi geendet hatte, erhob sie sich und ging nach oben,
zuerst ins Schlafzimmer, dann in eines der Kinderzimmer.
Minutenlang hockte Willi wie versteinert auf seinem Stuhl. Im Haus war es
still, nur das Rauschen der aufgewühlten Nordsee und das Ticken der
Standuhr im großen Zimmer waren zu hören.
Willi fühlte sich nicht besser, wie er gehofft hatte, auch nicht
erleichtert. Er hatte ihr die Wahrheit gesagt, aber zu spät. Wenn Sabine
nichts mehr von ihm würde wissen wollen, dann müßte er das
akzeptieren.
Er stand auf und schlich die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Kissen und
Federdecke auf der linken Seite des breiten Doppelbettes fehlten. Willi zog
sich aus. Er fühlte sich verloren in dem breiten Bett und konnte nicht
schlafen, er dachte an Sabines Körper, an ihren Duft. Der Mond leuchtete
durch den Wolkenschleier hindurch, genau hinter dem Fensterkreuz.
Als der Mond über die rechte obere Fensterecke hinausgewandert war,
vernahm Willi Schritte auf dem Flur und das Knarren der Dielen. Vorsichtig
wurde die Klinke des Schlafzimmers heruntergedrückt.
Sabine stand verheult und mit zerwühltem Haar im Türrahmen, Kissen
und Decke im Arm. Auf Zehenspitzen kam sie zum Bett, legte das Bettzeug auf
ihre Seite, kroch darunter und kuschelte sich an ihn. Willi nahm sie in die
Arme. Sie war völlig ausgekühlt.
"Es macht nichts", sagte sie leise. "Es spielt keine Rolle,
wer du bist." Sie küßte ihn. Ihre Zunge schmeckte nachts immer
süß. "Du hast mir ja jetzt alles gesagt."
Willi vergrub das Gesicht in ihrem Haar und konnte die Tränen nicht
mehr zurückhalten.
12. Kapitel