Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

10. KAPITEL

Eine deutsch-schweizerische Symbiose
9311 Tage vor der deutschen Vereinigung

Es war Anfang April fünfundsechzig, als eines Morgens Dr. Küde Frohner aus seinem Haus in Herrliberg trat. In der Nacht hatte es wieder geschneit, der Himmel über dem Zürcher See war noch grau. Frohner reckte sich in seinem warmen Trainingsanzug, dann lief er kraftvoll über das noch unberührte Weiß. Wie an jedem Morgen lief er eine Meile, nicht mehr und nicht weniger. Als er zurückkam, traf er am Gartentor seinen Chauffeur, der den Schnee mit einem kleinen Traktor, dem ein Schneepflug vormontiert war, von der Zufahrt schob. Vor der Garage wartete Frohners vorgeheizter schwarzer BMW.
Wenig später verabschiedete sich Küde Frohner von seiner fünf Jahre jüngeren Frau Juliette. Unter dem dünnen Morgenmantel spürte er ihre Gänsehaut. Das kastanienbraune Haar duftete wie ein Vogelnest.
"Bei mir kann es später werden", sagte Juliette. "Ich habe noch Krankenbesuche zu machen."
"Es ist nicht leicht, mit einer gefragten Ärztin verheiratet zu sein", scherzte Frohner.
Maria, die sechsjährige Tochter, drängelte sich zwischen Küde und Juliette. Er nahm sie auf den Arm. "Sei schön artig, mein Engelchen", sagte er und küßte Maria sacht auf die Stirn.
"Ich bin immer artig", protestierte das Mädchen. "Wir gehen heute Schlittschuh laufen, das hat Suzanne versprochen."
Juliette seufzte. "Manchmal kann sich Maria gar nicht mehr trennen von Suzanne. Dann werde ich richtig eifersüchtig." Sie stupste ihrer Tochter in die Rippen. Maria kreischte auf, lachte übermütig, wand sich auf Küdes Arm. "Papa, rette mich!" Juliette wollte ihm Maria abnehmen, doch das Mädchen krallte sich im Stoff seines Jacketts fest.
"Laß los", bat Küde, "ich bin spät dran."
"Nur, wenn du mir was mitbringst!"
Küde versprach es. Seiner Tochter konnte er keinen Wunsch abschlagen.
Frohner mahnte den Chauffeur zur Eile. Der Wagen bog rechts auf den Eschenweg, der in langgezogenen Kehren zur Hauptstraße führte, vorbei an vielen Vorstadtvillen. Ab und zu konnte Frohner auf den Zürcher See hinunterblicken, dessen ruhige Oberfläche nun die weiße Sonne reflektierte.
Dr. Küde Frohner entstammte einer jüdischen Schweizer Kaufmannsfamilie, die sich nach dem zweiten Weltkrieg ausschließlich Bank- und Aktiengeschäften widmete. Sein Onkel war es, der dem jungen Küde zum ersten Male von den Rothschilds erzählte. Die ereignisreiche Geschichte dieser jüdischen Familie, die im Judenghetto des mittelalterlichen Frankfurt am Main begann, faszinierte Küde. Er war erst elf Jahre alt, als er mit Hilfe seines Onkels die Methoden zu studieren begann, mit denen die Rothschilds weltweit zu Reichtum, Ruhm und Macht gekommen waren.
"Informationen schaffen Reichtum." Dieser Ausspruch seines Onkels sollte für Küde Frohner zur Lebensmaxime werden.
Am Beispiel der Rothschilds erkannte schon der Elfjährige, wie wichtig ein gut funktionierendes Kurier- und Informationsnetz war, um Börsenkurse, Warenpreise oder Markttendenzen richtig beurteilen und nutzen zu können. Damals spekulierte er einmal mit erfundenen hunderttausend Schweizer Franken. Anfangs war er auf seine eigene Beobachtungsgabe und seinen Instinkt für kommerzielle Entwicklungen angewiesen. Schnell lernte er, daß nicht nur der Besitz von Aktien Vermögen schaffte, sondern der Handel damit. Binnen eines halben Jahres verzehnfachte der junge Frohner die Hunderttausend. Doch dieses Vermögen stand natürlich nur auf dem Papier.
Zu seinem zwölften Geburtstag bekam Küde von seiner Familie einen Hengst geschenkt. Er nannte ihn Nathan, nach dem lebhaftesten und in Finanzdingen phantasievollsten Sohn des Amschel Mayer, der als Begründer des Rothschildschen Imperiums galt.
Küde studierte nicht nur an italienischen Universitäten, sondern auch in Paris und zuletzt in Oxford. Als Einundzwanzigjähriger nahm er am traditionellen Ruderrennen der Abschlußsemester auf dem Cherwell teil. Das Foto seiner siegreichen Achtermannschaft bewahrte er noch heute im Büro auf.
Auf Beschluß der Familie studierte Küde Frohner nicht wie seine Kommilitonen aus dem Achter in Havard, Yale oder Berkeley, sondern widmete sich der bankkaufmännischen Praxis. Frohner promovierte neunzehnhundertfünfundfünfzig in Paris. Das Thema seiner Dissertation überraschte keinen, der ihn kannte: Wissenschaftlich untersuchte er die Ursachen für den raschen Aufstieg des Bankhauses Rothschild in der Zeit von achtzehnhundertzehn bis -fünfzehn.
Frohner und seine Kommilitonen aus dem Achter saßen noch immer in einem Boot. Wo immer sie auch in der Welt ansässig waren, tauschten sie getreu dem Rothschildschen Prinzip regelmäßig Informationen aus. Daß es sich dabei oft um sogenannte Insiderinformationen handelte, denen er seinen jetzigen Wohlstand verdankte, wußte er geschickt zu verschweigen. Nur seine Frau Juliette war eingeweiht, denn über deren Vater liefen diese verbotenen Geschäfte. Frohners Einheirat in eine der zweihundert reichen Familien der Schweiz hatte dem jüngsten Vorstandsmitglied einer renommierten Züricher Bank neue Verpflichtungen aufgebürdet.
Oft träumte Dr. Küde Frohner von einer größeren, in bar verfügbaren Geldmenge, mit der er die tagtäglichen verbotenen Information durch An- und Verkauf von Aktien zu Geld machen könnte. Sein größter Coup war bisher ein Geschäft, bei dem er zwei Tage zuvor von seinen Oxfordkollegen die Information erhielt, daß die Aktien der Manhatten-Iron-Companie steigen würden. Mit der geliehenen Geldmenge von einhunderttausend Schweizer Franken konnte er so einhundertdreiundfünfzig Aktien im Wert von sechshundertfünfzig Franken erwerben. Wenige Wochen später verkaufte er die Aktien für den Gegenwert von jeweils achthundertzehn Franken und hatte so insgesamt vierundzwanzigtausendvierhundertachtzig Franken verdient, von denen er weniger als dreitausend für Zinsen und Bearbeitung zahlen mußte.
Als der Chauffeur das Bankenviertel erreichte, erinnerte sich Frohner an die Feier zu seinem sechsunddreißigsten Geburtstag. Die lag einen Monat zurück. Er sah den etwa gleichaltrigen Studienfreund vor sich, der ihm zu Ehren aus New York herübergekommen war. "Weißt du noch, Küde", hatte er gefragt, "was du in Oxford zu mir gesagt hast? Mit vierzig mußt du es geschafft haben, danach läuft nichts mehr. Das waren deine Worte, und ich glaube, was uns beide betrifft, hast du damit recht gehabt." Das hatte sich melancholisch angehört, dachte Frohner. Aber: Was hatte er, Dr. Küde Frohner, in seinem Leben geschafft? Er hatte eine schöne Frau, eine reizende Tochter, ein ansehnliches Haus, ein kleines Vermögen, eine geachtete Position im Vorstand einer angesehenen Bank.
Der große Coup allerdings war ihm noch nicht gelungen. Er gehörte nicht zu den Mächtigen, nicht einmal in der Schweiz. Ihm fehlten das nötige Startkapital und eine Spitzenposition in der Bank. Und er hatte nur noch vier Jahre Zeit. Dr. Küde Frohner wartete schon seit Jahren auf einen Strohmann, mit dem er weltweit gewinnbringende Geschäfte machen könnte.
Für neun Uhr hatte sich bei ihm ein gewisser Pierre Lombard angemeldet. Ein Schweizer Anwalt hatte den Kontakt hergestellt. Frohner hatte in den letzten Tagen recherchiert, wer dieser Lombard war: Schweizer Bürger, aus Martigny stammend, Besitzer eines schlechtgehenden Kinos dortselbst, zweiunddreißigjährig, noch keine eigene Familie. Dieser Lombard wollte sein Privatkonto von Genf nach Zürich verlegen, und es gab Informationen, daß über dieses Konto DDR-Staatsgelder fließen sollten. Er wollte diesen Klienten selbst betreuen.
Der Wagen fuhr in die Tiefgarage der Bank. Frohner betrat die Bank durch den Personaleingang. Ein schmuckloser Flur führte zum Fahrstuhl, der ihn in die erste Etage brachte. Eilig lief er über den anthrazitfarbenen Teppich, in den das Banksignet in regelmäßigen Abständen eingewebt war.
In seinem Büro hatte die Sekretärin alles vorbereitet: Kaffee, Sahne, Zucker, Geschirr und eine Schale mit Champagnertrüffeln.
Im kleinen Hotel "Splendid", in der Züricher Altstadt am Domplatz gelegen, bezahlte zur selben Zeit ein Mann um die Dreißig das Zimmer für die letzte Nacht. Das Hausmädchen stellte die Rechnung auf den Namen Pierre Lombard, ansässig in Martigny, aus.
Das Splendid, ein Überbleibsel aus den fünfziger Jahren, hatte auf drei Etagen acht winzige, aber preiswerte Zimmer. Die Toiletten und Waschräume für die Hotelgäste befanden sich auf dem Flur. Die Bar war ein beliebter Treff für Nachtschwärmer. Sämtliches Mobiliar stammte noch aus der Vorkriegszeit, war schwarz lackiert oder mit schwarzglänzendem Plastik überspannt. Auch die Fensterscheiben hatte man schwarz angestrichen. Auf einer kleinen Bühne stand ein Flügel, an dem sich Jazzmusiker und manchmal auch Gäste zu schaffen machten. Die Cocktails wurden in bizarren Gläsern serviert.
Morgenluft und die Geräusche der Straße drangen durch das geöffnete Fenster in die Bar. Kalter Zigarettenrauch hielt sich hartnäckig im Raum. Bei dem einfallenden Tageslicht verlor die Bar ihren Charme. Barhocker und Stühle waren hochgestellt, und man sah, wie abgenutzt die Möbel waren. Die Polsterung auf manchen Sitzen wölbte sich nicht mehr unter dem Plastikbezug, der schwarze Lack am Tresen blätterte hier und da ab. Ein roter Eimer, in dem das Wischwasser dampfte, stand in der Ecke, ein Schrubber lehnte an der Wand. Der Geruch von Essigreiniger verbreitete sich.
Das Hausmädchen hatte für den Gast an einem Tisch die Stühle heruntergenommen und brachte ihm einen Kaffee. Der Mann las Zeitung. Das dünne Papier vibrierte leicht in seinen Händen. Unter dem Tisch stand ein schwarzer Aktenkoffer. Im Inneren befanden sich zwölf Millionen DM.
Dieses Geld, für Willi war es harte Valuta, stammte aus Autobahngebühren und Zwangsumtauschen, die Bundesbürger in der DDR zu entrichten hatten. Einige Hunderttausend kamen von Intershops im Raum Berlin. Aber auch konfiszierte Geldscheine aus Briefen, die von Westbürgern zu ihren ostdeutschen Verwandten geschickt wurden, hatten sich zu einer beträchtlichen Summe angesammelt.
Einige Minuten vor neun Uhr verließ Willi Meerbusch als Pierre Lombard das Hotel und lief durch die schneidend kalte Luft schnell zur Bank. Auf keinem seiner Wege zu Bankgeschäften war Willi Meerbusch allein. Manfred Kronbecher hatte ein unsichtbares Netz gespannt. Willi wußte nur, daß er von Hugosch ständig bespitzelt wurde. Vier weitere Spitzel beschatteten ihn in Martigny, auf seinen Fahrten nach Zürich und zurück.
Ein Angestellter der Bank schloß eben die hohe Glastür auf. In der Vorhalle stand eine Pyramide, bestehend aus Tausenden und Abertausenden hölzernen Gliedern, die wie Schwengel aussahen und durch Gelenke aus Holz miteinander verbunden waren. Andächtig verharrte Willi vor dem Kunstwerk. Der Bankangestellte nahm einen Schwengel, der am Boden lag, und lehnte ihn an die Außenseite der Pyramide. Als er Willis interessierten Blick wahrnahm, erklärte er in charmantem Schwyzerdütsch: "Jeden Tag wird ein Teil in seiner Lage verändert. So verwandelt sich die Pyramide von Tag zu Tag. Das ist eben Kunst, die lebt. Kann ich Ihnen behilflich sein, Monsieur?"
Willi fragte, wo er Dr. Küde Frohner fände.
"Ich begleite Sie zum Lift, wenn's recht ist", sagte der Bankangestellte. Willi bedankte sich und folgte ihm.
In der ersten Etage lief er über den anthrazitfarbenen Teppich. "Sekretariat Dr. Frohner" stand auf dem Plexiglasschild, darunter "Direktor". Willi klopfte.
"Salü", grüßte eine junge Dame. Ihr zyklamfarben geschminkter Mund lächelte freundlich, aber distanziert. "Dr. Frohner erwartet Sie, Monsieur Lombard. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?"
Die unaufdringliche Eleganz der Sekretärin und die Selbstverständlichkeit, mit der sie zur Schau getragen wurde, beeindruckten Willi. DDR-Frauen übertreiben oft, wenn sie sich schick anziehen, dachte er, wenn sie versuchen dem sozialistischen Frauenbild zu entfliehen, das sie in Arbeitskleidung darstellt, mit schwieligen Händen von der Arbeit, entstellenden Arbeitsschutzhäubchen und mit gebärfreudigen Becken. Es gibt bei uns Modezeitschriften, die "Sibylle", die "Pramo", ja auch die "Für Dich". Aber in den unpraktischen Modellkleidern traut sich keine Frau in die Kaufhalle, deshalb ist das Angebot in den Geschäften langweilig und bieder. Willi Meerbusch dachte an seine Patentante Hedwig und fragte sich, ob DDR-Frauen nicht auch mal das Bedürfnis hatten, ihre Weiblichkeit auszuleben. Oder ist der Verlust von Weiblichkeit der Preis für die Gleichberechtigung?
Ein sportlich wirkender Mann kam aus dem an das Sekretariat grenzenden Raum. Er begrüßte seinen Gast mit Handschlag.
"Guten Tag, mein Name ist Frohner. Kommen Sie doch herein. Einen Kaffee?" Das Leder der Sitzgruppe fietschte leise. Auf dem Glastisch neben dem Kaffeegeschirr lagen Formulare zur Eröffnung eines Kontos.
"Hatten Sie eine angenehme Reise?" fragte Frohner.
"Ich bin seit gestern in Zürich. Die Fahrt von Martigny hierher war sehr angenehm."
"Sind Sie über Bern gekommen?"
"Nein", antwortete Willi. "Ich fahre lieber über Biel, also nördlich am Neuchâteler See vorbei. Die Landschaft dort finde ich sehr reizvoll. Ab Biel nehme ich die Autobahn."
"Wenn ich korrekt unterrichtet bin, besitzen Sie ein Kino in Martigny", sagte Frohner.
Willi stutzte. Woher wußte dieser Frohner vom Kino der Lombards? Kannte er etwa jemanden aus dem Verleih? Aber er hielt sich an seine Rolle als Geschäftsmann. "Es ist nicht leicht, in einem kleinen Ort ein Kino mit Gewinn zu betreiben." Willi wechselte das Thema. "Ich bin zu Ihnen gekommen, um ein Privatkonto in ihrem Bankhaus zu eröffnen."
"Sie haben bisher Ihre Geschäfte bei unserer Filiale in Genf geführt. Wollen sie nach Zürich umsiedeln?"
Willi hatte nicht damit gerechnet, daß der Bankier so genau über ihn informiert war. Er mußte aufpassen. "Ich werde künftig öfter in Zürich zu tun haben."
Frohner bat um Willis Papiere. Willi reichte ihm den Paß, der auf Pierre Lombard ausgestellt war. Frohner füllte ein Formular aus und gab dann alles seiner Sekretärin. "Suchen Sie bitte eine Kontonummer heraus, die man sich leicht merken kann", sagte er.
"Wieviel möchten Sie einzahlen?" fragte Frohner.
Willi öffnete den Koffer.
"Zwölf Millionen D-Mark."
Frohner ließ von seiner Sekretärin zwei Bankangestellte in sein Büro bitten, die das Geld zählen sollten. Während sie ihre Arbeit taten, sprach keiner ein Wort. Frohner schrieb Willi eine Quittung aus. "Ich werde die Buchung sofort veranlassen."
Wie beiläufig fragte er: "Sagen Sie, Monsieur Lombard, haben Sie in Ihrem Kino ein spezielles Filmprogramm?"
Wieso fragt der dauernd nach dem vermaledeiten Kino? dachte Willi.
"Ja also", begann er, "ich bemühe mich um den europäischen Film, wenn man so sagen kann. Also, wenn man bedenkt, daß jetzt immer mehr amerikanische Filme gezeigt werden, dann denke ich, muß man dagegen etwas tun. Manchmal spiele ich sogar DEFA-Filme aus der DDR, äh, aus der sogenannten DDR." Willi fühlte sich nun ganz als Pierre Lombard aus der Schweizer Provinz.
"Sagen Sie ruhig DDR", meinte Frohner. "Das gesellschaftliche Experiment Sozialismus im Osten Deutschlands verfolge ich mit höchstem Interesse. Aber ich glaube, daß sich die Deutschen nicht lange durch eine Mauer trennen lassen. Sie sind eine Nation, und früher oder später werden sie ihre Zusammengehörigkeit wiederentdecken. Doch bis es soweit ist, zolle ich der DDR meinen Respekt."
"Die Unterschiede zwischen Ost und West sind wohl zu groß", sagte Willi, "als daß man jetzt noch an Wiedervereinigung glauben könnte."
"Ich muß Ihnen widersprechen", entgegnete Frohner höflich. "Jedes Volk empfindet national. Die gemeinsame Sprache, die Historie, letztlich auch Werte wie Heimat und Vaterland - dies alles ist es, was Nationen ausmacht. Ich kenne keinen Deutschen, der sich zuerst als Westdeutscher oder als Ostdeutscher sieht, sondern vorrangig als Deutscher."
"Ich denke, die Ostdeutschen haben außer der Sprache so gut wie nichts mehr mit den Westdeutschen gemein", beharrte Willi. "Politisch gehen beide Staaten entgegengesetzte Wege. Sie betrachten sich als Feinde und gehören Militärbündnissen an, die sich feindlich gegenüberstehen. Außerdem, und das glaube ich den Filmen aus der DDR entnehmen zu können, wäre es in diesem Staat wohl nie möglich, daß einer der Kommentatoren der Nürnberger Gesetze zum zweitmächtigsten Mann im Staate werden konnte. Also gehen auch beide Länder anders mit der Geschichte um."
Ich muß aufpassen, dachte Willi, daß ich nicht ins Agitieren verfalle.
"Sie wissen doch so gut wie ich", unterbrach Frohner, "daß jede Gesellschaft die Geschichte zu ihren Gunsten beschreibt. Geschichtsschreiber leben in einer Symbiose mit den jeweils Herrschenden. Wie im übrigen auch die meisten Künstler. Der Film wird ja in der DDR staatlich finanziert, also werden die Filmleute nicht in direkte Opposition zu dem Staat gehen, der ihnen Stipendien, Fördergelder und Subventionen gibt."
"In der DDR entstehen aber auch sehr kritische Filme", wandte Willi ein.
"Filme und Literatur in der DDR kritisieren nur Erscheinungen, aber niemals stellen sie das sozialistische System, wie es in der DDR herrscht, in Frage. Neutschs 'Spur der Steine' und 'Der geteilte Himmel' von Christa Wolf sind doch Beispiele dafür. Opponieren Künstler gegen das System, dann bleibt ihnen oft nur die Flucht aus der DDR. Haben Sie einmal von Uwe Johnson gehört?"
Willi schüttelte den Kopf. Warum nur hatte er ein Thema aufgegriffen, auf dem er kaum bewandert war? Er fühlte sich in die Enge getrieben und mußte aufpassen, sich nicht irgendwann zu verraten.
"Wer ist das?" fragte er, um Zeit zu gewinnen.
"Johnson ist ein unterdes weltweit bekannter Schriftsteller, der sich in der DDR unbeliebt gemacht hatte. Und denken Sie doch mal an die Filme, die zwar gedreht, aber nie gezeigt worden sind. Das wissen Sie sicher besser als ich."
"Da haben Sie recht", sagte er kurz und versuchte das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. "Sie haben im Eingangsbereich diese Pyramide zu stehen. Ich war sehr beeindruckt. Ein bemerkenswertes Kunstwerk."
"Es stammt von einem Berliner Künstler", sagte Frohner. "Es freut mich, daß es Ihnen gefällt."
"Es gefällt mir wirklich außerordentlich. Vor allem die Idee, jeden Tag ein Detail zu verändern, ist genial."
"Kunst und Kommerz", sagte Frohner, "sind an sich unvereinbar. Daran erinnert mich die Pyramide, sooft ich an ihr vorbeigehe. Ich hätte auf der Auktion letztes Jahr lieber das Werk eines Schweizer Künstlers erstanden, aber die Pyramide hat mich ebenso fasziniert wie Sie. Weil sie sich täglich um eine Winzigkeit verändert, verkörpert sie in meinen Augen den Ablauf der Welt. Jeden Tag passiert etwas, aber eine sichtbare Veränderung tritt erst nach einer gewissen Zeit ein, erst dann kann man von einer neuen Epoche sprechen. Vielleicht verändert sich die Pyramide so sehr, daß sie dereinst zum Würfel wird?" Frohner lachte amüsiert.
"Vielleicht", wiederholte Willi verbindlich.
"Damit wir uns nicht falsch verstehen", sagte Frohner, "ich bin ein Sympathisant der DDR. Sie wohl auch, wenn ich mir ein solches Urteil erlauben darf ..."
"Ja, ja, selbstverständlich." Willi mußte einen klaren Kopf behalten. Jetzt saß er schon eine Stunde mit Frohner zusammen. Unterhielt der sich mit jedem Kunden seiner Bank so weitschweifig? Wie lange sollte das noch dauern, ein Konto zu eröffnen?
"... aber wir beide sind Schweizer", sprach Frohner weiter. "Wir haben Schweizer Traditionen, Emmentaler, Büdner Fleisch, den Dôle blanc, und über die Einführung des Wahlrechts für Frauen wollen wir lieber nicht reden. Dafür hat unser Heer Brieftauben. In bezug auf Deutschland sind wir nur Beobachter."
Die Sekretärin brachte die fertigen Unterlagen. Willi schaute ihr nach. Dann unterschrieb er die Formulare, die Frohner ihm Stück für Stück zuschob.
"Herzlich willkommen bei unserer Bank", sagte Frohner. "Ich denke, wir sollten auf unsere künftige Zusammenarbeit anstoßen. Einen Cognac?"
Willi nahm erleichtert an. Schweiß lief ihm an den Armen herunter.
Als Willi alias Lombard gegangen war, begann Frohner den neuen Kunden zu analysieren. Es war nicht ungewöhnlich, daß Schweizer Anwälte oder Notare Konten im Auftrage der DDR in der Schweiz verwalteten. Auch ein Comeconstaat wie die DDR konnte nicht ohne Bankgeschäfte im Westen leben. Die DDR brauchte die Verschwiegenheit Schweizer Banken.
Hinter diesem Geld war politische Macht. Lombard würde wiederkommen. Mit mehr Geld. Aber wieso beauftragte Ostberlin in diesem Fall einen fast bankrotten Kinobesitzer, die Interessen der DDR zu vertreten?
Küde Frohner wählte die Nummer seines Studienfreundes Pascale Blanche in Paris, der damals im Achter vor ihm gesessen hatte.
"Bonjour, Pascale, comment vas-tu?"
"Comme ci, comme ça", Pascale Blanche gähnte. "Das erste angenehme Telefonat heute."
"Lombard hat gerade mein Büro verlassen", sagte Frohner. "Konntest du noch etwas über ihn in Erfahrung bringen?"
"Wieviel hat er denn mitgebracht?"
"Zwölf."
Pascale pfiff langgezogen. "Dann hat er noch mehr", sagte er.
"Das denke ich auch. Auf dem Konto seines Vaters in Genf war im letzten Jahr vor seinem Tod ein Habenumsatz von hundertvierunddreißig Millionen verbucht."
"Und?"
"Ich weiß nicht recht", sagte Frohner. "Ich werde aus ihm nicht schlau. Er ist so ... so ... anders."
"Küde, paß auf", Pascales Stimme wurde ernst. "Nach meinen Recherchen war der alte Lombard Spanienkämpfer, er arbeitete aus politischer Überzeugung seit zweiundfünfzig für die DDR. Das Geld, das er auf Konten eurer Bank verwaltete, war Staatsgeld. Pierre Lombard setzt also nur die Geschäfte seines Vaters fort."
"Und das Kino?"
"Ist eigentlich pleite. Meine Leute haben im letzten Monat an die dreihundert Besucher gezählt. Das Kino spielt nur an den Wochenenden, und dann nur Kinderfilme, oft auch meinen Lieblingsfilm 'Krieg der Knöpfe'. Davon kann man nicht leben. Reine Tarnung, sage ich dir!"
"Bist du sicher?"
"Ich habe es leider eilig. Ich schicke dir ein Fernschreiben, codiert auf sieben. Halt mich auf dem laufenden, ja? Ach, noch etwas ..."
"Ja ...?"
"Laß ihn ein Anderkonto eröffnen. Bring ihn auf den Geschmack von Geld."
Frohner legte auf und wartete auf das Fernschreiben. Code sieben bedeutete, daß die Buchstaben im Alphabet weitergezählt werden mußten, um den Wert der siebenten Primzahl, der siebzehn. Aus einem A wurde demnach ein Q. Aus dem ratternden Fernschreiber kam eine Seite. Frohner dechiffrierte den Text. Zu Beginn, wie üblich, belangloser Text, diesmal das Rezept für Mousse au Chocolat. Doch dann las er: "P.L. ist im September '63 nach Martigny umgesiedelt. Sichere Quelle. P.L. hatte vor drei Jahren schweren Verkehrsunfall auf vereister Autobahn Berlin-Dresden. Eltern tot. Krankenhausaufenthalt in Berliner Charité, Intensivstation. Gruß Pascale."
Frohner rief den Steuermann aus dem Achter an, Charles Blake in London. Als er ihm berichtete, was Pascale herausgefunden hatte, fragte Charles: "Gibt es Gründe, warum der alte Lombard in die DDR gegangen ist?"
"Ja, politische", antwortete Frohner.
"Es ist mir unmöglich, hinter dem Eisernen Vorhang Nachforschungen anzustellen", meinte Charles. "Gab es in dem Gespräch, das du mit ihm geführt hast, irgendwelche Anhaltspunkte?"
Frohner überlegte einen Moment, dann berichtete er: "Er sprach von Militärbündnissen, die sich feindlich gegenüberstehen, und daß man an eine Wiedervereinigung Deutschlands jetzt nicht mehr glauben könne. Das klang seltsam, jedenfalls erschien mir die Diktion irgendwie fremd. Außerdem hat er behauptet, DDR-Filme in seinem Kino zu zeigen."
"Ich denke, der zeigt nur Kinderfilme am Wochenende?" vergewisserte sich Charles.
"Eben", sagte Frohner, "das macht mich ja so mißtrauisch. Er gab sich auch nicht wie ein Schweizer, irgendwie fehlte da was. Er hat die Champagnertrüffel aufgegessen, die auf dem Tisch standen. Das hätte ein Schweizer nie getan. Ich habe ein ganz komisches Gefühl."
"Also alles, was ich über ihn herausfand, habe ich dir geschickt", sagte Charles. "Dieser Lombard ist ein so gut wie unbeschriebenes Blatt. Aber vielleicht solltest du mal den Denkansatz wechseln: Was, wenn dieser Mann gar nicht Lombard ist? Vielleicht ergibt das dann Sinn?"
"Freiwillig wird er mir das kaum sagen."
"Du mußt ihn knacken. Lade ihn zum Essen ein und setze ihn unter Strom, bis er quatscht. Stell ihm Fangfragen! Oder tu was in den Wein, ich laß dir was vorbeibringen, wenn du willst."
 
Manfred Kronbecher las den Bericht von Dieter Hugosch, ohne aufzublicken. Hugosch hatte es sich auf der Couch bequem gemacht, nahm aus einem großen Schwenker ab und zu ein Schlückchen Weinbrand und wartete gelassen darauf, was der Vorgesetzte zu seinem Bericht sagen würde.
Kronbechers Gesicht verriet keine Regung, nur seine Augen glitten konzentriert über die Schreibmaschinenzeilen. Die Hosenträger spannten über seinem Bauch. Hugosch schenkte sich zum zweiten Mal ein.
"Gute Arbeit", sagte Kronbecher schließlich, lehnte den massigen Körper zurück und steckte die Daumen in Brusthöhe unter die Hosenträger. "Und wo ist der erste Kontoauszug?"
"Der wird nächste Woche erstellt", antwortete Hugosch. "Willi Meerbusch hat von der Bank vorläufig nur eine Quittung bekommen."
"Komisch", sagte Kronbecher. Er überprüfte noch einmal die Quittung, die dem Bericht beigelegt war. "Warum eigentlich", fragte er dann, unversehens mit drohendem Unterton, "hat nur Willi Meerbusch die Verfügungsgewalt über das Konto?"
"Nach Meerbuschs Einschätzung könnte nur ein Anwalt, also ein Treuhänder, zusätzlich vertretungsberechtigt sein."
"Aber er hatte den ausdrücklichen Befehl ... na ja, lassen wir das."
"Die Quittung", sagte Hugosch und trat an den Schreibtisch, "die bräuchte ich wieder. Ich muß sie Meerbusch nach Martigny zurückbringen. Er soll sie aufheben, bis er den ersten Kontoauszug hat."
Kronbecher reichte die Quittung über den Schreibtisch. Hugosch verließ die Wohnung, die Kronbecher für sich und Eva Schmiedinger in Zürich angemietet hatte, natürlich zu operativen Zwecken. Kronbecher rieb sich die fleischigen Hände.
 
Zehn Tage später wartete Hugosch in der Bar des Hotels "Splendid" auf Willi. Der Barkeeper nahm gerade die Stühle von den Tischen. Hugosch trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tresen.
"Endlich", grollte er, als Willi auf ihn zueilte.
"Entschuldige", keuchte Willi, "aber die Straßen waren heute morgen noch völlig vereist."
Dabei dachte er immer noch an die warme duftende Haut von Isabell.
Hugosch und Willi tauschten die Koffer. "Genosse Kronbecher erwartet den längst überfälligen Kontoauszug."
"Wird heute erledigt", versprach Willi eilig.
Er haßte Hugosch, seit er ihn kannte, er war für ihn ein Prolet, der nicht einmal einen Whisky trinken konnte, ohne unangenehm aufzufallen.
Willi Meerbusch hoffte, daß sein zweites Treffen mit Dr. Küde Frohner nicht so lange dauern würde wie das erste. Er wollte zurück zu Isabell, die ein Geschäftstreffen mit einem Züricher Kinobesitzer hatte.
Es war zwölf Uhr dreißig an diesem dreiundzwanzigsten April fünfundsechzig. Nach einer eisigen Nacht hatte Föhn eingesetzt, und es taute.
Bevor Willi die Bank betrat, sagte er sich: Ich heiße Pierre Lombard. Nein, ich bin Pierre Lombard.
Die Holzpyramide im Foyer hatte sich kaum verändert. Aus einer Seitenfläche waren etliche Schwengel herausgenommen und nach unten geklappt worden, als hätte die Pyramide eine Schleppe.
Willi fuhr in den ersten Stock. Die Fahrstuhltür öffnete sich. Er sah sich plötzlich einer Gruppe seriös gekleideter Männer gegenüber. Mancher von ihnen trug wie Willi einen Aktenkoffer. Sie grüßten höflich und machten Platz, damit Willi aussteigen konnte.
Auch auf dem Flur der Direktionsetage herrschte ein reges Kommen und Gehen. Männer in dunklen Anzügen, begleitet von Assistenten oder Sekretärinnen, hasteten an Willi vorbei. Die drei breiten Türen des Sitzungssaales standen offen. Willis Blick fiel auf einen großen Tisch aus dunklem, matt glänzendem Edelholz in der Mitte. Am Rande des Saales entdeckte er Frohner im Gespräch mit einem Herrn. Frohner hatte Willi ebenfalls gesehen und winkte ihm zu.
Willi wartete und sah sich um. Das Oval der Tischplatte war wie ein Puzzle aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Junge Frauen in weißen Hosenanzügen räumten Gläser und Kaffeetassen auf einen Servierwagen und rückten Stühle mit hohen Lehnen an den Tisch. Im Holz der Tischplatte spiegelten sich Hunderte winziger Lämpchen. Wie Beeren hingen sie an einem stählernen Kronenleuchter, der einem Mistelbusch nachempfunden war. Die Fensterfront nahm die gesamte Länge des Saales ein. Dahinter lag grau in grau der Zürcher See.
Frohner stand vor einer Bücherwand, die bis zur Decke reichte und mit ledergebundenen Bänden gefüllt war. Sein Gesprächspartner war wesentlich älter als er.
"Monsieur Duval, entschuldigen Sie mich bitte für einen Augenblick", sagte Frohner zu dem Herrn. "Ich spreche nur schnell mit Monsieur Lombard und bin gleich zurück."
Er kam schnellen Schrittes auf Willi zu, begrüßte ihn herzlich und entschuldigte sich dafür, daß er ihn ein paar Minuten warten lassen müsse.
"Kein Problem, Dr. Frohner. Die charmante Gegenwart Ihrer Sekretärin wird mir ein Vergnügen sein."
Willi verließ den Sitzungssaal.
Frohner kehrte zu seinem Gesprächspartner zurück.
Duval machte ein ernstes Gesicht und sagte: "Dieser Mann ist nicht Pierre Lombard."
"Sind Sie sicher?" fragte Frohner.
"Absolut. Ich wohne in Martigny und kenne ihn seit seinem letzten Besuch vor drei Jahren genau. Eine gewisse Ähnlichkeit will ich nicht leugnen ... "
"Könnte ein gesichtschirurgischer Eingriff vorgenommen worden sein?"
"Ausgeschlossen. Pierre Lombard ist kleiner als der Mann, mit dem Sie eben geredet haben, und nicht so kräftig gebaut."
"Ich danke Ihnen, Monsieur Duval", sagte Frohner. "Und was Ihren Kredit anbelangt, da sehe ich keine Probleme. Sie haben uns Ihre Situation überzeugend dargestellt; Sie können mit unserer Filiale in Lausanne reden."
Frohners Sekretärin nahm Willi den Mantel ab. Ihr Mund lächelte heute in einem blassen Orange, passend zu Fingernagellack und Ohrclips.
"Die Vorstandssitzung hat wieder länger gedauert", entschuldigte sie ihren Chef. "Darf ich Ihnen etwas anbieten, Monsieur Lombard?"
Zusammen mit einem Cognac brachte sie Willi die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Financial Times" an den Glastisch in Frohners Büro. Sie schloß die Tür, und Willi war allein. Er dachte an Isabell und hoffte, daß Frohner nicht wieder ins Philosophieren kommen würde.
Frohner ließ ihn nicht lange warten. "Ich bin untröstlich, Monsieur Lombard", sagte er. "Aber es gibt Tage, da möchte man sich am liebsten teilen. Geht es Ihnen auch so?"
Willi war aufgestanden. Er knöpfte sich das Jackett zu. "Ich kann Sie voll verstehen. Deshalb möchte ich Ihre Zeit auch nicht über Gebühr in Anspruch nehmen."
"Oh, so war das nicht gemeint", widersprach Frohner. "Das Schlimmste ist vorbei."
Frohner nahm das Geld aus dem Koffer in Empfang. Diesmal zählte er die banderolisierten Banknotenbündel selbst. Es waren vierzehneinhalb Millionen DM.
"Wäre es möglich", fragte Willi, "daß ich heute einen Kontoauszug mitnehmen kann?"
"Sie trauen der Quittung nicht?" scherzte Frohner.
"Ach, wissen Sie, ich fühle mich damit einfach wohler."
"Verstehe schon. Ich veranlasse das. Bis das Geld auch maschinell gezählt ist - das braucht sowieso ein bißchen Zeit. Also, wenn Sie nichts dagegen haben, lade ich Sie zum Essen ein."
Willi fühlte sich überrumpelt. Aber er hörte sich schon automatisch antworten: "Da sage ich nicht nein."
"Très bien. Lassen Sie uns gehen."
Im Sekretariat bat Willi um seinen Mantel.
"Den brauchen Sie nicht", sagte Frohner. "Es ist nicht weit."
Durch die Tür gegenüber Frohners Büro verließen sie das Sekretariat, gingen ein Stück über den Flur und betraten den Sitzungssaal.
Willi traute seinen Augen kaum: Statt des großen ovalen Tisches erblickte er einen kleinen rechteckigen Eßtisch, der an den Stirnseiten für zwei Personen gedeckt war. Nahe dem Fenstersims aus altrosa Marmor standen Beistelltische, darauf zierliche Körbe mit blauen und gelben Weintrauben, Orangen, glänzenden Äpfeln und Früchten, die Willi noch nie gesehen hatte. Willis Augen wanderten über raffiniert angerichtete Salate, Schalen mit schwarzen und grünen Oliven, Platten mit kunstvoll arrangierten Häppchen, rosigem Lachs und vielerlei Käsesorten. Von einem silbernen Tablett leuchtete rot ein mächtiger Hummer. Und überall waren Blumenarrangements, die die silberfarbenen Sektkühler schier zu überwuchern schienen. Aber Willi sah keine goldenen Hälse von Champagnerflaschen in den Kühlern.
"Ich hoffe, Sie trinken gern Retsina", erkundigte sich Frohner. "Der paßt wohl am besten zu griechischem Essen, finden Sie nicht auch?"
Es roch intensiv nach gebratenem Lamm, das mit frischem Rosmarin gewürzt war.
"Nehmen Sie doch Platz, Monsieur Lombard!" Willi setzte sich wortlos.
Wie hatte es Frohner nur fertiggebracht, fragte sich Willi, den Sitzungssaal so schnell in ein Restaurant zu verwandeln? Und was, zum Teufel, ist Retsina?
Aus der angrenzenden Küche schob ein griechischer Koch einen silbrig glänzenden Wagen an den Tisch. Der Duft nach Lamm verstärkte sich. Unter den großen Deckeln brutzelte es. Ein Ring aus Gasflämmchen hielt die Speisen warm.
Der Koch öffnete eine Flasche Retsina, schenkte ein, wartete, bis Frohner probiert hatte, und fragte: "Sind Sie zufrieden?"
"Ja, danke."
Der Koch wünschte "Kali orexi" und ging.
"Das heißt nichts anderes als Guten Appetit", sagte Frohner und prostete Willi zu. "Auf gute Zusammenarbeit, Monsieur Lombard!"
Willi war beeindruckt. Dieser Luxus war überwältigend. Er hatte so etwas wie Züricher Geschnetzeltes mit Rösti erwartet.
Frohner hob einen der beiden Deckel. "Greifen Sie zu, Monsieur Lombard!"
Es gab zarte Filets vom Lammrücken, dazu Backkartoffeln und Prinzeßbohnen, die in Speckstreifen gebündelt waren.
"Sie mögen doch Lamm?" fragte Frohner. Willi mußte sich zusammennehmen.
"Ehrlich gesagt", Willi bemühte sich um Lässigkeit, "das habe ich nicht erwartet." Einen Augenblick lang wußte er nicht weiter. "Also, ich meine, Sie werden verstehen, Dr. Frohner ... Nach der langen Autofahrt hätte ich mich doch gern etwas frisch gemacht, um das alles richtig zu genießen ..."
"Über den Flur, die zweite Tür rechts", sagte Frohner.
Auf der Toilette hielt Willi das Gesicht tief ins Waschbecken, direkt in den kalten Wasserstrahl. Was hatte dieser Frohner mit ihm vor? War das üblich, jeden Bankkunden derart zu bewirten? Jeden sicher nicht, nur die mit einer gewissen Bonität. Und zu denen zählte er ja jetzt mit seinen eingezahlten Millionen. Egal, dachte er, ich werde das genießen. Nur der Wein schmeckt so eigenartig, herb und irgendwie nach Harz.
Er ging zurück. Sie stießen noch einmal an, und Frohner tat seinem Gast auf.
Willi hielt sein Glas gegen das Licht und entdeckte auf dem Grund winzige Krümel.
"Ja, das ist normal", sagte Frohner. "Die Weinsäure kristallisiert und fällt aus. Wenn Sie das Glas ein wenig schwenken, löst sich das auf."
Willi hielt das Weinglas wie einen Cognacschwenker und blickte verstohlen auf Frohners Glas. Doch auch bei ihm gab es diese Krümel.
"Ihr Kino in Martigny ist renoviert worden?" fragte Frohner. "Herzlichen Glückwunsch."
"Ja, der Umbau war fällig", sagte Willi und überlegte, woher Frohner das wußte. "Die Projektoren waren hinüber, die Sitze mußten erneuert werden. Und wenn man schon einmal dabei ist, verteilt man auch gleich ein paar Eimer Farbe an den Wänden. Mein Kompliment, Herr Frohner, es schmeckt ausgezeichnet."
"Das freut mich. Auf wie viele Jahre haben Sie die Investition umgelegt?"
"Das wird sich zeigen", antwortete Willi hinhaltend. Aus dem Stegreif wußte er nicht so schnell, was es bedeutete, eine Investition umzulegen.
"Wenn Sie Ihre nächste DEFA-Filmwoche veranstalten, müssen Sie mich unbedingt informieren", bat Frohner. Willi versprach es.
Lag es an dem ungewohnten Griechenwein, oder warum fühlte sich Willi auf einmal so schläfrig?
"Sagen Sie, Monsieur Lombard", hörte Willi aus der Ferne, "die Narbe an Ihrem Kopf, stammt sie von dem Unfall?"
"Welche Narbe?" Willi faßte sich an seine Stirn, konnte aber keine Narbe ausmachen. Warum klang Frohners Stimme so weit weg, er saß doch vor ihm?
"Ach so, ja, ist gut verheilt", murmelte er.
"Es tut mir aufrichtig leid um Ihre Eltern", sagte Frohner.
Wieso? Herbert und Lucie erfreuten sich doch bester Gesundheit! Nein, ich bin Pierre Lombard! Ich bin Pierre Lombard! Meine Eltern sind bei diesem Unfall ums Leben gekommen ...
"Es war nicht leicht für mich", sagte er.
"Was für ein Auto fuhren denn Ihre Eltern?" fragte Frohner.
Willi versuchte sich an das Protokoll der Polizei zu erinnern. Es gelang ihm nicht, er mußte sich etwas ausdenken. "Einen Wolga hatten sie."
"Aber das ist doch ein stabiles Fahrzeug."
"Nicht, wenn einem ein Tatra, also ein Laster entgegenkommt, das sind ein paar Tonnen purer Stahl."
Willi hörte seine Stimme ganz deutlich. Er lallte nicht, aber das Denken fiel ihm schwer. "Pierre Lombard ist dann ohnmächtig geworden und weiß nichts mehr", sagte Willi.
"Sie müssen ja jetzt die Geschäfte Ihres Vaters weiterführen", vernahm er. Sein Gegenüber verschwamm vor den Augen. Vage erinnerte er sich an das letzte Geschäft des alten Lombard: Ein Schweizer Arzneimittelhersteller belieferte die Sowjetunion mit Kontrastmitteln, die das Moskauer Herzzentrum dringend benötigte, aber nicht bezahlen konnte. Ostberlin sprang ein und stellte Maschinen und optische Geräte von Carl Zeiss Jena zur Verfügung, die nach Frankreich verkauft wurden. Frankreich zahlte jedoch nicht an die DDR, sondern an den Schweizer Arzneimittelhersteller. Die Summe, die die Sowjetunion an die DDR zu zahlen hatte, wurde auf einem Verrechnungskonto gutgeschrieben.
Willis Kopf schmerzte. "Ich habe von den Geschäften meines Vaters nie viel verstanden", sagte er. "Mir fehlt einfach der Überblick, was international an Gegenwerten für Lieferungen in die RGW-Staaten gefragt ist."
"Wo wurden Sie geboren?"
Willi wußte nicht, ob er Biesenthal oder Martigny geantwortet hatte.
Ich bin für diesen Einsatz vielleicht nicht perfekt genug geschult worden, dachte er. Ich hätte besser eine Spezialschule für Agenten im besonderen Einsatz besuchen sollen.
"War denn Ihr Vater mit den Geschäften, die er in der DDR machte, zufrieden?"
Willi verfluchte seinen Leichtsinn, die Einladung zum Essen angenommen zu haben.
"Warum hat Ihr Vater nicht in Martigny investiert?"
Frohner schenkte wieder Wein ein. "Oder möchten Sie lieber einen Raki? Ich habe echten griechischen Raki hier."
Willi trank den Raki und schüttelte sich. "Ich wollte eigentlich Tischler werden", erzählte Willi auf einmal. "Holz hat mich seit meiner frühesten Kindheit fasziniert. Ich sehe, daß die Tische hier mit Bienenwachs abgerieben sind ... Und die Pyramide im Foyer gefällt mir auch, weil sie aus Holz ist. Holz ist etwas Gewachsenes, Lebendiges ..."
"Und dieser Traum ist nun ausgeträumt für Sie", schlußfolgerte Frohner. "Es tut mir leid."
"Ich kann nicht in die Fußstapfen meines Vaters ... Ich habe an Landwirtschaft kein Interesse ... Herbert würde mich auch nicht haben wollen auf seinem Hof ... "
"Ihr Vater war Spanienkämpfer, wenn ich mich recht entsinne."
"Herbert wollte fünfunddreißig auch nach Spanien gehen, aber dann ist er im Krieg nach Workuta gekommen. Nein, ich bin Pierre Lombard. Mein Vater ist in die DDR gegangen, weil er in Spanien gekämpft hat, politisch, Sie wissen ja."
"Eine politische Flucht?"
"Er ist nicht der einzige. Charlie Chaplin lebt ja auch in der Schweiz ..."
Willi erwachte am nächsten Morgen mit schwerem Kopf. Zuerst wußte er nicht, wo er war, doch dann erkannte er das Zimmer im "Splendid". Auf dem Nachttisch neben dem Bett lagen zwei Kontoauszüge.
Langsam kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück. Willi wußte nicht, wie er in das Hotelzimmer gekommen war.
 
Willi hatte von Anfang an eine unangenehme Ahnung, als er einen Monat nach dem Essen mit Frohner morgens die Bank betrat. Von allen wähnte er sich beobachtet. Er wußte nicht mehr, wie der Nachmittag geendet hatte. Kronbecher gegenüber hatte er seine Entgleisung verschwiegen. Doch Kronbecher kannte den Bericht. Ein Bankangestellter und ein Taxifahrer hatten Willi zurück zum "Splendid" gebracht. Dort hatten sie angegeben, daß es Pierre Lombard übel geworden wäre. Kronbecher fluchte und gab Hugosch die Schuld.
Frohner bat Willi in sein Büro und schloß die Tür. Willi musterte ihn. Ihm fiel keine Veränderung in seinem Verhalten auf. Vielleicht wirkte der Bankdirektor etwas distanzierter. Aber Willi konnte sich auch täuschen.
"Nun, Monsieur Lombard, was darf ich für Sie tun?" fragte Frohner.
Langsam legte Willi den Koffer auf den Tisch. Darin waren drei Komma vier Millionen DM. Willi brauchte Zeit zum Nachdenken, mußte Frohner beobachten und herausbekommen, was er über ihn oder Lombard wußte. Frohners Mimik verriet nichts.
Zwei Bankangestellte zählten das Geld, Frohner schrieb die Quittung aus, Willi verlangte den Kontoauszug.
"Der Auszug wird erstellt", sagte Frohner, als sie allein waren. "Sie kennen ja die Prozedur, Herr Meerbusch."
Willi schluckte, wurde rot, sein Puls raste, die Kehle war trocken, wie zugeschnürt. Sein erster Gedanke galt Kronbecher, wie der wohl reagieren würde, wenn er das erführe. Dann dachte er an die Lektionen bei Sauer, daß ein Agent niemals und unter keinen Umständen seine wahre Identität preisgeben dürfe. Er erinnerte sich an Sauers Tod. Er sah den verletzten Pierre Lombard im Krankenbett, dachte an die zahllosen Nächte, in denen er dessen Lebenslauf auswendig gelernt hatte, Schwyzerdütsch und französische Vokabeln pauken mußte. Sollte das alles umsonst gewesen sein?
"Mein Name ist Wilhelm Kurt Dieter Paul Otto Meerbusch. Ohne Bindestriche", sagte er mit fester Stimme. "Ich bin Staatsbürger der DDR."
Frohner nickte, als hätte Willi über das Wetter geredet. Das verwirrte Willi noch mehr.
"Für Ihre Aufrichtigkeit bin ich Ihnen dankbar, Herr Meerbusch", Frohners verbindlicher Plauderton war Willi unangenehm. "Wissen Sie, im Grunde ist es mir egal, wer Sie sind. Ich will mit Ihnen Geschäfte machen. Für wen Sie arbeiten oder wer Ihre Auftraggeber sind, interessiert mich nicht. Aber ich fühle mich einfach wohler, wenn ich weiß, wer mir gegenüber sitzt."
"Das verstehe ich", preßte Willi hervor.
Frohner erhob sich und holte Cognac und Gläser zum Tisch. "Da ich nun weiß, wer Sie wirklich sind, lassen Sie uns anstoßen auf unsere Bekanntschaft."
An diesem Tag unterbreitete Frohner ihm den Vorschlag, auf den Namen Lombard noch ein Privatkonto zu eröffnen. Er sprach davon, das offizielle Konto zu beleihen, um eigene Geschäfte machen zu können. Willi fühlte sich seiner Enttarnung wegen so in die Ecke gedrängt, daß er nicht zu widersprechen wagte. Aber Frohners Pläne mit dem Anderkonto klangen vielversprechend. Willi unterschrieb an diesem Vormittag alle nötigen Formulare und Vollmachten für Frohner.
"Ich glaube", sagte Frohner mit erhobenem Glas, "dies ist der Beginn einer wundervollen Geschäftsbeziehung."

11. Kapitel