Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
9. KAPITEL
Lisa mit Bo auf dem Sozialamt
258 Tage deutscher Einheit
Auf der Treppe kamen Lisa drei Männer entgegen; zwei von ihnen trugen
den Fernseher von Bo hinunter. Lisa erkannte ihn am goldenen Herz auf dem
Gehäuse, das sie mit Nagellack aufgemalt hatte.
"Ist dein Fernseher kaputt?" fragte sie, als sie die Wohnung
betrat.
Bo ging in die Küche. "Was?" fragte er, als hätte er
nicht verstanden.
"Na, da ist eben dein Fernseher abgeholt worden", erregte sie
sich. Bo holte die Gläser aus der Spülmaschine. Sie klirrten leise in
seiner Hand. "Na und?" gab er unwirsch zurück.
"Ich will ja nur wissen, ob das Ding kaputt ist", sagte sie
pikiert und stellte die Einkaufstüten ab.
"Kann ja mal passieren", nuschelte er. "Das ist nicht
ungewöhnlich."
"Schade." Sie legte zwei Flaschen Sekt aus dem Kairoer Duty free
ins Tiefkühlfach.
"Mußt du immer Sekt trinken?" Sein Blick verriet Unmut.
Lisa bohrte: "Die Leute sahen aber nicht wie Fernsehmonteure aus, eher
wie Postbeamte oder so."
Er stockte in seiner Bewegung, strich sich durchs Haar. "Hast du Lust
auf Wein?"
Er wich ihrem Blick aus. Das ärgerte sie.
Er stellte eine Flasche Chianti auf die graue Marmorplatte und prüfte
im Gegenlicht den Glanz der Rotweingläser.
"Was ist denn nun mit dem Fernseher?" Lisa setzte sich an den
Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. Bo stellte ihr den
Aschenbecher hin. Er las sich das Etikett der Flasche gründlich durch. Mit
leisem Blob zog er den Korken heraus und roch daran.
Lisa wollte Klarheit. Wenn mit dem Fernseher alles in Ordnung war, was hatte
er dann? Wieder ein verlorener Fotoauftrag?
"Ich habe ein kleines Problem", sagte er mit belegter Stimme. Er
räusperte sich. Er hatte etwas Hilfloses an sich. Aus dem
draufgängerischen, cleveren Pressefotografen war ein kleiner Junge
geworden, der anlehnungsbedürftig war. Lisa hätte ihn gern in die
Arme geschlossen.
"Also mit dem Fernseher", begann er, "der ist
gepfändet."
"Wie gepfändet?"
Lisa bekam eine Gänsehaut. Pfandhaus, Gerichtsvollzieher, Anklage,
Prozeß. Das klang nach Kriminalität! Stocksteif saß sie auf
dem harten Stuhl. Sie wollte eigentlich gar nicht wissen, was es bedeutete.
Offen gestanden wollte sie mit Bo den Sekt trinken und dabei ausgiebig
rüpeln. Die Ereignisse in Kairo wollte sie in einem Sektrausch vergessen.
Sie wollte sich selbst fallen lassen. Doch die Lust dazu schwand mit jeder
Minute, seit sie die Wohnung betreten hatte.
Bo schwenkte langsam den Wein im Glas, hielt es gegen das Licht, sog die
Luft über dem Glas tief ein und kostete schließlich. Gemächlich
ließ er den Wein in seinem Mund umherwandern. Erst danach schenkte er
Lisa ein.
"Das Problem ist", begann er und richtete seinen Blick wieder in
das Glas, als liege dort die Lösung, "meine Hausratversicherung hat
mir vor einiger Zeit eine Zahlungsaufforderung geschickt, weil die fällige
Prämie von meinem Konto mangels Deckung nicht abgebucht werden konnte,
dann kam eine zweite Mahnung, dann eine dritte, dann die Pfändung."
Bo holte Luft und trank Wein. Lisa sah ihn fassungslos an und fragte:
"Und das trifft alles zu?"
Bo bejahte kleinlaut. In seiner Verzweiflung fand sie ihn begehrenswert.
Die Telefonrechnungen für das normale Telefon und sein Handy seien auch
überfällig, meinte er. Aber er müsse die beiden Nummern
unbedingt erhalten. Es ruft nur niemand diese Nummern an, dachte Lisa bitter.
Für sie war es ein Schock, daß es Bo dermaßen schlecht ging.
Sie hätte nie gedacht, daß das einem Westmenschen wie Bo passieren
könnte.
"Du hast doch noch Aufträge?" erkundigte sie sich.
"Nein, nicht mehr", gestand er. "Bis dieser Gildemeister kam,
ging alles gut. Das war im letzten Winter. Und jetzt bin ich ganz
gekündigt. Angebot und Nachfrage, so einfach ist das."
"Im letzten Winter?" Lisa sagte das mehr zu sich. Bos
Schwierigkeiten waren also schon da, als sie noch mit ihm zusammen war.
"Wovon hast du gelebt?" fragte Lisa.
"Ich habe meinen Dispo erhöht. Zum Glück hat die Bank
mitgespielt. Aber die Wohnung ist teuer. Ich habe bei einigen Aufträgen
zugezahlt, um überhaupt im Gespräch zu bleiben."
"Hast du nie daran gedacht umzuziehen?"
"Wie denn?" fuhr er auf. "Ich brauche diese Wohnung, wegen
der Dunkelkammer. Hier kann ich auch mal Leute empfangen, verstehst du."
"Wenn du sie dir aber nicht leisten kannst?"
"Hast du eine Ahnung, was so ein Umzug kostet? Ich muß es
irgendwie hinkriegen, und bis jetzt ging ja auch alles gut. Zur Not verkaufe
ich die große Kamera auch noch. Menschenskind, irgendwann muß doch
so eine Pechsträhne vorüber sein!" Er schneuzte sich.
"Ich bin völlig am Ende", gestand er. "Alle drücken
sie. Die Bank hat inzwischen gecheckt, daß keine regelmäßigen
Zahlungen mehr kommen, und hat den Dispo gekündigt. Die Redaktion will die
Reisekostenvorschüsse abgerechnet haben, die ich längst aufgebraucht
habe. Ich habe mir auch von einem Kumpel etwas geborgt. Ich kann nichts tun.
Ich brauche Aufträge, allein, um meine laufenden Kosten zu decken."
"Kannst du diese komische Versicherung nicht kündigen?"
fragte sie.
"Eben das ist das Problem! Ich habe die Versicherung auf zehn Jahre
abgeschlossen."
Lisa stand auf, lief ein paar Schritte und sagte aufgebracht: "Warum
hast du so einen Vertrag unterschrieben, aus dem du nicht herauskommst? Das ist
ja wie im Osten, wo sich die Leute falsch beraten lassen. Du als Westmensch
müßtest dich doch auskennen."
"Das war ein maschinell erstellter Vertrag. Ich hatte das Labor
eingerichtet, die Kameras zu Hause, die Möbel. Ich war einfach ruhiger in
dem Wissen, daß das alles versichert ist. Man muß eine Versicherung
haben."
Lisa kamen die Werbesprüche in den Sinn: Reden Sie mit uns, eine
speziell auf Ihre Bedürfnisse abgestimmte Versicherungspolice, gemeinsam
handeln, wir regeln das schon ...
"Und jetzt hat die Versicherung den Fernseher mitgenommen, den sie vor
Verlust versichert hat. Ist das nicht unlogisch?" fragte sie.
"Ich bin ein Versager", sagte er leise.
"Quatsch", widersprach sie. "Das ist doch nicht deine Schuld,
daß du keine Aufträge hast. Du bist nicht faul, nicht doof, nicht zu
teuer. Im Gegenteil, du hast deine Fotos immer pünktlich und in guter
Qualität abgeliefert."
Am nächsten Morgen fuhr Lisa mit der U-Bahn zum Zeitungsbüro, wo
sie ihre Heiratsannonce aufgegeben hatte.
"Endlich kommen Sie", sagte die Kundenberaterin. "Ihr Fach
quillt schon über!" Sie reichte Lisa einen Packen Briefe, der gerade
noch in eine Einkaufstüte paßte. Aufgeregt wie ein kleines Kind vor
der Weihnachtsbescherung fuhr Lisa nach Hause. Vielleicht ist doch ein Typ
für mich dabei, dachte sie.
In ihrem Wohnzimmer schüttete sie die Tüte aus. Dann öffnete
sie eine Flasche Bier, setzte sich auf die Erde und sortierte die Briefe nach
Stadtteilen. Die meisten Briefe kamen aus dem Osten Berlins, viele davon aus
den Neubaugebieten Hohenschönhausen und Marzahn.
Sie dachte an Stephanos, den sie im März in ihrem griechischen Dorf
getroffen hatte, sie dachte daran, wie sie die Westmieze gespielt hatte, sie
dachte daran, wie sehr sie sich seitdem verändert hatte.
Sie öffnete den ersten Brief von einem Holger aus Lichtenberg:
"Werte Unbekannte! Nach langem Zaudern habe ich mich heute doch
entschlossen, Ihnen zu schreiben, um vielleicht, wenn Sie möchten, Ihre
Bekanntschaft zu machen. Vor achtundzwanzig Jahren wurde ich im Erzgebirge
geboren. Dort habe ich im Winter immer einen schönen Urlaubsplatz bei
meinen Eltern ..." Lisa legte den Brief weg. Sie wollte einen Mann
heiraten und nicht die Schwiegereltern. Sie trank einen großen Schluck
aus der Flasche.
Ein Olaf aus Berlin-Mitte schrieb: "Hallo, junge Frau! Ich habe Deine
Anzeige gelesen und möchte Dir gleich schreiben. Wer zuerst kommt, mahlt
zuerst. Zunächst möchte ich mich vorstellen. Ich bin so alt wie Du
und als Eisenbahner tätig. Mein Beruf ist mir gleichzeitig Hobby ..."
Eisenbahner sind ständig unterwegs, dachte sie und legte
kopfschüttelnd den Brief beiseite.
Sie griff den nächsten. Ein Paßbild fiel heraus, auf dem ein
Frank mit halblangem lockigem Haar verträumt lächelte. Lisa holte
eine Lupe, um das Gesicht nach Pickeln abzusuchen. Frank hatte nur eine Narbe
am Kinn und eine Knollennase. Er schrieb: "Hallo, Unbekannte! Warum ich
antworte, dürfte klar sein, will nicht länger allein leben. Bin also
1,78 groß. Bin Nichtraucher und fast Nichttrinker. Bin von Beruf
Elektriker. Mache also alles, was mit Strom zu tun hat. Ich spiele gern
Fußball und Tischtennis. Mehr fällt mir im Moment nicht ein
..."
"Mir auch nicht", sagte Lisa. "Ich hätte statt Bier
lieber Schnaps trinken sollen."
Der nächste hieß Steffen und war Maurer und wohnte in
Köpenick. "... Zum Alkohol habe ich kein sehr gutes Verhältnis.
Ansonsten bin ich für klare Fronten und sehr ehrlich ..." Steffens
Schrift erinnerte Lisa an ihre Zeit als Lehrerin; er schrieb krakelig und
ungleichmäßig wie ein Schulanfänger, nichts Eigenes prägte
die Schrift. Mit seinem Oberlippenbärtchen sah er ein wenig griechisch
aus. Doch Lisa legte den Brief zu den anderen. Dieser Stapel war die Rubrik:
"Luschen". Luschen waren für sie Männer, die nur an sich
dachten und von der Frau, die sie sich wünschten, keine Vorstellung
hatten. Sie machten keine Angaben darüber, welche Position die Partnerin
in ihrem Leben einnehmen sollte.
Detlefs Brief fand sie schon origineller: "Ich. 1,89 / 32, dkl.,
schlk., viels. int., bin neugierig auf Dich. Wünsche mir romant. Std. m.
Dir b. Kerzensch. und Zärtl. im Mondl. Neugierig auf mich? Dann ruf mich
an!"
Endlich mal ein Typ, der wenigstens angerufen werden wollte.
Lisa schaltete das Funktelefon ein und wählte Detlefs Nummer. Sie
betrachtete sein Foto. Er wirkte väterlich, hatte buschige Augenbrauen und
einen Schnauzbart. Etwas längere Haare, dachte Lisa, und der Mann
wäre ganz passabel.
"Ja, hallo", meldete sich eine Frauenstimme.
Lisa hätte das Telefon beinahe fallengelassen.
"Hallo!" rief die Frauenstimme wieder. "Ich kann Sie nicht
verstehen. Rufen Sie doch noch einmal an, bitte!"
"Ich möchte Detlef sprechen", preßte Lisa beim zweiten
Versuch hervor.
"Wer ist denn dran?" fragte die Frau.
Lisa antwortete: "Detlef weiß schon Bescheid, er wartet auf
meinen Anruf."
"Okay, einen Moment." Lisa hörte, wie das Telefon auf den
Tisch gelegt wurde und die Frau Detlefs Namen rief. Kurz darauf meldete sich
eine kräftige Männerstimme.
"Kramer, ja bitte?"
"Hallo, Detlef", sagte Lisa. "Ich sollte dich anrufen, wenn
ich interessiert bin."
"Ach so, ja", er hatte begriffen. "Du hast also meinen Brief
bekommen."
"Offensichtlich."
"Haben sich denn viele gemeldet auf deine Anzeige?" fragte er.
"Ist das so wichtig?" fragte sie zurück.
"Es ist ein Unterschied, ob sich hundert melden, oder ob ich der
einzige bin", er lachte.
"Wer war die Frau eben?" fragte Lisa.
"Meine Schwester", sagte er.
Lisa wurde skeptisch. "Bist du sicher, daß das nicht deine
Cousine war?" Detlef schwieg.
Lisa ärgerte sich. Der ist wohl ein Familienvater, der Abwechslung
sucht. Sie legte auf. Lisa betrachtete noch einmal das Bild und suchte
Anhaltspunkte für ihre These. Nein, interessant wirkte er nicht. Er hatte
vielmehr einen autoritären Zug um den Mund, fand sie.
Es war kein Kandidat dabei, der ihr auf Anhieb gefiel. Von Brief zu Brief
schwanden die Illusionen. Die Natur machte es sich da einfacher; sie hatte es
so eingerichtet, daß sich zwei Menschen begegneten und auf der Stelle
ineinander verliebten. Oder auch nicht, dachte Lisa.
Ein Götz hatte auf dem Briefbogen seiner Rechtsanwaltskanzlei
geschrieben und ein Ganzkörperfoto dazugelegt. Es zeigte ihn vor dem
Neptunbrunnen. Gegen die wassergießenden kupfernen Frauen am Brunnenrand
nahm er sich ausgesprochen schmächtig aus. Mit der Lupe glaubte Lisa zu
erkennen, daß er eine sehr starke Brille trug.
Dann begann sie die Zuschriften aus Westberlin zu öffnen.
"Sehr geehrte Dame", hatte Bernd aus Schöneberg seinen
Computer schreiben lassen. Lisa wollte den Brief weglegen, weil sie vermutete,
daß Bernd serienmäßig Antwortbriefe auf Annoncen aus dem
Computer ließ, doch ihr Blick fiel auf das Wort Sex.
"Sex bedeutet mir viel, gehört er doch zum Leben. Ich glaube,
phantasievoll genug zu sein, um Dich von Zeit zu Zeit zu überraschen. Es
muß nicht immer nachts bei Kerzenschein sein, sondern auch morgens bei
geöffnetem Fenster, wenn die Vögel zwitschern, kann Sex sehr
schön sein ..."
Lisa stöhnte. Doch sie legte den Brief auf den Stapel
"eventuell".
Sie begriff, daß sie ihre Ansprüche nicht länger so hoch
schrauben konnte und zwangsläufig Kompromisse eingehen mußte. Sie
dachte über ihren Anspruch nach. Was wollte sie von einem Mann? Wollte sie
nur Sex oder einen Partner? Wenn sie künftig Kinder haben wollte,
mußte sie bei den Kandidaten auf Schönheit achten. Oder bevorzugte
sie einen bestimmten gesellschaftlichen Status oder Bildungsgrad?
Keiner der Männer, die ihr geantwortet hatten, vereinigte mehr als
eines dieser Merkmale auf sich.
Nachmittags begleitete sie Bo zum Billigmarkt an der Ecke. Der Einkauf
verlor sich in dem großen Wagen: Abgepacktes Brot für neunundneunzig
Pfennig, fünf Möhren, ein Sonderangebot von einem halben Pfund
Rinderhack, dessen Verfallsdatum an diesem Tage ablief.
"Laß mich raten, was es heute gibt", sagte Lisa. "Es
gibt dasselbe wie gestern. Und was gab es gestern? Dasselbe wie vorgestern. Und
das ist dasselbe, was es morgen geben wird."
"Du mußt zugeben, Lisa, daß damit immerhin eine
Mindestversorgung gewährleistet ist, schließlich gibt es bei mir
jeden Tag Fleisch, Kartoffeln und Gemüse."
"Ja, du gibst dir wahrlich alle Mühe. Mal sind die Möhren
gewürfelt, mal in Streifen geschnitten, mal in Scheiben. Genau wie das
Kartoffelmus, mal dicker, mal dünner. Von deiner Kreativität bei den
Buletten ganz zu schweigen. Letzte Woche glaubte ich, deine Buletten stammten
vom Bäcker. Ach, ich liebe Abwechslung. Wie wäre es denn einmal mit
falschem Hasen?"
"Jetzt hör aber auf!" Bo war wütend. "Mehr kann ich
mir nicht leisten."
Lisa bedauerte ihren Angriff. Sie lehnte versöhnlich den Kopf an seine
Schulter. Er wies sie ab.
Zu Hause angekommen, mahnte Bo: "Laß das Wasser nicht stundenlang
laufen." Lisa füllte den Kessel und erklärte: "Ich
möchte nicht das abgestandene Wasser aus der Leitung trinken."
"Das wird zu teuer", behauptete er.
Sie verdrehte die Augen und sagte: "Diese null Komma null null null
zwei Pfennig schenke ich dir, und dafür bekomme ich dann keine Pickel. Das
ist billiger als Apotheke."
Am Abend verlangte Bo, daß Lisa endlich ins Bett kommen sollte. Er
wollte nicht länger über sein Elend nachdenken.
Zögernd betrat sie das Schlafzimmer. Jetzt war es wieder soweit: Nach
dem Spätfilm im kleinen Schwarzweißfernseher Sex, der ablief wie ein
Ritual. Bo schlief mit ihr wie nebenbei. Beischlaf eben. Und das war
langweilig.
"Hast du was?" fragte er. Lisa lag steif wie eine Puppe.
"Entspann dich", sagte er sanft und streichelte Brüste,
Bauch, Schenkel, kreiste den Schoß langsam ein.
Sie brauchte Sex wie die Luft zum Atmen. Doch bei Bo kam sie sich dabei vor
wie eine Gattin im zwanzigsten Ehejahr. Sie kannte jede seiner Gesten, und sie
wußte, was als nächste Stimulation auf dem Plan stand. Bo war im
Bett nicht mehr sonderlich einfallsreich. Aber sie konnte die
Zärtlichkeiten allabendlich nach dem Spätfilm abrufen. War das ein
Zeichen von Vertrautheit?
Lisa schaute zur Decke. Was wollte sie eigentlich? Sie wollte Sex, und den
bekam sie von ihm. Regelmäßig und ohne viel Schmus. Ein Orgasmus bei
ihm war wie eine Vitamintablette, die man halt fürs Wohlbefinden schluckt,
aber ohne besonderen Genuß. In seiner finanziellen Not hatte sie ihn
für sich allein, denn jetzt konnte er sich keine Freundin nebenbei
leisten. Und Bo war immer noch besser als die Männer, die auf die Annonce
geantwortet hatten.
Sie hatte keine Lust auf einen Orgasmus, sie wünschte, daß er
schnell fertig werden würde.
Lisa konnte ihm nichts von sich erzählen. Die Kairoreise hatte sie
verschwiegen. Aber sie hatte es satt, ständig mit einem schlechten
Gewissen und mit der Angst zu leben, daß Bo mit in ihre Situation
hineingezogen werden würde und in Gefahr geriete. Sie kam sich vor wie
eine Falschspielerin. Sie haßte diese ewigen Lügen. Aber Bo hatte
sie letztes Jahr auch betrogen. Mit Bärbel, der parfümierten
Westfrau.
Wir benutzen uns gegenseitig, dachte sie und kam sich schäbig vor. Sie
sehnte sich nach Geborgenheit bei einem richtigen Partner. Bo war einer, der
sich nur an sie klammerte. Seine Wohnung wurde ihr zu eng. Sie bekam keine Luft
mehr, hielt den Atem an. Sie schloß die Augen, krallte die Finger ins
Laken. Und dann wurde ihr ganz leicht, ihr Leib dehnte sich nach allen Seiten,
sie spürte, wie Bo von ihr Besitz ergriff.
Lisa hatte schlecht geschlafen. Lustlos kaute sie an ihrem
Frühstücksknäckebrot. Bo starrte in seine Kaffeetasse und wich
ihrem Blick aus. Sie überlegte, wie sie ihm am besten helfen könnte.
Von ihrer Erbschaft, wenn es denn so viel werden würde, könnte sie
ihm ja etwas abgeben. Doch er würde nichts von ihr annehmen. Und
Erklärungen würden nur seine journalistische Neugier wecken. Lange
konnte sie diese Situation nicht mehr ertragen, das wußte sie. Aber sie
käme sich auch schäbig vor, wenn sie diese Beziehung ohne triftigen
Grund so einfach auflöste.
"Was brichst du dir denn ab, wenn du zum Sozialamt gehst?" fragte
Lisa. Verstohlen beobachtete sie seine Reaktion.
"Ich geh' da nicht hin! Ein für allemal nicht!" Bo war
trotzig wie ein kleines Kind. "Einen einzigen Auftrag brauche ich, nur
einen. Dann wäre ich aus dem Schneider."
"Ich habe mich erkundigt", sagte Lisa. "Du hast gesetzlichen
Anspruch darauf. Du gehst da nicht als Bittsteller hin, du willst lediglich
eine Überbrückung, bis dein Arbeitslosengeld eintrifft."
"Das hat alles keinen Sinn", beharrte Bo. "Sozialamt ist das
Ende. Wenn mich da einer sieht!"
Lisa schlug mit der Faust auf den Küchentisch. "Wer soll dich da
sehen? Du mit deinem beschissenen Stolz! Ihr Westmenschen schmeißt doch
sonst kein Geld weg."
"Was heißt denn hier beschissener Stolz?" gab er wütend
zurück. "Ich habe eine Schamgrenze, falls dir das als Ossi was sagt.
Ich will mir nicht in die Unterhosen gucken lassen, und nichts anderes machen
die da! Ihr habt euch ja vierzig Jahre lang in die Unterhosen gucken lassen,
ihr findet das anscheinend normal. Aber bei mir gibt es Grenzen!"
Bo machte eine verzweifelte Geste. "Ich weiß ja nicht einmal, wo
das Sozialamt ist."
Lisa prustete los. Sie holte das Telefonbuch und suchte die Nummer des
Rathauses heraus. "Erkundige dich!"
Das Sozialamt war in einem Eckgebäude untergebracht, ein Haus im Stil
der Fünfziger, glatt, unpersönlich, abweisend. Bo trat an das Fenster
der Anmeldung und mußte sich bücken, um mit der Frau dahinter zu
reden. Er ärgerte sich, einen Diener machen zu müssen. "Ich bin
das erste Mal hier. Wo muß ich denn hin?"
"Wie ist denn Ihr Name?" gab die Dame zurück.
"Mannhardt", antwortete Bo leise.
Sie gab ihm die Wartenummer sieben. "Hier links herum, warten Sie
bitte, Sie werden aufgerufen, Frau Werner, Zimmer neunzehn." Bo bedankte
sich.
In einem zwanzig Meter langen Gang standen an beiden Seiten abgewetzte
Stühle. Bis auf drei waren alle Plätze besetzt.
Kinder tobten herum, schoben ihre Buggys zwischen den Wartenden umher oder
spielten mit ratternden Autos. Die Wartenden lasen Zeitung, einige schienen
sich schon länger zu kennen und unterhielten sich. Ein älterer,
ziemlich heruntergekommener Mann war eingenickt. Ein Hund mit einem Halsband
schnüffelte an einer Coladose, die unter der Bank stand. Eine Türkin
versuchte ihrer Tochter das Häkeln beizubringen. Ein weißhaariger
dürrer Mann in Jeans sortierte seine Unterlagen. Bo stieß beinahe
mit einem älteren Herrn in einer blauen Arbeitskombination zusammen, der
eilig den Gang entlangkam. Er entschuldigte sich. Der Mann nahm keine Notiz
davon. Neonröhren beleuchteten den Gang und machten die Gesichter der
Wartenden noch blasser.
"Hier bleibe ich keine Viertelstunde", meinte Bo. "Eine Luft
ist das hier!"
Geduldig wie die Mütter, die ihre Kinder zu beschäftigen suchten,
beruhigte Lisa ihn: "Die anderen schaffen es auch."
"Die sehen alle ganz normal aus", fand Bo.
"Wie sollen die denn sonst aussehen?" gab Lisa zurück.
"Die Hälfte der Leute sind wie du ohne Schuld verarmt."
"Hm", machte er. Manchmal konnte Lisa schrecklich altklug sein.
"Danke, daß du mitgekommen bist", sagte er unvermittelt.
Statt der abgewetzten Jeans hätte er doch lieber die weißen Hosen
anziehen sollen, genau solche, wie sie der junge Mann mit der klobigen
Armbanduhr trug. So arm wie die anderen sah er doch noch nicht aus. Noch
benutzte er sein kostspieliges Rasierwasser, noch wohnte er in seiner
großen Wohnung, noch konnte er das Nötigste zum Leben einkaufen,
noch hatte der Gerichtsvollzieher die Kameras nicht entdeckt.
Mitarbeiterinnen vom Amt liefen den Gang entlang.
"Arbeitet der Typ eigentlich?" fragte Bo. "Der läuft
doch bloß herum!"
Lisa hob die Schultern. Wartende wurden in verschiedene Zimmer gerufen.
"Das scheint ja ganz flott zu gehen", sagte Bo ermutigt.
Ein junger Mann kam aus dem Zimmer neunzehn. Durch die offene Tür sah
Bo Akten in einem Schrank hängen. "Die Sechs für Zimmer
neunzehn, bitte!"
"Ja, ich komme", rief eine Frau vom anderen Ende des Ganges. Sie
klemmte ihr Kind unter den Arm, und mit der freien Hand steuerte sie den Buggy
an den auf dem Boden spielenden Kindern vorbei.
"Der nächste bin ich", frohlockte Bo. "Dann ist der Tag
nicht völlig verloren."
Die Mutter mit dem Kind kam nach einer Minute wieder heraus. Bo holte
vorbereitend seine Papiere aus der Tasche. Eine füllige Frau in
schwarzweiß gestreifter Bluse verließ Zimmer neunzehn mit einer
Akte in der Hand. Ihr folgte ein junger Mann, der das Zimmer hinter sich
abschloß.
"Gerade jetzt müssen die Pause machen." Bo grollte.
"Möchtest du was lesen?" fragte Lisa. Bo lehnte ab.
Aus Zimmer einundzwanzig trat eine ältere Frau. Ihre vollen Wangen
waren gerötet, sie lachte über das ganze Gesicht. Um Schultern und
Hüfte hatte sie bunte Fransentücher geschlungen. Sie trug einen Korb,
in dem ein braunweißschwarz geflecktes Meerschweinchen grüne
Blätter mümmelte. Ein Kind rannte auf die Frau zu und wollte das
Meerschweinchen streicheln. Doch die Frau hielt das Kind davon ab: "Mucki
beißt!" Sie schritt an den Wartenden vorbei zum Ausgang.
Die Frau in der schwarzweiß gestreiften Bluse kam den Gang mit einem
Armvoll Akten zurück, wie im Schlepptau trottete der junge Mann hinter ihr
her. Der Fußboden schwang bei jedem ihrer schweren Schritte. Sie bat
einen alten Mann zu sich herein. Seine Frau reichte ihm den Gehstock.
Aus Zimmer einundzwanzig wurde eine Frau um die Fünfzig entlassen. Der
Mann in der blauen Arbeitskombination griff einen Beutel aus geblümtem
Stoff und lief ihr entgegen. Freudig präsentierte die Frau einen gelben
Schein.
Der Mann stieß einen Freudenschrei aus. "So viel Kohle!"
Eingehakt liefen sie den Gang entlang zur Kasse.
Bo studierte die Bekanntmachungen und Plakate, die mit Klebeband an der mit
hellbrauner Ölfarbe gestrichenen Wand befestigt waren. "Schmuggel
erkannt, Finger verbrannt", warnte die Polizei vor dem Kauf unverzollter
Zigaretten. "Wäschehilfsdienst - nur nach Voranmeldung. Bügeln,
Ausbessern an der Nähmaschine. Montag und Donnerstag von 15 bis 18.30
Uhr." - "Rechtsberatung fällt am 15. August aus."
Bo wurde von dem jungen Mann aus Zimmer neunzehn aufgerufen.
"Toi, toi, toi!" Lisa drückte ihm die Daumen.
Bo ging an offenen, prall gefüllten Aktenschränken vorbei zu zwei
aneinandergestellten Schreibtischen. Er setzte sich auf einen Stuhl, dessen
Sitzpolster an den Nähten aufgeplatzt war.
"Was kann ich für Sie tun?" fragte der junge Mann freundlich.
Die Frau mit der schwarzweiß gestreiften Bluse zwängte sich an den
Akten vorbei zu ihrem Bürostuhl. Der quietschte, als sie sich darauf
niederließ.
"Es ist mir sehr unangenehm, daß ich Sie behelligen
muß", begann Bo.
"Aber dafür sind wir doch da", ermutigte ihn der junge Mann.
"Ich bin ohne Arbeit, also ohne Aufträge und jetzt völlig
abgebrannt."
"Waren Sie denn schon auf dem Arbeitsamt?" mischte sich die Frau
ein.
Bo drehte sich zu ihr um. "Ja, aber bis die zahlen, vergeht noch eine
ganze Weile. Die Arbeitsbescheinigung ist noch unterwegs."
"Dann brauchen wir den B dreihundertsiebzehn", sagte die Frau
entschieden.
Bo hatte damit gerechnet, nicht alle Unterlagen vollständig dabei zu
haben. Doch der brüske Tonfall der Frau deprimierte ihn, diese
Schadenfreude über ein fehlendes Formular.
Der junge Mann sagte zu Bo: "Aber wir können ja schon mal alles
vorbereiten. Ihren Ausweis, bitte. Frau Werner, nehme ich jetzt Bogen A oder
Bogen B?"
Die Tür ging auf, und ein Mann mit strähnigen Haaren und einem
lange nicht gewaschenen Jeansanzug wollte sich zu Frau Werner setzen.
"Nein", sagte sie zu dem Mann und forderte Bo auf: "Kommen Sie
erst mal zu mir!" Bo wechselte den Platz. Auf seinem Stuhl saß jetzt
der andere und sagte laut: "Ich habe kein Geld mehr."
Ehe der junge Mann ihm antworten konnte, schaltete sich Frau Werner ein:
"Sie waren schon einmal hier, nicht wahr? Ich kenne Sie doch. Herr Kinzig,
nicht wahr?"
Herr Kinzig erwiderte schroff: "Na und, jetzt bin ich eben wieder da.
Ich bin auf Arbeit gekündigt worden. Was kann ich dafür?"
Frau Werner schnaufte vorwurfsvoll und wandte sich an Bo: "Haben Sie
denn bei Ihrem Arbeitsamt einen Antrag auf Arbeitslosengeld gestellt?"
Bo zeigte ihr eine Kopie des Antrags.
"Wo haben Sie das Original?"
"Beim Arbeitsamt gelassen."
"Und jetzt wollen Sie Sozialhilfe? Sie haben gar keinen Anspruch, denn
das Arbeitsamt zahlt Ihnen Geld."
In Bo stieg Groll auf. "Ich sagte Ihnen, daß ich völlig
pleite bin. Ich mußte hierher laufen, weil ich das Fahrgeld nicht mehr
hatte." Er nahm sein Portemonnaie aus der Hosentasche und schüttete
ein paar Groschen, Fünfer und Pfennige auf den Schreibtisch.
"Wie lange haben Sie denn keine Miete gezahlt?" wollte der junge
Mann von Herrn Kinzig wissen.
"Seit Mai, seit ich gekündigt worden bin", antwortete Kinzig
patzig.
"Na, das ist ja ein Ding", schimpfte Frau Werner. "Wir haben
Ihnen doch schon einmal die Miete gezahlt, und zwar für zwei Monate!"
Kinzig stand ruckartig auf. Bo sammelte seine Münzen wieder ein und
legte schützend die Hand über seine Unterlagen.
"Ich bin eben wieder gekündigt worden. Was kann ich
dafür?"
"Ich erinnere mich an Sie", Frau Werner ließ nicht locker,
"Sie haben zweimal Ihre Freundin hergeschickt." Sie nickte
bedeutungsvoll mit dem Kopf.
"Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?" fragte der junge Mann, um
Freundlichkeit bemüht.
"Hier", Kinzig schleuderte seinen Arbeitsvertrag auf den Tisch.
Frau Werner sagte: "Also, Sie müssen den B dreihundertsiebzehn
beibringen."
"Reden Sie jetzt mit mir?" vergewisserte sich Bo.
"Mit wem denn sonst", gab Frau Werner ärgerlich zurück.
"Außerdem brauche ich einen aktuellen Kontoauszug von Ihrer
Bank."
Bo fingerte aus seinen Unterlagen die letzten drei Kontoauszüge.
"Der letzte ist aber nicht von heute", stellte Frau Werner fest.
"Ich brauche einen von heute."
Wieder diese Schadenfreude!
"Aber meine Bank ist in Wilmersdorf, wie soll ich denn da hinkommen
ohne Fahrgeld?" wandte er ein.
Kinzig rückte auf seinem Stuhl hin und her. "Mann, wie oft soll
ich das noch erzählen? Ich hab' mir das nicht ausgesucht mit der
Kündigung! Was kann ich dafür?"
Der junge Mann verlangte den Personalausweis.
"Scheiße", sagte Kinzig, "den hab' ich nicht mit."
"Dann können wir gar nichts machen", rief Frau Werner zum
Nebentisch. "Sie müssen sich doch ausweisen können."
"Aber Sie haben meine Akte, ich bin nicht das erste Mal hier",
versuchte Kinzig die Situation zu retten.
"Haben Sie keinen anderen Ausweis oder einen Führerschein bei
sich?" lenkte der junge Mann ein.
"Scheiße, Mann", Kinzig suchte in sämtlichen Taschen
seiner Jeansjacke.
"Ja, dann", schlug der junge Mann vor, "füllen wir erst
mal den Antrag zu Ende aus, und Sie kommen noch einmal mit dem Ausweis
wieder."
"Mann, jetzt hab' ich so lange gewartet", regte sich Kinzig auf.
"Ich hab' den Ausweis vergessen. Kann mal passieren. Was kann ich
dafür?"
"Jetzt geben Sie aber Ruhe", keifte Frau Werner.
"Schreien Sie mich nicht an, bin nicht schwerhörig", gab
Kinzig zurück.
"Wer hat denn den Ausweis vergessen, Sie oder ich?" stritt Frau
Werner. "Wir können den Antrag nicht bearbeiten, wenn Sie sich nicht
ausweisen können. Ich kenne Sie ja gar nicht."
"Natürlich kennen Sie mich!" Kinzig war am Verzweifeln.
"Ich habe Sie noch nie gesehen", behauptete sie mit
Unschuldsmiene.
"Ich kenne Sie ja auch nicht", sagte Kinzig aufmüpfig.
"Na bitte", meinte Frau Werner und wandte sich wieder Bo zu.
"An der Hauptstraße ist eine Filiale Ihrer Bank. Dort können
Sie einen Kontoauszug holen."
"Ich will Sie auch gar nicht kennen", meldete sich Kinzig wieder.
"Jetzt werden Sie aber nicht frech", schimpfte Frau Werner.
"Wer will denn hier etwas von wem? Habe ich meinen Ausweis vergessen oder
Sie?"
Kinzig sackte in sich zusammen.
Bo nutzte die Pause: "Muß ich mir dann wieder eine Wartenummer
ziehen?"
"Nein, sagen Sie einfach Bescheid, wenn Sie wieder da sind."
Niedergeschlagen kam er heraus.
"Und?" fragte Lisa.
"Ich hab' doch gleich gesagt, das bringt nichts."
Vor dem Sozialamt ließ sich Bo eine Zigarette geben. Der Weg zur Bank
war ein kurzer Spaziergang durch einen Park. Bo beruhigte sich.
"Wir können im Moment leider keine Kontoauszüge
drucken", bedauerte die Bankangestellte.
"Mein Gott, hat sich denn die ganze Welt heute gegen mich
verschworen?" klagte Bo.
"Sie müßten sich schon zu Ihrer Filiale bemühen",
sagte die Angestellte lächelnd und wickelte eine Papierrolle auf.
"Sie können doch im Computer meinen Kontostand sehen", nahm
Bo erneut Anlauf. Die Angestellte sah ihn von unten herauf an, und Bo
verfluchte abermals seine abgewetzten Jeans.
"Das kann ich", sagte sie gelassen. "Aber einen Kontoauszug
kann ich Ihnen nicht drucken."
"Aber Sie können den Kontostand ausdrucken", sagte Lisa.
"Das geht", meinte die Angestellte schnippisch. "Aber das
sieht nicht so aus wie ein Kontoauszug. Wofür brauchen Sie den denn?
Für das ...", sie machte eine Pause, bevor sie fragte:
"Sozialamt?"
Bo war jetzt alles egal. Spätestens bei der ersten Überweisung
würde seine Bank wissen, woher er seine Bezüge hatte. Er bejahte
kleinlaut. Die Angestellte lächelte überlegen, bat um die Kontonummer
und den Ausweis. Sie rief in der Wilmersdorfer Filiale an: "Bei mir steht
ein Kunde von Ihnen, der möchte seinen Kontostand ausgedruckt haben
für das Sozialamt." Sie betonte den Zweck der Anfrage. Bo zwang sich
zur Ruhe.
Nachdem die Angestellte das Okay der Bank bekommen hatte, tippte sie die
Kontonummer in den Computer. Langsam legte sie einen Kopfbogen der Bank in den
Drucker. Solange die Nadeln des Druckers ratterten, wickelte sie weiter die
Papierrolle auf. Sie schnitt ein Stück heraus und klammerte die Enden
zusammen. Der Klammeraffe funktionierte nicht. Sie probierte es so lange, bis
es klappte. Bo wurde nervös, das Sozialamt schloß in einer
Viertelstunde.
Die Angestellte nahm das Blatt heraus, las es durch und drückte einen
Stempel darauf. Bevor sie unterschrieb, klingelte das Telefon. Während sie
sprach, wackelte sie mit dem Kugelschreiber über dem Papier. Doch sie
unterschrieb nicht. Bos Augen folgten den Bewegungen des Stiftes, als hinge von
der Unterschrift sein Leben ab. Endlich legte die Angestellte auf und
unterschrieb. Mit überlegener Geste reichte sie ihm das Blatt. Bo steckte
es ein und verließ mit Lisa eilig die Bank.
"Ich bin wieder da", meldete er sich in Zimmer neunzehn. Am Tisch
von Frau Werner saß eine schmächtige Frau, die Hände im
Schoß gefaltet.
"Warten Sie draußen, ich rufe Sie mit Namen auf", schickte
Frau Werner Bo wieder hinaus.
Er setzte sich zu Lisa. Sie kraulte ihm zärtlich den Nacken.
Die schmächtige Frau kam heraus, Frau Werner rief Bo herein.
"Ist das Ihre Freundin?" fragte sie. "Leben Sie mit ihr
zusammen?"
"Muß ich darauf antworten?" gab Bo zurück.
"Hören Sie, ich will von Ihnen nichts geschenkt haben, ich
möchte lediglich eine Zwischenfinanzierung, bis das Arbeitslosengeld
eintrifft. Ich bin nicht bedürftig, also behandeln Sie mich nicht
so!"
"Dann können Sie ja wieder gehen", meinte Frau Werner
gleichgültig und klappte die Akte zu. Bo las seinen Namen, der mit
grünem Filzstift akkurat auf den Aktendeckel geschrieben war.
"Wovon haben Sie denn in der letzten Zeit gelebt?" fragte Frau
Werner.
Bo zuckte mit den Schultern. "Von meiner Freundin, aber die hat jetzt
auch kein Geld mehr."
"Glauben Sie", fragte Frau Werner mütterlich, "daß
so etwas eine Grundlage für eine Beziehung ist?"
Bo war geschockt. Auf solch eine Frage war er nicht gefaßt.
Frau Werner erwartete auch keine Antwort. Sie ging die Fragen im
Anmeldebogen durch, die Bo mit Ja oder Nein beantworten mußte.
"Sind Sie behindert? Haben Sie Wertpapiere? Depots? Einen eigenen PKW?
Haben Sie Außenstände? Erwarten Sie Zahlungen von anderen Leuten,
Firmen?" Bo bestätigte mit seiner Unterschrift die Richtigkeit seiner
Angaben. Mit einer zweiten Unterschrift ermächtigte er seine Bank, dem
Sozialamt jederzeit Auskunft über seine finanzielle Situation zu geben.
Handschriftlich verfaßte Frau Werner eine Erklärung:
"Hiermit bestätige ich, daß ich zur Zeit keine Einnahmen habe.
Meinen Antrag auf Arbeitslosengeld habe ich beim Arbeitsamt hinterlegt. Ich bin
zur Zeit mittellos."
Sie raffte die Unterlagen zusammen. "Mal sehen, was ich bei meiner
Chefin für Sie erreichen kann", sagte sie. "Warten Sie bitte
draußen."
Der Wartegang hatte sich geleert. Der weißhaarige Mann ordnete noch
immer seine Unterlagen.
Bo dachte jetzt nur noch an das Geld. Nach diesem Vormittag brauchte er ein
Erfolgserlebnis. Er malte sich aus, wieviel er bekommen würde.
Nach fünfzehn Minuten wurde er wieder hereingerufen. Auf dem
Schreibtisch lag der ersehnte gelbe Zettel. Bo versuchte die Zahlen zu
erkennen.
"Das sind zwei Tagessätze", sagte Frau Werner streng,
"um die Mittellosigkeit zu überbrücken. Unterschreiben Sie
hier!"
Bo trat hinaus auf den Gang. Triumph lag auf seinem Gesicht. Lisa kam ihm
entgegen.
"Zur Kasse", verkündete er stolz.
An der Kasse wurden ihm sechsundsiebzig Mark und sechsunddreißig
Pfennig ausgezahlt. Bo rieb die Scheine in seinen Händen. Er steckte das
Geld in die Hosentasche.
Sie schlugen den Weg zum Supermarkt ein. Lisa stellte im Geiste schon die
Einkaufsliste zusammen. Sie kamen am Wochenmarkt vorbei.
"Der Markt schließt gleich", sagte sie. "Dann wird
alles billiger. Laß uns frische Sachen kaufen! Endlich mal keine
Buletten."
Bo legte seinen Arm um sie. Er drückte ihren Körper an seinen und
küßte sie auf die Stirn. "Nein", sagte er, "wir gehen
essen."
Lisa verließ Bo in dieser Nacht. Sie nahm alle Mahnungen und
Zahlungsaufforderungen für die beiden Telefone, die rückständige
Miete, das Gas, den Strom, die offenstehenden Versicherungspolicen und den
Drohbrief seiner Bank wegen der Überziehung mit. Sie bezahlte alles, auch
für jeweils einen Monat im voraus. Sie tat es, weil sie Bos Situation
nicht mehr ertragen konnte, weil sie Mitleid mit ihm hatte.
10. Kapitel