Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

8. KAPITEL

Der Tote in Kairo
252 Tage deutscher Einheit

Dr. Küde Frohner war am Telefon. "Und kommen sie nicht auf die Idee, Trauerkleidung zu tragen", warnte er Lisa. "Die Identifizierung von Willis Leiche in Kairo kann ich Ihnen leider nicht ersparen, denn sie wäre sonst quasi staatenlos und würde irgendwo in Ägypten verscharrt werden."
Mit einem Schlag wurde ihr klar, daß sie ihren Vater oder das, was von ihm übrig war, unter die Erde bringen mußte. Sie hatte eine Verantwortung übernommen, gegen die sie sich bisher gesträubt hatte. Sie war es ihrer Familie schuldig. Doch sie hatte noch nie eine Leiche gesehen.
"Sind Sie noch da, Lisa?"
"Ja, ja", sagte sie schnell.
"Denken Sie an den Reisepaß von Pierre Lombard!" Keine Antwort. "Lisa, ist alles in Ordnung mit Ihnen?"
"Nein, nein, ich ...", stammelte sie.
"Christoph holt sie übermorgen früh um halb sechs ab. Er hat alle Papiere. Ihr Großvater wird auch mitkommen."
"Wieso fährt Herbert mit?"
"Er hat darum gebeten. Schließlich ist er Willis Vater und fühlt sich verantwortlich. Ich sehe Sie in Kairo!"
Am Morgen der Abreise lief Lisa aufgeregt durch ihre Wohnung. Die Teddytasche stand gepackt im Flur. Nur Handgepäck, hatte Frohner angeordnet. Sie trat dicht ans Fenster, um den Himmel sehen zu können. Über Berlin lag rosafarbener Dunst. Ein warmer Julitag kündigte sich an. Das Funktelefon klingelte pünktlich halb sechs.
"Sie können herunterkommen", sagte eine ruhige Männerstimme.
Lisa nahm die Teddytasche und verließ die Wohnung. Kühle Luft umfing sie im Hinterhof. Im Durchgang des Vorderhauses hallten ihre Schritte wider, Staub knisterte auf den grauen Kacheln.
Vor der Tür parkte der gelbschwarze Manta. Ein hochgewachsener, kräftig gebauter Mann um die Dreißig lehnte an der offenen Beifahrertür. Seine Kleidung strahlte schlichte Eleganz aus. Lisa gefiel der leichte lange Sommermantel. Sein schwedenblondes Haar hatte der junge Mann zu einem kurzen pinselartigen Pferdeschwanz gebunden. Er lächelte sie mit zurückhaltender Höflichkeit an.
"Christoph", stellte er sich vor. Sein Lächeln tat ihr gut, ein Macho, wie sie ihn liebte, nicht aufdringlich, nicht ohne Stolz.
Herbert ächzte und stöhnte, als er sich aus dem Auto zwängte. Er hatte sich den dunkelblauen von Willis Seidenanzügen angezogen, Ärmel und Hosenbeine umgekrempelt. Als er Lisas zweifelnde Blicke sah, verteidigte er sich sofort: "Seide ist am besten, es ist heiß in Ägypten. In Spanien, da hätte ich so einen Anzug brauchen können ..."
"Ich würde noch lauter reden", sagte Lisa und blickte sich um, ob jemand in der Nähe war.
Herbert nahm ihre Hände, die genauso kalt waren wie seine. "Endlich ist wieder was los!" Herbert freute sich wie ein kleines Kind auf die Reise. "Maxe paßt auf die Nummer neun auf, der olle Döskopp. Bin ja gespannt, wieviel von meinem Schnaps noch da ist, wenn ich wiederkomme."
Christoph klappte den Beifahrersitz nach vorn, damit Lisa hinten einsteigen konnte. Sie mußte Coladosen, Landkarten und eine Kiste mit Werkzeug beiseite schieben, ehe sie Platz zum Sitzen hatte. Auf dem Boden lagen ein Regenschirm, schmutzige Tüten, leere Zigarettenschachteln. Der Aschenbecher quoll über, bei jedem Luftzug wirbelte Asche auf. Christoph reichte ihr die Teddytasche, die sie auf ihren Schoß nahm. Dann klappte er den Beifahrersitz wieder nach hinten und half Herbert beim Einsteigen.
"Können Sie sitzen?" fragte Christoph.
Lisa kam die Frage vor wie Hohn. Warum wurde sie mit so einer Dreckmühle abgeholt? Herbert vor ihr konnte die Beine ausstrecken, und hinten war es so eng, daß sie kaum Luft bekam. Oder war der schmutzige Manta nur Tarnung?
Der Motor drehte sich leise, während der Wagen schnell auf Touren kam, und das Vibrieren setzte sich in ihrem Körper fort. Beim Beschleunigen wurde sie in den Sitz gedrückt. Über die Stadtautobahn nach Tegel fuhr Christoph wesentlich schneller als erlaubt war.
"Aus Segovia wollte ich gar nicht wieder fort." Herbert redete die ganze Fahrt lang über Spanien. "Die Stadt liegt hundertzehn Kilometer nördlich von Madrid. Die Römer haben dort ein Aquaviadukt gebaut."
"Das heißt Aquädukt, wenn es eine Wasserleitung ist", korrigierte ihn Lisa. Ihr ging das Gequassel von Herbert auf die Nerven. Christoph aber schien das nicht zu stören.
"Ist doch egal", maulte Herbert beleidigt. "Du weißt doch, was ich meine. Jedenfalls, die Häuser in der Altstadt sind ja auch alle zwei- oder dreihundert Jahre alt, aber sie reichen unter dem Ding da, dem Aquaviadukt, nicht einmal bis zur halben Höhe! Und in den Bergdörfern war es erst schön!"
"Das interessiert doch keinen", versuchte Lisa ihn zum Schweigen zu bringen.
"Doch, doch", mischte sich Christoph ein. Lisa konnte sich nicht vorstellen, daß ihn Herberts Geschichten gefielen. Aber sie dachte, solange Herbert von Spanien erzählte, plauderte er nicht über Willi und Ägypten.
Herbert schwärmte jetzt von den spanischen Frauen. "Am Tage sind sie ganz züchtig und laufen hochgeschlossen herum. Aber sobald die Sonne untergegangen ist, dann geht's los. Mit Blicken geben die einem zu verstehen, daß sie was wollen!"
Lisa fand es geschmacklos von Herbert, ausgerechnet jetzt mit seinen Weibergeschichten anzufangen. Es war ihr peinlich, wie ihr Opa auftrumpfte.
Die Flugtickets galten nur bis Frankfurt am Main.
"Ich denke, wir fliegen noch weiter?" fragte Lisa. Sie wagte nicht, das Wort Kairo auszusprechen aus Angst, jemand könnte mithören. Christoph teilte ihr kurz angebunden mit, daß alle Anschlußflüge gebucht seien. In seiner Gegenwart fühlte sie sich beinahe sicher. Dennoch vermutete sie in jedem Geschäftsreisenden, dessen Blick sie streifte, einen Verfolger.
Die Maschine startete um sieben Uhr. Herbert saß am Fenster, schaute hinaus. "Da, der Funkturm!" rief er aufgeregt. "Vom Mauerstreifen ist ja gar nichts mehr zu erkennen."
Ideales Flugwetter. Lisas Erinnerung streifte ihre lange Reise nach Kreta, die überstürzt wie eine Flucht gewesen war. Geflüchtet vor Bo? Oder vor dem deutsch-deutschen Einigungstaumel? Nein, sie war einer langgehegten Sehnsucht nach dem Süden gefolgt. Daß sie dreitausend Kilometer von Bo und Deutschland getrennt gewesen war, war nur ein Nebeneffekt, wenn auch ein willkommener, gestand sie sich ein. Aber der Wunsch, ihre Ostidentität in Pankow zu lassen und auf Kreta eine Griechin zu werden, war nicht in Erfüllung gegangen. Selbst, als sie sich mit Wassili, dem Fischer, eingelassen hatte, war sie im Dorf die Fremde geblieben.
Was hatte ihr die Öffnung der Mauer gebracht? Meine Bekanntschaft mit Matthias Vogt, überlegte sie, der als Unternehmer neunzehnhundertneunzig die Bürgerbewegungen der DDR in ihrem ersten Wahlkampf mit Rat und Geld unterstützte. Als seine Assistentin hatte sie im Crashkurs alles über westliche Büro- und Kommunikationstechnik lernen müssen.
Und die Öffnung der Mauer hat mir meinen Vater geraubt, kaum daß ich ihn gefunden hatte, dachte sie. Und dann beschäftigte sie wieder die Redaktionskonferenz. Warum kann man die DDR nicht endlich zu Grabe tragen? So wie Willi zu Grabe getragen wird. Was kommt nach dem Tod? Lisa schneuzte sich die Nase.
Die Motoren der Maschine brummten gleichmäßig. Herbert war eingedrusselt. Lisa hatte Angst, Willi als Toten zu sehen. Sie wollte ihren Vater lebend in Erinnerung behalten. Warum der Zwang, sich die Leiche anschauen zu müssen? Wozu? Ihm war nicht mehr zu helfen. Ihm konnte es doch egal sein, wo er begraben werden würde.
Lisa dachte an die Erfurtomi, seine Mutter, und an Herbert, seinen Vater. Willis Eltern bestanden auf einer feierlichen Beerdigung in Deutschland. Warum klammerten sie sich so an den leblosen Körper? Warum kann man die Toten nicht einfach verabschieden, sich von ihnen trennen?
Christoph verschanzte sich hinter einer Zeitung. Las er sie wirklich? Verstohlen betrachtete Lisa sein Profil. Sie fand, daß er attraktiv war, männlich.
Lisa weckte Herbert kurz vor der Landung in Frankfurt. Über Hunderte Meter lange Laufbänder ging es in den internationalen Bereich des Flughafens.
"Hier bin ich auch schon mal gewesen", quasselte Herbert. "Als ich nach Madrid abgeflogen bin! Eine tolle Erfindung, diese Laufbänder! Haben wir noch Zeit für den Duty-free-Shop?"
Christoph lief im Flughafen umher, ohne auf Verfolger zu achten, ohne Vorsichtsmaßnahmen. Aber vielleicht, grübelte Lisa, hat er ja die Tickets nach Kairo in Zürich oder Paris oder sonstwo gekauft. Dann konnte niemand ihr Reiseziel in Erfahrung bringen. Sie hätten ja auch nach New York fliegen können.
Die Maschine war ausgebucht. Die meisten Passagiere sahen aus wie arabische Geschäftsleute. Sie unterhielten sich sehr laut, wirkten aber gelassener und überlegener als die Griechen, denen Lisa auf ihren Reisen begegnet war. Christophs blonder Schopf leuchtete richtig inmitten der schwarzen Haartrachten. Es waren auch Frauen mit Kindern an Bord. Ihren Reichtum signalisierten goldene Armbanduhren, die feinen Stoffe ihrer Kostüme und Wolken teuren Parfüms. Manche sahen aus, als kämen sie von einem Einkaufsbummel in Deutschland. Volle Tüten aus dem Duty-free-Shop standen neben ihnen.
Herbert ließ sich anstecken vom lauten Gerede der Araber. Wenn er auf Ägypten und Willi zu sprechen kam, verbot ihm Lisa den Mund. Herbert schwieg beleidigt. Aber nicht lange. "Ich wollte euch ja nur auf andere Gedanken bringen", maulte er.
Die heiße Luft, die ihnen auf dem Kairoer Flughafen entgegenschlug, raubte Lisa fast die Besinnung. Besorgt blickte sie Herbert an, doch dem schien die Hitze nichts auszumachen. Christoph lotste sie durch das Menschengewühl zur Polizei, um die nötigen Visa ausstellen zu lassen. Er sprach ein perfektes Englisch und gebrauchte auch ein paar arabische Redewendungen. Immer wieder wies er auf Lisa und Herbert, die vor dem Büro warteten. Christoph breitete einige behördliche Unterlagen vor dem Beamten aus.
Lisa haßte die abfällige Art, mit der Beamte ihre Macht über andere Menschen auskosteten. Hier war es noch schlimmer als in Griechenland. Sie rang sich ein Lächeln ab, ein arroganter Blick kam als Antwort zurück.
Vor dem Flughafen wartete ein Auto mit getönten Scheiben. Drinnen war es angenehm kühl. Eine exzellente Organisation, dachte sie. Herr Frohner muß ja ganze Mannschaften von Helfern beschäftigen.
Anfangs fuhr der Chauffeur sehr schnell. Doch die Fahrt verlangsamte sich jäh am Midan Bab Al-Shariya. Auf den Straßen von Kairo hatte der Stärkere Vorfahrt, und so fühlten sich die Lastwagenfahrer als die Könige der Straße. Genauso schienen Taxifahrer Narrenfreiheit zu genießen, die rote Ampeln anscheinend für Straßenschmuck hielten. Ebenso die lautstarken fliegenden Händler, die ihre vollbeladenen Handkarren zu den schmalen Gassen des Khan Al-Khalili schoben, in denen sich Laden an Laden reihte. Hier im Muskiviertel kam der Verkehr vollends zum Erliegen. Herbert wußte nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Er war wie berauscht von der Vielfalt der Farben, den würzigen Gerüchen und den Blicken mandeläugiger Schönheiten.
"Hier muß ich später noch einmal hin!" sagte er unerwartet energisch.
Lisa hatte gedacht, von Griechenland her abgeklärt zu sein, was südländisches Temperament beim Autofahren anbelangte. Aber bald merkte sie, daß hinter dem Gehupe, Geschimpfe und wildem Gestikulieren auch Rücksichtnahme auf den anderen steckte. Mit Gewalt oder dem Beharren auf Verkehrsvorschriften ging hier nichts. Man mußte sich mit viel Gefühl einordnen, beharrlich, aber auch tolerant.
Lisa konnte ihre erste Nilüberquerung nicht genießen. Auf der Fahrt zur Insel Rodah, kurz vor der Al-Manyal-Brücke holte sie plötzlich ein verbeulter Peugeot ein und fuhr eine Weile neben ihnen. Der Fahrer starrte immer wieder auf das Auto, in dem Lisa saß. Nein, das war nur Neugier.
Die Fahrt endete vor einem großen Hotel an der Nordspitze der Insel. Es lag inmitten von Gärten, beschattet von hohen Palmen. Welch Gegensatz zu dem Getümmel vor wenigen Minuten.
Lisa sollte sich unverzüglich in die Suite zu Dr. Frohner begeben. Herbert protestierte, schließlich ginge es um seinen Sohn, und er wolle auch zu Frohner. Christoph hielt ihn zurück und lud ihn in die Bar ein, die zum Garten hin offen war.
"Möchten Sie sich nach der Reise ein wenig frischmachen?" fragte Christoph höflich.
"Ich muß mich nicht waschen", widersprach Herbert. "Ich bin sauber." Er stapfte zur Bar und ließ sich in einen der Korbstühle nieder, die an englischen Kolonialstil erinnerten. "Sag Küde, daß ich hier unten auf ihn warte!" rief er Lisa weltmännisch hinterher.
Lisa stand vor der Suite im zwölften Stockwerk des Hotels. Frohner öffnete. Sie erkannte den Banker aus Zürich, den sie schon einmal vor über einem Jahr im "Grand Hotel" in der Berliner Friedrichstraße getroffen hatte. Sein Gesicht hatte sich ihr eingeprägt: die hohe Stirn, umgeben von kurzgeschnittenen Locken, die sich in gleichmäßigen Wellen an seinen Kopf schmiegten, die blauen Augen und die etwas zu groß geratenen Nasenlöcher, welche dem Gesicht etwas Autoritäres gaben. Jedesmal wenn sie mit Frohner telefoniert hatte, hatte sie versucht, sich an sein Äußeres zu erinnern. Die Erinnerung hatte das Bild von ihm verzerrt, die Auffälligkeiten verstärkt, anderes beinahe vergessen lassen. Frohners Nasenlöcher waren nicht so groß, und so hochgewachsen, wie sie sich vorgestellt hatte, war er auch nicht.
Frohner entschuldigte sich, daß er eine Suite gemietet hatte. "Aber ich brauche ein Zimmer, in dem wir uns ungestört unterhalten können."
Lisa bedauerte, nicht unter den Palmen im Park sitzen zu können oder im Restaurant auf dem Dach, von wo man einen Rundblick auf Kairo hatte. Sicher eine Vorsichtsmaßnahme, die nötig war.
Lisa stand am Fenster und blickte über das sandfarbene Häusermeer. Vor dem Hotel umschloß der Nil, der mal bräunlich, mal bläulich schimmerte, die Insel Rhoda. Flußabwärts überall Feluken.
"Haben Sie die Unterlagen bei sich?" fragte Frohner.
Lisa zeigte ihm den Reisepaß von Lombard. "Alles andere hat Christoph."
"Gut. Lisa, ich weiß, daß das jetzt für Sie nicht leicht werden wird."
"Hätten Sie vielleicht einen Cognac für mich?" fragte sie.
Frohner lächelte und schenkte ihr aus einer Karaffe ein. "Wenn Sie Ihren Vater sehen, dürfen Sie nicht erschrecken. Am besten, sie nicken nur mit dem Kopf."
"Muß diese ganze Prozedur wirklich sein?"
"Es geht um Ihre Erbschaft, Lisa."
"Mein Vater ist tot", rief sie empört. "Willi ist ermordet worden. Und Sie reden von Erbschaft!"
Frohner ignorierte den Gefühlsausbruch. "In der Leichenhalle brauchen Sie nichts zu sagen. Ihr Kopfnicken ist entscheidend für den Beamten."
Lisa bestand darauf, eine Weile mit ihrem Vater allein sein zu können. Frohner mahnte zur Eile und versprach, ihr nach der Identifizierung zur Verfügung zu stehen.
Sengende Hitze lag über der Stadt. Zwischen schwarzen Taxis, Lastern, Eseln und Karren kam der Chauffeur nur im Schrittempo voran.
Lisa hatte den Eindruck, die Stadt springe sie an, das Hupen und Pfeifen schlüge über ihr zusammen. Der Chauffeur sagte etwas, es klang wütend. Lisa fragte nach dem Grund.
Christoph erklärte: "Nachmittags, wenn der Ruf von den Minaretten ertönt, versammeln sich die Moslems in den Moscheen. Und die, die nicht mehr hineinpassen, knien sich einfach zum Gebet auf die Straße. Dann liegt für eine Stunde der Verkehr lahm."
"Stopp", sagte Herbert plötzlich. Er hatte das so bestimmt gesagt, daß der Chauffeur auf die Bremse trat. Herbert stieg aus. Christoph auch. Herbert kaufte einem Mädchen am Straßenrand eine Rose ab und stieg wieder ins Auto. Christophs Gesicht war gerötet. Darauf war er nicht gefaßt gewesen.
Nach einer halbstündigen Fahrt trafen sie im Hospital El-Qasr al-Aini ein. Es war, als hätten alle in diesem Krankenhaus ihren Dienst bereits beendet. Ein Arzt, den sie im Gang ansprachen, wirkte fast beleidigt.
Ein Polizist, der Chef der Pathologie und ein junger Araber kamen auf sie zu. Christoph begrüßte zuerst den jungen Araber, den er wie einen Freund Eshmed nannte. Lisa bekam Bauchschmerzen vor Anspannung. Jeder Schritt brachte sie näher zur Leiche ihres Vaters. Christoph unterhielt sich mit Eshmed über die Formalitäten bei der Identifizierung. Nein, hier ging es nicht um Willi oder sie oder Herbert. Hier ging es nur um Bürokratie. Frohner hatte sie ja gewarnt.
Und wenn der Tote, den sie gleich sehen würde, gar nicht Willi war? Sollte sie dann auch nicken? Vielleicht lebte Willi noch? Ein Fünkchen Hoffnung keimte in Lisa auf. Für einen Augenblick sah sie sich mit Willi irgendwo am Meer sitzen, Schampus trinken und über diese ganze Geschichte lachen. Zu schön, um wahr zu sein, dachte sie.
Herbert war ganz still geworden. Er verstand kein Wort von dem, worüber sich Christoph und Eshmed unterhielten. Seine Faust umklammerte die Rose.
In einer spärlich beleuchteten kalten Halle der Pathologie mußten sie warten.
"Wo ist Willi?" fragte Herbert leise.
Eshmed gab ihm in gebrochenem Deutsch zu verstehen, daß die Leiche aus dem Kühlhaus herbeigeschafft werde.
Wenig später schob ein Mann eine verhüllte Bahre herein. Lisa spürte, wie ihre Beine zitterten. Das Tuch wurde zurückgeschlagen. Sie wußte, daß sie diesen Anblick ihr Leben lang nicht wieder loswerden würde. Langsam öffnete sie die Augen. Das Gesicht, in das sie blickte, war bläulich, Reif klebte an den Haaren. Das Tuch bedeckte die rechte Hälfte des Gesichts. Das war Willi, ihr Vater. Der goldene Eckzahn hinter den violetten, leicht geöffneten Lippen, die Geheimratsecken, die graue Strähne, das runde Kinn, die großporige Haut - es gab keinen Zweifel. Doch es war so unwirklich wie in einem Film. Lisa glaubte, Willi könnte jeden Moment die Augen öffnen, ihr zuzwinkern und sich die Schminke vom Gesicht wischen.
Das Tuch rutschte von der rechten Gesichtshälfte. Lisa stieß einen Schrei aus. Ein Geschoß hatte Willi die rechte Gesichtshälfte zerfetzt.
Der Polizist räusperte sich. "Is this your father?"
Lisa nickte.
Herbert trat an die Bahre, legte die Rose auf Willis Brust und nickte. "Ja, das ist er, mein Willi", flüsterte er, ohne den Mund zu bewegen.
Christoph ging mit dem Polizisten und dem Chef der Pathologie zu einem angrenzenden Büro. "Lisa, Sie haben jetzt ein paar Minuten Zeit", sagte er.
Sie hatte nicht damit gerechnet, so schnell mit ihrem Vater allein zu sein.
"Hallo, Willi", sagte Lisa. "Ich habe dir keine Rose mitgebracht. Denn die brauchst du nicht mehr."
Herbert kam aus dem Büro. "Was unterhältst du dich mit ihm? Der hört dich sowieso nicht mehr."
"Halt dich da raus", fauchte sie. "Laß mich in Ruhe!"
Herbert wich einen Schritt zurück.
"Entschuldige", sagte Lisa zu Willi, "daß ich mit deinem Vater so schimpfe. Aber das ist das letzte Mal, daß ich dich sehe. Ich weiß, du wolltest auch nicht, daß ich dich so sehe."
In ihrem Kopf überschlugen sich die Erinnerungen an Willi, an ihre Kindheit, an Kreta, wo sie in einer Nacht neben ihm schlief, und er sie mit einer seiner Geliebten verwechselt hatte, nein, beinahe verwechselt hatte ... Und dann sah sie ganz deutlich die drei Postmietbehälter. Und Hugosch, der sie verfolgte. All ihre Verzweiflung und Traurigkeit schlugen plötzlich in Haß um. Lisa haßte den Spitzel Hugosch. Sie haßte auch die anderen, in deren Dossiers sie gelesen hatte.
"Willi, Vater, ich will ... nein, ich werde dich rächen. Wie Iphigenie. Deine Mörder, die dich hinterrücks geschlachtet haben, werden sterben. Ich, Iphigenie, werde dich rächen. Das klingt kitschig. Aber ich meine es so, Willi. Ich werde dich rächen. Ich weiß noch nicht, wie. Aber wenn ich deine Mörder gefunden habe, wird mir schon etwas einfallen. Alexandra sagt, es waren fünf, vier Männer, eine Frau. Sind das dieselben Leute gewesen, deren Akten du aufbewahrt hattest? Sind das deine Freunde gewesen?" Lisa berührte mit den Fingerspitzen seine Wange. Die war eiskalt. Verstört zog sie ihre Hand zurück. Willi war wirklich tot.
Tränen rannen über ihre Wangen. Sie wollte hinausgehen, fand den Ausgang nicht und stand plötzlich im Büro zwischen Christoph, Eshmed, dem Chef der Pathologie und dem Polizisten.
Der Polizist schob Lisa vier Dokumente hin, die sie unterschreiben sollte. Sie blickte Christoph an, der nickte zustimmend. Lisa fragte nicht, was sie unterschrieb. Sie vertraute Christoph. Sonderbar war, daß Christoph zuletzt Lombards roten Reisepaß ins Jackett steckte.
Auf dem Rückweg wollte Herbert unbedingt zu den Basaren. "Wenn ich schon mal in Kairo bin, dann will ich das auch ausnutzen", sagte er.
Lisa war erstaunt. "Du willst jetzt ... ich meine, du hast eben noch deinen Sohn ..."
"Das Leben geht weiter", sagte Herbert mit Nachdruck. "Und ich habe den Eindruck, als ob in diesen Straßen das Leben ganz besonders weitergeht." Damit stieg er aus.
Christoph sagte: "Warten Sie, ich komme mit!"
"Ich bin kein Kind mehr."
Christoph wies den Chauffeur an, Lisa ins Hotel zu bringen, und eilte Herbert hinterher, der im Gewimmel vor der Al-Azhar-Moschee zu verschwinden drohte.
Lisa hätte dieses Menschengewühl jetzt nicht ertragen. Zu viele Fragen beschäftigten sie. Sie hoffte, daß Frohner die beantworten konnte.
Im Hotel angelangt, ging Lisa geradenwegs zur Suite.
Frohner öffnete. Wortlos lief sie an ihm vorbei ins Bad und wusch sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie hätte am liebsten den Geruch der Pathologie, der an ihrem Körper zu haften schien, abgewaschen und das Bild des zerfetzten Gesichtes aus ihrem Gedächtnis gespült. Sie sah in das verheulte Gesicht im Spiegel und sagte: "Lisa Meerbusch, jetzt wirst du alle Fragen stellen. Du wirst diese Suite nicht eher verlassen, bis du völlige Klarheit hast."
Sie ging hinaus. Der Ausblick auf Kairo ließ sie für eine Sekunde alles vergessen.
"Möchten Sie etwas trinken?" Frohners Stimme klang, als sei sie weit entfernt. "Einen Cognac? Lisa?"
"Was trinkt man in Ägypten?" fragte sie abwesend.
"Tee", antwortete er.
Lisa konnte ihren Blick nicht von der Stadt lösen, von der Steinwüste, die zwölf Millionen Menschen beherbergte und sich am Horizont in braungrauem Dunst verlor.
Ein junger Araber brachte den Tee in einer bauchigen, silbrig glänzenden Kanne. Als er die Tür geschlossen hatte, sagte Lisa: "Mein Vater ist als Hubert Münchmeier aus dem Hafenbecken von Alexandria gefischt worden, ich habe ihn als Willi Meerbusch identifiziert, und Christoph erhielt einen Totenschein auf den Namen Pierre Lombard. Wie paßt das zusammen?"
"Es wurden zwei Totenscheine ausgestellt", antwortete Frohner. Er schenkte ihr Tee ein. "Einer wurde auf Willi Meerbusch ausgestellt und der zweite, den wir bezahlt haben, auf Pierre Lombard."
"Warum?"
"Das Vermögen Ihres Vaters befindet sich hauptsächlich auf Konten, die Pierre Lombard gehören." Frohner lächelte. "Was machen Sie für ein erstauntes Gesicht, Lisa? Fragen Sie ruhig."
Sie versuchte das Chaos in ihrem Kopf zu ordnen. "Welche Todesursache steht auf den Totenscheinen?" fragte sie.
"Wenn Sie das interessiert, 'Tod durch Gewaltanwendung'. Es besteht Mordverdacht."
"Verdacht", wiederholte sie verbittert. "Als ob Willi sich selbst so zugerichtet hätte."
"Der Totenschein auf den Namen Meerbusch wird auch der deutschen Polizei übersandt", sagte er, "weil in Deutschland schon ermittelt wird."
"Gab es denn eine Obduktion oder so was?"
"Es gab eine Obduktion, bei der Einschüsse festgestellt wurden. Aber was interessiert uns das? Schließlich laufen polizeiliche Ermittlungen."
"Und ob mich das interessiert!" begehrte sie auf. "Willi war doch mein Vater!"
"Und er war mein Freund", betonte Frohner. "Ich kann nicht mehr dazu sagen. Ich habe das Protokoll hier, aber in arabischer Sprache. Die Übersetzung werde ich in Auftrag geben. Im Moment bringt uns das nicht weiter."
"Alexandra, die letzte Freundin von Willi, hat fünf Leute auf der Jacht gesehen. Wer waren die?"
"Das wissen wir nicht."
"Wer ist wir?" fragte sie scharf.
Frohner rührte in seinem Tee. Leise stieß der Löffel an das Porzellan. "Meine Mitarbeiter und ich", sagte er wie beiläufig.
"Als Schweizer haben Sie also Mitarbeiter in Berlin und Kairo", sagte sie aufgeregt. "Und dann können Sie jede Menge Totenscheine kaufen ..."
"Ich habe weltweit Mitarbeiter, weil ich weltweit Geschäfte mache. Ich verstehe Ihre Emotionen, Lisa, aber ..."
"Nichts aber", unterbrach sie ihn. "In was für einen Club bin ich hineingeraten? Seit Tagen verfolgt oder beobachtet oder überwacht oder beschützt mich dieser Christoph, daß ich nicht mehr weiß, wie ich mich bewegen soll."
"Hat er sich unkorrekt verhalten?" fragte Frohner.
"Nein", gab sie zu. "Aber warum gab es keinen Christoph, der Willi schützen konnte?" Lisa brach wieder in Tränen aus.
Frohner wartete, bis sie sich gefaßt hatte. Dann antwortete er: "Wir glaubten beide nicht, daß es nötig sei. Im übrigen haben meine Mitarbeiter dafür gesorgt, daß Sie nicht vierzehn Tage oder länger auf den Termin für die Identifizierung warten mußten. Das hat uns Geld gekostet, aber das ist hier nicht die Frage."
Lisa ging wieder ans Fenster, sah hinunter auf den Nil, den breiten Strom, der die Stadt teilte und gelassen dahinfloß, wie zum Hohn auf die tosende Geschäftigkeit an seinen Ufern. Lisas Blick verlor sich in der Unendlichkeit des Stadtgewimmels, über dem ein ewiger Schleier aus Staub schwebte, aus der Wüste herangeweht.
"Würde denn", begann sie stockend, "würde Willi noch leben, wenn er die Jacht nicht verkauft hätte?"
Frohner hob die Schultern. "Das ist anzunehmen. Willi hat die Jacht verkauft, um den ständigen Erpressungsversuchen seiner Leute zu entgehen."
"Dann haben wir ja die Mörder."
"Das können wir nicht beweisen", wandte er ein. "Für heute abend habe ich ein Gespräch mit einem hohen Polizeibeamten arrangiert, der die Ermittlungen in Kairo leitet. Er hat Fotos, die er mitbringen will. Vielleicht können Sie jemanden auf den Fotos erkennen? Wenn ja, dann wären wir ein Stück weiter. Aber, daß die Leute auf den Fotos, wenn denn welche drauf sind, auch die Mörder sind, können wir nicht behaupten."
"Wieso treffen wir uns mit der Polizei?"
"Wir haben für dieses Gespräch viel Geld bezahlt. Ich will wie Sie wissen, was passiert ist."
"Eben haben Sie aber noch gesagt, daß das ausschließlich Sache der Polizei sei, und ich sollte mich da nicht einmischen."
"Lisa, ich bitte Sie, betrachten Sie das Gespräch heute abend als halb offiziell. Wenn Sie die Fotos sehen und Fragen gestellt werden, dann antworten Sie bitte nach bestem Wissen und Gewissen. Es wird von diesem Treffen ein Protokoll geben, das auch nach Deutschland übersandt wird. Vielleicht kommt auch jemand von der Botschaft."
"Was sind das für Fotos?" fragte Lisa. "Wo hat der Beamte die her?"
"Im Westhafen von Alexandria soll es einen Fotografen geben, der wohl alle Segeljachten fotografiert, die einlaufen. Er scheint sich dafür zu interessieren, oder er macht daraus Postkarten. Wie auch immer. Ein Fotolaborant hat im Fernsehen die Bilder vom Überfall gesehen und Willis Jacht auf den Fotos erkannt, die gerade aus der Maschine kamen. Soviel ich weiß, hat er den Film der Polizei gebracht, und die hat die Negative gleich beschlagnahmt."
"Aber wenn sie Willi umbringen wollten", überlegte sie laut "hätten sie es auch an jedem anderen Ort der Welt getan."
"Vielleicht haben seine Mörder Ägypten gewählt, um die Spuren besser verwischen zu können. Aber das sind alles nur Spekulationen. Warten wir das Gespräch heute abend ab. Wir müssen uns jetzt mit ganz anderen Sachen beschäftigen. Die Vermögensverhältnisse in der Schweiz müssen geregelt werden."
"Bin ich dann Lisa Lombard?"
"Nein. Aber es gibt ein Testament, das in einigen Wochen eröffnet wird ..."
"Das ist nicht mein Problem", fuhr Lisa auf. "Mein Vater ist tot, und Sie kommen mir mit Vermögen und solchem Zeug." Sie atmete schwer. "Entschuldigen Sie bitte, Herr Frohner."
"Sagen Sie ruhig Küde zu mir. Sehen Sie, Lisa, alles, was mit der Ermordung Ihres Vaters zusammenhängt, ist Sache der Polizei. Da halten Sie sich bitte heraus. Wenn Sie als Ausländerin hier in Ägypten weitere Fragen stellen, werden Sie auf eine Mauer von Schweigen stoßen. Wir sind froh, daß wir die Formalitäten erledigt haben. Mehr kann ich für Sie nicht tun."
"Warum kann das nicht alles in geordneten Bahnen ablaufen? Warum zwei Totenscheine ..." Lisa war verzweifelt. Sie begriff, daß sie mit ihrer Trauer allein zurechtkommen mußte. Auch der Mord war für Frohner kein Thema. Die Polizei würde sich schon darum kümmern, damit schien die Sache für ihn erledigt zu sein.
"Welcher Art sind die Geschäfte, die mein Vater mit Ihnen gemacht hat?" fragte sie.
"Geldgeschäfte. Als ich Ihrem Vater zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn als den Schweizer Staatsbürger Pierre Lombard kennengelernt. Und dieser Lombard hat im Auftrage von Leuten, welchen Leuten auch immer, das war mir damals egal, ein Konto eröffnet. Aber er hat es auf seinen Privatnamen eröffnet, das heißt, er allein war verfügungsberechtigt. Und dieses Konto hat er geführt, verwaltet und nach dem politischen Umbruch in der DDR aufgelöst. Ohne Rest. Dieses Konto gibt es nicht mehr. Es gibt noch Unterlagen in der Bank über die Transfers, die über das Konto gelaufen sind, aber das interessiert vielleicht nur die deutsche Treuhand. Bisher hat die Unterlagen noch niemand angefordert ..."
"Sie sagen aber, mein Vater hätte sein Konto aufgelöst und abgerechnet. Wieso hat er dann ein eigenes Vermögen?"
Frohner schob die Teekanne und die Tassen beiseite, nahm Lisas Zigarettenschachtel und ihr Feuerzeug und legte sie nebeneinander auf den Tisch. "Diese Schachtel", sagte Frohner, "stellt das Privatkonto dar, von dem ich eben gesprochen habe. Ich will es Staatskonto nennen. Das Feuerzeug ist ein zweites Konto, das Ihr Vater eröffnet hat, ohne daß seine Auftraggeber davon wußten. Ein sogenanntes Anderkonto. Da Willi formal Besitzer beider Konten war, konnte er das Staatskonto beleihen, um auf dem Anderkonto Geschäfte zu machen, ein ganz normaler, ja alltäglicher Bankvorgang. Ein Konto haftet sozusagen für das andere."
"Aber er konnte sich doch nicht einfach Geld überweisen", sagte Lisa. "Das wäre aufgefallen."
"Er konnte das Anderkonto in Millionenhöhe überziehen, denn die Bank hatte ja das andere als Sicherheit. Es ist wie mit einer Hypothek."
"Das geht?" Lisas Augen erfaßten abwechselnd das Feuerzeug und die Schachtel. "Das ist das erste Mal, daß ich so etwas höre. Wie ist er auf die Idee gekommen?"
"Ihr Vater und ich waren Freunde. Betrachten Sie diesen Tip von mir als einen Freundschaftsdienst, den ich ihm erwiesen habe."
"Was hat Willi mit der Anleihe auf dem Anderkonto gemacht?"
"Er hat international spekuliert."
"Spekuliert? Gespielt? Gezockt?" Lisa konnte das nicht glauben.
Frohner lachte. "So würde ich das nicht ausdrücken. Spekulationen sind normale Geschäfte und einträgliche dazu, wenn man es versteht."
"Und Sie haben ihm dabei noch einige, wie Sie es nennen, Freundschaftsdienste erwiesen?"
Frohner bestätigte das.
"Aber es war doch nicht Willis Geld", fuhr Lisa auf. "Das war doch kriminell, was er da getan hat. Und Sie haben ihm zugeraten?"
Frohner blieb souverän. "Manchmal habe ich ihm auch abgeraten."
"Aber wenn ein paar Geschäfte schiefgegangen wären?"
"Wir hatten meist Glück, besser gesagt, wir hatten ein Gespür für den Markt."
"Wieso wir?"
"Ich will offen zu Ihnen sein, Lisa. Ich habe Ihren Vater über all die Jahre beraten und habe dafür zehn Prozent von seinen Gewinnen eingenommen. Das war eine klare Abmachung zwischen ihm und mir."
"Mister Zehnprozent", rutschte es Lisa heraus.
Frohner hob die Augenbrauen. "Wenn Sie so wollen, ja."
"Mein Vater war also ein Spieler", sagte Lisa. "Das enttäuscht mich."
"Ihr Vater war kein Spieler. Er konnte in Millionenhöhe Wertpapiere kaufen und damit handeln. Er hat mit Aktien, mit Grundstücken gehandelt, mit Terminpapieren. Willi Meerbusch konnte mit Geld umgehen. Sein Vermögen ist ehrlich erarbeitet."
"Wenn man von den illegalen Anleihen absieht", korrigierte Lisa.
"Wie dem auch sei", sagte Frohner. "Sie werden dieses Vermögen erben. Aber es ist an einen Grundsatz gekoppelt: Sie können es nicht einfach verkaufen, Sie müssen es verwalten. Willis Vermögen ist inzwischen in Unternehmen eingebunden, zum Beispiel in Grundstücke. Ich konnte Ihren Vater davon überzeugen, daß es vorteilhaft sei, jetzt in den neuen Bundesländern zu investieren. Er hat über Gesellschaften, also Schweizer Holdings, die ihm gehören, von der Treuhand eine Reihe Grundstücke gekauft. Das begann schon in der Modrow-Zeit. Willi fing in dieser Zeit auch an, Hotels zu kaufen, nicht die großen; nein, hauptsächlich im Süden, in Thüringen." Frohner schmunzelte. "Er hatte ein Prinzip, er wollte nur noch in eigenen Betten schlafen, egal, in welchem Teil der Erde er sich gerade aufhielt."
"Und Atlantis 21 in Griechenland, gehört das auch ihm?"
"Insgesamt besitzt er in Griechenland vier Hotelanlagen, darunter auch Atlantis 21 auf Kreta. In zwei Jahren soll auf der Insel Gavdos, südlich von Kreta, noch ein weiteres, größeres Hotel gebaut werden."
"Das ist mir alles zuviel", Lisa resignierte. "Muß ich mich jetzt wirklich mit Willis Vermögen beschäftigen?"
"Nicht heute und nicht morgen", erwiderte Frohner. "Ihr Vater hat Vorsorge getroffen. Die reine Vermögenssituation ist geregelt durch Unternehmenskonzepte und langfristige Strategien. Lisa, Sie müssen sich aber darauf vorbereiten, in nicht allzu ferner Zeit in die Vorstandsetagen der Unternehmen einzusteigen. Sie müssen eines Tages mit diesem Geld umgehen. Das können Sie nicht mir überlassen. Ich habe das nur einige Zeit treuhänderisch für Ihren Vater übernommen, und ich werde es so lange weiter tun, bis Sie in der Lage sind, selbst Entscheidungen zu treffen."
"Muß das sein?" fragte sie.
Frohner verneinte. "Ich könnte auch alles in Ihrem Namen verkaufen und Ihnen ein Sparbuch mitgeben. Aber das wäre nicht im Sinne Ihres Vaters. Ich kann Ihnen nur raten: Bringen Sie die Phase der Trauer hinter sich, und lassen Sie Ihre Trauer nicht zu Haß oder Rache werden. Überlassen Sie die Aufklärung des Verbrechens der Polizei."
Der Tee war kalt geworden. Die Sonne stand tief und tauchte das Häusermeer in ein warmes goldgelbes Licht, das von Minute zu Minute mehr ins Rot wechselte. Die feinen Staubpartikel in der Luft brachen die Strahlen der Sonne, so daß über dem Horizont ein violetter Nebel schwebte. Ein Vergnügungsdampfer glitt am Hotel vorbei. Die Lichterketten spiegelten sich im ruhigen Wasser des Nils.
"Herr Frohner", Lisa korrigierte sich, "Küde, ich habe nicht gewußt, daß mein Vater einen so sympathischen Freund hatte."
Frohner wollte abwehren, doch Lisa sagte: "Ich möchte mich bei Ihnen bedanken ... für alles ..." Sie schaute aus dem Fenster. Dann kamen die Tränen.
Auf dem Gang wurde es laut. Jemand klopfte heftig an die Tür. Frohner öffnete. Christoph trug Herbert ins Zimmer.
Lisa schrie vor Schreck auf. Ihr Großvater war übel zugerichtet: Schrammen am Kopf, der Anzug zerrissen und an den Knien Flecken und Dreiangel, die offenbar von einem Sturz herrührten. Christoph sah nicht viel besser aus, nur daß er im Gegensatz zu Herbert nüchtern war. Frohner half ihm, den lallenden Alten ins Nebenzimmer zu tragen.
Nachdem sich Christoph gewaschen hatte, kam er an den Tisch. Er berichtete, daß er immer zehn Meter hinter Herbert geblieben sei, weil der sich beschwert habe, er brauche keinen Wachhund. "Dann ist er in ein Bordell gegangen", erzählte Christoph. "Das hat er ja schon früher gemacht, ist mir nicht neu ..."
"Ins Bordell?" fragte Lisa entgeistert. "Und das ist Ihnen nicht neu?"
Christoph und Frohner mußten lachen.
Christoph erzählte: "Ich wußte nur nicht, daß er achttausend ägyptische Pfund bei sich hatte. Die im Bordell haben ihn gefleddert. Ich habe sofort die Polizei geholt, aber wir konnten nur noch zweitausend sicherstellen." Er legte ein Bündel Scheine auf den Tisch.
"Mein Opa und Bordell", sagte Lisa kopfschüttelnd.
"Tja", machte Frohner und grinste. "Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis."
Sie zitierte den Lieblingsspruch ihres Großvaters: "Ich habe Arbeitslager, Sibirien und den Stalinisten Ulbricht überstanden. Was soll's also?"
Frohner lachte, als hätte Lisa einen Witz erzählt. "Ich hoffe, Sie haben kein Bargeld dabei?"
"Jedenfalls nicht in den Mengen wie Herbert", versicherte Lisa.
Frohner griff in sein Jackett. "Ich habe eine Scheckkarte für Sie anfertigen lassen. Es ist ein Konto bei der Hypobank in Deutschland. Ich lasse Ihnen in unregelmäßigen Abständen Geld überweisen. Keine nennenswerten Beträge, also unter fünftausend Mark monatlich, die als Beratungshonorar verbucht werden."
"Und wen berate ich da?"
"Unter Beratung versteht man vieles und nichts", meinte Frohner. Dann rief er die Rezeption des Hotels an und verlangte einen Arzt für Herbert.
"Wozu einen Arzt?" fragte Lisa.
"Herbert soll sich ausruhen", verlangte Frohner kategorisch. "Bei dem Gespräch mit dem Polizeibeamten nachher brauchen wir ihn nicht."
"Sie haben Angst, mein Opa benimmt sich nicht?" fragte sie.
Frohner ging darauf nicht ein. "Ich schlage vor, Sie machen sich in Ihrem Zimmer noch ein bißchen frisch. Und um sieben treffen wir uns hier."
Bevor sie ging, sagte sie: "Ich glaube, ich habe heute einen Freund gefunden."
Lisa erkannte die Suite kaum wieder, als sie kurz vor sieben Uhr wiederkam. In der Mitte stand eine gedeckte, mit Blüten geschmückte Tafel, daneben in Reichweite ein Barwagen.
Der Polizeibeamte kam in Zivil und in Begleitung dreier Männer: schwarze Anzüge, millimeterkurzes Haar, breite Rücken, die Oberschenkel so muskulös, daß sie die Füße nicht nebeneinanderstellen konnten. Breitbeinig bauten sie sich hinter ihrem Vorgesetzten auf, der im Gegensatz zu seinen Bodyguards zierlich wirkte. Doch er war ein großer, schlanker Mann, hatte die dunkle Haut von Ägyptern, aber keine gebogene Nase. Europäisches Blut hatte sich wohl mit dem ägyptischen der Familie irgendwann einmal vermischt. Doch die dunklen tiefen Augen waren ihm geblieben.
Der Polizeibeamte hieß Gafaar Amun. Er sprach recht gut Deutsch und behauptete, er sei einmal mit einer Schwedin verheiratet gewesen. Lisa wehrte sich gegen das Vorurteil, daß für alle arabischen Männer blonde Frauen das höchste Glück seien. Aber Nastassja Kinski war schließlich auch mit einem Ägypter verheiratet, dachte Lisa. Sie saß neben ihm, und er versäumte keine Gelegenheit, Lisas Arm oder ihre Schulter zu berühren. Frohners warnenden Blicks wegen duldete sie die Anzüglichkeiten. Gafaar Amun vertrug eine Menge Whisky, er kippte ihn wie Wasser hinunter.
Frohner hatte europäisches Essen bestellt. Er wollte kein Risiko eingehen, denn er wußte nicht, ob Lisa die ägyptische Küche vertragen würde. Lisa fand das sehr rücksichtsvoll, aber wenn sie ein fremdes Land bereiste, wollte sie auch die einheimische Küche kennenlernen. Gafaar Amun bestellte Amar Aldine. "Das müssen Sie gekostet haben." Der Kellner brachte ein Tablett mit verschiedenen Nachspeisen. Neben Sorbets und in Öl gebackenen, von Honig triefenden Mandelküchlein reichte Gafaar Amun ihr einen Aprikosenmus: "Es ist der Mond unserer Religion."
Es ging auf elf Uhr zu, Lisa war angetrunken, weil Gafaar Amun ein um das andere Mal darauf bestanden hatte, mit der deutschen Frau anzustoßen. Lisa konnte ihr Gähnen nur schwer unterdrücken. Auf Willis Tod war noch niemand zu sprechen gekommen. Gafaar Amun stand auf. Als er sie am Arm packte, war sie mit einem Mal hellwach. Er führte sie zum Fenster, schob die Gardine zurück und öffnete es. Kühle Nachtluft zog durchs Zimmer.
"Ist das nicht wunderschön?" schwärmte Gafaar Amun. Er zeigte auf die Leuchtfontäne, die direkt unter ihnen, zwischen den Inseln Rodah und Gezira, hoch aufschoß. "Wunderschön", sagte Lisa, aber sie dachte an Willi.
Ohne Vorrede kam Gafaar Amun zum geschäftlichen Teil. Er winkte einem seiner Männer, der ihm einen Aktenkoffer überreichte, aus dem er verschiedene Papiere und Fotos hervorholte.
Einzeln legte er sie vor Lisa hin. Lisa betrachtete die grobkörnigen Fotos, auf welchen Willis Jacht und am Kai fünf Leute zu sehen waren. Trotz der unscharfen Gesichter erkannte sie Eva Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder, Siegfried Kretschmar, Peter Schmidt und Dieter Hugosch, der sie ja vor knapp zwei Wochen in Griechenland verfolgt hatte und dort sicher noch im Gefängnis saß. Aus den Akten wußte sie, wie Willis Kollegen mit achtzehn und mit fünfundzwanzig Jahren ausgesehen hatten, und wie sie heute aussahen. Die Informationen über diese fünf Leute stammten aus Willis Datenbank, wo sie mit deutscher Akribie gesammelt worden waren.
"Nun, erkennen Sie jemanden auf den Fotos?" fragte Gafaar Amun. Alle Galanterie war aus seiner Stimme verschwunden.
Lisa nickte. "Ich erkenne meinen Vater", sagte sie. "Und seinen Bootsmann Manusso. Der war Grieche."
"Und die anderen?" fragte er streng.
Lisa wußte nicht genau, warum, aber sie sagte: "Nein, die anderen kenne ich nicht."
In diesem Augenblick faßte sie entgegen Frohners Ermahnung den Entschluß, die fünf Leute auf eigene Faust zu suchen. Niemand anderes konnte Willi umgebracht haben. Lisa haßte diese fünf. Und dieser Haß erfüllte sie beinahe mit Genugtuung.
Frohner sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. Lisa beteuerte noch einmal, jetzt jedes ihrer Worte betonend, daß sie die fünf noch nie gesehen habe.
Sie überlegte, wie der Segeljachtfotograf solche unscharfen Bilder zu Postkarten machen konnte.
"Das sind Bilder, die Touristen gemacht haben", erklärte Gafaar Amun. "Wie sagt man in Deutschland? Kommissar Zufall kommt zu Hilfe." Er lachte wie über einen guten Witz.
"Kann ich die Fotos behalten?" fragte Lisa. Frohner hatte sie angewiesen, sich zurückzuhalten, aber der Alkohol gab ihr den Mut zu dieser Bitte.
Gafaar Amun sah sie erstaunt an. Frohner kniff die Lippen zusammen.
Lisa fügte hinzu: "Wissen Sie, das sind wahrscheinlich die letzten Bilder von meinem Vater. Verstehen Sie? Ich möchte einfach ... "
Der Polizeibeamte Gafaar Amun händigte ihr die Fotos aus.

9. Kapitel