Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
Lange nicht gesehen
7. KAPITEL
Eine Redaktionskonferenz
250 Tage deutscher Einheit
"Töchterchen!" rief Elke, die über den Flur der
Redaktion zum Konferenzraum kam. Auf dem Korridor herrschte reges Treiben,
Nervosität wie vor einer Klassenarbeit. Redakteure versorgten sich am
Automaten mit Kaffee oder Cola, andere debattierten über die neueste
Ausgabe der Zeitschrift, deren Andruckexemplare kurz zuvor verteilt worden
waren.
Lisa blickte in das gestreßte Gesicht ihrer Mutter. Die
Kretabräune konnte die bläulichen Schatten unter ihren geröteten
Augen nicht verbergen. "Du kommst leider ungelegen", bedauerte Elke.
"Jetzt haben wir unseren Jour fixe."
Die Redakteure der Illustrierten eilten über den Gang. Es war Viertel
nach drei. Lisa begleitete ihre Mutter zur gläsernen Tür. Einige
Kollegen hatten sich Plätze in den vorderen Reihen mit ihren Unterlagen
reserviert. Auf den Stühlen lagen, rot wie einst die Parteibücher der
SED, Exemplare des Buches von Dr. Hans-Joachim Maaz "Der
Gefühlsstau". In manchen klemmten Notizzettel, andere waren vom Lesen
zerfleddert.
"Ich muß mit dir reden", sagte Lisa. "Eigentlich wollte
ich dich auf einen Kaffee entführen."
Helga, eine Kollegin, legte Lisa den Arm um die Schulter. "Na,
Griechin, seit wann bist du denn wieder im Lande?"
Lisa konnte ihr nicht antworten, denn Karin aus dem Ressort Reise regte sich
auf: "Weißt du, wer die Reise nach Venedig gekriegt hat?" Sie
bedachte Lisa nur mit einem flüchtigen Gruß. "Gaby aus Hamburg.
Typisch. Die ganze Woche sitze ich auf dem Trockenen wie früher und
streiche Agenturberichte zusammen, ich rezensiere Reiseführer zu
Ländern und Städten, die ich nicht kenne, und sauge mir dazu
Bildunterschriften aus den Fingern!"
Die gelöste Urlaubsstimmung, die Lisa bei den Frauen auf Kreta
kennengelernt hatte, war dem alltäglichen Redaktionsstreß gewichen;
als ob sie nie fortgewesen wären.
Alexandra eilte über den Flur. Als sie Lisa entdeckte, hielt sie eine
blaue Mappe wie eine Standarte in die Höhe. Darin waren die Dokumente
über die Internierungslager der Stasi, die sie und Lisa in Willis
Datenbank gefunden hatten. Sie übergab Elke die Mappe. "Du machst das
schon", sprach sie ihr Mut zu.
Elke ging zum Sitzungssaal und blätterte in den Stasiakten. An der
Tür drehte sie sich noch einmal um und rief: "Wir sehen uns nachher,
warte in meinem Büro auf mich!"
Der Konferenzraum füllte sich schnell. Das heutige Thema waren die
Thesen, die der Hallenser Psychotherapeut Maaz über seine ostdeutschen
Landsleute aufgestellt hatte. Keiner der Redakteure wollte fehlen, sogar
Sekretärinnen fanden sich ein.
Lisa holte sich am Automaten einen Kaffee.
Eine Minute nach halb drei betrat Dr. Norden, der
geschäftsführende Redakteur, aufrecht, als hätte er einen Stock
verschluckt, den Konferenzsaal und lief durch den Gang zu den Tischen, die auf
einem Podest standen. Chefredakteur von Holsen folgte ihm. Durch die
Glastür konnte Lisa den Jour fixe beobachten. Da die Tür nicht
richtig schloß, konnte sie hören, was drinnen gesagt wurde. In den
Redaktionsbüros klingelten sich die Telefone heiß.
"Na dann", eröffnete Dr. Norden mit seinem gewinnenden
Lächeln die Konferenz, "auf ein Neues. Herr von Holsen, wie weit sind
Sie mit den Umfragen zu unserer neuen Serie "Deutsche sehen Deutsche"
gekommen?"
Holsen gab die Frage weiter an Semmler neben ihm, den Leiter vom Ressort
Deutschlandpolitik. Semmler legte einen Stapel Zuschriften auf den Tisch.
"Wir haben zirka die Hälfte der Rückantworten aus unserer
Umfrage aus den neuen Bundesländern ausgewertet. Unter den Antworten
schälen sich, abgesehen von einigen unverwüstlichen Vorurteilen,
doch, so scheint mir, signifikante Stereotype heraus. Allerdings ist das Bild,
das die Ostdeutschen von den Westdeutschen haben, hauptsächlich von den
Ereignissen nach dem neunten November neunundachtzig geprägt. Ich
möchte kurz zusammenfassen: Die meisten Vorurteile der Ostdeutschen
basieren auf Informationen aus den Medien, aber sie beruhen auch auf ganz
persönlichen negativen Erfahrungen. Zum Beispiel, wenn
Altbundesbürger unter Umgehung der bürokratischen Vorgaben versuchen,
praktisch mit Faustrecht, in den Besitz von Grundstücken und Häusern
zu gelangen. Es gibt auch Altbundesbürger, die mit ihren Wohnwagen in
ausgewiesene Naturschutzgebiete fahren und statt Geld nur Abfall
zurücklassen. An dritter Stelle kommen soziale Probleme, wie die steigende
Arbeitslosigkeit. Und es wird, man staune, heftig kritisiert, daß in den
Regalen der Supermärkte offenbar traditionelle DDR-Produkte fehlen."
"Ostprodukte, das ist ein Thema für uns", sagte der
geschäftsführende Redakteur Dr. Norden. "Nehmen Sie das bitte
ins Protokoll für die nächste Sitzung auf."
"Den negativen Erfahrungen stehen aber auch positive
gegenüber", fuhr Semmler fort. "Viele neue
Handwerksgemeinschaften zwischen Ost und West arbeiten mit Erfolg zusammen.
Dementsprechend positiv sind auch die Antworten. Wie gesagt, das sind erst die
Antworten aus dem Osten. In den Westen haben wir die Fragebögen ja eine
Woche später verschickt, und es gibt noch keine nennenswerte Anzahl von
Rücksendungen. Aber die Zwischenauswertung Ost wird gerade kopiert und
geht Ihnen allen, meine Damen und Herren, noch heute zu."
Helga, die an der Tür saß, zwinkerte Lisa zu. Plötzlich
stand sie auf und kam nach draußen. "Warum kommst du nicht
rein?" fragte sie.
Lisa lachte. "Das ist doch eine interne Konferenz. Fremde haben da
nichts zu suchen."
"Aber du bist doch nicht fremd", meinte Helga. "Du hast im
letzten Jahr Dutzende von Tonbändern mit Interviews abgeschrieben. Du
gehörst fast zu uns."
"Das gibt doch Ärger", meinte Lisa. "Außerdem kann
ich ja auch von hier aus alles hören."
"Na, wie du meinst." Helga ging wieder hinein.
Holsen hatte die Diskussion über das Buch von Maaz "Der
Gefühlsstau" eingeläutet.
Unruhe kam im Konferenzraum auf. Karin rief: "Die Wessis unter uns
fanden das Buch sicher ganz toll!"
Elke fiel ihr ins Wort: "Und nicht nur die Wessis hier im Raum!"
"Ihrem Gefühlsstau, Frau Meerbusch, können sie gleich freien
Lauf lassen", griff Holsen beschwichtigend ein. "Ich halte das Buch
tatsächlich für ein zeitgemäßes Sachbuch, das in den
Medien umstritten ist, das aber doch einen wertvollen Beitrag zur deutschen
Einheit leistet, sowohl in bezug auf das Selbstverständnis der ehemaligen
DDR-Bürger als auch für die Bürger aus den alten
Bundesländern, die hier wichtige Informationen erhalten."
Elke schrieb ein Zitat von Maaz auf ein Notizblatt: "Jedes Volk hat die
Regierung, die es verdient." Dann verbesserte sie: "Jede Redaktion
hat den Chefredakteur, den sie verdient."
"Ich hoffe, ich provoziere Sie nicht," meldete sich Carsten
Schumann zu Wort, "wenn ich die Diskussion mit der Behauptung
eröffne: Hans-Joachim Maaz will als Psychotherapeut mit seinen Thesen die
Ostdeutschen in Schutz nehmen, ja vielleicht sogar vor uns Wessis entschuldigen
..."
Elke unterbrach ihn gereizt: "Die DDR war keine Irrenanstalt, sondern
eine Diktatur!"
Karin stand auf, was nicht üblich war. "Ich möchte die Thesen
von Herrn Maaz zur psychischen Situation der ehemaligen DDR-Bürger kurz
darlegen. Dieses Werk", sie hob demonstrativ das rote Buch hoch,
"hatte auf mich dieselbe Wirkung wie ein billiger Katastrophenfilm."
Holsen räusperte sich, doch Karin fuhr unbeeindruckt fort: "Herr
Maaz behauptet, das ganze Volk der ehemaligen DDR leide, ich zitiere, 'unter
einer schweren gesellschaftlichen Deformation'."
Karin konnte sich stimmlich kaum gegen das Durcheinander im Saal
durchsetzen. Einige applaudierten und lachten, aber auch Buhrufe wurden laut.
"Im Alltag des real existierenden Sozialismus", redete sie
weiter,"waren die Obrigkeiten, Maaz nennt sie die 'Mächtigen', durch
das Tabu der 'Heiligkeit' geschont, deshalb wurde ihnen gegenüber auch von
den sogenannten 'Mitläufern' eine 'rührige Gläubigkeit'
entgegengebracht. Ansonsten konnte man die Mitläufer in Einkaufsschlangen
stehen sehen, oder als devote Bittsteller bei den Behörden. Auf ihren
Datschen jedoch gaben sie sich dem Alkohol hin, mit dessen Hilfe Kumpanei,
Tratsch und Volkswitze ihre Blüten trieben."
"Sie zitieren noch aus dem Buch, Frau Baumann, hoffe ich?" fragte
der Chefredakteur. Einige Kollegen bejahten lautstark.
"Es kommt noch schlimmer!" ereiferte sich Karin,"nämlich
seine Analyse der Oppositionellen. Sie waren parteilos, und die Motive für
ihr Andersdenken ortet Maaz ursprünglich im aggressiven Potential gegen
die Eltern. In seinem Psychogramm lobt er die Oppositionellen in ihrem
öffentlichen Protest, aber irgendwie habe sie ihr Handeln doch krank
gemacht. Einige sollen sogar Patienten des Autors gewesen sein. Ausreisende und
Flüchtende waren vom 'Ausreisesyndrom' befallen, oft frustriert vom
DDR-Mangel, aber um so mehr geblendet von ihren 'Projektionen des
bundesrepublikanischen Wohlstandes'. Im Maazschen Patientensortiment finden wir
dann noch die Utopisten, die als Sprachrohr der Unterdrückten,
Tabuisierten und Verdrängten agierten. Hauptsächlich rekrutierten sie
sich aus Schriftstellern, Liedermachern, Film- und Theaterautoren, bildenden
Künstlern, Theologen und, last not least, Psychotherapeuten."
Dr. Norden wollte Karin unterbrechen.
"Herr Dr. Norden, noch einen Moment Geduld. Die restlichen Darsteller
sind bei Maaz die sogenannten 'Hinterbliebenen'", einige Redakteure
lachten, "die alle nach der Ausreise ihrer Bekannten und Freunde 'Opfer
unbewältigter Probleme' wurden. Diese Ausführungen sehen Sie, Herr
von Holsen, bitte als Einstieg an zu unserem Disput." Karin setzte sich.
Sie wischte sich über die Stirn und die rotgefleckten Wangen. Alexandra
applaudierte, einige fielen in den Beifall ein.
"Mal abgesehen von diesen psychologischen Termini", sagte Holsen,
"gibt Maaz meiner Meinung nach doch eine gute Interpretation der Krise,
die zum Umsturz führte."
"Jede Diktatur hinterläßt Folgen", meinte Semmler.
"Dieser These müssen Sie doch zustimmen."
"Maaz stützt seine These von der Deformation des Volkes aber
einzig auf den Stau der Gefühle", rief Karin. "Das geht schon in
der Kindheit los, wenn die Mutter dem Kind, das sich das Knie aufgeschlagen
hat, ein Bonbon gibt, damit es nicht weint; das Kind muß also seine
Gefühle unterdrücken, darf sie nicht ausleben."
"Komisch, ich bin auch streng erzogen worden", sagte Isolde
Brenningmeyer, "in einem katholischen Elternhaus in Köln, aber ich
fühle mich keineswegs deformiert." Gelächter.
"Der DDR-Bürger hätte sich laut Maaz minderwertig
gefühlt", sagte Karin. "Er sah sich als Versager und war damit
der völlig gefügige Untertan, der durch das bisherige Meinungsmonopol
auch noch verblödet wurde. Und das ist meiner Meinung nach schlichtweg
falsch."
Niklas, ein Grafiker, stand auf und winkte, den Kopf wie eine Puppe
wackelnd, mit steifen Fingern aus dem angewinkelten Arm heraus. Die Redakteure
verstanden die Anspielung auf den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden, und
Alexandra skandierte: "Ess Eh De - KapedeEssUh!"
Lisa war auf dem Flur warm geworden. In was für ein Deutschland bin ich
da zurückgekommen? dachte sie. Ich hätte besser auf Kreta bleiben
sollen, wo sich keiner der Dorfbewohner dafür interessiert hat, aus
welchem Teil Deutschlands ich komme. Die Kluft zwischen Ost und West scheint
immer größer zu werden. Wie die Redakteure sich gegenseitig
anfetzen. Dabei wollte ich mit Elke über Willis Beerdigung reden.
Die Redakteure im Saal redeten wild durcheinander. Das Klingen des
Kugelschreibers am Glas ging im Lärm unter. Dr. Norden streckte für
alle sichtbar den Arm, um auf seine Uhr zu sehen.
Als sich die Unruhe gelegt hatte, sagte Elke: "Herr von Holsen, Sie
haben den Vorschlag unterbreitet, in unserer Zeitschrift ein Porträt von
Herrn Maaz zu bringen. Ich bin strikt dagegen. Maaz skizziert ein von
Vorurteilen und Klischees wimmelndes Bild vom Ostdeutschen, das einfach nicht
der Wahrheit entspricht. Ich empfinde dieses Buch als persönliche
Beleidigung und als Beleidigung aller ehemaligen DDR-Bürger. Das Buch ist
auf dem Markt, leider Gottes in einer hohen Auflage, und es wird
öffentlich diskutiert. Das reicht, finde ich. Ich bin dagegen, in unserem
Blatt den Thesen von Maaz Vorschub zu leisten."
"Das hindert uns nicht", wandte der Chefredakteur ein, "uns
kritisch mit dem Buch auseinanderzusetzen."
"Wissen Sie", sagte Helga gereizt, "nach den ersten zehn
Seiten dieses Machwerkes habe ich meinen Gefühlen mal freien Lauf
gelassen: Ich habe das Buch in die Ecke gefeuert. Wir sollten uns gegen solche
lächerliche Vorurteile einsetzen. Und Maaz' Thesen sind nicht nur
lächerlich. Sie sind diffamierend. Ich lasse nicht auf mir sitzen,
daß ich gehemmt oder zwanghaft sein soll!"
"Maaz hat doch nur versucht", lenkte Winfried Kugler ein,
"die Ursachen dafür zu finden, warum wir uns heute so schwer tun mit
der westlichen Welt. Ich verstehe sein Buch als einen Anfang, unser Leben,
unser Verhalten in der Vergangenheit zu analysieren, die uns schließlich
vierzig Jahre lang geprägt hat. Es werden noch andere Bücher folgen.
Irgendwo muß doch ein Anfang gemacht werden. Ich jedenfalls habe mich
wiedergefunden in dem Buch."
"Dann kannst du dich ja gleich bei dem Maaz auf die Couch legen",
platzte Julia dazwischen.
"Warum?" fragte Kugler. "Es geht um unsere Zukunft. Und
gerade deshalb müssen wir heute erst einmal klären, was mit uns los
ist. Die Vergangenheit steckt uns noch zu sehr in den Knochen. Es geht um die
Aufarbeitung unserer jüngsten Geschichte."
"Was willst du damit sagen?" unterbrach Alexandra ihn.
"Ich meine, dieses Buch hat mir vieles klargemacht. Ist es nicht
absurd, daß neunundneunzig Prozent der DDR-Bürger zur Wahl gegangen
sind? Es ist doch logisch, wie Maaz schreibt, daß ein Volk die Regierung
hat, die es verdient."
Im Konferenzraum wurde es wieder laut. Elke blieb gefaßt. Alexandra
zeigte auf Elkes Notiz.
"Willst du uns jetzt Kollektivschuld einreden?" fragte sie.
"Wie man das nach fünfundvierzig in Westdeutschland gemacht
hat?"
"Du sei mal ganz still, Winfried", rief Julia. "Du hast doch
immer geschwiegen, wenn es brenzlig wurde! Du sitzt genau richtig da oben bei
den westdeutschen Kollegen!"
"Ich glaube nicht, daß ich Kohl verdient habe, denn ich habe ihn
nicht gewählt", sagte eine junge Redakteurin.
"Es gibt immer Leute, die nicht untergehen", meinte Alexandra
mokant.
Holsen griff wieder ein: "Meine Damen und Herren, wir sitzen hier nicht
im Bierzelt."
Die Redakteure beruhigten sich. Dr. Nordens Lächeln wirkte
gequält.
"Von Deformation zu reden, ist im Augenblick, da wir nichts dringender
brauchen als Selbstbewußtsein, skandalös", sagte Helga.
"Wo langsam Hoffnung für die Zukunft keimt, da kommt ein Autor mit
seiner medizinischen Autorität und macht alles kaputt."
"Mich macht so wütend", sagte Julia, "daß ein Ossi
die Vorurteile, die der Wessi sowieso gegen den Ossi hegt, noch
bekräftigt."
"Das heißt doch", rief Elke, "ich kann als Journalistin
noch so gut sein, aber in Ihren Augen, Herr von Holsen, bin ich
deformiert."
"Ich muß Sie um etwas mehr Sachlichkeit bitten, Frau
Meerbusch", bremste er sie.
"Wir müßten nicht so zäh für unsere Themen
kämpfen", beharrte Elke, "wenn Sie als Westdeutscher ein anderes
Bild von uns hätten."
"Richtig", rief ein Kollege von hinten, andere klatschten.
Holsen lachte und sagte: "Ich arbeite schon eine Weile mit Ihnen
zusammen, und ich gestehe, ich habe meine Meinung, die ich von den Ostdeutschen
hatte, sehr rasch revidiert. Zumindest was unser Team betrifft."
Isolde Brenningmeyer meldete sich zu Wort: "Wenn wir Deformation
aufgrund unterdrückter Gefühle einmal nicht als Krankheit betrachten,
sondern als gesellschaftliche Erscheinung, dann muß ich zugeben,
daß wir in der bundesrepublikanischen Gesellschaft viel schlimmere
Symptome von psychischer Deformation haben als hier." Einige klatschten.
"Wie meinen Sie das?" fragte Dr. Norden irritiert.
"Die Unterdrückung von Gefühlen kennzeichnet jede
Leistungsgesellschaft. Das ist seit Sigmund Freud bekannt, Leistung durch
Lustverzicht. Da unsere Gesellschaft mehr Leistungsgesellschaft war als die
kommunistische, müssen die Menschen in der Bundesrepublik folglich
entsprechend deformierter sein." Isolde genoß das Lachen der
Kollegen. Dr. Norden lachte nicht.
Sie fuhr fort: "Im Grunde verkauft Herr Maaz alten Wein in alten
Schläuchen, und gepanschten noch dazu."
"Ich hatte immer einen gesunden Menschenverstand", sagte Helga
ernst. "Ich habe früher auch meine Meinung gesagt und mir damit ein
Parteiverfahren eingehandelt. Ich war und bin für vieles, was in der DDR
geschaffen wurde, auch heute noch. Das meine ich ganz ehrlich. Aber vielleicht
ist ja Ehrlichkeit die Vorstufe zur Deformation?"
"Die jetzige Situation in der ehemaligen DDR wird gern verglichen mit
der Situation bei uns nach dem Krieg", sagte Schumann. "Aber ich sehe
einen gewaltigen Unterschied. Die nationalsozialistische Verirrung dauerte nur
zwölf Jahre, während die sozialistische ein halbes Menschenleben lang
währte. Ich sehe den Begriff Deformierung in diesem Zusammenhang. Die
DDR-Leute hatten gar keine Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. Die DDR war
von Anfang an ein totalitäres System, das konsequent die Intelligenz
gebrochen und die Handwerker und Bauern in den Fünfzigern vertrieben
hatte. Wer etwas vom Leben erwartete und halbwegs helle war, wie der Berliner
sagt, der hat dem Staat den Rücken gekehrt, und zwar rechtzeitig."
"Und die Dagebliebenen sind nun die Idioten?" fragte Helga scharf.
"Oder wie bezeichnen Sie diejenigen, die dageblieben sind und die
Revolution gemacht haben?"
"Das sind die mit dem Hierbleibesyndrom", witzelte Alexandra.
"Es ist doch unbestritten so", Schumann ließ sich nicht aus
der Ruhe bringen, "wenn man heute das Erbe Hitlers mit dem Stalins
vergleicht, wird ein verhältnismäßig kleiner Unterschied
offenbar: Der Stalinist Honecker hat zwar kein Auschwitz hinterlassen, aber
seine Partei hat mit ihrer Ideologisierung alle Lebensbereiche, Bildung,
Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, beeinflußt, also deformiert."
"Und den sexuellen Bereich", provozierte Alexandra. "Herr
Schumann sagte doch, alle Lebensbereiche, dann gehört das Intimleben auch
dazu. Also meldet euch mal, wer im Bett 'Vorwärts zu größeren
Leistungen' gestöhnt hat!" Die Kollegen lachten.
Doch Helga blieb ernst, als sie sagte: "Herr Schumann, Sie reden von
uns wie von willenlosen Kreaturen."
"So kraß würde ich das nie ausdrücken",
widersprach er. "Aber es ist doch objektiv so ..."
"Gar nichts ist objektiv so", unterbrach ihn Helga, "wie
können Sie sich ein Urteil über die Ostdeutschen erlauben? Waren Sie
einmal mit uns in der Kneipe? Haben Sie jemals mit einem von uns ein
persönliches Wort gewechselt?"
Elke mischte sich ein: "Er ist ja von Herrn Maaz perfekt bedient
worden."
"Es ist doch klar, daß sich die Menschen im Osten über die
Westler beschweren", rief Alexandra. "Die Westdeutschen führen
sich bei uns auf wie in einer Kolonie!"
"Aber eine Kolonie muß man sich auch leisten können",
sagte Helga zynisch. "Aus welchem Grunde sitzen bei uns nur Westdeutsche
da vorn im Präsidium? Entschuldige, Winfried, aber du scheinst der
Vorzeige-Ossi zu sein. Ihr kamt hierher und wolltet uns beratend begleiten; das
sind Ihre eigenen Worte, Herr von Holsen." Der Chefredakteur nickte, und
Helga fuhr fort: "Das war ein toller Ansatz. Aber aus der Beratung wird
oft eine Bevormundung. Sie dampfen unsere Artikel einfach ein, um, wie Sie
sagen, die Geschichten vor allem optisch zu erzählen. Sie sehen in uns
keine perfekten Journalisten. Sie würden uns am liebsten den Journalismus
neu beibringen. Aber dabei vergessen Sie, für wen hier die Zeitung gemacht
wird, nämlich für Leute wie uns. Wir kennen unsere Leser besser als
Sie, und das schon seit Jahren, denn wir leben mit ihnen."
Holsen versuchte abzuwiegeln: "Ich habe das Buch nicht als
Verherrlichung des Westens im Gegensatz zum Osten verstanden. Maaz sagt,
daß die DDR ein repressives System war, aber er sagt nicht, daß die
westliche Gesellschaft der heilige Gral sei. Ich denke, daß die
Diskussion in eine Richtung abdriftet, die uns nicht weiterbringt."
Erika meldete sich zu Wort:
"Unsere Zeitschrift wird hauptsächlich von Ostdeutschen
gekauft, die bei uns Lösungen für ihre Probleme suchen. Wenn wir Maaz
popularisieren, verstärken wir die Unsicherheit. Das kann nicht unser Ziel
sein."
"Gut", sagte Helga, "konfrontieren wir doch diesen Mann, der
vermeintlich mehrere tausend Patienten hatte, mit einigen von ihnen und
entwickeln sein Porträt aus der Perspektive der Patienten heraus ..."
Dr. Norden unterbrach sie: "Wir sind aber keine psychologische
Fachzeitschrift."
"Kommen wir also zum Schluß und damit zurück auf den Boden
unserer täglichen Arbeit", intervenierte Holsen. "Ich denke,
daß die Diskussion sehr anregend war. Unsere Aufgabe ist es, wie Sie
richtig sagten, die Welt zu beschreiben. Unsere Aufgabe ist auch, die Leser zu
informieren und zu unterhalten. Ich hoffe, daß diese Diskussion nicht zu
Ende ist. Ich erwarte von Ihnen bis übermorgen Vorschläge, wie wir
das Thema angehen. Damit möchte ich diesen Jour fixe beenden."
"Noch nicht", sagte Elke und kam nach vorn. Dr. Norden und Holsen
sahen sie verwirrt an, die Redakteure murmelten.
Lisa sah, wie Alexandra ihrer Freundin die Daumen drückte.
Elke legte die blaue Mappe auf den Tisch vor Holsen und breitete die
Dokumente vor Holsen und Dr. Norden aus. "Seit dem Aufstand vom
siebzehnten Juni dreiundfünfzig liebäugelten die Regierenden in der
DDR damit, Internierungslager zu errichten und dort unbequeme
Staatsbürger, wie auch immer man unbequem definiert hat, zu isolieren.
Seit siebenundsechzig gibt es aus dem Ministerium für Staatssicherheit
detaillierte Pläne und Direktiven zur Errichtung dieser sogenannten
Vorbeugekomplexe. Seit einundachtzig, als die Werftarbeiter in Polen gestreikt
haben, wurden diese Pläne für den Ernstfall in der DDR aktualisiert,
so daß binnen sechzehn Stunden nach Verhängung eines
Ausnahmezustandes schlagartig die erste Staffel von Bürgern hätte
festgenommen und nach einem Schnellverfahren interniert werden können.
Erschreckenderweise ähneln die Lagerpläne denen der KZs von
Buchenwald oder Sachsenhausen. Es gab sogar schon hektographierte Haftbefehle,
die wir vorlegen könnten. In den Internierungslagern sollten tägliche
Zählappelle stattfinden, die Internierten sollten durch Arbeit eine Art
Umerziehung erfahren, es sollten unter den Häftlingen sogenannte
Verwahrraumälteste ernannt werden, die, wenn ein Angehöriger des
Isolierungsobjektes den Verwahrraum betrat, 'Achtung!' zu rufen und Meldung zu
machen hätten."
Im Konferenzraum war es still geworden. Nur Dr. Nordens Räuspern
durchbrach die Stille. "Also, Frau Meerbusch", sagte er und atmete
hörbar, "das ist eine ungeheuerliche Geschichte, und wenn das wahr
ist ..."
"Das ist wahr", unterbrach Semmler. "Ich habe auch schon von
diesen Lagern gehört, aber bis jetzt hat sich keine Redaktion getraut,
dieses Thema aufzugreifen."
"Ich weiß nicht", sagte Dr. Norden verunsichert, "aber
man müßte diese ganze Geschichte erst einmal bei der
Gauckbehörde irgendwie abklopfen und wasserdicht machen ... Was meinen
Sie, Herr von Holsen?"
Der räusperte sich ebenfalls, ehe er sprach. "Ihr Engagement in
allen Ehren, Frau Meerbusch, aber finden Sie nicht auch, daß diese
Geschichte eine Nummer zu groß für uns ist?"
"Ganz und gar nicht", sagte Elke. "Ich habe hier die Beweise.
Und wie Sie an den Unterschriften auf den Dokumenten unschwer erkennen
können, haben viele Staatsmänner, die von der Wende nach oben
gespült wurden, davon gewußt und bis vor einem Jahr noch ihr
Süppchen weitergekocht. Der hier zum Beispiel wußte auch davon;
nachdem er Honecker Mitte Oktober neunundachtzig abgesäbelt und diese
bekloppte Rede gehalten hatte, in der er sagte: Wir haben die Wende
eingeläutet. Der hat auch von den Lagern gewußt und nichts dagegen
unternommen. Das muß öffentlich gemacht werden!"
Die Herren im Präsidium waren unschlüssig. "Ist das nicht zu
heiß?" fragte Dr. Norden.
Alexandra schritt ein: "Hat denn keiner gehört, was Elke da eben
gesagt hat? Menschenskind! Wir sind hier in Deutschland, und Deutschland hatte
solche Lager schon einmal. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das
kroch! Wir haben eine Verantwortung zu tragen! Wir müssen mit unserer
Geschichte umgehen, sie aufarbeiten, und diese Lager gehören, verdammt
noch mal, dazu!"
"Jetzt werden Sie aber ausfallend", mahnte Dr. Norden. "Sie
werden doch einsehen, daß so eine Geschichte eingehend geprüft
werden muß. Andernfalls halsen wir uns eine Menge Prozesse auf."
"Warum sagt denn von euch niemand etwas?" wandte sie sich
verzweifelt an die anderen Kollegen.
"Ich glaube", würgte Dr. Norden eine Diskussion ab, "wir
sollten uns alle dieses Thema noch einmal überlegen. Frau Meerbusch, bitte
nehmen Sie die Dokumente wieder an sich. Tja, es ist spät geworden."
Er wollte noch etwas sagen, doch dann stand er auf und verließ den
Konferenzsaal. Als er an Lisa auf dem Flur vorbeilief, zwang er sich zu einem
Kopfnicken.
Die Redakteure kamen auch heraus. Einige unterhielten sich leise. Der
Kaffeeautomat zischte.
Niedergeschlagen lief Elke über den Flur. Alexandra war wütend.
Sie versuchte auf die Kollegen einzureden. Doch die wiegelten ab.
Lisa lud Elke und Alexandra in ein nahes Café ein.
"Weshalb wolltest du mit mir reden?" fragte Elke ihre Tochter.
"Ich wollte dir eigentlich nur sagen, daß du dich um Willis
Beerdigung nicht kümmern mußt. Ich werde das alles übernehmen
mit der Identifizierung in Kairo."
"Das ist lieb von dir", sagte Elke matt. Sie starrte in ihr
Cognacglas. "Mein Willi ..." Plötzlich fing sie an zu weinen.
"Es tut mir leid", tröstete Alexandra ihre Freundin.
"Was?" fragte Elke völlig abwesend.
"Daß ich dich überredet habe, die Geschichte
vorzutragen."
Elke schaute sie an. "Nein", sagte sie. "Ich bin dir dankbar
dafür. Endlich weiß ich, mit welchem Schlag Menschen ich
zusammenarbeite."
8. Kapitel