Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

6. KAPITEL

Ein OibE wechselt die Fronten
11 078 Tage vor der deutschen Vereinigung

Dr. Helmut Sauer, der Dozent für operative Psychologie im Ministerium für Staatssicherheit, sollte sich am vierten Juni neunzehnhundertsechzig Punkt zwölf Uhr auf Anweisung von Manfred Kronbecher in München mit einem Kontaktmann treffen. Für den Fall, daß einer von beiden verhindert sei, war vereinbart, sich alle fünfundzwanzig Stunden am selben Ort einzufinden.
Es war nicht ungewöhnlich für Dr. Helmut Sauer, daß der Kontaktmann zum ersten Termin nicht erschien. Ja, er war sogar froh darüber, denn er wollte die freie Zeit am Starnberger See verbringen.
Von diesem Ausflug kehrte er nicht in die DDR zurück.
Tage später begannen unter Manfred Kronbechers Leitung Nachforschungen über den Verbleib Dr. Sauers. Die routinemäßigen Recherchen bei allen Personen aus Sauers Umfeld brachten keine brauchbaren Hinweise. Sauer war auch nicht wieder in die DDR eingereist. In der Pension am Starnberger See, in der Sauer gewöhnlich zu übernachten pflegte, war er nicht angekommen. Man recherchierte vorsichtig bei der Verkehrspolizei, in Krankenhäusern, beim Landeseinwohneramt, in Hotels und Kneipen. Dr. Helmut Sauer blieb verschwunden.
Für Kronbecher gab es nur drei Möglichkeiten: Sauer war von einem westlichen Geheimdienst gekidnappt worden und jetzt entweder tot, oder er hatte gesungen. Oder er hatte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und war freiwillig zu einem westlichen Geheimdienst übergelaufen, mit all seinem Wissen über Strukturen, Methoden und Aktionen des Staatssicherheitsdienstes. Oder aber Sauer hatte schlicht und einfach einen tödlichen Unfall.
Die dritte Möglichkeit fiel nach den ersten Recherchen aus, denn es gab in keinem bayrischen Krankenhaus ein nicht identifiziertes Unfallopfer. Wenn Sauer tot war, dann war ihm sowieso nicht mehr zu helfen. Blieben also nur zwei Möglichkeiten übrig: Sauer hatte sein Land entweder unter Druck oder freiwillig verraten. Denn wenn er noch lebt, dachte Kronbecher, und auf der richtigen Seite steht, dann hätte er mir auf welchem Wege auch immer eine Nachricht zukommen lassen.
In den folgenden Wochen häuften sich die Nachrichten über aufgeflogene DDR-Agenten in der ganzen Bundesrepublik. Kronbecher mußte zusehen, wie sein Lebenswerk zerstört wurde. Sein Verdacht, Sauer habe sich mit dem Klassenfeind arrangiert, erhärtete sich mit jedem Tag, der während der Suche nach Dr. Sauer ergebnislos verstrich.
Die Nachforschungen wurden auf Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz ausgeweitet. Aber auch hier blieben sie erfolglos. Monatelang.
Erst zwischen Weihnachten und Silvester meldete sich Eva Schmiedinger telefonisch in Kronbechers Büro. "Wir haben ihn", sagte sie.
"Morgen abend in der Blockhütte", ordnete Kronbecher an und legte auf. Er freute sich, wieder einmal konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.
Noch in der Nacht fuhr er mit seinem Dienstwagen, einem Wolga, in den kleinen Thüringer Ort Fischbach. Im Blockhaus bereitete er am nächsten Tag alles für ein verspätetes Weihnachtsfest mit seiner Geliebten vor. Er heizte die Sauna, kaufte ein, holte Holz für den Kamin und bestellte im Forstamt eine abgehangene und in Rotwein eingelegte Wildschweinkeule. Mittags holte er Eva Schmiedinger vom Erfurter Hauptbahnhof ab.
Aus ihrer Handtasche zog sie Fotos hervor, die sie auf dem Christkindlmarkt in Nürnberg gemacht hatte. Manfred warf beim Fahren einen flüchtigen Blick darauf und nickte.
"Ich kenne den Sauer ja nur von Fotos her", gab Eva Schmiedinger zu bedenken.
"Was hast du in Nürnberg gesucht?" fragte Kronbecher unversehens.
Sie lächelte. "Ich habe für dich ein Geschenk gekauft."
Auf Kronbechers Betreiben hin war Eva Schmiedinger Reisekader für den besonderen Einsatz geworden. Bisher beschränkte sich ihr Einsatzgebiet auf Botengänge in westliche Kaufhäuser, um die luxuriösen Wünsche der hohen Damen in der Regierung zu erfüllen. Die Suche nach Sauer war ihr erster echter Auslandeinsatz.
Im Blockhaus war es angenehm warm. Das Holz im Kamin knackte. Kronbecher entkorkte eine Flasche Beaujolais Primeur. Er schenkte ein und setzte sich zu ihr auf das Bärenfell vor dem Kamin. "Nun erzähle mal, Eva!"
"Also, auf dem Christkindlmarkt", begann sie, "ich will mir gerade einen Glühwein kaufen, da sehe ich ihn an einer Würstchenbude."
"Wann war das?"
"Am zweiundzwanzigsten."
"Und warum erfahre ich das erst heute?"
Sie tat beleidigt. "Du bist doch derjenige, der uns eingebleut hat, wir sollen Informationen erst mal abklären. Ich brauchte zwei Tage. Und die Fotos mußten auch erst entwickelt werden." Sie rückte ein Stück von ihm weg, nippte am Wein.
"Ist ja schon gut", Kronbecher legte versöhnlich seine Hand auf ihre Schulter und ließ sie langsam in den Rollkragen gleiten. "Weiter", verlangte er.
"Sauer macht ganz auf Familie", berichtete sie. "Eine hübsche Frau hat er sich zugelegt, die hier", sie zeigte auf eines der Fotos, "und das ist ihre kleine Tochter. Ich bin ihnen über den Markt gefolgt. Sie sind dann mit der Straßenbahn bis zum Maffeiplatz gefahren, das ist in Lichtenhöf. Hier, ich habe alles aufgeschrieben. Ein Durchschlag und Abzüge der Fotos sind mit einem Kurier auf dem Weg nach Berlin. Sauer wohnt mit der Frau in der Herwigstraße. An der Klingel stehen zwei Namen: Richter und Hauser."
"Welcher Name gehört zu Sauer?"
"Ich nehme an, Hauser. Der Name wurde handschriftlich auf das Schild geschrieben."
"Hast du eine Ahnung, wo er arbeitet?" fragte Kronbecher.
"Wie soll ich denn das zwischen Weihnachten und Neujahr herausbekommen, Liebling?"
"Ach ja, richtig. Hast gute Arbeit geleistet, Eva! Ist jetzt jemand zur Beobachtung dort?"
"Nicht nötig", erklärte sie. "Wir haben ihn ja. Und er weiß das nicht."
"Hat er ein Auto?"
"Einen Volkswagen. Aber der könnte auch seiner Frau gehören."
"Dieser Idiot", sagte Kronbecher verbittert. "Dieser gottverdammte Idiot!"
Er zog seine Hand aus ihrem Pullover und ging zum Telefon. Karl-Heinz Schröder hatte im Berliner Büro Dienst.
"War der Kurier schon da?" fragte Kronbecher. Schröder erwartete ihn jeden Augenblick. Kronbecher unterrichtete ihn, daß eine Nachricht von Eva dabei sein würde, und er solle alles in die Wege leiten. "Vorerst nur beobachten. Weiter nichts", wies Kronbecher an.
Schröder fragte: "Wo soll ich denn über die Feiertage jemanden herbekommen?"
"Das ist ein Befehl", sagte Kronbecher bestimmt und legte auf. Dann nahm er seiner Geliebten das Weinglas aus der Hand und legte sie sanft auf das Bärenfell.
 
Am zehnten Januar des neuen Jahres studierte Kronbecher in seinem Berliner Büro die Beobachtungsprotokolle der Posten in der Nürnberger Herwigstraße. Hauser verließ werktags sieben Uhr fünfundvierzig mit der Frau und dem Kind die Wohnung und steuerte den Volkswagen zuerst in die Innenstadt, wo das Kind bei einer Tagesmutter abgegeben wurde, dann weiter zum Redaktionsgebäude der Nürnberger Nachrichten. Dort stieg die Frau aus dem Auto. Hauser fuhr dann allein weiter zur Universität nach Erlangen.
"Das paßt wie die Faust aufs Auge", frohlockte Kronbecher.
Am fünfzehnten Januar war es dann soweit. Kretschmar hatte den Plan ausgearbeitet und zwei blaue Uniformen der bayrischen Verkehrspolizei besorgt. Willi sollte sich um ein Fahrzeug kümmern. Naßkalt war es an diesem Tag. Schneeregen peitschte Kretschmar ins Gesicht, er konnte kaum die Autonummern erkennen, seine Uniform war durchnäßt.
Hinter dem Autobahnkreuz Nürnberg-Fürth wurde Hauser von ihm zu einer Verkehrskontrolle aus dem Fahrzeugstrom gewinkt. Er fuhr, leise fluchend, auf den Parkplatz. Etwas abseits, halb von Gestrüpp verdeckt, parkte ein grünweißer Taunus.
Kretschmar grüßte korrekt und verlangte die Papiere, die ihm der Mann aus dem Fenster reichte.
"Was ist denn los?" fragte Hauser.
"Nur eine Routinekontrolle", antwortete Kretschmar höflich und entschuldigte sich für die Belästigung.
"Beeilen Sie sich bitte, ich bin spät dran", sagte Hauser gereizt.
"Würden Sie bitte aussteigen?"
Hauser stöhnte. "Muß das sein?"
"Ich fürchte, ja."
"Mein Gott", Hauser schimpfte, "gerade jetzt im Berufsverkehr, wo es jeder eilig hat."
"Ich tue nur meine Pflicht", erwiderte Kretschmar achselzuckend. "Also, steigen Sie bitte aus."
Hauser tat es. Kaum hatte er den Wagen verlassen, schmerzte ihn ein Stechen in der Nase. Willi hielt ihm von hinten ein mit Äther getränktes Mulltuch vor Nase und Mund. Hauser sackte in sich zusammen.
Willi und Kretschmar schleppten den Bewußtlosen zum Auto. Willi startete den Motor, Kretschmar saß mit Hauser hinten, ein präpariertes Mullpäckchen in der Jackentasche.
Kretschmar riß den Kopf Hausers an den Haaren nach hinten. "Halt an!" schrie er. "Das ist nicht Sauer!"
Willi bremste scharf, kam ins Schleudern. "Bist du sicher?"
"Ganz sicher. Wir haben den Falschen."
"Du spinnst", sagte Willi. "Und warum hast du den hier nicht weiterfahren lassen?"
"Ich hatte mich völlig auf die Autonummer konzentriert, Mensch. Und außerdem war ich schon fast erfroren in der Kälte!"
Kronbecher tobte, als er von der Verwechslung erfuhr. Wütend rief er bei Eva Schmiedinger in Erfurt an.
"Na, hör mal", verteidigte sie sich. "Ich kenne den Sauer ja nur von Fotos her! Denkst du etwa, daß ich ..."
"Ist schon gut", sagte Kronbecher. Er fühlte sich selbst nicht wohl in seiner Haut. Immerhin hatte er den Mann auf den Fotos auch für Sauer gehalten.
Detlef Hauser wurde auf Kronbechers Befehl in das Krankenhaus von Erlangen unter dem Vorwand eingeliefert, ihm sei plötzlich schlecht geworden.
Es dauerte noch über ein Jahr, bis Kronbecher von einem der MfS-Agenten in Bayern die Mitteilung erhielt, daß in einer Bundeswehrkaserne in der Nähe von München Leute einem speziellen Training unterzogen wurden: Nicht nur extreme klimatische Bedingungen und körperliche Beanspruchungen mußten durchgestanden werden, sondern auch härteste psychische Belastungen im Rollenspiel.
 
 
 
 

Krebsessen im Havelland
10 607 Tage vor der deutschen Vereinigung

Die Baubrigaden begannen am achtzehnten September einundsechzig in Berlin die ersten Mauern hochzuziehen. In keinem der Abschnitte, die Dieter Hugosch befehligte, hatten sich in den letzten fünf Wochen schwerere Grenzverletzungen ereignet. In Schmidts Abschnitt war es wegen versuchter Republikflucht zu vier Festnahmen gekommen. Willi fragte sich, was er wohl getan hätte, wenn der Grenzverletzer vor einer Woche in dem Abschnitt, der ihm unterstand, auf sein Rufen hin nicht stehengeblieben wäre. Er war stehengeblieben. Zum Glück. Das war einer jener Augenblicke, in denen Willi Meerbusch zweifelte, ob er der richtige Mann war, die Errungenschaften des Sozialismus zu schützen.
Kronbechers Leute hatten in den vergangenen Wochen fast rund um die Uhr gearbeitet. Die erfolgreiche Durchführung der ersten Grenzsicherungsmaßnahmen waren Grund genug zum Feiern. Auf der Veranstaltung, bei der Willi und die anderen Genossen mit einer Geldprämie von zweitausend Mark ausgezeichnet worden waren, hatte Kronbecher einen gemeinsamen Ausflug versprochen. Willi freute sich darauf, für ein paar Tage Klassenkampf Klassenkampf sein lassen zu können und sich nicht um Politik kümmern zu müssen.
Kronbecher ließ aufsitzen und kletterte in das Fahrerhaus. Hugosch ließ den Motor an. Willi saß mit Kretschmar, Schmidt und Schröder hinten auf der Ladefläche des Lasters. Beim Anfahren atmeten sie die blaue Luft ein. Die hintere Plane war hochgerollt. Willi starrte während der anderthalbstündigen Fahrt auf die Trennlinie der Straße.
"Man muß die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik zu ihrem Glück zwingen", hatte Genosse Kronbecher in Vorbereitung auf die kommenden Aufgaben an der innerdeutschen Grenze gesagt. "Denn wir werden es in der DDR einmal besser haben. Deshalb können wir es nicht zulassen, daß der Westen unsere am besten ausgebildeten Leute ködert - mit Geld. Die Diktatur des Proletariates muß, wenn nötig, auch mit Gewalt durchgesetzt werden, schrieb schon Lenin in seinem Werk 'Staat und Revolution'." Jeder der Zuhörenden wußte, daß damit Dr. Sauers Landesverrat gemeint gewesen war.
Der Fahrtwind wehte die ersten gelben Blätter von den Ästen, die über die Straße ragten. In diesem Jahr gab es einen richtigen Altweibersommer mit Temperaturen um zwanzig Grad und vielen, an ihren dünnen Fäden schwebenden kleinen Spinnen.
Der Laster hielt in Wildpark bei Potsdam auf dem Gelände der Hundestaffel, direkt neben dem verfallenen Kaiserbahnhof. Am Tor erschienen Doppelposten. Kronbecher schrie den Männern etwas zu, woraufhin diese festverschnürte Pakete aus einem Schuppen zum Laster schleppten. Willi und Kretschmar fingen die Pakete auf, die zu ihnen auf die Ladefläche geworfen wurden, und klemmten sie unter die Sitzbänke.
Willi versetzte jedem der Pakete einen Tritt, denn das waren die Zelte, in denen er und die anderen vor einem Jahr geschlafen hatten, als Kronbecher sie einer militärischen Sonderausbildung unterzog. Ein Offizier hatte sie geschliffen, bis sie nicht mehr konnten. Bei der Erinnerung an diese Schinderei lief es Willi noch heute kalt den Rücken hinunter.
Überall auf dem Gelände lagen Reste des im letzten Jahr endgültig abgerissenen Potsdamer Stadtschlosses, Kapitelle, Säulenstümpfe und etliche, teilweise noch gut erhaltene Skulpturen des Fortunaportals. In den Hundezwingern versanken Marmorköpfe im schlammigen Boden, Gras überwucherte die Torsi. Hunde liefen unruhig darüber hinweg, an den Gittern auf und ab und jaulten leise.
Kronbecher fragte nach zwei Proviantkisten, die er bestellt hätte. Nach einigem Suchen entdeckte sie einer auf der Ladefläche eines Wagens im Hof. Ihrem Gewicht nach zu urteilen, würde es ein längerer Ausflug werden.
Die Fahrt ging weiter zu einer Anlegestelle, wo ein Boot der Wasserschutzpolizei vertäut war. Dort wartete Eva Schmiedinger, die sich eine neue Zigarette am Stummel der eben gerauchten anzündete. Sie hatte sich am Steg auf ihren Koffer gesetzt. Kronbecher winkte ihr, bekam als Antwort einen wütenden Blick. "Seit zwei Stunden sitze ich hier wie bestellt und nicht abgeholt", machte sie sich Luft.
"Entschuldige," sagte Kronbecher ungewohnt sanft. Er wollte seinen Arm um sie legen, doch sie wehrte unwirsch ab.
Willi feixte. Eva hatte Manfred vollkommen um den Finger gewickelt.
Aus der Schmiedinger wurde Willi nicht schlau. Mal war sie der beste Kumpel, aber wenn sie Kronbecher hinter sich wußte, konnte sie richtig hundsgemein sein. Und jetzt war sie auch noch schlecht gelaunt. Willi fürchtete, daß sie den ganzen Ausflug verderben könnte.
Kronbecher begrüßte den Polizisten hinter dem Bootssteuer, half sogar beim Verladen der Zelte und Proviantkisten. Minuten später legten sie bei dem Fischereibetrieb Becker & Wiegand an. Eine rundliche Frau zog eine Reuse aus dem Wasser. Kronbecher schleppte das vor Wasser triefende Netz zum Boot. Eva Schmiedinger erkannte zuerst die Flußkrebse, die zu Dutzenden in der Reuse krabbelten. "Iiiiiih! Was wollt ihr denn damit?"
Kronbecher achtete nicht auf ihr Gezeter. Er hängte das Netz in einen Bottich Wasser an Deck. Die rundliche Frau gab den Tip, die Viecher vor dem Kochen eine Weile in Trinkwasser zu legen, dann schmeckten die Krebsschwänze noch zarter.
Eine Viertelstunde später setzte das Boot Kronbecher und seine Leute auf einer kleinen Halbinsel ab. Ein verwilderter Garten erstreckte sich am Hang hinauf bis zu einer massiven Villa mit einem Eingang hinter dicken, glatten Säulen.
Die Villa hatte einem hohen Funktionär der Waffen-SS gehört. Nach dessen Enteignung wurde das Grundstück samt Villa vom Ministerium für Staatssicherheit genutzt. Willi, der gelernte Tischler, hatte von Kronbecher den Parteiauftrag, das Innere des baufälligen Hauses instand zu setzen und auszubauen. Die Arbeit machte ihm Spaß, und er verbrachte viel von seiner dienstfreien Zeit mit den Reparaturen. Noch war das Haus nicht bewohnbar.
Die Männer bauten vier Zelte im Kreis auf, deren Eingänge zur Mitte zeigten. Kronbecher öffnete unterdessen alle Fenster der Villa und brachte einen Wäschekochtopf heraus. Dann lief er hinunter zum Wasser und meldete sich über Funk bei der Potsdamer Wasserschutzpolizei. Er vereinbarte, am Morgen des sechsundzwanzigsten Septembers wieder mit dem Boot abgeholt zu werden. Anschließend verpackte er das Funkgerät in einer Ledertasche und knöpfte sie zu.
Endlich Ferien, dachte Willi. Tagelang nur schlafen, essen, saufen, baden.
Eva Schmiedinger saß am Steg und stocherte mißgestimmt mit einem Stock in der Reuse herum. Ab und zu verbiß sich ein Tier an dem Stock.
"Ich schenke dir die Freiheit", sagte sie halblaut und warf einen Krebs nach dem anderen in hohem Bogen in die Havel.
"Was machst du da?" fuhr Kronbecher sie an.
"Ich darf doch auf mein Abendbrot verzichten", kreischte sie so laut, daß es sogar oben bei den Zelten zu hören war. "Dann muß ich es nicht wie ihr später auskotzen."
Kronbecher band eine Schnur um die Reuse und warf sie ins tiefere Wasser. Eva Schmiedinger drehte sich pikiert weg. Er redete auf sie ein. Willi und die anderen, die gerade das Proviantzelt einrichteten, unterbrachen ihr Tun. Alle spürten das Knistern.
Kronbecher warb um ihre Gunst, doch sie schien ihn abzuweisen. Aber plötzlich schmiegte sie sich an ihn und ließ sich umarmen. Willi hätte nur zu gern gewußt, welches Kronbechers Frauenfügsamformel war. Arm in Arm kamen sie den Hügel hinauf zu den Zelten.
"Was würdest du sagen", fragte Kronbecher, sein Gesicht in ihrem schulterlangen Haar vergraben, "wenn wir ein paar von diesen Schloßfiguren hier im Garten aufstellen würden?"
"Ich finde die Dinger grauenhaft", gab sie rüde zur Antwort.
"Aber das sind echte Kunstwerke. Fortuna für umsonst!"
Sie konnte Kronbechers Begeisterung nicht teilen. "Die leeren Augen sind gruselig. Ich will sie nicht sehen."
Kretschmar und Hugosch breiteten Stroh auf den Böden dreier Zelte aus und legten die Schlafsäcke hinein. Dann sammelten sie Holz und entfachten zwischen den Zelten ein Feuer. Willi schichtete Ziegelsteine aufeinander und stellte den Wäschekochtopf darauf. In einem Eimer holte er Wasser, das er in den Topf goß.
Als Eva Schmiedinger ihren Schlafsack neben denen der anderen erblickte, war sie empört. Schimpfend schaffte sie ihren ins Proviantzelt und knöpfte von innen den Eingang zu. Niemand protestierte.
Die Flammen züngelten an der Wand des Topfes, in dem das Wasser bereits dampfte. Kronbecher sägte von einem Apfelbaum einen Ast ab und schob ihn ins Feuer. Gelber Qualm stieg auf. Willi hatte Lauch, Möhren und Sellerie geputzt und warf das Gemüse ins Wasser.
Eva Schmiedinger schlüpfte aus dem Zelt. Sie hatte sich eine braune Steghose angezogen, die nicht aus sozialistischer Produktion stammen konnte; das sah Willi auf den ersten Blick.
Eva Schmiedinger rümpfte die Nase, als Hugosch drei Flaschen Nordhäuser Doppelkorn aus dem Proviantzelt holte. Sie setzte sich auf ein Kissen und wärmte ihre Hände am Feuer.
Kronbecher brachte die Reuse. Mit einem Gartenschlauch spülte er die Krebse ab. Dann faßte er mit bloßen Händen in das Netz, packte einige der Tiere und warf sie in die kochende Gemüsesud. Die Reuse legte er in eine Zinkbadewanne im Garten, die er voll Wasser laufen ließ.
"Acht Kilo, ob wir die alle schaffen?" Kronbecher war bester Laune.
"Genug für eine Eiweißvergiftung", stichelte Eva Schmiedinger.
"Wir haben genügend Korn", konterte Willi.
Mit einer Siebkelle schöpfte er die roten Krebse in eine Schüssel, aus der sich jeder bediente. Kronbecher warf die nächste Ladung Krebse in den Topf.
Kräuter- und Knoblauchsoßen standen in der Mitte. Willi hatte eine Soße nur mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer angerührt. Nur er und Kronbecher tunkten ihre Krebsschwänze dort ein.
Eva Schmiedinger hatte sich im Garten Äpfel gepflückt und schälte sie. Mürrisch kaute sie an ihrer Schonkost. Bei jedem Knacken der Krebsschalen verzog sie das Gesicht und gab Kommentare ab: "Die armen Tiere. Wenn man das mit euch so machen würde."
Der Doppelkorn ging zur Neige, Eva Schmiedinger ließ keine Runde aus.
Kronbecher wollte sich für eine Ansprache erheben, doch er verlor die Balance, kicherte albern. Im Sitzen lallte er: "Liebe Freunde ..."
Willi grölte mit vollem Mund: "Ja, hier, dem Feind auf den Fersen!" und applaudierte seinem Vorgesetzten, Kretschmar und Schmidt fielen ein. Kronbecher gebot mit einer weiten Armbewegung Ruhe, ehe er fortfuhr: "Genossen, wir sitzen hier beisammen, weil ich möchte ... ich will, daß unsere Gemeinschaft durch nichts, aber auch gar nichts erschüttert werden darf." Beim Sprechen schien er nüchtern zu werden. Eva Schmiedinger sah ihn voller Respekt an.
"Meine Kameraden! Wir kämpfen für eine große Sache, und Abtrünnige werden gnadenlos bestraft ..."
Kretschmar beugte sich zu Willi und flüsterte: "Dazu müßte er den Abtrünnigen erst einmal in die Finger bekommen."
"Ihr müßt euch eines merken", Kronbechers Stimme festigte sich mit jedem Wort und wurde lauter, "wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und der wird auch so behandelt. Wer die Parteidisziplin nicht bedingungslos achtet, der kann sich seiner Strafe sicher sein ..."
Willi verstand Kronbechers Ansprache als ernstgemeinte Drohung. Hatte er sie alle zu diesem Ausflug eingeladen, um ihnen das zu sagen?
Die gute Stimmung war dahin. Keiner hatte mehr Appetit. Kronbecher setzte die Bierflasche an die Lippen, trank sie aus und schleuderte sie ins Gebüsch. Dann griente er in die Runde, schlug Willi derb auf die Schulter. "He, Jungs, was macht ihr für Gesichter?" Er erzählte von seinem Vorhaben, einige der Figuren vom Potsdamer Stadtschloß, die in Wildpark vergammelten, auf das Grundstück zu holen und sie im Garten aufzustellen. Eva Schmiedinger warf ihm wütende Blicke zu, doch Kronbecher erteilte Willi und Hugosch den Auftrag.
Eva Schmiedinger war die einzige, die sich in dieser Nacht übergeben mußte.
Willi wurde von Geräuschen, die aus dem Proviantzelt nebenan kamen, wach. Grinsend lauschte er dem Stöhnen von Eva Schmidinger, dann ihrem Fluchen, weil Kronbecher betrunken über ihr eingeschlafen war.
 
 
 
 

Entführung in Maising
10 480 Tage vor der deutschen Vereinigung

Kronbecher fuhr persönlich nach Bayern, um mit dem Agenten über den neuen Dozenten zu sprechen. In einem Biergarten trafen sie sich.
"Ich habe schon die zweite Lektion bei Dr. Rietz gehabt", berichtete der Agent. Er mußte jede Einzelheit aus dem Training beschreiben, wie die Männer verschiedener Nationalitäten auf Eventualfälle bei ihren Einsätzen im Ostblock vorbereitet wurden. Kronbecher hörte ihm aufmerksam zu. Alles, was er hörte, bestätigte seinen Verdacht.
"Soweit ich in Erfahrung bringen konnte", sagte der Agent, "ist er Offizier der Bundeswehr. Aber das kann auch Tarnung sein. Er wäre nicht der einzige Bundeswehroffizier, der für den BND arbeitet. Außerdem soll er jede Woche einmal nach Pullach fahren."
In fünf Tagen wurden von Kronbecher die ersten Einsatzkräfte nach Bayern beordert. Sie mußten jeden Tag Bericht erstatten. Nach einer Woche lagen Kronbecher folgende Informationen vor: Dr. Helmut Sauer bildete unter dem Namen Dr. Hartmut Rietz in einer Bundeswehrkaserne BND-Agenten aus. Rietz bewohnte eine kleine Zweizimmerwohnung auf einem Bauernhof in Söcking. Jeden Morgen fuhr Rietz vier Kilometer mit dem Fahrrad durch die Maisinger Schlucht. Der sandige Pfad war ein beliebter Wander- und Reitweg. Rietz besaß einen ausgewachsenen Riesenschnauzer, der ihn überallhin begleitete. Zweimal schon hatte er fünfhundert Mark für eine Abtreibung zahlen müssen, weil der Schnauzer läufige Rassehündinnen gewittert hatte, ausgebüchst war und sie gedeckt hatte. Auf dem Rückweg vom Schulungsort nach Söcking kehrte Rietz regelmäßig gegen siebzehn Uhr im Restaurant am Maisinger See, nahe der kleinen Schleuse, ein und trank ein bis zwei, manchmal auch drei Maß Bier. Gelegentlich fuhr er auch am Wochenende in das Restaurant. Es hatte sommers wie winters geöffnet. Die Qualität der im Maisinger See gezüchteten Karpfen hatte sich weithin herumgesprochen. Hartmut Rietz war aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr von Söcking.
Kronbecher kombinierte: Dr. Helmut Sauer war bei seinem letzten Auftrag geschnappt und im Verhör gesprächig geworden. Er hatte viele Klar- und Decknamen von MfS-Leuten verraten, die in westdeutsche Behörden geschleust worden waren. Der Schaden war immens, man würde Jahre brauchen, das Netz zu flicken. Als Gegenleistung für seine Informationen hatte Sauer vom BND eine neue, wasserdichte Identität erhalten. Wie sonst war es möglich, daß er als Zugereister so schnell in die Freiwillige Feuerwehr, in Bayern meist ein Hort absoluten Konservatismus, aufgenommen worden war? Und der Hund? Der diente sicher seinem persönlichen Schutz. An einem Riesenschnauzer, hoch wie ein Schreibtisch, kam so schnell niemand vorbei.
"Deine Tarnung schien nur perfekt, denn sie hat keine zwei Jahre gehalten", murmelte Kronbecher, über Fotos und Geländekarten gebeugt. "Ab jetzt sind deine Tage gezählt, mein Lieber!"
Er beorderte seine Truppe zu sich.
Eva Schmiedinger, Siegfried Kretschmar, Karl-Heinz Schröder, Peter Schmidt, Willi Meerbusch und Dieter Hugosch saßen am dreiundzwanzigsten Januar neunzehnhundertzweiundsechzig auf den ledernen Sesseln in Kronbechers Arbeitszimmer. Kronbecher spendierte eine Flasche Johnnie Walker Black Label.
"Möglicherweise ist Sauer gewarnt", begann Kronbecher. "Denkt an die fehlgeschlagene Aktion in Nürnberg." Er warf Eva Schmiedinger einen unfreundlichen Blick zu. Schnell trank sie ihr Glas aus, um ihn nicht ansehen zu müssen.
"Ihr, liebe Genossen", Kronbechers Stimme wurde beinahe kumpelhaft, "ihr werdet den Landesverräter seiner gerechten Strafe zuführen. Aus Gründen der Geheimhaltung und zu eurer Sicherheit während des Einsatzes will ich keine Leute aus der Hauptabteilung ins Vertrauen ziehen."
Willi tat das Lob gut. Er wurde von Kronbecher ins Vertrauen gezogen, von ihm der Teilnahme an einer streng geheimen Mission für würdig befunden. Er empfand Dankbarkeit. Diese Mission bedeutete für Willi mehr als Orden oder Prämien.
"Das heißt", fuhr Kronbecher fort, "ihr müßt Sauer, auf welche Art auch immer, auf das Territorium unserer Republik bringen. Es ist klar, daß er nicht freiwillig kommen wird. Ihr habt alle das Dossier gelesen. Vorschläge?"
Willi dachte an die Lektionen bei Sauer. Jetzt übertreffen die Schüler ihren Lehrer.
"Können wir nicht einen aus seiner Familie erkranken lassen", fragte Eva Schmiedinger, "und ihn so in ein DDR-Krankenhaus locken?"
"Wir wissen nicht, wen er in seiner Familie und von seinen Freunden eingeweiht hat", verwarf Kronbecher ihre Idee.
"Kann unser Mann in der Zentrale in Pullach nichts machen?" fragte Schröder.
"Dann fliegt er doch auf", widersprach Kretschmar.
"Ihr müßt bedenken", sagte Kronbecher, "Sauer genießt beim BND vollstes Vertrauen. Sonst hätten die ihn nicht als Ausbilder übernommen. Also wird er auch geschützt, nehme ich an."
"Und warum lassen wir es nicht, wie es ist?" fragte Schmidt. Giftige Blicke trafen ihn von allen Seiten. "Es ist doch so", meinte Schmidt, "Sauer ist schon zu lange in Bayern. Er hat bereits alles erzählt, was er wußte ..."
"Genau! Und was hat er uns eingehämmert?" fragte Willi entrüstet. "Wir dürfen unter keinen Umständen unsere wahre Identität preisgeben und über unsere Aufträge reden."
"Vielleicht hat er ja gar nichts erzählt", meinte Schmidt kleinlaut. "Vielleicht ist er standhaft geblieben."
Die Schmiedinger lachte auf. "Und zur Belohnung, weil er so fein schweigsam war, hat ihn der BND eingestellt, ja?"
"Helmut Sauer ist ein Verräter!" donnerte Kronbecher. "Niemand hat ihm den Auftrag erteilt, im Westen zu bleiben und sich in den BND einzuschleusen. Sein Verbrechen ist Verrat an unserer historischen Mission und wird bestraft."
"Sauer hat die innere Sicherheit der DDR gefährdet", bekräftigte Willi. "Er ist zu einem Sicherheitsrisiko geworden, und er darf seiner gerechten Strafe nicht entgehen."
"Nicht so hitzig", bremste ihn Kronbecher. "Zuerst müssen wir ihn in die DDR zurückschaffen. Weitere Vorschläge?"
Schmidt meinte: "Wir wissen zu wenig über ihn und seine Gewohnheiten. Ich schlage vor, daß wir ihn über einen längeren Zeitraum hinweg beobachten."
"Wie willst du das anstellen?" fragte Hugosch. "Der kennt uns doch alle von der Schulung her."
"Mich kennt er nicht", sagte Eva Schmiedinger.
 
Der siebenundzwanzigste März war der erste frühlingshafte Tag des Jahres zweiundsechzig. Dr. Helmut Sauer alias Dr. Hartmut Rietz fuhr mit dem Fahrrad durch die Maisinger Schlucht zum Restaurant am See. Cäsar, sein Schnauzer, hatte im Gestrüpp einen Hasen entdeckt und hetzte ihm nach. Sauer pfiff ihn zurück.
"Wie siehst du denn wieder aus?" tadelte Sauer, als der Hund schlammbedeckt unter den Sträuchern hervorpreschte und den Hasen apportierte. Sauer hielt den zappelnden Hasen an den Hinterpfoten und schlug ihm mit der Handkante hinter den Ohren auf den Kopf, ehe er ihm die Kehle durchschnitt. Cäsar lag winselnd vor Aufregung am Boden, bereit, jederzeit den Hasen zu schnappen. Sauer verstaute die Beute in der Seitentasche seines Fahrrades.
Die eine Seite der Schlucht war militärisches Sperrgebiet, auf der anderen Seite führte ein idyllischer Wanderweg, der jetzt vom Schmelzwasser aufgeweicht war, ins Dorf und weiter bis nach Pöcking. Weidenkätzchen und erste grüne Spitzen an Sträuchern und Bäumen kündigten den Frühling an. Der Föhn, der von den Alpen her blies, und die Sonne erwärmten schon die Luft. Auf dem Maisinger See schwammen die letzten Eisschollen. Darauf tummelten sich Wasservögel. Vom Ufer aus warfen Kinder Brotkrumen ins Wasser, die die Vögel im Fluge auffingen.
Im Restaurant hatte die Freiluftsaison begonnen. Auf dem Deich über der Schleuse hatten die Wirtsleute drei Tische aufgebaut. An dem Fenster, wo man sich selbst bedienen konnte, standen Männer aus dem Dorf, die Sauer von der Freiwilligen Feuerwehr her kannte, und der Forstmeister.
Sauer alias Rietz stieg vom Fahrrad und nahm Cäsar an die kurze Leine. Er winkte den Männern zu, die zurückgrüßend ihre Bierseidel hoben.
"Nur gut, daß ich den Cäsar von einem Rehbock unterscheiden kann, sonst hätte es ihn letzte Woche erwischt", brummte Gottlieb Mayer, der Forstmeister.
"Grüß Gott", sagte eine junge Frau. Zuerst fielen Sauer die rosigen Wangen auf, dann die großen braunen Augen unter den langen Wimpern. Das schmale Gesicht wirkte zerbrechlich, zu zart für eine vom Lande. Wegen des straff geflochtenen Zopfes, den eine große rotkarierte Schleife zusammenhielt, sah es noch schmaler aus. Die Frau trug schwarze Steghosen und über der weißen Bluse eine weinrote Strickjacke.
"Da machst du Augen, was?" sagte Franz Mitterammer. Der Mann von der Freiwilligen Feuerwehr wischte mit dem Handrücken den Bierschaum vom Mund.
"Allerdings", gab Sauer zurück. "Wo ist die denn her?"
"Aus München", antwortete Mitterammer gewichtig. "Eine Studentin ist sie, von der Akademie."
"Was darf ich den Herren denn bringen?" fragte die junge Frau. Sie zeigte hinter den lächelnden Lippen blendend weiße Zähne. Ihre Stimme klang Sauer sehr angenehm in den Ohren, und der bayrische Dialekt paßte gut zu ihr.
Cäsar schnupperte. Dann legte er sich unter den Tisch.
"Für mich eine Maß", sagte Sauer.
"Und für den? Kann man den streicheln?" fragte die Frau. "Oder ist der scharf?"
"Saudreckig ist er", erwiderte Sauer. "Und von Fremden läßt er sich nicht anfassen."
Die Frau zuckte mit ihren grazilen Schultern. "Dann vielleicht später." Geschmeidig sprang sie die Stufen vom Deich hinunter und ging ins Restaurant.
"Wie lange ist sie schon hier?" fragte Sauer.
Mayer, der Forstmeister, gaffte ihr nach und sagte: "Seit drei Stunden."
"Bei der hast du keine Chance", stichelte Mitterammer.
"Das wollen wir doch erst mal sehen!" rief Mayer.
Nach einigen Minuten kam die junge Frau mit zwei Maß den Deich hinauf. Mit süßem Lächeln stellte sie das eine vor Sauer hin, das andere vor Mitterammer.
"Wie heißt er denn?" fragte sie und zeigte auf den Schnauzer.
"Cäsar."
"Na, Cäsar, komm, ich hab was Feines für dich." Sie hielt ihm eine Weißwurst hin. Cäsar schnupperte und schaute zu seinem Herrn. Der nickte. Der Hund nahm ihr vorsichtig die Wurst aus der Hand und verschlang sie.
"Von Fremden nimmt er sonst nichts", erklärte Sauer, "nur, wenn ich das erlaube."
Die Frau sprach mit dem Hund, der seine Ohren aufrichtete. Vor seinem Knurren wich sie nicht zurück.
Sauer stellte sich die junge Frau frisch geduscht und mit nassen Haaren vor.
"Kann man Sie denn zu etwas einladen?" fragte er.
"Ich bin im Dienst", bedauerte sie kokett.
"Zu schade. Und wie lange geht der Dienst?"
Sie drohte ihm schelmisch mit dem Zeigefinger.
"Aber Ihren Namen darf ich doch erfahren?" insistierte er.
"Für gewöhnlich stellt sich ja der Herr zuerst vor", konterte sie spitz.
"O, Pardon. Rietz, Hartmut. Ich wohne in Söcking auf dem Hof vom Hans Dotzauer."
"Ach, da, wo der Heesters auch wohnt?"
"Ja, da in der Nähe."
"Ich bin die Renate. Sie können aber Reni zu mir sagen." Wie eine Bachstelze trippelte sie mit den leeren Bierseideln die Treppe hinunter.
"Dem Heesters haben sie letzten Herbst wieder mal die Villa ausgeraubt", sagte Mitterammer und nahm einen kräftigen Schluck.
"Und dem Weizsäcker, den Carl Friedrich meine ich, den Physiker, dem doch auch?" vergewisserte sich Sauer.
"Ach, ich weiß nicht", meinte Mitterammer, "manche Häuser da oben werden jedes Jahr ausgeraubt. Als ob die ein Abo bei der Versicherung hätten."
"Meine Wohnung bräuchte auch eine Totalrenovierung", witzelte Mayer.
Abends saß Sauer am Küchenfenster und schaute, in Gedanken versunken, über den Hang, der vor dem Haus flach abfiel. Eine Woche zuvor noch waren die Kinder hier gerodelt und Ski gefahren.
Auf dem Herd zischelte kochendes Wasser im Kessel. Sauer ging um den eichenen Küchentisch herum, entnahm dem Regal ein dickwandiges Glas und braute sich seinen Schlummertrunk, einen Grog, halb Wasser, halb Rum. Cäsar lag frisch abgeduscht unter dem Tisch. Von den Dotzauers, denen der Hof gehörte, hatte er gekochte Pansen bekommen, als Dankeschön für den Hasenbraten.
Von den Dotzauers waren die Geranienkästen, die im Hausflur überwintert hatten, in die Halterungen vor den Fenstern eingehängt worden. Mickrig waren sie noch, die jungen Pflänzchen. Hoffentlich gab es keinen Nachtfrost mehr.
Ein Bussard kreiste über dem Hang. Sauer sah, wie er nur die Flügelspitzen bewegte. In den blattlosen Bäumen stänkerten Krähen miteinander und machten einen solchen Spektakel, daß es selbst durch die geschlossenen Fenster zu hören war. Pfeilschnell ließ sich der Bussard zur Erde fallen und erwischte einen kleinen Hasen. Sofort waren die Krähen zur Stelle. Zu fünft griffen sie den Bussard an, der sich nach einer Weile geschlagen gab und von seiner Beute abließ.
Die hübsche Reni ging Sauer nicht mehr aus dem Sinn. Seine Unruhe übertrug sich in dieser Nacht auch auf Cäsar. Er witterte eine läufige Hündin und sprang aus dem offenen Schlafzimmerfenster. "Cäsar, das gibt wieder Ärger", murmelte Sauer im Halbschlaf.
Frühmorgens rief Mayer, der Forstmeister, auch prompt an: "Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf deinen Schnauzer aufpassen! Der ist heute nacht wieder abgehauen."
"Ich weiß", antwortete Sauer schlaftrunken.
"Kannst ihn wie immer in Staßlach beim Tierheim abholen", brummte der Forstmeister.
Sauer schüttelte ungläubig den Kopf. "Staßlach, da ist er ja über zwanzig Kilometer gelaufen ..."
 
Sauer kehrte von nun an jedes Wochenende, wenn Reni Dienst hatte, im Restaurant am Maisinger See ein. Seine Agentenschüler hatte er beauftragt, Erkundigungen über sie einzuholen.
Sie bekamen heraus, daß die Frau jeden Morgen zur Akademie der Künste nahe dem Siegestor fuhr und die Vormittage darin verbrachte. Daß sie die aber meiste Zeit in der kleinen Kantine saß, entging den Beobachtern. Dienstags zog sie mit einer Gruppe Studenten in den Englischen Garten, um zu zeichnen. Manchen Abend saß sie, wie viele Studenten, in der Schellingstraße im Atzinger an einem der langgestreckten Brauereitische und trank dort ein, zwei Gläser Weißherbst. Meist kam sie allein, rauchte und las Zeitung. Einmal hatte ein älterer Mann bei ihr gesessen, sich aber nur kurz mit ihr unterhalten. Wahrscheinlich war er abgeblitzt.
Den Agentenschülern blieb verborgen, daß Reni nicht aus Bayern stammte. Sie konnten auch nicht ahnen, daß die junge hübsche Frau Eva Schmiedinger hieß und nur darauf wartete, daß ihr ausspioniertes Opfer anbiß.
Das Restaurant am Maisinger See war jetzt täglich voller Gäste. Der Frühling verwöhnte das Auge mit sattem Grün. Die Karpfenzucht war wieder in Betrieb genommen worden, und es gab Eis für die Kinder. Von Tag zu Tag standen mehr Tische auf dem Deich. Reni hatte alle Hände voll zu tun.
Manchmal kam es zu einem kleinen Schwatz zwischen Sauer und Reni. Aber sonst hatte er bei ihr noch nichts erreicht. Das ärgerte ihn.
 
Eva Schmiedinger saß in ihrer Mansardenwohnung in der Münchner Zieblandstraße in Schwabing. In das einzige Zimmer paßten gerade ein bäuerlicher Schrank, ein Tisch, zwei Stühle und ein Bett unter die Dachschräge. In einer Flurnische befand sich ein zweiflammiger Elektroherd. Toilette und Dusche waren ein winziges Geviert, abgeteilt in einer Ecke des Zimmers.
Eva Schmiedinger konnte auf den idyllischen alten Friedhof blicken, genau auf die Statue am Grab von Theodor Horschelt, die die Abendsonne jetzt beschien. Der Friedhof war verwildert, Moos und grüne Flechten bedeckten die Grabsteine, Gestrüpp wucherte überall, und der Brunnen am Eingang war fast zugewachsen von Knallerbsensträuchern und Efeu, ein ideales Spatzenrevier.
Vor Eva Schmiedinger lag ein halb beschriebenes Blatt Papier, ein Brief an Manfred Kronbecher.
"Werter Genosse Kronbecher!" Sie redete ihren Geliebten so förmlich an, weil sie nicht wußte, ob wirklich nur er den Brief lesen würde.
"In der Nacht vom vierten auf den fünften Mai wurde in Söcking Feueralarm ausgelöst, ein dortiges Gehöft brannte. H.R., der Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, war an der Rettungsaktion beteiligt. Eine Frau wurde von H.R. brennend aus dem Haus geborgen; sie starb Minuten später, was H.R. psychische Probleme bereitete. Durch seinen Einsatz in dieser Nacht hat sich H.R. die Anerkennung der hiesigen Bevölkerung erworben. Daß er bei der Bundeswehr arbeitet, wissen die meisten Einheimischen. Aber in dieser Gegend arbeiten viele dort."
Eva Schmiedinger legte den Kugelschreiber beiseite. Da sie alle zwei Tage Berichte für Kronbecher schrieb, die sie im Weinlokal Atzinger einem Kurier übergeben mußte, fiel ihr nichts Neues mehr ein. Sie hätte gern geschrieben, wie einsam sie in München war, aber das ging nicht.
Sie hörte auf, am Kugelschreiber zu knabbern. "Der Hund läßt niemanden an H.R. heran", schrieb sie. "Der ist völlig auf ihn fixiert. H.R. sagte, daß er den Hund zu seinem Schutz angeschafft habe. Ich sehe in dem Hund ein Problem bzgl. unseres Vorhabens."
Dann unterschrieb sie den Brief, steckte ihn in einen Umschlag und diesen in eine Hertietüte. Bis zum Treffen mit dem Kurier hatte sie noch eine halbe Stunde Zeit.
An der Ecke Arcis- und Schellingstraße blieb sie vor dem Schaufenster der Puppenreparaturwerkstatt stehen. Jedesmal, wenn sie daran vorbeikam, saßen dort andere Puppen. Sie saßen inmitten von Armen, Beinen und Köpfen aus Holz, Kunststoff oder Keramik. Der Puppenbauer dekorierte sein Fenster nicht, sondern benutzte es als Ablagefläche. Ein geflochtener semmelblonder Zopf Puppenhaar lag auf einer Schachtel mit Glasaugen für Teddybären. In einem Kästchen waren Puppenaugen mit Lidern, die sich öffnen und schließen konnten. Manchmal saß der glatzköpfige Alte abends noch an seinem Arbeitstisch, der nur von einer nackten Glühlampe beleuchtet wurde. An diesem Abend war niemand in der Werkstatt. Den Zettel an der Scheibe, "Nehme alte Puppen in Zahlung, auch beschädigte", hatte der Puppenbauer erneuert. Eva Schmiedinger überquerte die Barerstraße, wo sie einen Moment durch die großen Scheiben eines Bierlokals den Männern beim Billard zusah.
Obwohl es nach Sonnenuntergang noch recht kühl war, saßen viele, meist junge Leute in ihren Jacken und Mänteln auf den Plätzen draußen vor den Cafés in der Türkenstraße.
Als sie den Atzinger betrat, fiel ihr Blick auf Helmut Sauer. Auch er hatte sie gleich gesehen. Eva konnte seine Einladung nicht abschlagen und ging zu ihm an den langen Fenstertisch, unter dem sie Cäsar liegen sah. Sie konnte sicher sein, daß der Kurier die veränderte Situation schnell erfassen würde. Vorsichtshalber legte sie sich eine Geschichte zurecht, mit der sie Sauer das Kommen des Kuriers glaubhaft erklären könnte.
Cäsar knurrte, als sie sich setzte.
"Aus, Cäsar!" befahl Sauer, und zu Eva Schmiedinger sagte er: "Cäsar ist nur eifersüchtig."
Das Lokal war gut besucht, und wie jeden Abend hingen Schwaden blauen Zigarettenqualms unter der Decke, die nur in Turbulenzen gerieten, wenn die Bedienung vorbeikam. Eva grüßte zu den fünf Studenten aus der Akademie hinüber, die am Stammtisch saßen. In ihrer Jackentasche tastete sie nach der Tüte mit dem Umschlag für den Kurier.
"Was machen Sie denn in München?" erkundigte sie sich.
"Ich hatte viel zu erledigen, war einkaufen. Trinken Sie ein Glas Wein mit mir?"
"Sie machen mich ganz verlegen", gestand sie, bemüht, ihre Überraschung zu verbergen. Denn Eva Schmiedinger hatte nicht erwartet, Sauer so schnell allein zu treffen.
Nach dem dritten Glas bot Sauer ihr das Du an und trank mit ihr Brüderschaft.
"Ein Küßchen gehört aber auch dazu", sagte er.
Eva wollte ihn auf die Nasenspitze küssen. Doch er hob den Kopf so, daß sich ihre Lippen berührten. "Wenn schon, denn schon", entschuldigte er sich. "Und wenn dir noch einmal ein Sie rausrutscht, dann kriege ich noch einen Kuß."
"Du gehst aber ran", erwiderte sie und dachte, dieser Abend ist mit Gold nicht aufzuwiegen.
Der Kurier kam kurz nach neun Uhr. Er hatte ein unscheinbares Gesicht und trug einen schlichten Anzug. Als er, noch in der Tür, Eva Schmiedinger erblickte, die sich köstlich mit einem ihm unbekannten Mann zu amüsieren schien, suchte er sich einen Platz an der Theke. Von dort ließ er kein Auge mehr von Eva Schmiedinger.
"Kennst du den?" fragte Sauer.
"Wen?" fragte sie zurück und tat verwundert.
"Den Mann da drüben an der Theke. Der starrt dauernd zu uns rüber."
Sie schaute den Mann an und schüttelte den Kopf. "Nie gesehen." Dann lachte sie kokett. "Es gibt eine ganze Menge Männer, die mir nachsehen."
Sauer drohte ihr scherzhaft. "Du machst mich eifersüchtig!"
"Kommt dein Cäsar eigentlich überallhin mit?" fragte sie.
Sauer verstand die Anzüglichkeit nicht und begann begeistert von seinem Schnauzer zu erzählen. "Ich bin ja im Hundeverein in Holland, wo der Cäsar ausgebildet wurde. In Holland sind fast alle Polizeihunde Schnauzer."
"Dann ist der Cäsar auf Verbrecher abgerichtet?" fragte sie.
"Ja, klar!" Sauers Stolz auf seinen Hund war echt. "Der kann Leute vom Fahrrad holen ..."
"Ich weiß", unterbrach Eva lachend. "Den dicken Matzner hat er neulich umgerissen, als er mit dem Fahrrad durch die Schlucht fuhr."
"Bis auf ein paar Schrammen ist ihm nichts passiert", präzisierte Hartmut. "Ich habe mich in aller Form bei ihm entschuldigt. Der Cäsar hat eben noch nicht gelernt, einen Hund von einer Kuh oder von einem Radfahrer zu unterscheiden. Der rennt dann los und will spielen. Nein, mein Cäsar verletzt niemanden. Darauf wurde er nicht dressiert. Vor ein paar Tagen hat er einen Landstreicher in der Scheune der Dotzauers gestellt. Weißt du, der schlägt ja nicht an, wenn ein Fremder auf den Hof kommt. Der wirft ihn nur um. Dann bleibt er in sicherem Abstand liegen und knurrt ihn bloß an, wenn der sich regt. Ich habe ihn mit Absicht nicht in einer Hundestaffel der Bundeswehr ausbilden lassen. Er ist ein liebes Tier und gehorcht aufs Wort. Keine Angst, Reni."
Eva Schmiedinger ließ der unangenehme Gedanke nicht los, daß der Hund eines Tages sie stellen und außer Gefecht setzen könnte. Ihr lief es kalt über den Rücken.
Sie trank ihren Wein aus. "Ich werde mal so langsam nach Haus gehen. Aber vorher muß ich noch für kleine Mädchen."
Sie ging zur Toilette. Einige Augenblicke später stand der Kurier auf und folgte ihr.
Eva Schmiedinger schminkte sich in dem kleinen Vorraum die Lippen. "Da", sagte sie zu dem Kurier und wies auf die Tüte vor dem Spiegel. Der Kurier tauschte sie gegen eine andere aus. Sie ging zurück an den Tisch.
"Der Mann von da drüben ist dir nachgegangen", sagte Sauer besorgt.
"Wirklich?" Sie strich ihm lächelnd über die Wange.
"Ich möchte dich sicherheitshalber nach Hause begleiten. Der Mann da ist mir nicht geheuer."
Sie liefen ein Stück die Türkenstraße hinunter bis zu Sauers Wagen. Eva Schmiedinger bewunderte den hundertsiebziger Mercedes. "Verdient man so gut bei der Bundeswehr, ja?" provozierte sie.
"Gute Arbeit für gutes Geld", antwortete er. Der Hund knurrte, als Sauer ihn von seinem Platz vor dem Beifahrersitz zur Rückbank scheuchte.
Sauer fuhr los. Eva Schmiedinger schloß genüßlich die Augen. Dieses Auto war etwas ganz anderes als der Wolga, den Kronbecher fuhr. Der Hund schnupperte an ihren Haaren.
"Möchtest du noch einen Kaffee?" fragte sie, als Sauer vor der Tür des Hauses in der Zieblandstraße hielt. "Du hast ja noch einen weiten Weg vor dir."
"Wenn dein Kaffee so gut ist wie die Käsetorte, die du in Maising bäckst, sehr gern."
Cäsar trottete hinter den beiden die Treppe hinauf.
"Es ist alles sehr bescheiden bei mir", sagte sie beim Aufschließen. "Eine Studentenbude eben."
Sauer fand die Wohnung gemütlich. Während sie Wasser aufsetzte, setzte er sich auf einen der beiden Stühle am Fenster. Der Hund legte sich wie ein Teppich vor das Bett.
Sauer blieb bis zum Morgen.
Um fünf stand er auf, um zur Arbeit zu fahren. Eva Schmiedinger blieb noch liegen. Sie war wütend auf sich und auf Manfred Kronbecher, der sich nicht einmal in München bei ihr blicken ließ, der sich nicht um sie kümmerte. Halblaut formulierte sie ihren nächsten Bericht: Unerwartet war H.R. im Atzinger aufgetaucht, wo er die Übergabe der Informationen behinderte. Ich vollzog einen operativen Geschlechtsakt mit ihm.
Sauer traf sich jetzt oft mit Eva Schmiedinger. Er nahm sie auch mit zu sich auf den Hof der Dotzauers und fuhr mit ihr zu den Villen der Schauspieler, die um den Starnberger See herum wohnten. Es dauerte nicht lange, und in Söcking und Maising galt die Reni offiziell als seine Freundin. In den Berichten an Manfred Kronbecher verschwieg Eva Schmiedinger Details der intimen Beziehung zu Sauer alias Rietz.
 
Siegfried Kretschmar, Karl-Heinz Schröder, Peter Schmidt, Dieter Hugosch und Willi Meerbusch waren in Kronbechers Berliner Büro versammelt.
"Sauer oder Rietz geht in drei Wochen in den Urlaub", begann Kronbecher. "Diese Information habe ich seit gestern nacht."
"Da hat Eva ihn wohl gleich vom Bett aus angerufen", raunte Schmidt. Willi feixte.
"Ich freue mich wie du, Willi", sagte Kronbecher scharf. Willi zuckte zusammen.
"Genossin Schmiedinger genießt mittlerweile das vollste Vertrauen von Sauer", sprach Kronbecher weiter. Willi konnte sich nur mühsam beherrschen. "Ich schlage vor, die Aktion noch vor seinem Urlaub über die Bühne zu bringen. Willi, könnte das in diesem zeitlichen Rahmen zu schaffen sein?"
Willi schlug seine Unterlagen auf. Diesmal hatte er auf Kronbechers Befehl den Plan ausgearbeitet. "Im Prinzip ist alles vorbereitet", sagte er. "Eva müßte uns nur einen Termin nennen."
"Das hat sie", gab Kronbecher bekannt. "Die Operation startet am sechsundzwanzigsten Juni, also in einer Woche."
 
Am Nachmittag des sechsundzwanzigsten Juni kehrte Sauer wie gewöhnlich im Restaurant am Maisinger See ein. Der Parkplatz war voller Autos, vor den Fenstern der Selbstbedienung bildeten sich Schlangen. Reni eilte von Tisch zu Tisch, um abzuräumen und neue Bestellungen entgegenzunehmen. In ihrem Portemonnaie steckte das Röhrchen mit den K.o.-Tropfen, einer Mischung aus Scopolamin und Atropin.
Eva Schmiedinger warf Sauer eine Kußhand zu und zeigte auf den Personaltisch, den sie für ihn gedeckt hatte. Cäsar riß sich von der Leine, preschte auf sie zu und legte die Vorderpfoten auf ihre Schulter, damit sie ihn kraulen konnte. Sauer pfiff kurz, und Cäsar verschwand unter dem Personaltisch, der bedrohlich wackelte.
Sauer wartete auf seinen Schweinebraten mit Kartoffelklößen und Kraut und auf das Bier. Die Reni tat ihm immer eine Scheibe Fleisch mehr auf den Teller, für Cäsar. Eigentlich sollte sie das nicht tun, dachte er, der Hund wird sonst zu fett.
Es war kurz nach acht Uhr. Die Sonne stand tief über dem Maisinger See und färbte ihn golden. Einige Kinder schwammen im See und tauchten nach den großen weißen Muscheln, die sie, weil sie noch geschlossen waren, wieder in den See zurückwarfen.
Ein kleines Kind lief mit einer Eistüte an Sauers Tisch vorbei. Cäsar war daran gewöhnt, daß alles, was sich an Freßbarem unterhalb der Tischkante befand, ihm gehörte. Er schnappte nach dem Eis und hatte es im nächsten Augenblick heruntergeschluckt. Das Kind brüllte vor Schreck und Wut. Seine Mutter eilte herbei.
"Der Hund hat mir mein Eis weggenommen!"
"So ein Schmarrn", sagte Sauer. "Das Eis ist heruntergefallen."
Das Kind heulte, und Cäsar leckte sich die Eisreste von den Barthaaren.
"Der Köter hätte meinem Kind in die Hand beißen können!" keifte seine Mutter. "Sie werden das Eis bezahlen!"
Eva Schmiedinger versuchte zu schlichten. Sie nahm das greinende Kind bei der Hand, das sich aus der Kühltruhe ein neues, viel größeres Eis aussuchen durfte. Als Mutter und Kind wieder am Personaltisch vorbeiliefen, knurrte Cäsar.
Eva Schmiedinger zapfte das Bier für Sauer selbst. Sie gab gut zwei Drittel der K.o.-Tropfen hinzu. Den Rest träufelte sie auf ein saftiges Bratenstück, das sie dem Hund geben wollte.
Willi und Hugosch hatten auf dem Parkplatz hinter dem Restaurant Position bezogen und warteten.
Sauer bekam seinen Schweinebraten und ein Bier. Der Hund schlang das Fleisch als Ganzes hinunter.
Willi nahm das Fernglas von den Augen. "Es geht los." Mit Hugosch ging er über den Parkplatz zum Restaurant.
"Schmeckt's?" fragte Eva Schmiedinger, die sich zu Sauer an den Tisch gesetzt hatte. Mit vollem Mund lobte er das Essen. Die Schmiedinger vergrub ihre Rechte in Cäsars Fell.
Sauer nahm einen kräftigen Schluck. Auf einmal schien jede Nervenfaser in seinem Körper zu vibrieren. Ihm wurde schwindlig. Arme und Beine fühlten sich an, als seien sie aus Blei. Er verlor die Kontrolle über seine Bewegungen. Renis Lächeln war das letzte, was er wahrnahm.
Sauer kippte vom Stuhl. Das Bierseidel zerschellte auf dem Boden. Cäsar sprang unter dem Tisch hervor und knurrte jeden an, der sich seinem Herrn näherte.
Eva Schmiedinger schrie. "Hilfe! Warum hilft denn keiner?"
Die Gäste aus dem Restaurant standen um Sauer und Cäsar herum und gafften. Niemand traute sich an dem Hund vorbei. Von hinten drängelten sich Willi und Hugosch vor. "Lassen Sie mich durch!" rief Willi. "Machen Sie doch Platz! Ich bin Arzt!" Cäsar wollte aufspringen, doch er taumelte und stürzte, richtete sich wieder auf, aber die Beine knickten ein.
Eva Schmiedinger kniete sich neben den Hund und streichelte ihn. Sie war die einzige, die er an sich und Sauer heranließ. "Er ist völlig verwirrt", jammerte sie.
Willi fühlte an Sauers Puls, schob das Augenlid hoch. "Er muß ins Krankenhaus", sagte er. "Helfen Sie mir! Mein Auto steht da hinten." Er und Hugosch wollten Sauer aufheben. Cäsar knurrte drohend.
"Ganz ruhig", redete Eva Schmiedinger auf ihn ein. Sie hielt ihn am Halsband fest. Cäsar jaulte leise. Es hörte sich wie Weinen an.
"Ich fahre mit ins Krankenhaus", sagte sie den Wirtsleuten.
"Ja, ja, machen's nur", stotterte die Wirtin anteilnehmend.
Die Umstehenden traten beiseite.
Willi und Hugosch trugen Sauer zum Auto. Eva Schmiedinger folgte mit dem Hund, der kaum noch fähig war zu laufen. Sauer wurde auf die Rückbank gesetzt. Willi setzte sich neben ihn. Eva Schmiedinger stieg mit dem Hund vorn ein. Hugosch ließ den Motor an. Sie fuhren Richtung München.
Kurz vor Ingolstadt erholte sich Cäsar. Er wurde unruhig und knurrte.
Hugosch holte eine Injektionsspritze aus dem Handschuhfach und reichte sie Eva Schmiedinger. Cäsar schaute sie an.
"Ich kann das nicht", sagte sie schluchzend.
"Das ist doch bloß ein Köter", meinte Hugosch.
"Eben nicht", rief sie. "Irgendwie mag ich den Hund."
"Du scheinst ja nicht nur den Köter zu mögen", stichelte Willi. "Denkst du etwa, daß Kronbecher deine Affäre nicht mitbekommen hat?"
"Was sollte ich denn tun?" fuhr Eva Schmiedinger auf. "Ich hatte doch den ausdrücklichen Befehl dazu, schriftlich!"
"Du solltest dich an ihn heranmachen", korrigierte Willi, "aber von mehr war nie die Rede."
"Ja, denkt ihr, der hätte sich monatelang nur mit der Vorspeise zufriedengegeben? Es war operativ notwendig."
"Nun mach endlich Schluß mit dem Köter", forderte Hugosch.
"Aber Cäsar kann doch nichts dafür!"
Willi beugte sich nach vorn und entriß ihr die Spritze. Blitzschnell stach er damit in Cäsars Rücken. Cäsar jaulte auf und biß ihm in die Hand. Willi fluchte. Eva Schmiedinger streichelte den Schnauzer, bis er tot war.
Das Auto passierte die deutsch-deutsche Grenze auf der Diplomatenspur. Auf einem Parkplatz kurz hinter Weißenfels warfen Hugosch und Willi den toten Hund ins Gebüsch.
 
Eine Woche lang war Dr. Helmut Sauer nicht vernehmungsfähig. Er litt in seiner Zelle unter Halluzinationen. Die Medikamente, die ihm verabreicht wurden, verschafften nur langsam Linderung.
Manfred Kronbecher ließ ihn zum Verhör vorführen. Sauer, vollgepumpt mit Medikamenten, gab alles zu, was Kronbecher verlangte. Er erzählte, wie ihn der BND monatelang vernommen hatte. Er beschrieb ausführlich seine Tätigkeit als Dozent für den BND, nannte Namen, Dienstränge, beschrieb das Militärgelände und die BND-Zentrale in Pullach, machte Zeichnungen, die Kronbecher überprüfen ließ. Er berichtete auch, wie ihm angeboten worden war, unter einer anderen Identität in Südamerika zu leben. Sauer machte nicht einmal den Versuch, sich zu rechtfertigen. Der Termin für die Verhandlung vor dem Militärgericht wurde auf den zwölften Oktober zweiundsechzig zehn Uhr morgens festgelegt.
Auf der Zuschauerbank des kahlen Gerichtssaals saßen nur sieben Personen: Siegfried Kretschmar, Eva Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder, Peter Schmidt, Dieter Hugosch, Willi Meerbusch und Manfred Kronbecher. Die Herbstsonne, die durch die Fenster schien, warf den Schatten des Gitters auf das Linoleum.
Sauer wurde von zwei bewaffneten Offizieren vorgeführt. Sein Blick fiel zuerst auf Eva Schmiedinger. Dann erkannte er seine ehemaligen Schüler von der Schorfheide. Schlagartig wurde ihm klar, welcher Intrige er zum Opfer gefallen war. Ich habe euch zuviel beigebracht, dachte er. Doch er klammerte sich verzweifelt an die Hoffnung, nur zu lebenslanger Haft oder Arbeitslager verurteilt zu werden, wenn er sich in der Verhandlung kooperativ verhielt. Sauer wußte nicht, daß das Urteil, Tod durch Erhängen, schon seit zwei Tagen feststand, gefordert und genehmigt vom Politbüro des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Die Gerichtsverhandlung dauerte nicht einmal zwei Stunden.
Kronbecher ordnete anschließend an, daß alle, die an der Entführung beteiligt gewesen waren, der Exekution beizuwohnen hatten.
Ein schmaler langer Kellergang führte zu den beiden Räumen. In dem einen Raum stand vorn das Schaltpult, von wo aus Falltür und optische sowie akustische Aufnahmegeräte bedient werden konnten. Am Schaltpult stand ein Offizier. Alle Lampen in diesem Raum waren ausgeschaltet, damit Kronbecher und seine Leute von ihren Plätzen aus besser durch die große schalldichte Glasscheibe in den Exekutionsraum sehen konnten.
Vier Soldaten eskortierten Sauer, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt waren, bis zum Galgen. Der Galgenarm war in einer Schiene an der Wand verankert und in der Höhe stufenlos verstellbar. Sauer machte keinen Versuch zu entkommen. Auf Willi wirkte er gefaßt, wie einer, der sich in sein Schicksal ergeben hatte.
Erst, als Sauer den Galgen sah, wollte er fliehen. Die Soldaten hielten ihn mit aller Kraft fest. Kronbecher zuckte, als wollte er aufspringen. "Stümper!" murmelte er. Sauers Mund bewegte sich, als ob er schrie. Doch durch die schallisolierte Scheibe war davon nichts zu hören. Kretschmar, Schmiedinger, Schröder, Schmidt, Hugosch, Willi und Kronbecher hörten nur ihren eigenen Atem.
Die Soldaten warfen Sauer zu Boden. Einer verband ihm die Augen, ein anderer fesselte Sauers Füße. Gemeinsam richteten sie ihn auf und führten ihn zur Markierung auf dem Boden. Ein Soldat legte ihm die Schlinge um den Hals, zog sie fest. Die Männer traten zurück. Weinkrämpfe schüttelten Sauers Körper. Seine Lippen waren zusammengekniffen, der Kopf wackelte.
"Nun macht endlich", flüsterte Willi.
Der Offizier stand am Schaltpult, den Finger auf dem Knopf, mit dem er die Falltür, auf der Sauer stand, öffnen konnte. Er wartete auf Kronbechers Befehl.
Kronbecher stierte, schwer atmend, auf Sauer, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Dann lehnte er sich zurück.
"Fast zwei Jahre habe ich dich gesucht, Sauer." Kronbecher sprach diese Worte so ruhig, als säße er Sauer im Restaurant gegenüber. "Du hast gedacht, du bist so clever, was? Und jetzt bepißt du dich vor Angst und scheißt dir in die Hose."
Willi bekam Angst vor Kronbecher. Seine Augen irrten zwischen seinem Führungsoffizier und Sauer hin und her.
Kronbecher redete wie zu sich selbst weiter: "Du hast mir mein ganzes Lebenswerk zerstört, zwanzig Jahre Aufbauarbeit hast du verraten." Seine eiskalten Blicke fixierten Willi, und plötzlich brüllte er: "Sieh ihn dir an, Willi!"
Kronbecher ließ seine Worte lange wirken, ehe er Sauer, der zitternd mit der Schlinge um den Hals auf der Markierung stand, wieder ins Visier nahm und in sadistischem Stakkato sagte: "Seht ihn euch genau an! Seht, was mit einem Verräter passiert!" So außer sich hatte Willi ihn noch nie erlebt.
Endlich nickte er dem Offizier am Schaltpult zu. Der drückte den Knopf, die Falltür öffnete sich, Sauer fiel, der Strick straffte sich. Sauers Füße zappelten über der Falltür. Sie hörten nicht auf zu zappeln. An den Mundbewegungen war zu sehen, wie Sauer schrie und heulte.
Minuten vergingen, Sauer zappelte immer noch.
Willi fiel das Atmen schwer, als hätte er die Schlinge um den Hals. Er hoffte für Sauer, die Qual möge ein Ende haben. Eva Schmiedinger hielt sich die Hand vor den Mund und rannte aus dem Raum. Auf dem Gang mußte sie sich übergeben. Kretschmar hatte Tränen in den Augen, Schröder zog den Inhalt seiner Nase hoch. Willi sah, wie blaß Schmidt geworden war. Einzig Hugosch saß vornübergebeugt, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, und verfolgte interessiert das Geschehen.
Kronbechers Augen schweiften irritiert von Sauer zum Offizier am Schaltpult. Der Offizier wirkte nervös. Der Mann hätte längst tot sein müssen! Einer der Soldaten öffnete die Verbindungstür zwischen den beiden Räumen. Sauers Wimmern erfüllte die stickige Luft.
Ehe der Soldat etwas sagen konnte, sprang Kronbecher auf. Er schubste den Soldaten einfach beiseite und lief mit großen Schritten zu Sauer, der noch immer lebte. "Du Schwein!" schrie Kronbecher wie ein Irrer. "Du sollst totgehen!" Er zog an Sauers Beinen. Doch Sauers Körper kämpfte um das Leben; das Zappeln wurde stärker. Da klammerte sich Kronbecher mit seinem ganzen Gewicht an Sauers Füße.
Willi hielt sich die Ohren zu. Er wollte wegsehen, doch er konnte den Blick nicht abwenden. Aus Sauers Nase und Ohren floß Blut, das auf Kronbecher tropfte.
Dann war Dr. Helmut Sauer war tot.
Willi war wie gelähmt. Die anderen verließen den Schaltraum, Willi konnte sich nicht rühren. Er schaute zu, wie drei Soldaten die Leiche abnahmen und hinaustrugen. Der vierte Soldat holte unter der Falltür eine rechteckige Emailleschale hervor, in der Sauers Blut, Urin und Kot aufgefangen worden waren, und brachte sie hinaus. Die abgewaschene Schale, von der noch Wasser tropfte, stellte er an ihren Platz zurück. Er kam an das Schaltpult und schloß per Knopfdruck die Falltür.
Zwei Stunden später wurde Dr. Helmut Sauers Leiche in einem Krematorium unter Hugoschs Aufsicht verbrannt. Die Asche brachte Kronbecher persönlich auf die Müllkippe.
Das Ziel war erreicht. Doch Willi empfand keine Genugtuung. Er hatte Sauer gehaßt, weil er ein Verräter war. Darum hatte er auch bei der Jagd auf ihn mitgemacht. Aber hatte diese Menschenjagd nicht etwas Verabscheuungswürdiges gehabt? Waren solche Methoden einer sozialistischen Gesellschaft würdig? In den Tagen und Wochen nach dieser Hinrichtung mußte Willi immer wieder an Sauers Frage denken, ob Mord zur Vollendung der sozialistischen Revolution statthaft sei. Wer gab dem einen Menschen das Recht, einen anderen zu töten? Willi erschrak vor seinen Gedanken. Nein, sagte er zu sich selber, Sauer war ein Feind des Sozialismus und damit ein Feind aller friedens- und freiheitsliebenden Menschen. Die Todesstrafe für ihn war gerecht.
Kretschmar, Schmiedinger, Schröder, Schmidt, Hugosch und Willi erhielten von Kronbecher jeweils eine Prämie in Höhe von tausend DM, verbunden mit der Anerkennung und Wertschätzung des Politbüros des Zentralkomitees der SED. Danach fuhr jeder von ihnen für sechs Wochen in Urlaub.
 
 
 
 

Pierre Lombard alias Willi Meerbusch
10 058 Tage vor der deutschen Vereinigung

Auf der Autobahn Dresden-Berlin ereignete sich am einundzwanzigsten März dreiundsechzig ein schwerer Verkehrsunfall mit Todesfolge. Der Schweizer Bürger Pierre Lombard war mit seinem Fahrzeug ins Schleudern gekommen und frontal mit einem Lastkraftwagen zusammengestoßen. Die beiden anderen Insassen des Schweizer PKWs, Pierres Eltern, waren sofort tot; der damals neunundzwanzigjährige Pierre Lombard wurde in einem Krankenhaus der Hauptstadt der DDR behandelt. Routinemäßig bemühte sich die Staatssicherheit, wie bei jedem Unfall mit Ausländern in der DDR, um die Klärung der näheren Umstände.
Die für die DDR wichtigen Geldgeschäfte, die der alte Lombard jahrelang zuverlässig in der Schweiz erledigt hatte, mußten in jedem Fall von einer Privatperson weitergeführt werden. Als Kronbecher die Unfallfotos betrachtete, fiel ihm sofort die Ähnlichkeit Willis mit dem einzigen Überlebenden dieses Unfalls auf. Kronbecher faßte einen Entschluß.
Sechs Wochen lang lag Willi Meerbusch, als Patient getarnt, neben Lombard im Krankenzimmer. In den wenigen Stunden, in denen der Schweizer das Bewußtsein erlangte, mußte Willi alles über dessen Leben in dem kleinen Ort Martigny im Süden des Alpenlandes zu erfahren suchen.
Die Aktion war für das Ministerium für Staatssicherheit von außerordentlicher Bedeutung.
Willi Meerbusch befragte Lombard, sooft es der Zustand des Patienten zuließ, und auch das winzigste Detail war dabei noch von Bedeutung. Erleichtert wurde ihm die Befragung dadurch, daß Lombard einige Fotos bei sich hatte. Der Schweizer war froh, einen so sympathischen Zimmergenossen zu haben, und er erzählte ihm seine Lebensgeschichte. Da Lombard auf Anordnung des Arztes immer ein Schlafmittel bekam, konnte Willi von dem Schweizer unbemerkt sein Bett verlassen, um in einem Nebenzimmer von mehreren Sprachlehrern intensiv in Schwyzerdütsch und Italienisch unterrichtet zu werden. Außerdem erhielt Willi Grundkenntnisse in Französisch.
Alle Äußerungen Lombards wurden aufgezeichnet. Die Abschriften der Tonbandaufzeichnungen erledigte Eva Schmiedinger.
Kretschmar, Schröder, Schmidt und Hugosch standen für operative Aufgaben in der Schweiz zur Verfügung. Nachdem Kronbecher für jeden von ihnen eine ausführliche Legende ausgearbeitet hatte, wurden sie von ihm eingehend unterwiesen und erhielten Personaldokumente der Bundesrepublik Deutschland. Sie überprüften Lombards Äußerungen an Ort und Stelle und machten sich selbst ein Bild von den Gegebenheiten im schweizerischen Martigny.
Die Familie Lombard betrieb mitten in Martigny ein eigenes Kino, das aber nur in den Wintermonaten Filme zeigte. Über dem Kino befand sich eine kleine Wohnung, in der der Chef des Kinos, Pierre Lombards Onkel, während der Spielzeit lebte. Dieser achtundsechzigjährige Mann besaß auch ein kleines Gehöft in den Bergen, wo er sich von Mai bis Anfang Oktober, wenn das Kino geschlossen blieb, aufhielt. Auf seiner Alm versorgte er eine Herde von sechzehn Kühen.
Der plötzliche Tod von Pierre Lombard am fünfzehnten Mai kam für Kronbecher viel zu früh. Willi gab zu bedenken, daß er noch nicht alles Notwendige erfragt habe. Aber Kronbecher hatte keine Wahl. Die Aktion mußte durchgeführt werden.
Willi Meerbusch verwandelte sich in den Schweizer Bürger Pierre Lombard und fuhr nach Martigny, um dort seine neue Identität unverfänglich auf ihre Glaubwürdigkeit zu testen. Er bezog die kleine Wohnung über dem Kino.
In der Almhütte bestand Willi seinen wichtigsten Test. Willi sah aus wie Pierre, bewegte sich wie Pierre, sprach wie Pierre, aß wie Pierre, trank wie Pierre, lachte wie Pierre. Zudem war Pierres Onkel ziemlich einfältig und konnte nicht mehr so gut sehen. Im Jahre neunzehnhundertvierundsechzig, kurz vor Sommeranfang, verstarb der Onkel.
Willi nutzte die bescheidene Erbschaft der Lombards, um das Kino wieder in Schwung zu bringen. Das nötige Know-how lieferte ihm die Zentrale in Berlin. Freitags, sonnabends und sonntags liefen Filme, die Willi von einem Filmverleih in Genf bezog. Mit dessen Vertreterin Isabell Matthies schloß er Freundschaft, und bald wurde diese Beziehung intim.
Im Sommer verbrachte Willi viele Tage mit Isabell auf der Almhütte. Wenn sie in ihrem Peugeot nach Hause fuhr, begleitete er sie oft. Dort in Isabells kleiner Atelierwohnung in Genf blieb er meist montags und dienstags. Willi übernahm den Einkauf und nutzte diese Gelegenheiten, um seine spärlichen Französischkenntnisse aufzubessern. Daß er vorläufig von Kronbecher in der Schweiz nur geparkt war, gefiel ihm sehr. Die Annehmlichkeiten des Kapitalismus genoß er in vollen Zügen.
Willi hatte das Vermögen des alten Lombard in der Schweiz zu verwalten. Das waren Gelder der DDR-Regierung, die auf seinen Privatkonten verbucht waren. In den ersten beiden Jahren hatte Willi nicht viel mehr zu tun, als der Kinobesitzer Lombard zu sein. Es gab nur wenige Geldtransfers. Am Finanzplatz Genf jedoch hatte es Kronbecher schwer, Willi zu überwachen. Deshalb beschloß Kronbecher nach zwei Jahren, die Geschäfte nach Zürich zu verlegen, wo sich auch der Stammsitz der Bank befand.

7. Kapitel