Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

5. KAPITEL

Willis Datenbank
244 Tage deutscher Vereinigung

"Ist dir eigentlich klar, daß du noch nie in meiner neuen Wohnung warst?" fragte Alexandra, als sie ihren Fiat in der Neurather Straße vor der Nummer dreiundsechzig parkte. "Du wirst staunen, das ist ein richtiges Schmuckstück geworden. Warum schaust du immer nach hinten, Lisa?"
"Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir seit Bernau verfolgt werden." Lisa musterte die stuckverzierten Fassaden der Bürgerhäuser, die um die Jahrhundertwende gebaut worden waren.
Alexandra lachte. "Du leidest ja unter Verfolgungswahn!"
Die Abendsonne stand über der Straße. Ihr Schein wurde vom Kopfsteinpflaster reflektiert und blendete in den Augen. Das Baugerüst drei Häuser weiter warf lange Schatten auf den Bürgersteig.
Gemeinsam schleppten die beiden Frauen Willis Habseligkeiten, zwei Koffer, die Postmietbehälter und ihre Taschen in den Hauseingang.
"Ich hätte seine Klamotten gern behalten", sagte Lisa auf dem Treppenabsatz zum zweiten Stock.
"Gönn sie Herbert!" Alexandra lachte. "Schick sah er ja darin aus, dein Herr Opa."
Alexandra schloß die drei Sicherheitsschlösser an ihrer Wohnungstür auf.
"Fühlst du dich damit sicherer?" fragte Lisa amüsiert. "Ich als Einbrecher würde denken, die vielen Schlösser sind nicht umsonst da, hinter dieser Tür gibt es was zu holen."
"Erster Grundsatz: Bedrohliche Situationen vermeiden", sagte Alexandra. "Drei Schlösser schrecken Gelegenheitsdiebe ab."
"Aber wenn dir jemand im Treppenhaus auflauert? Du brauchst viel zu viel Zeit, um in deine Wohnung zu kommen", meinte Lisa.
"Dann muß ich mich eben selbst verteidigen."
"Du zierliches Persönchen!"
"Selbstverteidigung hat nichts mit Masse zu tun, sondern mit Schnelligkeit", belehrte Alexandra.
Lisa ließ sich die Wohnung zeigen. Die große Berliner Küche gefiel ihr.
"Du kennst ja noch meine Kochnische im S-Block in Köpenick", sagte Alexandra, "wo ich mich nicht drehen und wenden konnte, diesen Kasten mit Durchreiche, der ins Wohnzimmer hineingesetzt war. Hier in meiner neuen Wohnung bin ich die meiste Zeit in der Küche. Ich sitze gern am Fenster und schaue auf die Kastanie im Hof."
Es roch nach Farbe und neuem Fußbodenbelag. Eine Flügeltür verband zwei der drei Zimmer. Die "Traditionsecken", wie Alexandra die Ansammlungen von Reisemitbringseln in der alten Wohnung nannte, fehlten hier. "Das Zeug ist im Keller", sagte sie zu Lisa. "Zum Wegwerfen ist es zu schade, es sind ja Erinnerungen."
"Die Vergangenheit im Keller verwahren", spöttelte Lisa, "eine wirksame Methode."
"Irgendwie muß ich ja doch ein neues Leben anfangen", erwiderte Alexandra nachdenklich. Dabei ordnete sie auf der Fensterbank Steine von kretischen Stränden und legte eine Golddistel in ein geklautes Weinglas. "Mit Willi würde ich jetzt in Atlantis 21 wohnen."
"Woher kennst du Atlantis 21?" fragte Lisa. "Du warst noch nie dort."
"Willi hat mir Bilder gezeigt. Die Feriensiedlung gehört doch einer seiner Gesellschaften, und dort wollten wir wohnen. Im Hochzeitszimmer."
"Und ich dachte, Atlantis gehört Nicola?" sagte Lisa verwundert. "Nicola hat sich dort immer wie der Chef aufgeführt."
"Vielleicht gehört er zu den griechischen Gesellschaftern", überlegte Alexandra. "Aber ich nehme an, er vertritt sie nur vor Ort."
Lisa schüttelte den Kopf. "Jetzt weiß ich auch, warum die im Dorf immer meine Post geöffnet haben. Sie wollten wissen, wann Atlantis endlich aufmacht."
"Ich glaube, Willi gehören drei Hotels in Griechenland", sagte Alexandra, "und ein viertes soll wohl in nächster Zeit gebaut werden. Auf Gavdos. Warst du schon einmal auf Gavdos?"
Lisa erzählte von ihrem Ausflug mit Wassili zur kleinen Insel Gavdos, die Kreta etwa dreißig Kilometer südlich vorgelagert ist. Sie erzählte, wie sie morgens noch in der Dunkelheit losgefahren waren, wie die orangefarbene Aura der Sonne den schwarzen Nachthimmel und die Sterne über dem Meer verschwinden ließ, wie die ersten Sonnenstrahlen die Augen blendeten. Lisa erzählte von den Menschen auf Gavdos, von deren Einfachheit, Freundlichkeit. Sie verschwieg allerdings, wie Wassili sie auf den Fischernetzen einfach genommen hatte, und daß sein Bootsmann Andreas aus dem Führerhaus des Kutters ihnen dabei grinsend zugesehen hatte. Was wollte Willi mit einem Hotel in der absoluten Einsamkeit der Insel, fragte sie sich, wo nur Krüppelkiefern wuchsen und nicht mehr als zwanzig Menschen lebten?
Die beiden Frauen saßen im Wohnzimmer auf neuen, petrolfarbenen Ledersesseln, die um einen Ofen, der wie ein Kamin aussah, geordnet waren. Alexandra hatte eine Flasche Apfelwein aufgemacht, die sie auf dem Ökofest erstanden hatte. "Der erste Schluck schmeckt etwas streng", meinte sie, "aber dann geht es."
Das Zimmer auf der anderen Seite der Flügeltür war bis in Schulterhöhe mit dunklem Holz getäfelt.
"Noch vom Vormieter", erklärte Alexandra, als sie Lisas Befremden gewahrte. "Aber inzwischen gefällt mir das ganz gut. Richtig gutbürgerlich, nicht wahr?"
Sie zeigte Lisa das Arbeitszimmer. Der Schreibtisch am Fenster war aufgeräumt, ein Computer stand darauf. Das Foto daneben zeigte Willi, wie er braungebrannt vor einer Baustelle in Atlantis 21 stand, den Blick auf das Meer gerichtet, das den Felsen umspülte.
Im Bücherregal erinnerten noch diverse Nachschlagewerke aus DDR-Zeiten, Schnellhefter und die Fotoapparate an ihre Tätigkeit als Journalistin. Aber sie schrieb keine Artikel mehr für die Illustrierte. Wie sie, war über die Hälfte der Mitarbeiter entlassen worden. Doch Alexandra hatte Glück im Unglück: Da ihr die Arbeit an den neuen Computern gefiel und sie sich für die Gestaltung der Seiten interessierte, bekam sie einen neuen Vertrag als Layouterin; allerdings für ein geringeres Gehalt. Ab und zu durfte sie noch Fotos zu Reportagen abliefern, die sie an den Wochenenden, wenn sie keinen Dienst hatte, mit Elke zusammen recherchierte. Ein kleines Zubrot.
Alexandra legte für Lisa Bettzeug und Handtücher auf die Couch. "Das Bad ist nebenan. Ich mache uns was zu essen, ein Ökoabendbrot."
Lisa genoß das ausgiebige Duschen. Als sie sich abtrocknete, roch sie gebratenen Speck, die Krönung von Alexandras Salat: große Tomaten- und Gurkenstücke, Avocados, Zwiebelringe, Feldsalat. Dazu gab es Brot aus Biesenthal und Butter. Alexandra schenkte Apfelwein ein.
"Das mit deiner Selbstverteidigung geht mir nicht aus dem Kopf", sagte Lisa beim Essen. "Vielleicht würde ich mich sicherer fühlen, wenn ich mich wehren könnte."
Aus dem Bücherregal im Flur holte Alexandra ein abgegriffenes Taschenbuch: "Die Perlenkette. Selbstverteidigung für Frauen. Praktische und geistige Schule."
"Wenn du willst, borge ich es dir", sagte Alexandra. "So, und jetzt schauen wir mal, was uns Willi hinterlassen hat."
Die beiden Frauen gingen in den Flur, wo Willis Koffer und die Postmietbehälter standen. Alexandra nahm ihr Kettchen ab, an dem ein kleiner Schlüssel hing, mit dem sie das Zahlenschloß aktivierte.
"Das ist aber raffiniert", sagte Lisa gespannt. "Ohne den Schlüssel geht es nicht?"
Alexandra nickte und stellte die Zahlenkombination ein. Sie klappte den Koffer auf. Ein Computer war darin, auch ein Funktelefon und fünf Boxen mit Disketten. In die Hohlräume im Koffer hatte Alexandra Kleidungsstücke gestopft.
Lisa machte große Augen. So einen Computer und so ein Telefon hatte sie auch in den Postmietbehältern gefunden.
"Das ist doch ganz logisch", erklärte Alexandra, "Willi wollte die Geräte nicht hin und her schleppen, also hat er mehrere angeschafft und an verschiedenen Orten geparkt."
"Aber, wenn die Computer geklaut werden?" fragte Lisa.
"Keine Sorge", sagte Alexandra beschwichtigend. "Die Computer sind leer."
"Willi hat nichts gespeichert?"
Alexandra startete den Computer. Auf der Bildfläche erschien das Zeichen der Festplatte, die sich öffnete, und es erschien ein Ordner, der "Spiele" hieß. Lisa untersuchte die Disketten. Auch diese speicherten nur Spiele. "Das ist nun das große Geheimnis meines Vaters", sagte sie resigniert.
"Willi hat den Computer nur als Terminal genutzt", erklärte Alexandra. Sie nahm ein Telefonkabel aus dem Koffer und verband den Computer mit der Telefondose, wie sie es bei Willi gesehen hatte, wenn sie in Hotels übernachteten. Willi hatte stets darauf geachtet, daß im Zimmer ein Telefonanschluß vorhanden war. Alexandra startete das Laufwerk neu.
"Wenn du jetzt den Code eingibst, dann wählt sich der Computer in eine Mailbox ein", sagte sie.
"Was für eine Mailbox?"
"Keine Ahnung. Irgendwo in der Welt hat Willi eine eingerichtet, in der er alle seine Daten aufbewahrt."
"Und wozu ist das gut?" fragte Lisa.
"Damit niemand an die Daten herankommt, wenn der Computer geklaut wird."
"Oder", meinte Lisa, "damit er von jedem Punkt der Welt aus mit seinen Daten arbeiten kann."
Sie war sehr aufgeregt, als sie den Code, den sie von Herbert hatte, eintippte. Ein Dreiklang ertönte, und vier Stapel von Spielkarten wurden sichtbar.
"Das ist doch keine Datenbank!" Lisa war enttäuscht.
"Du hast dich verschrieben", sagte Alexandra und lachte. "Das ist Willi auch öfter passiert."
Lisa konzentrierte sich, als sie erneut den Code eingab. Nach einigen Sekunden füllte sich der Bildschirm mit einer umfangreichen Inhaltsangabe. Lisa klickte einzelne Zeilen an, worauf sich wieder mehrere Unterdateien öffneten. Sie überflog die Stichworte, die die Dateien kennzeichneten: Depots, Konten, Firmen, Spesen Frohner, Reise, Protokolle, Persönliches, Privat, Familie, Briefe ...
"Ich sehe schon", sagte Alexandra, "du bist auch so ein Computernarr wie Willi. Dann habe ich wohl nichts mehr zu melden." Sie ging in die Küche, kam mit dem Wein und Gläsern zurück und setzte sich hinter Lisa, um auch auf den Bildschirm sehen zu können.
Lisa hatte unter dem Stichwort "Persönliches" Dateien gefunden, die mit den Initialen SK, ES, KHS, PS und DH benannt waren. Sie wußte sofort, zu welchen Namen diese Initialien gehörten. Aber waren das dieselben Leute, die Alexandra auf der Jacht gesehen hatte?
Lisa öffnete die Datei von Karl-Heinz Schröder, die zweitausendvierhundertsechsundsiebzig Bilder enthielt. Lisa blätterte die ersten sechs Seiten auf. Es waren die Bilder eingescannter Dokumente, die sie schon einmal gesehen hatte, notarielle Urkunden, die Schröder als Gesellschafter in verschiedenen Firmen im Ruhrgebiet ausweisen. Fieberhaft zog Lisa den Postmietbehälter mit den Akten näher zu sich und holte die Akte von Schröder heraus. Die gespeicherten Bilder waren identisch mit den ersten eingehefteten Seiten, den notariellen Urkunden.
Lisas Puls raste. Sie hörte Alexandras flachen kurzen Atem hinter sich.
Lisa schlug das letzte Blatt in der Akte auf und ging ans Ende der Datei zum letzten gespeicherten Bild. Es zeigte tatsächlich die Rückseite des letzten Blattes. Lisa blätterte in der Datei und der Akte nach vorn, verglich die Bilder mit den Seiten. Sie stimmten überein. Wortlos machte sie Stichproben auch in den anderen Akten und den dazugehörigen Dateien. Sie stimmten alle überein.
"Alexandra!" rief Lisa.
"Brüll nicht so, ich bin ja hinter dir."
"Ich verstehe das nicht", sagte Lisa atemlos. "Willi hat die Akten vollständig eingescannt. Aber warum hat er das viele Papier aufgehoben?" Sie deutete auf die Aktendeckel, auf denen der Befehl zur Vernichtung der Akte zu lesen war. "Laß uns die Akten verbrennen."
"Das sind Originale", gab Alexandra zu bedenken.
"Aber die belasten doch nur", meinte Lisa.
"Ich weiß nicht", meinte Alexandra. "Willi wird sich schon etwas dabei gedacht haben. He, warte mal!" rief sie plötzlich sehr aufgeregt und kam mit ihrem Kopf dicht an den Bildschirm heran. "Weißt du, was 'Wüstensand' bedeutet?"
Lisa verneinte.
"Das ist das Codewort für die Isolierungslager, die die Stasi bauen wollte", sagte sie erschüttert. "Dort sollten all jene interniert, isoliert und überwacht werden, die man als politisch unzuverlässig angesehen hat."
"Internierungslager?" fragte Lisa ungläubig.
Alexandra ereiferte sich: "Du wärst im Falle eines Falles auch dort gelandet, weil dein Freund in den Westen gegangen ist."
"Das ist doch kein Grund", protestierte sie. "Ich bin ja hiergeblieben."
"Na, dann eben, weil du einen Kranz am Mahnmal Unter den Linden niedergelegt und dabei kein FDJ-Hemd anhattest. Oder einfach, weil du im französischen Kulturzentrum ein- und ausgegangen bist, oder weil du den Lehrerberuf hingeschmissen hast. Allein der Verdacht, du könntest dich staatsfeindlich betätigen, reichte!"
"Das kann doch nicht sein", sagte Lisa tonlos.
"Hast du nicht neulich den Fernsehbericht über die psychiatrische Anstalt Waldheim in Sachsen gesehen?" Alexandra faßte sich an den Kopf. Den konnte Lisa nicht gesehen haben, denn sie war ja erst seit zwei Tagen wieder in Deutschland.
Alexandra berichtete, daß in dieser psychiatrischen Anstalt noch im Jahr neunzehnhundertneunzig Überwachungskameras und Elektrozäune installiert worden waren, die für normale Patienten nicht nötig gewesen wären. Die Kapazitäten der Anstalt sollten erweitert werden. Von speziell vorbereiteten Haftbefehlen, von Sammeltransporten war die Rede und von täglichen Zählappellen. "Kommen dir diese Vokabeln auch bekannt vor?" fragte sie verbittert.
Lisas Mund stand offen. "Und Willi hat dabei mitgemacht?"
"Ich weiß nicht", antwortete Alexandra unsicher. "Ehrlich gesagt, ich will es auch nicht wissen. Nicht jetzt."
Sie schlug vor, in der Aufregung nichts zu überstürzen, sondern die Akten zu den anderen Umzugskartons in ihren Keller zu schaffen.
"Vielleicht", sagte sie nachdenklich, "sollte man die ganze Scheiße öffentlich machen. Die Verantwortlichen sollten mit Namen und Adresse genannt werden. Ich werde das Thema in der Redaktion vorschlagen."
Lisa starrte auf die Dienstanweisungen, Tabellen und auch Lagerpläne auf dem Bildschirm. Die Stempel "Geheime Verschlußsache" über einzelnen Schriftstücken glichen denen, die die Nazis benutzt hatten. Hatte die Stasi auch vor, Menschen zu entwürdigen, zu einem Nichts zu machen und zu liquidieren? Und plötzlich dachte Lisa an Dokumentationen, die zeigten, wie in den Konzentrationslagern Berge von Leichen mit Schneeschiebern in Gruben geschoben worden waren, eine Schicht Kalk, dann wieder eine Schicht Leichen. Die skelettgleichen toten Frauen unterschieden sich von den Männerkörpern nur noch dadurch, daß sie keinen Strich zwischen den Beinen hatten. Hatte die Stasi das vor? Hatte Willi an den Konzeptionen für die Lager mitgearbeitet?
"Die Vereinigung hätte politisch gar nicht langsamer verlaufen dürfen", sagte sie.
"Sonst wären die wenigen Mutigen in solchen Lagern gelandet", sagte Alexandra, "und es hätte wie dreiundfünfzig keine Veränderung bei uns gegeben."
"Hier", sagte Lisa, sie studierte die Internierungslisten in den einzelnen Bezirken. "Schau dir das mal an! Nach Kennziffer vier-eins sollten Leute interniert werden, bei denen begründete operative Hinweise vorliegen, daß sie staatsfeindliche Handlungen begehen könnten! In Frankfurt/Oder waren dreihundertsechsundzwanzig Leute registriert, im Bezirk Frankfurt/Oder über siebenhundert; in dem kleinen Nest Strausberg allein zweihundertachtzig, und in Köpenick dreiundsechzig." Lisa hielt angewidert inne. Sie wollte wegsehen, doch ihre Augen tasteten wie von selbst Zeile für Zeile auf dem Bildschirm ab: in Marzahn neunhundertneunundachtzig. In Berlin-Mitte, in Pankow und Prenzlauer Berg insgesamt über vierhundert Menschen, in Dresden mehr als tausend. "Sieh mal, aus Bautzen wollten die nur achtundsiebzig", wunderte sie sich.
"Der Rest saß doch schon", gab Alexandra zynisch zurück.
"Und hier in dem kleinen Nest Sömmerda hatten sie hundertzwei Menschen im Visier. Hier steht die Gesamtzahl: insgesamt zweiundachtzigtausendsechshundertachtundsiebzig Menschen. Die hatten schon über fünfzig Lager fix und fertig!" Lisa war außer sich. "Hier steht wortwörtlich, wen das betraf: es waren Personen, die Ersuchen auf Übersiedlung gestellt haben, Personen, die zu klerikalen Kräften Kontakte unterhielten, DDR-Bürger, die nicht an den Wahlen zur Volkskammer teilgenommen haben, Mitunterzeichner von Resolutionen, deren Inhalt sich gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung richteten, DDR-Bürger, die mit Reformmodellen sympathisierten, Personen, die Kontakte zu diplomatischen Einrichtungen nichtsozialistischer Staaten und - jetzt kommt es noch schlimmer - deren Kulturzentren in der DDR unterhalten. Und hier steht für die Hauptabteilung römisch zwei, daß sie auch Diplomaten und westliche Korrespondenten internieren wollten."
"Ich glaube", sagte Alexandra, "die hatten einen wahnsinnigen Schiß vor dem Volk. Nach diesen Befehlen konnten die ja jeden von uns, dessen Nase ihnen nicht paßte, verhaften und verschwinden lassen, so wie das in Polen einundachtzig gemacht wurde!"
"Hier am Schluß steht der Vernichtungsbefehl für alle Internierungspläne und Unterlagen, unterschrieben von einem Oberstleutnant. Und noch ein Regierungsbefehl, der sogar die Dokumente, auf denen diese Befehle stehen, vernichtet wissen will."
Auf Alexandras Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. "Sieh zu, daß du das ausdrucken kannst! Ich werde das in der nächsten Redaktionssitzung einfach vorlesen."
Sie stand auf, streckte sich. Ihre Fingerknochen knackten.
"Vor allem bitte ich dich", sagte sie lächelnd, "die Verbindung zur Mailbox zu beenden. Du sitzt schon seit zwei Stunden daran. Denk mal an meine Telefonrechnung!"
Lisa rieb sich die überanstrengten Augen. Gemeinsam verstauten sie die Akten in einem stabilen Müllsack und diesen wiederum in einem Umzugskarton. Alexandra verbrauchte eine ganze Rolle Paketklebeband, um den Karton zu verschließen. Den Karton brachten sie in den Keller, und Alexandra stapelte andere Kartons um, damit dieser nicht gleich vornan stand.
Wieder im Wohnzimmer, gab sie Lisa ein gefüttertes Kuvert.
Lisa holte zuerst ein mit einer unbeschrifteten Banderole zusammengehaltenes Geldbündel heraus. Sie schätzte fünfzigtausend DM. "Was soll ich damit?" fragte sie.
"Das ist von Willi", sagte Alexandra.
"Er hat es dir gegeben, also behalte es." Lisa schob das Geld über den Tisch zu Alexandra.
Die schob es wieder zurück. "Es gehört mir nicht."
"Mir auch nicht."
Das Geldbündel lag in der Mitte des Tisches.
"Du bist seine letzte Frau gewesen", meinte Lisa.
"Und du seine einzige Tochter."
Sie lachten. Das Geld blieb in der Mitte des Tisches liegen.
Lisa betrachtete die Scheckkarten und einen Schweizer Paß mit Willis Foto, der auf den Namen Pierre Lombard ausgestellt war.
"Hat das denn nie ein Ende?" fragte Lisa verzweifelt. "Überall diese Gespenster!"
"Was hast du denn?"
Lisa heulte plötzlich los. Alexandra wurde aus ihrem Gestammel nicht schlau, verstand nur etwas vom Flughafen in Athen, von der Verhaftung eines Mannes, der sich als Pierre Lombard ausgegeben hatte, und von notariellen Urkunden. "Wer, verdammt, ist dieser Lombard", stieß sie unter Tränen hervor, "und warum hatte Willi so viele Pässe?" fragte sie.
Alexandra nahm sie in den Arm und sagte sanft: "Weißt du, Lisa, mich hat dein Vater als Mann interessiert. Im Bett hatte ich immer ein und denselben, verstehst du? Es war mir gleich, ob er Lombard oder Münchmeier oder Meerbusch hieß."
Lisa lächelte matt. "Ich habe eine Bitte, denn ich weiß nicht, wie das geht, aber irgendwie muß doch seine Leiche aus Kairo nach Deutschland gebracht werden. Würdest du mitkommen?"
"Wer ich? Nein, nach Kairo kriegen mich keine zehn Pferde mehr."
Alexandras Ablehnung verwirrte Lisa. Doch dann glaubte sie, in Alexandras Gesicht Furcht zu erkennen. Wovor hatte sie denn Angst? Niemand hatte sie gesehen. Lisa konnte darüber nicht länger nachdenken. Die Ereignisse der letzten beiden Tage forderten ihren Tribut; sie war zum Umfallen müde.
 
Als Lisa am nächsten Morgen aufwachte, fand sie nur einen Gruß auf dem Schreibtisch: "Mahlzeit, du Langschläferin. Ich bin im Dienst, ruf mich an! Aber nicht zwischen halb drei und halb vier - Jour fixe. Gruß Alex." Darunter stand eine Telefonnummer und der Name Dr. Küde Frohner. Auf dem Zettel lag der Wohnungsschlüssel. Willis Geld lag nicht mehr auf dem Tisch.
Es war zwölf Uhr mittags. Die Sonne schien zum Wohnzimmerfenster herein. Unten in der Neurather Straße fiel Lisa ein gelbschwarzer Manta auf. Am Steuer saß ein Mann, der Zeitung las.
Lisa holte Willis Funktelefon aus der Tasche, multiplizierte ihr Geburtsdatum mit der Zahl Elf und tippte langsam das Ergebnis ein. Dann drückte sie die Taste mit der Raute. Das Telefon funktionierte. Sie wählte die Züricher Nummer von Dr. Küde Frohner. Vor Aufregung wurde ihr heiß.
"Lisa Meerbusch?" fragte eine angenehme Männerstimme.
"Wieso?" fragte sie verblüfft zurück.
"Ich habe auf Ihren Anruf gewartet, Lisa. Sie haben also die Kisten Ihres Vaters gefunden."
Lisa brachte kein Wort heraus. Woher wußte Frohner von den Postmietbehältern? Wer hatte ihm gesagt, daß Willi ihr Vater war?
"Hören Sie", redete Dr. Frohner weiter, "ich muß jetzt in ein Meeting. Wir müssen uns treffen, es gibt eine Menge zu klären. Sie müssen die Leiche Ihres Vaters in den nächsten Tage in Kairo identifizieren. Rufen Sie mich doch gegen vier noch einmal an, ja?"
Lisa hörte ein Knacken in der Leitung. Unschlüssig legte sie das Telefon auf den Tisch und schaute aus dem Fenster. Der gelbschwarze Manta parkte noch immer auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Mann darin rauchte jetzt und blickte zu ihr hoch.
Das war zuviel für sie. Die Stille in der Wohnung konnte sie nicht länger ertragen. Ihre Erinnerungen an Willi, an seine Datenbank, an Hugosch lärmten in ihrem Kopf. Um sich abzulenken, schaltete sie den Fernseher ein. Sie mußte ihre Gedanken ordnen, sie mußte systematisch vorgehen. Vor allem mußte sie Ruhe bewahren.
Dann erwog sie, zur Polizei zu gehen. "Hören Sie, ich habe den Eindruck, mich verfolgt jemand." Sie stellte sich die befremdeten Gesichter der Beamten vor und grinste. Nein, sie hatte keine Beweise, man würde sie für verrückt erklären.
Also mußte sie selbst etwas unternehmen. Alexandras Buch über Selbstverteidigung fiel ihr ein.
Schon die ersten Sätze im Vorwort interessierten sie: "Ein möglicher Kampf ist wie das Herabfallen der Perlen von einer zerrissenen Kette. Jede der Perlen, die nacheinander auf den Boden fallen, ist eine andere Technik. Die Techniken müssen schnell aufeinander folgen, bis der Angreifer kampfunfähig ist, notfalls bis zum Tod." Lisa mußte an Dieter Hugosch denken. Möglicherweise war er es, der da unten in dem Auto saß, oder einer seiner Leute. "Je präziser die Techniken ausgeführt werden, desto weniger Perlen benötigen Sie. Jede Frau kann sich selbst verteidigen, egal, ob sie mit Messer, Fäusten oder Pistole bedroht wird. Als wandelndes Waffenarsenal herumzulaufen, ist wenig wirkungsvoll, denn wenn das Tränengas gebraucht wird, liegt es in der Handtasche, und mit einem Messer kann Ihr Gegner in der Regel besser umgehen als Sie. Ihre Hände und Beine haben Sie immer bei sich, und die sind immer einsatzbereit. Entscheidend ist nicht die Kraft, sondern die Schnelligkeit."
Lisa las sich fest. Vor dem Spiegel im Flur probierte sie einige Bewegungsabläufe. Fast hätte sie das Telefonat mit Frohner vergessen.
"Ich glaube, ich werde verfolgt", sagte sie zu Frohner.
"Von einem Mann im gelbschwarzen Manta?" fragte er.
Lisa nickte überrascht. Frohner redete weiter: "Das ist Christoph, mein Mitarbeiter. Ich habe ihn beauftragt, in Ihrer Nähe zu sein."
"Aber warum?" fragte sie verstört.
"Man kann nie wissen", gab er zu bedenken. "Reine Vorsichtsmaßnahme." Frohner erklärte ihr, daß er mit den Formalitäten zur Überführung der Leiche noch nicht viel weitergekommen sei. "Haben Sie Lombards Paß gefunden?"
"Das schon, aber ..."
Frohner unterbrach sie. "Reden wir nicht am Telefon darüber. Den Paß werden Sie in Kairo bei der Identifizierung brauchen. Ich schätze, es dauert noch eine Woche, dann werden wir uns dort sehen und können miteinander reden, in aller Ruhe." Morgen könne er ihr sicher mehr sagen, wenn sie um die gleiche Zeit wieder anriefe.
Lisa fühlte sich von Frohner behandelt wie ein kleines Kind. Warum sagte er nicht, was los war? Wozu sollte dieser Christoph in ihrer Nähe sein? Was bedrohte sie, oder vor wem sollte sie beschützt werden? Sie sollte tun, was er verlangte. Sie sollte Frohner anrufen zu bestimmten Zeiten, sie sollte zulassen, daß dieser Mann im Manta in ihrer Nähe war. Aber sie hatte doch auch ein Privatleben! Lisa beschlich das beklemmende Gefühl, daß es gar nicht um sie ging. Sie war nur dazu da, um Willi in Kairo zu identifizieren.
"Aber da werde ich dem Herrn einen Strich durch die Rechnung machen", sagte sie.
Hinter der Gardine schaute sie auf die Neurather Straße. Der Manta war noch immer da. Jetzt telefonierte der Mann. Die Sonne stand zwischen den Häuserreihen, beschien das Kopfsteinpflaster und blendete ihn; er hatte sich eine Sonnenbrille aufgesetzt. Lisa packte eilig das Selbstverteidigungsbuch, Computer, Telefonkabel und Telefon in die Teddytasche und verließ die Wohnung.
 
 
 
 

Ein Westmensch verarmt
245 Tage deutscher Einheit

Lisa kletterte im Hinterhof über den Zaun, der die Grundstücke voneinander trennte. Im Nachbarhaus stieg sie die Treppen hinauf bis zum Dachboden und lief über das Dach bis zum nächsten Haus. Sie betrat zwei Eingänge weiter die Straße und bog um die Ecke. Der Manta stand noch immer vor Alexandras Haustür. Lisa frohlockte. Sie hätte nicht geglaubt, daß sie ihn so einfach abschütteln könnte. Gemächlich lief sie zur Hauptstraße vor und hielt ein Taxi an. Bevor sie einstieg, schaute sie sich um. Der Manta war nicht zu sehen. Sie sagte dem Fahrer, sie wolle zum Bahnhof Zoo.
Schöner Beschützer, dachte Lisa. Wie sollte er sie beschützen können, wenn er sie schon nach zweihundert Metern aus den Augen verlor? Lisa war stolz auf sich. Sie war gerissener als ein Profi. Sie brauchte sich nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was sie zu tun hatte und was nicht.
Früher hatte sie sich manchmal einen großen Bruder gewünscht, einen, der sich für sie in der Schulpause prügelte oder mit dem sie in die Disko gehen konnte, einen, der sie beschützte. Sie war ein Einzelkind geblieben. Sie hatte damals keinen Beschützer gehabt, und sie brauchte auch künftig keinen. Als Hugosch sie verfolgte, war auch kein Beschützer dagewesen. Sie wollte niemanden in ihrer Nähe haben. Sie hatte ein Recht auf ihre Privatsphäre!
Doch dann dachte sie an die fünf Leute auf der Jacht. Hugosch war in Athen - vielleicht war er nicht allein? Ich bin schön blöd, kam es ihr in den Sinn, wenn jetzt wirklich etwas passiert, kann mir nicht einmal der, der zu meinem Schutz abgestellt ist, beistehen. Staatsmänner werden auch beschützt und haben trotzdem eine Privatsphäre.
Lisa fand es auf einmal sträflich dumm, ihren Beschützer abgeschüttelt zu haben. Was, wenn sie nun ein anderer verfolgte? Jemand, den sie nicht gesehen hatte? Jemand, der die ganze Zeit schon unbemerkt hinter ihr fuhr? Oder wenn der Taxifahrer selbst einer von denen war? Lisa war froh, als sie endlich über den Tauentzien fuhren und in die Joachimsthaler Straße einbogen. Eilig bezahlte sie und lief hinunter zur U-Bahn.
Sie stieg in die erstbeste Bahn, in die Linie eins Richtung Schlesisches Tor. Argwöhnisch musterte sie die Fahrgäste, die dichtgedrängt vor den Türen standen. Trotz der offenen Fenster war die Luft zum Schneiden dick. Es roch nach Schweiß, ein wenig nach Knoblauch, nach verbranntem Gummi und nach Fritieröl von den Pommes, die sich ein kleiner Junge nach und nach in den Mund schob. Zwei türkische junge Männer saßen sich gegenüber und unterhielten sich laut. Ihre dunklere Haut glänzte im weißen Licht der Zugbeleuchtung.
Auf einmal wußte Lisa, wohin sie fahren würde. Viel zu lange war sie mit keinem Mann mehr zusammen gewesen. Die U-Bahn fuhr aus dem Tunnel, die beiden Türken blinzelten ins Sonnenlicht, rieben sich die Augen. Gleisdreieck. In der Umgebung des Paketpostamtes schien wenig Verkehr zu sein. Lisa fuhr eine Station weiter. Die Strecke verlief über dem Landwehrkanal. Am Kaufhaus vor dem Halleschen Tor entdeckte Lisa einen Taxistand.
Sie nannte dem Fahrer die Adresse von Bo. Auf der Fahrt nach Schöneberg dachte sie an ihren ersten Westgeliebten und mußte sich eingestehen, daß ihr der Sex mit Bo Spaß gemacht hatte, bevor sie von Bärbel, seiner Hauptfrau, wußte; zum Schluß nicht sehr aufregend, na gut, nichts Besonderes mehr, aber zuverlässig, geregelt, wie Nahrungsaufnahme eben. Sie würde mit ihm von vorn anfangen. Man muß verzeihen können. Vielleicht hatte er sich geändert? Daß er in der Zwischenzeit andere Frauen hatte, war ihr klar, denn er konnte ja nicht wissen, daß sie ihm eines Tages wieder über den Weg laufen würde. Und schließlich hatte sie auch andere Männer gehabt. Ob er sich wirklich geändert hat? Versprochen hatte er es. Unwahrscheinlich.
Der Fahrer raste mit dem Taxi unter den Yorckbrücken hindurch, nutzte jede Lücke, die andere Autofahrer ließen, und kam rasch durch den Berufsverkehr.
Es könnte eine lockere Zweckgemeinschaft mit Bo sein, überlegte sie. Bo würde seinen Geschäften nachgehen und sie den ihren. Sie hätte soviel Sex, wie sie brauchte, damit ihr gesunder Menschenverstand nicht verkümmerte.
Die Haustür war verschlossen, wie gewöhnlich nach zwanzig Uhr. In Bos Wohnung ganz oben brannte Licht. "Mannhardt" stand auf dem Feld neben dem Klingelknopf. Lisa drückte ihn zweimal kurz hintereinander, wie früher. Beim zweiten Versuch meldete sich Bo.
"Wenn du allein bist, komm runter und mach mir auf", sagte Lisa.
"Wer ist ..." Er stieß geräuschvoll auf. "Entschuldigung", stammelte er.
"Lisa."
"Welche Lisa?" Seine Stimme klang freundlicher.
"Wieviele Lisas kennst du denn?" Sie bedauerte schon, hierher gekommen zu sein. Er konnte sich nicht erinnern, aber eine Frau, die unerwartet bei ihm klingelte, wollte er sich wenigstens ansehen. Wie in alten Zeiten. Nur keine Chance ungenutzt lassen.
"Okay." Jetzt hörte er sich sogar unternehmungslustig an. Es knackte im Lautsprecher. Bo mühte sich, mit dem Schlüssel das Schloß zu treffen. Schwankend stand er im Türrahmen, seine Jeans waren nicht zugeknöpft. Seine breitgezogenen Mundwinkel wirkten wie eine Fratze.
"Hallo", sagte sie. "Darf ich reinkommen?"
Bei Bo dämmerte es. "Lisa, richtig, Lisa."
Sie drängte sich an ihm vorbei in den Hausflur. Er versuchte, mit ihrem Tempo Schritt zu halten, und mühte sich vergebens, seinen trunkenen Zustand zu überspielen.
Bo fiel in einen Sessel, Lisa setzte Wasser für Kaffee auf.
Auf dem Couchtisch stand eine billige Flasche Weinbrand. Im Aschenbecher türmten sich Kippen. Lisa vermißte den Designerteppich. War der wieder auf irgendeiner Ausstellung? Ihr hatte der Teppich nie gefallen.
Bo kam aus dem Bad, wo er sich kaltes Wasser über den Kopf hatte laufen lassen.
"Lisa, das ist ja eine Überraschung. Mensch, ist mir das peinlich, daß du mich in diesem Zustand ... Warum hast du nicht angerufen?"
"Ich bin erst seit gestern wieder in Berlin, heute abend hatte ich Langeweile, und da dachte ich, ich besuche meinen Verflossenen." Sie bemühte sich um einen zwanglosen Ton.
Bo schlürfte genüßlich den Kaffee. "Warum hast du keinen für dich gemacht?" fragte er.
"Es ist keiner mehr da."
"Ach ja", sagte er und schob ihr die Tasse herüber.
Sie setzte sich zu ihm auf das Sofa, nahm die Füße hoch und legte den Arm auf die Lehne hinter seinen Kopf. Er sah sie an, sie wich seinem Blick nicht aus. Er war zu betrunken, um lange auf einen Fleck zu schauen.
"Ich kann es nicht glauben!" sagte er mehrmals.
Lisa kannte Bo gut genug, um zu wissen, daß sie ihm das Gefühl geben mußte, er hätte sie erobert. Sie mußte zuerst seinen sportlichen Ehrgeiz in bezug auf Frauen befriedigen, aber im Moment höllisch aufpassen, daß er bei der Balz nicht einschlief. Lisa atmete seinen Bewegungen entgegen. Bo spürte ihre Erregung und legte seine warme Hand auf ihren Schoß. Diese Berührung, so unvermittelt, ersehnt, geträumt, erwartet, löste die Spannung in ihrem Körper. Die Luft schoß aus der Lunge, begleitet von ihrem leisen Stöhnen, und ein tiefes Orange füllte den Raum. Sie war bereit für Bo, der ihren Bauch küßte und seinen Kopf auf das warme Fleisch legte.
"Ich möchte bleiben heute nacht", flüsterte Lisa.
"Meinetwegen", brummte er.
Lisa kuschelte sich an ihn. Der vertraute Geruch seines Körpers, das breite Bett. Obwohl Lisa die Erinnerung an Bärbel nicht verdrängen konnte, war Bos Wohnung im Moment der angenehmste Ort für sie. Sie nahm Bo in ihrem Körper auf, er mühte sich, doch er hatte nicht die Kraft, die sie sich jetzt wünschte.
Oder lenkte sie dieses unangenehme Gefühl von Dankbarkeit ab? Lisa kämpfte dagegen an, und doch merkte sie, wie sie ihm dankbar für die augenblickliche Geborgenheit und mit ihren Bewegungen zu seiner Befriedigung verhalf.
Sie war zu durcheinander, der Streß, die Angst, und nun plötzlich konnte sie sich nicht auf ihn konzentrieren. Was bloß reizte Bo ausgerechnet an ihr? Was reizte sie an ihm? Lisa wunderte sich über die Reihenfolge der Fragen. Sie dachte nicht an ihre eigenen Bedürfnisse, sondern immer zuerst an die der anderen, egal in welcher Beziehung. Schuldgefühle. Schuldig, weil sie die Füße unter den elterlichen Abendbrottisch steckte. Schuldig, weil der Staat ihr die Ausbildung schenkte. Schuldig, weil sie sich einen Stabilbaukasten gewünscht und bekommen hatte. Schuldig bei jeder Currywurst am Kiosk zwischendurch. Schuldig, weil sie zu Weihnachten und zum Geburtstag größere Geschenke von den Eltern erhielt, die sie mit ihren selbstgebastelten Apfelmännchen nie aufwiegen konnte. Schuldig, weil Oliver ihr das Rüpeln beigebracht hatte und dabei so vorsichtig war. Schuldig, weil sie als Absolventin des Instituts für Lehrerbildung Gehalt bekommen hatte. Schuldig, weil sie bei Bo Zuflucht gefunden hatte. Schuldig, weil ihr soviel Dinge in den Schoß gefallen sind. Schuldig, weil sie atmete. Schuldig, weil sie existierte. Schuldig. Schuldig. Schuldig.
Merkwürdig, bei Willi hatte sie nie das Gefühl gehabt, ihm etwas schuldig zu sein. Sie war niemandem etwas schuldig, verdammt noch mal! Warum also ließ sie Bo an sich heran? Er war ungefährlich. Er befriedigte sie beinahe zuverlässig, wann sie es wollte. Nur heute klappte es nicht richtig. Sie benutzte ihn, aus Angst, neue Beziehungen einzugehen. Rührte daher ein neues Schuldgefühl?
Unversehens schlug Bo mit der Faust auf die Matratze und fluchte. Lisa richtete sich auf. "Stimmt etwas nicht?"
Bo stand auf, zündete sich und Lisa Zigaretten an und setzte sich auf die Bettkante. "Der Gildemeister, dieser schleimige Ossi, hat den Auftrag bekommen. Dieser verdammte Hund. Dabei war alles mit der Chefredaktion abgesprochen! Ich hatte schließlich Ausgaben. Aber das zählt bei denen nicht. Die wollen mich loswerden. Auf eine ganz fiese Art und Weise!"
"Was ist denn los?" fragte sie.
"Na, die Leipziggeschichte für das nächste Heft. Als das mit den Montagsdemos noch gefährlich war, durfte ich das machen. Jetzt schiebt sich dieser Gildemeister nach vorn."
"Und was bedeutet das?" wollte Lisa wissen.
"Ich kriege seit dem letzten Ersten kein Gehalt mehr und darf nur noch als freier Fotograf arbeiten. Die lassen mich am ausgestreckten Arm verhungern. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann abtreten. Sicher hat der Ossi seine Bilder zu Dumpingpreisen angeboten."
Deshalb also das Besäufnis heute abend. Lisa verkniff sich, die Vermutung zu äußern, daß ein Ostmensch sensiblere Fotos aus dem Osten liefern könnte. Bo brauchte mal wieder eine Mutter, die ihn bedauerte und tröstete. Doch diese Rolle wollte Lisa nicht spielen. Deshalb beschloß sie, lieber zu Hause in Pankow zu wohnen und Bo von Zeit zu Zeit nur zu besuchen.
 
Auf der Fahrt durch die Innenstadt am nächsten Morgen wechselte sie zweimal das Taxi. Niemand war ihr gefolgt. Doch als der Fahrer in ihre Straße einbog, sah sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite den gelbschwarzen Manta. Irgendwie war sie beruhigt.
In den nächsten Stunden verwandelte sich ihre Pankower Hinterhofwohnung zu einer Trainingsstätte. Für einige Übungen, die im Selbstverteidigungsbuch beschrieben waren, hätte sie einen Partner benötigt. Da mußte sie improvisieren: Sie steckte drei derbe Plastikmüllsäcke ineinander und füllte sie mit alten Sachen, bis sie außen fest und rund waren wie ein menschlicher Körper, und hängte sie im Türrahmen auf.
Ihr Training begann mit einer Erwärmung wie im Sportunterricht, Kopfkreisen im Stehen und Sitzen, Armkreisen, Kniebeugen, Liegestütze.
Vor dem großen Spiegel in der Mitteltür des Wohnzimmerschrankes übte sie die Bewegungsabläufe für die verschiedenen Tritte, die im Buch skizziert waren. Das Knie rasch zur Brust anziehen, Fuß anwinkeln und Bein ausstrecken, wobei das Standbein leicht gebeugt wird, Ziel mit Ferse oder Hacken treffen, niemals mit den Zehen, die könnten brechen. Dann das Bein in die Ausgangsposition bringen, damit der Tritt nötigenfalls wiederholt werden kann. Der Gegner soll, wenn er steht, ins Knie getreten werden. Bei Knien ist nur eine Kraft von zwanzig Kilopond nötig, um es zu verrenken oder gar zu brechen. Liegt der Gegner bereits am Boden, kann man wirkungsvoll gegen Hals, Schläfen oder Gesicht treten. Tritte eignen sich besonders deshalb, weil Männer von Frauen keine Tritte erwarten. Lisa übte die Tritte mit beiden Beinen, nach vorn, zur Seite, nach hinten, und das so schnell, daß sie den tretenden Fuß im Spiegel nicht mehr erkennen konnte.
Sie prägte sich ein wichtiges Gebot ein: "Mit keiner Körperbewegung darf der Gegner auf die geplante Technik hingewiesen werden."
Sie nahm sich vor, in den nächsten Tagen in Herberts Scheune mit Brettern und Stöcken zu üben, wie man ein Knie mit Tritten bricht.
Dann übte sie am Müllsackleib das Stoßen mit den Fingern. Diese Technik war laut Buch in jeder Situation anwendbar. Mit leicht gespreizten und gekrümmten Fingern mußte sie kraftvoll in die Augen des Gegners stoßen. Da der Gegner in den seltensten Fällen stillstehen würde, ließ sie den Müllsack im Türrahmen schaukeln. Mit zwei Kreuzen hatte sie die Augen markiert. Sie übte das Fingerstoßen mit beiden Händen, bis die Nägel abgebrochen und die Kuppen gerötet waren.
Sie gönnte ihren Fingern eine Pause und trainierte kurze Zeit später den Genickschlag. Diesen konnte sie laut Buch nur anwenden, wenn der Gegner geschwächt, aber noch nicht kampfunfähig war, etwa nach einem Kniestoß in die Hoden. Nach einem solchen Stoß würde der Gegner vor Schmerz nach vorn kippen, und das Genick würde bloßliegen. Im Geiste ersetzte sie beim Lesen das Wort Gegner durch den Namen Hugosch.
Lisa kombinierte ihre ersten drei "Perlen" miteinander. Fingerstoß in die Augen, Kniestoß in die Hoden, Genickschlag.
Ich muß gemein sein, hämmerte sie sich ein, ich darf keine Rücksicht nehmen. Ich darf dem Gegner nicht nur weh tun, ich muß ihn erledigen, ich muß ihn notfalls töten. Bei diesem Gedanken stockte sie. Wäre sie im Ernstfall dazu fähig?
Plötzlich fiel ihr ein, daß sie Dr. Küde Frohner in Zürich anrufen mußte. Nachdem sie Karten- und Sicherheitscode eingegeben und die Züricher Nummer gewählt hatte, hörte sie Frohners Stimme: "Ja, Lisa! Ich habe schon auf ihren Anruf gewartet. Wo sind Sie jetzt?"
"In meiner Wohnung! Woher wissen Sie immer, daß ich es bin, die anruft?" fragte sie verwundert.
"Niemand außer Ihrem Vater kannte meine Nummer."
"Das funktioniert ja wie das rote Telefon im Kreml."
Er überging ihre Bemerkung und wies sie an, jetzt genau zuzuhören. "Am zwölften Juni treffen Sie um fünf Uhr dreißig Ihren Großvater und fliegen mit ihm von Berlin-Tegel über Frankfurt am Main nach Kairo."
"Jetzt verstehe ich gar nichts mehr..."
"Christoph, mein Assistent, wird mit Ihnen fliegen. In Kairo werde ich Ihnen dann alles in Ruhe erklären können."
 
In den nächsten Tagen widmete sich Lisa ganz der Selbstverteidigung. Einen Beschützer zu haben, war ja sehr beruhigend, aber sie wollte selber in der Lage sein, sich zu wehren. Wenn sie ihr Training für Einkäufe unterbrechen mußte, fuhr sie ausschließlich im Taxi zu großen Kaufhäusern, um nicht von einem Geschäft zum nächsten laufen zu müssen. Sie befolgte den Rat aus dem Buch, sich die Konzessionsnummer des Fahrers zu merken, sich von ihm eine Visitenkarte geben zu lassen und ihn öfter mit Namen anzusprechen. In Gedanken malte sie sich aus, wie sie im Ernstfall die Hände von hinten an seine Schläfen legte und die Mittelfinger unter dem Brillengestell hinweg in seine Augen bohrte.
Die effektivste Art, den Gegner kampfunfähig zu machen, sei das Hodenreißen oder Hodenquetschen.
Da sich die Hoden außerhalb des Körpers befinden, eigneten sie sich besonders gut für Attacken. Am Penis zu ziehen, sei zwar schmerzhaft, setze den Gegner jedoch nicht außer Gefecht, vermeldete das Buch.
Sie steckte zwei Vollgummibälle in einen Kniestrumpf und hängte diesen an der Klinke der Wohnzimmertür auf. Aus den verschiedensten Körperhaltungen heraus übte sie, mit einem Griff den Strumpf sicher zu fassen und daran zu ziehen, zu zerren, zu quetschen. Nach einer entschlossenen Drück-, Dreh- oder Reißbewegung würde sich der Gegner vor Schmerz übergeben müssen, ja, er konnte sogar ohnmächtig werden.
Zu langes Suchen allerdings könnte den Gegner warnen. Lisa befestigte den Strumpf in einer Hose, die sie dann in die Tür hängte, um das Hodenquetschen praxisnäher zu üben.
Im Falle, daß der Gegner enge Hosen trug, war alles Quetschen jedoch nutzlos. Lisa dachte an die Flatterhosen von Hugosch, die er in Athen getragen hatte. Durch den dünnen Stoff hätte sie ein leichtes Spiel gehabt. Sie stellte sich noch einmal die Szene an der Schiffsrezeption vor, als Hugosch dicht hinter ihr gestanden hatte. Mit dem Rücken zur Tür faßte sie an die aufgehängte Hose, ergriff die Vollgummibälle und drückte sie, so fest sie konnte; sie riß und zerrte daran, bis die Hose zu Boden fiel. Sie trat gegen das ausgewaschene Hosenbein. Danach war ihr wohler.
In den Übungen funktionierte alles perfekt, lief ab, wie es das Buch versprach, Perle für Perle von einer Kette. Hugosch von vorn, der die Arme festhält: Tritt ins Knie, Tritt in die Hoden, zugleich Augenquetschen, Genickschlag, Faustschlag gegen den Kehlkopf. Hugosch im Rücken, der sie mit einem Schlips würgt: Augenquetschen mit den Daumen, Überraschungsmoment ausnutzen, umdrehen, Knieschlag in die Hoden, Genickschlag. Hugosch von der Seite: Fingerstoß in die Augen, Tritt gegen das Knie, Genickschlag.
Lisa übte die verschiedenen Techniken wie nach einer Choreographie. Je größer ihr Repertoire war, desto überraschender konnte sie handeln, desto ungeschützter war der Gegner.
Lisa lieh sich in der Videothek Actionfilme aus, um die Fehler der Opfer zu analysieren und taktische Alternativen zu finden. Wenn sie auf der Straße war, versuchte sie, sich die Gesichter der Menschen, die ihr begegneten, genau einzuprägen, um sie nötigenfalls der Polizei exakt beschreiben zu können.
 
Lisa saß in Bos geräumiger Küche und entkorkte einen Neunziger Chianti. Sie konnte Bo von ihrer Reise nach Kairo nichts erzählen, sondern ihm nur sagen, daß sie für ein paar Tage zu ihrem Opa müsse. Aber Bo ließ auf sich warten. Er war mit einem Redakteur verabredet, der vielleicht einen neuen Auftrag für ihn hatte.
Lisa bekam allmählich Hunger, doch in der Speisekammer waren nur ein paar Wurstdosen und ein Beutel Zwiebeln. Sie hatte schon das Telefon in der Hand, um in einem Restaurant anzurufen, das Speisen und Getränke auch außer Haus lieferte, legte es aber wieder beiseite. Bo würde das Essen riechen, selbst, wenn er sehr spät nach Hause käme. Und dann müßte sie ihm alles erklären.
Ihr Blick streifte den Stapel Mahnungen und die Briefe eines Inkassobüros. Demnach hatte Bo schon kurz nach ihrer Abreise nach Kreta im letzten Dezember keine regelmäßigen Aufträge mehr, und seine Westfrau Bärbel hatte sich bestimmt rasch aus dem Staub gemacht.
Um seine Situation zu rechtfertigen, hatte Bo Lisa gegenüber behauptet, daß ihn keine Zeitung mehr als Fotografen fest anstellen würde, und daß er diese Abhängigkeit eines Angestelltenverhältnisses auch gar nicht mehr anstrebe. Er wolle lieber die, sich selbst die Themen seiner Reportagen zu suchen. Und jetzt fordert die Freiheit ihren Preis, dachte Lisa.
Sie kam sich schäbig vor, ihr Geld, für das sie nicht gearbeitet hatte, vor ihm zu verstecken. Wie sollte sie aber einem arbeitslosen Journalisten, der nur auf eine Gelegenheit lauerte, wieder ins Geschäft zu kommen, erzählen, woher sie das Geld hatte? Und ihre Geschichte hatte das Zeug zu einer Titelstory.
Sie mußte etwas essen. Fernseher und Licht ließ sie eingeschaltet, als sie die Wohnung verließ, damit es von draußen den Eindruck machte, als sei jemand zu Hause. Der gelbschwarze Manta war nirgends zu sehen. Prima Bodyguard, dachte sie.
Lisa war, seit sie das Buch über Selbstverteidigung gelesen hatte, ständig auf einen Angriff gefaßt. Sie ging am äußersten Rand des Bürgersteigs, um nicht von einem Verfolger in einen Hausflur gezogen zu werden. Bo wohnte an einer Kreuzung, die an allen vier Ecken eine Kneipe hatte. Lisa wählte die Bar-Baren. Da es dort teuer war und nur gehobenes Publikum kam, erschien ihr das am sichersten.
Mit einem leckeren Steak im Bauch und mit Lust auf Bo kehrte sie in seine Wohnung zurück. Er war noch immer fort. Den ganzen Abend auf ihn warten zu müssen, empfand sie als Kränkung. Dazu besuchte sie ihn schließlich nicht. Sie wollte ihn spüren, seine Haut riechen, sie wollte sich ihm ganz hingeben, und er sollte verfügbar sein.
Mißmutig setzte sie sich in die Küche, schenkte sich Wein ein, nahm eine Zeitung und blätterte gelangweilt darin. Auf Seite achtundvierzig studierte sie die Heiratsannoncen. Überrascht stellte sie fest, daß es fast doppelt soviel heiratswillige Frauen gab wie Männer. Die Anzeigen der Frauen waren meist kleiner im Format. "Ohne Mann geht's eben nicht", sprach sie mit sich selbst.
Lisa fragte sich, warum es eine attraktive, schlanke, moderne Frau im Alltag nicht schaffte, einen Mann kennenzulernen. Wenn die Annoncen nicht logen, vereinten die meisten Frauen doch alle nur denkbaren Vorzüge in sich. Waren sie so unselbständig, daß sie erst mit Vierzig oder noch später begriffen, was sie ihr Leben lang versäumt hatten? Waren sie im Beruf so eingebunden, daß für eine Familie keine Zeit blieb? Einige Frauen suchten Vatis für ihre Kinder, andere nach Enttäuschungen Trost.
Der Wein tat seine Wirkung, und so nahm sie zum Spaß ein leeres Blatt Papier und suchte aus den einzelnen Elementen, aus denen die meisten Annoncen zusammengebaut waren, die Begriffe heraus, die auf sie zutreffen könnten.
Schon bei "attraktiv", womit sich die meisten Frauen beschrieben, stutzte sie. Was war denn für den unbekannten Leser attraktiv? Der eine stand vielleicht auf großbusige Blondchen, der andere auf eine knabenhafte Figur.
Je länger sie sich mit den Annoncen beschäftigte, desto klarer wurde ihr, daß sie auf der Straße oder im Restaurant keinen Mann kennenlernen durfte, denn dieser konnte immer einer von den Leuten sein, die sie verfolgten. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß, gesetzt den Fall, sie gäbe tatsächlich eine Annonce auf, einer von den Verfolgern Lisas chiffrierten Heiratswunsch lesen und darauf antworten könnte, und daß sie sich dann diesen Brief aus den Zuschriften aussuchen und sich mit ihm treffen würde, war sehr gering.
Lisa strich das Wort "attraktiv" durch und ersetzte es durch "schlank, schulterlanges dunkelblondes Haar, blaue Augen, eins siebenundsechzig, bald ein Vierteljahrhundert alt."
Ein Wechsel ihres Familiennamens, und zwar ohne falsche Papiere, sondern ganz legal durch eine Heirat, würde es den Verfolgern sicher schwerer machen, sie zu finden.
Lisa zählte ihre Hobbys auf: Zeichnen, Kopfrechnen, Kochen, Selbstverteidigung. Sie las auch gern, doch Lesen war für sie selbstverständlich und kein Hobby, genauso wie Theater, Reisen, Natur oder der Sinn für alles Schöne.
Wenn sie nun selber auf eine Annonce, die ihr gefiel, antwortete, statt eine aufzugeben? So würde sie tausendprozentig die Möglichkeit, einem Verfolger in die Falle zu gehen, ausschließen. Lisa verwarf diese Idee wieder, denn sie wollte diejenige sein, die die Auswahl hat. Ihr Plan nahm Gestalt an.
Die annoncengerechte Umschreibung ihres Wesens fiel ihr am schwersten, denn keiner der gängigen Begriffe traf zu; sie war nicht nur unkompliziert, positiv eingestellt, sanft, humorvoll oder häuslich. Sie konnte auch wütend sein, temperamentvoll und zickig. Sie war abenteuerlustig, aber auf die gegenwärtig aufgezwungenen Abenteuer konnte sie verzichten.
Nach passenden Worten suchend, las sie in den Annoncen der Männer. Die hatten ganz praktische Vorstellungen von ehelicher Zweisamkeit: Die Heiratskandidatinnen sollten gut aussehen, bestimmte Körpergrößen einhalten, auch mal allein sein können, warmherzig und zärtlich sein. Einer gab seine Ambitionen geradeheraus zu: "Ich will mit dir den erotischen Wahnsinn pur erleben." Die Männer sagten von sich, daß sie selbständig seien, weltoffen, jünger aussehend, manche waren vermögend, gutsituierte Unternehmer oder hatten hochdotierte Berufe wie Manager oder Filialleiter einer Bank.
Der Grundwortschatz dieser Annoncen war klein. Die Elemente, meist abgekürzt, konnten beliebig miteinander kombiniert werden: dkl. stand für dunkelhaarig, NR für Nichtraucher, int. für intelligent oder in Kombination mit viels. für vielseitig interessiert. Hinzu kam oft ein individueller Wunsch für den Traummann, für die Traumfrau: nicht älter als fünfzig, Figur von Gotik bis Barock.
Im Überangebot der Alleinstehenden wollten einige mit einer besonders großen Anzeige auffallen. Einer dichtete sogar: "Ich will mit dir / dreimal um die Erde laufen / in einem Himmelbett verschnaufen / das Prickeln von Champagner spüren / dich zur Königin der Nacht küren / ins Theater gehen / dich nackt vor dem Spiegel sehen / die Nacht zum Tag machen / träumen, weinen und auch lachen / fünfunddreißig Kinder kriegen / den inn'ren Schweinehund besiegen. / Das alles nur, wenn du auch willst / Ob du meine Sehnsucht stillst? / Ich will kein einsam Herz mehr sein / ich will dich für mich ganz allein."
Das Warten wurde ihr zu lang. Sie bestellte ein Taxi und fuhr nach Hause. Lisa Meerbusch gab am nächsten Morgen in einer Berliner Tageszeitung eine chiffrierte Heiratsannonce auf: "Manchmal vereinige ich alle hehren Anzeigenattribute auf mich, manchmal nur einige. Ich bin ein Vierteljahrhundert auf dieser Welt, habe Schönes und Enttäuschungen erlebt. Hast du trotzdem Mut, dich mit mir einzulassen?"

6. Kapitel