Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

4. KAPITEL

Der 17. Juni in Sömmerda
13 649 Tage vor der deutschen Vereinigung

Am späten Donnerstagabend des einundzwanzigsten Mai neunzehnhundertdreiundfünfzig traf Lucie Meerbusch mit ihren Kindern Willi, Ernst und Elfie in Sömmerda ein. Alle waren sie übermüdet von der langen Reise nach Thüringen. Die Linden in der Bahnhofstraße verströmten frühlingshaften Duft. Beim Sägewerk wußte Lucie nicht mehr weiter. Sie fragte sich zur Schneiderei Mertin durch.
Clara Mertin bewohnte in der Schillerstraße das Erdgeschoß eines wuchtigen Eckhauses. Die Meerbuschs liefen halb um das Haus herum über einen kleinen Hof zum Eingang. Lucie und Clara umarmten sich und weinten vor Rührung. Die Biesenthaler Freundinnen hatten sich dreizehn Jahre lang nicht gesehen.
Elfie und Ernst entdeckten im Korridor eine schwarzweiß gefleckte Katze und versuchten sie zu fangen. Sie rannten hinter dem flüchtenden Tier her, das hinter der einzig offenen der sechs Türen, die vom Korridor abgingen, verschwand. Lucie rief ihre Kinder zur Ordnung.
Clara lächelte nachsichtig und führte Lucie und Willi in eine geräumige Küche. Aus dem Ofen zog sie ein ganzes Blech Hefekuchen heraus. Er war noch warm, seine hellbraunen Ränder erhoben sich über die Blechkante, dicke goldgelbe Butterstreusel überzogen das Viereck. Die Küche duftete. Clara begann den Kuchen aufzuschneiden. Die Stücke schichtete sie auf einen großen Teller. Ernst und Elfie liefen mit den heißen Stücken in ein Zimmer, wo sechs Nähmaschinen standen. Dort spielte die Katze mit Stoffresten.
Lucie packte ihre Reisetasche aus.
"Um Himmels willen!" rief sie. "Das Huhn hat mir die ganzen Sachen vollgesuppt!" Sie legte ein frisch geschlachtetes Huhn, das in mehrere Geschirrtücher eingewickelt war, in das Abwaschbecken.
"Halb so schlimm", fand Clara und bot der Freundin an, sich etwas von ihren Sachen zu borgen. Nachdem sie das Huhn im Waschbecken gesäubert hatte, legte sie es in ein Kühlfach, über dem ein dicker Eisblock tropfte.
Lucie stellte das Paket Bohnenkaffee auf den Küchentisch. Clara schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Wo hast du denn den her?" flüsterte sie.
"Einen schönen Gruß von Hedwig", sagte Lucie und legte einen Stapel der westdeutschen Illustrierten "Stern" dazu. "Hier ist noch eine Kostbarkeit für deinen Rudolf", sagte sie und zog eine Flasche Whisky sowie eine Stange Lucky Strike aus dem Gepäck.
"Ach, die Hedwig ...", Clara sah sich für ein paar Augenblicke im Strandbad am Wukensee, wo sie mit Lucie und Hedwig die Sommer ihrer Mädchenjahre verbracht hatte. "Wie geht es ihr denn, der Hedwig?"
Lucie hob die Schultern. "Sie hat eine große Wohnung in Westberlin am Savignyplatz. Und eine Menge reicher Kundinnen. Willi, erzähl doch! Du fährst doch in den Ferien immer zu deiner Patentante."
Willi beschrieb Hedwigs große Wohnung mit dem glasüberdachten Atelier, den Schneiderpuppen, Stoffen und dem Grammophon, wobei er seinen Blick nicht vom Streuselkuchen lösen konnte. Clara brühte eine Kanne Bohnenkaffee auf.
"Wo sind denn deine Kinder?" fragte Lucie.
"Die schlafen schon", antwortete Clara. "Und ich glaube, daß deine drei auch ganz schön müde sein müssen von der Reise."
Ein geschlossenes Nein klang über den Flur. "Seid nicht so laut, sonst wachen die Kinder auf", mahnte Clara.
"Deine Kinder müßten ja auch schon so um die zehn sein", vermutete Lucie.
"Edgar ist zehn", sagte Clara, "und Stephanie, die Große, ist zwölf. Ich habe euch das Gästezimmer fertig gemacht. Tagsüber wird es sicher eng. Wenn die Kunden kommen, müßt ihr halt in die Küche. Für die ein, zwei Wochen wird es schon gehen, bis ihr etwas Eigenes gefunden habt."
Clara nahm Kaffeegeschirr aus dem Küchenbüfett.
"Und dein Mann?" fragte Lucie kauend. "Arbeitet er noch bei der Rheinmetall?"
Clara schaute zur Wanduhr über dem Büfett. "Ja. Rudolf müßte in einer halben Stunde von der Spätschicht kommen, wenn er nicht wieder mit seinen Kollegen in die Börse geht."
"Trinkt er?" fragte Lucie besorgt.
"Himmel bewahre", widersprach Clara. "Aber ich habe das ungute Gefühl, es liegt was in der Luft. Weißt du, die Erhöhung der Arbeitsnormen hat nicht eben Jubel ausgelöst in der Belegschaft. Ich habe Angst um Rudolf und meine Familie."
Willi langte nach dem dritten Stück Kuchen. Lucie wollte ihn daran hindern, doch Clara erlaubte es ihm. "Ihr dürft aber nicht denken, daß es bei uns jeden Tag Kuchen gibt."
Enttäuscht zogen die Kinder einen Flunsch.
"Wir leben in einer schwierigen Zeit", sagte Lucie. "Der Grotewohl hat im letzten Jahr auf dem Bauerntag noch fest versprochen, daß es bei uns keine Kolchosen geben wird. Und wie sieht es heute aus? Monatelang haben die Abschnittsbevollmächtigten Lautsprecher auf unser Gehöft gerichtet, sie spielten den Tag und manchmal sogar in der Nacht noch Parteilieder und Reden und brüllten Parolen, daß man ganz wirr im Kopf wurde."
"Nicht mal mit Watte in den Ohren konnten wir einschlafen", entrüstete sich Willi.
"Am Anfang hat Herbert niemanden auf den Hof gelassen. Erst die Aufregung mit seiner Rückkehr, und dann dieser Schock, daß sie uns unser Land wieder wegnehmen wollten." Nachdenklich rührte Lucie in der Kaffeetasse.
"Brüder zur Sonne, zur Freiheit...", begann Ernst zu singen. Lucie klapste ihm auf den Mund.
"Lautsprecherwagen agitieren auch hier in den Dörfern", berichtete Clara. "Selbst mich haben sie beschimpft und beleidigt, wenn ich einkaufen gegangen bin. Öffentlich haben sie mich als Ausbeuter hingestellt. Durch den Lautsprecher, stell dir mal vor!"
Lucie schüttelte den Kopf. "Der Ulbricht macht es sich zu leicht, wenn er behauptet, daß das, was gestern noch richtig war, heute überholt und unrichtig sein soll."
"Diese Selbstherrlichkeit", schimpfte Clara leise.
"Dummheit ist das", widersprach Lucie flüsternd.
"Nicht vor den Kindern", mahnte Clara.
Lucie brachte ihre protestierenden Kinder ins Gästezimmer. Sie steckte sie zu dritt ins Doppelbett. Für sich richtete sie das Sofa her. Bevor sie das Licht löschte, sagte sie: "Und daß mir keiner von euch anderen Leuten erzählt, was Clara und ich hier geredet haben!" Sie gab jedem einen Kuß und lehnte die Tür an.
Clara hatte das Geschirr der Kinder in den Abwasch gestellt. Sie goß Lucie und sich noch einmal Kaffee ein und tippte gedankenverloren mit dem rechten Zeigefinger auf die Kuchenkrümel, die sie in der hohlen Linken sammelte. "Tja, die Hedwig", sagte sie. "Ihr Mann ist wohl im Krieg geblieben."
"Vielleicht ist das besser so", sagte Lucie. "Es bleibt ihr eine große Enttäuschung erspart." Sie begann zu schluchzen. "Fast zehn Jahre habe ich auf Herbert gewartet, und dann dieses Scheitern, erst unsere Ehe, dann die gewaltsame Enteignung. Wir mußten aufgeben, sonst hätten die uns den Prozeß wegen Nichterfüllung unseres Solls gemacht, und das hätte Gefängnis bedeutet."
"Rudolf haben sie hier in der Rheinmetall als Ingenieur gebraucht", sagte Clara. "Ich kann mir deine Situation eigentlich gar nicht vorstellen. Ohne Rudolf wüßte ich nicht, was ich gemacht hätte."
"Die Sauferei von Herbert war das Schlimmste", sagte Lucie und nippte am lauwarmen Kaffee. "Wenn er trinkt, wird er richtig jähzornig. Er reißt alle Schubladen auf, er schmeißt Geschirr durch die Gegend und brüllt herum. Bis jetzt habe ich ihn entschuldigt. Das macht der Krieg, die Gefangenschaft, habe ich mich und die Kinder immer wieder getröstet. Aber als er anfing, uns in seinem Jähzorn regelrecht zu verprügeln, na, den Rest kennst du ja. Ich glaube, ich gehe nicht wieder zu ihm zurück."
Für Lucie waren die Ängste, die sie um sich und die Kinder ausgestanden hatte, noch gegenwärtig. Niemanden konnte sie um Hilfe bitten; ihr Mann hatte alle Nachbarn und Freunde vergrault. Und auf den Ämtern in Biesenthal hätte man sie nur schadenfroh ausgelacht. Sogar Manfred Kronbecher hatte sich rar gemacht.
Unruhig blickte Clara zur Wanduhr. "Wir hatten unser Auskommen", sagte sie gedankenvoll. "Rudolf hatte seinen Beruf in der Rheinmetall, ich die Schneiderei. Aber was wird jetzt, nachdem plötzlich die Steuern erhöht wurden? Stell dir vor, dreißigtausend Mark muß ich nachzahlen. Die haben das einfach so festgesetzt! Ich weiß nicht, wie ich das machen soll!"
"Für den Hof in Biesenthal hatte die Abteilung Landwirtschaft im Rat des Kreises einfach unser Plansoll erhöht", erzählte Lucie. "Neunundvierzig Doppelzentner wollten die zuletzt pro Hektar. Im letzten Jahr haben wir die fünfundvierzig kaum geschafft. Niemand kann aus dem märkischen Sandboden noch mehr herausholen. Die haben keine Ahnung von Landwirtschaft."
"Was aber am schlimmsten ist", Clara hing ihren Gedanken nach, "die Sparkasse hat mir den Kredit gekündigt. Von einem Tag auf den anderen: Steuerschuld und Kreditkündigung. Ich bin bankrott. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Gehälter zahlen soll. Da beißt sich doch der Hund in den Schwanz."
Lucie schniefte. "Und was willst du dagegen tun?"
"Der Rat des Kreises hat mir angeboten, meinen Betrieb zu schließen und in Erfurt das neue Kombinat mitaufzubauen. Am besten, wir hauen in den Westen ab. Wie die vielen anderen, die rüber sind. Noch kann man sich ja die Möbel nachschicken lassen. Manchmal denke ich wirklich, daß Hedwig es klüger angegangen ist. Aber sie mußte nicht fliehen, denn die Niebuhrstraße liegt ja schon immer im Westteil von Berlin."
Zwei Männer betraten die Wohnung. Clara sprang auf und begrüßte ihren Mann Rudolf, der sie in die Arme schloß.
Rudolf entschuldigte sich mit belegter Stimme für seine Verspätung und stellte dann seinen Begleiter vor: "Das ist Klaus, unser neuer BGLer."
"Klaus Uhland, angenehm", er deutete vor Clara eine Verbeugung an, die ihrerseits die beiden Männer mit Lucie bekannt machte.
Rudolf Mertin war ein asketischer Typ. Seine langen, weißen Finger umschlossen Lucies kalte Hand. Der Händedruck war kräftig. Über dem dunklen Vollbart blitzte eine runde Brille, wie wohl Liebknecht eine getragen hatte. "Kannst Rudolf zu mir sagen."
Klaus Uhland hängte seine Ledermütze und die Joppe an den Kleiderständer im Korridor. Schweren Schrittes kam er in die Küche. Lucie musterte den breitschultrigen Mann. Er war Mitte Dreißig, doch auf Stirn und Wangen hatte das Leben erste Falten gezeichnet.
Clara bot Kaffee an, doch die Männer wollten lieber Bier.
"Der Schneider ist heute nicht zur Arbeit gekommen", begann Rudolf niedergeschlagen. Seine feingliedrigen Finger strichen über das bärtige Kinn. "Abgeholt worden ist er. Heute früh."
Clara bekam große Augen. "Der Parteisekretär der Rheinmetall?"
Klaus Uhland starrte auf das braune Glas seiner Bierflasche und nickte. "Letzte Nacht sind sie gekommen, sagt Martha, seine Frau. Er hatte gerade Zeit, sich was überzuziehen. Seine beiden Söhne wissen noch nichts."
Claras Herz schlug so heftig, daß es weh tat. Sie war kreidebleich. "Warum?" fragte sie fassungslos.
"Weil er das Maul aufgerissen hat", erwiderte Rudolf ungehalten. "Er hat auf der Versammlung gesagt, was uns allen auf dem Herzen liegt: daß er die Entscheidung der Partei nicht richtig findet, jetzt mit aller Kraft eine Armee aus dem Boden stampfen zu wollen, und daß sich das die DDR im Moment nicht leisten kann. Er hat eben gesagt, daß die Normen zu hoch sind, daß zwar unsere Löhne steigen, aber daß wir für unser Geld in den Geschäften nichts kaufen können, und wie die Genossen da an der Basis Vertrauen in die Partei bekommen sollen, hat er gefragt."
"Da siehst du, wie schnell das gehen kann", sagte Clara, dem Weinen nahe. "Bei dir werden sie ganz genau hinsehen, weil du mit einer Kapitalistin verheiratet bist, verstehst du?"
 
Lucie meldete ihre Kinder in der Sömmerdaer Pestalozzischule an. Ernst kam in die achte Klasse, Elfie in die siebente und Willi in die Klasse sechs. Lucie übergab dem Direktor die Abschriften der Zensuren aus den Biesenthaler Klassenbüchern. Clara hatte Elfie für später eine Lehrstelle als Schneiderin angeboten. "Wenn es meinen Betrieb dann noch gibt", hatte sie lakonisch hinzugefügt.
Willi wunderte sich, daß sein neuer Pionierleiter, der Achim hieß, von den Maikäfern und seinem Ausschluß aus der Pionierorganisation wußte. Willi mußte vor der Klasse das Versprechen abgeben, mit aller Energie zu lernen und jeden Tag als Wiedergutmachung des "Sabotageaktes" eine Stunde gesellschaftlich-nützliche Arbeit zu leisten, die er sich in einem Oktavheftchen bescheinigen lassen mußte.
"Wenn du dich bewährst", sicherte ihm Achim zu, "dann werden wir dich wieder in unsere Reihen aufnehmen."
War Appell in der Schule, zog Lucie ihrem Sohn ein weißes Hemd an. Aber Willi mußte dennoch in der letzten Reihe stehen, weil er kein Pioniertuch trug. Und das sollte niemand sehen.
Klaus Uhland, der sie jetzt öfter besuchte, redete ihr zu, daß es für alle besser sei, wenn Willi wieder ein Pionier werden könnte.
"Wenn er Lust hat", schlug er vor, "kann er dienstags und donnerstags in meiner Schularbeitsgemeinschaft Junge Techniker mitmachen."
Willi war begeistert, doch er dachte an das Versprechen, das ihm für die AG keine Zeit lassen würde. Und er dachte an die Haushaltskasse, die zu füllen er mithelfen wollte.
Nach den ersten beiden Wochen in Sömmerda schrieb Willi einen Brief an Manfred Kronbecher nach Berlin:
"Lieber Manfred!
Wir haben uns gut bei Clara Mertin eingelebt. Ein eigenes Zuhause ist noch nicht in Sicht. Meine Mutter arbeitet in der Schneiderei mit, statt Miete. Ich versuche in der Schule bessere Leistungen zu erbringen, aber ich habe in Geometrie wieder eine Vier bekommen. Aber das ist diesmal nicht so schlimm, denn ich bin der Beste beim Altstoffesammeln. Außerdem bewähre ich mich in weiterer gesellschaftlich-nützlicher Arbeit: Klaus Uhland, der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung in der Rheinmetall, hat mit dem Apotheker hier ausgemacht, daß ich Lindenblüten pflücken und bei ihm abliefern kann. Der Apotheker gibt mir Geld dafür. Aber das weiß Herr Uhland nicht. Ich gebe alles Geld meiner Mutter. Für Frieden und Sozialismus bin ich immer bereit! Dein Willi."
Als er den Brief faltete und in den Umschlag steckte, plagte ihn das schlechte Gewissen. Um schneller Geld zu verdienen, pflückte er nämlich die Lindenblüten nicht nur, sondern fegte sie auch unter den Bäumen zusammen. Auf dem Rasen im Hof breitete er die Blüten aus, um den Staub herauszuklopfen. Dann mischte er die gepflückten mit den zusammengefegten, etwas bräunlicheren Lindenblüten und brachte die Säcke in die Apotheke. Der Apotheker hatte bis jetzt noch nichts gemerkt.
Bald eröffnete sich Willi eine neue Einnahmequelle: Kartoffelkäfer sammeln. Einen Pfennig gab es pro Käfer. Willi hoffte, den Schaden, den er mit Maikäfern angerichtet hatte, mit Kartoffelkäfern wieder wettmachen zu können. In der Sammelstelle holte er sich die Gläser mit Petroleum, die bei der Ausgabe gewogen wurden. Willi hatte seine ertragreichen Kartoffelkäferreviere hinter dem Bunkerberg, kurz vor der Michelshöhe.
Sooft er konnte, lief er zu Klaus Uhland in die Schule, hetzte die Treppen hinauf zum Dachboden, wo die AG Junge Techniker Paddelboote baute. Der Geruch von Sägespänen und Lack kroch ihm in die Nase. Holzstaub schwebte im einfallenden Sonnenlicht. Das Modell des Bootes stand auf dem Fensterbrett. Der Kiel des ersten Bootes war fertig. Ein Junge schliff die Spanten mit Sandpapier, ehe er sie in den Kiel einpaßte.
"Nächste Woche werden die Spanten mit Leinen bespannt", erklärte ein Junge aus der Fünften und rückte sein rotes Halstuch zurecht. "Klaus hat den Teer schon bestellt, in dem wir den Stoff tränken." Ein Ballen groben Leinens lag in der Ecke.
"Na, Willi, willst du doch mitmachen bei uns?" fragte Klaus Uhland.
Einige Jungen protestierten: "Der darf nicht mitmachen! Der ist kein Pionier!"
Doch der Arbeitsgemeinschaftsleiter sagte: "Ihr müßt Willi eine Chance geben. Er ist handwerklich geschickt und hat das Zeug zu einem guten Tischler."
 
Lucie und Clara hielten im Empfangszimmer ihre Ohren dicht an das Radio; sie hatten es ganz leise eingestellt. Die Achtzehn-Uhr-Nachrichten der Deutschen Welle am sechzehnten Juni dreiundfünfzig regten die beiden Frauen noch mehr auf als die an den Abenden zuvor. Von einem Aufstand der Berliner Bauarbeiter war die Rede. Es hieß, sie seien vor das Haus der Ministerien gezogen und hätten ihrem Unmut über die allgemeine Normerhöhung Ausdruck verliehen. In Sprechchören sei die administrative Politik der Partei- und Staatsführung offen angegriffen worden. Auch in anderen Werken der Sowjetischen Besatzungszone hätten die Beschäftigten an den letzten beiden Tagen kurzzeitig die Arbeit niedergelegt, so zum Beispiel bei der Fema in Roßwein, in Bad Bolitz in der Kugellagerfabrik, in Leipzig, Gotha, Nordhausen. Mancherorts seien Forderungen nach dem Rücktritt der Regierung laut geworden.
"Jetzt geht's los", flüsterte Clara. Sie schaltete das Radio aus.
Lucie starrte vor sich hin. "Es ist schon losgegangen", sagte sie.
"Rudolf wird heute wieder später kommen", sagte Clara.
"Klaus Uhland auch", sagte Lucie kaum hörbar. Seine Gegenwart war wohltuend für sie. Klaus Uhland hatte ihr letzte Woche eine rote Rose aus seinem Garten mitgebracht.
Für den siebzehnten Juni neunzehnhundertdreiundfünfzig hatte Klaus Uhland die Meerbuschs auf ein paar Tage in seinen Garten an der Unstrut eingeladen. Mit zwei selbstgebastelten Paddelbooten wollten sie am nächsten Morgen in aller Frühe an der Dreysemühle beim Stadtpark starten.
Lucie dachte jetzt öfter an eine Scheidung von Herbert. Auch wenn es Klaus Uhland nicht gäbe, würde sie nie mehr zu Herbert zurückkehren. Das stand fest.
"Daß er sich immer so nach vorn drängen muß", schimpfte Clara. "Rudolf sollte an uns, seine Familie denken!"
Lucie hatte Angst um Klaus Uhland, der vielleicht auch eines Abends nicht mehr wiederkommen könnte - wie der Parteisekretär.
Willi kam herein. "Ich habe alles gepackt für morgen", verkündete er. "Der Wetterbericht hat Sonnenschein und dreiundzwanzig Grad gemeldet."
"Wenn euer Ausflug mal nicht ins Wasser fällt", entfuhr es Clara. Willi mißverstand Claras Worte. "Ich hab doch eben gesagt, morgen wird schönes Wetter."
Am selben Abend herrschte im Direktionszimmer der Rheinmetall Aufregung. Direktor Kleebaum ordnete an, daß alle Abteilungsleiter so lange im Dienst zu bleiben hätten, bis am nächsten Tag die Frühschicht ordnungsgemäß angelaufen sei. Er war erleichtert, daß sich die Versammlung der Belegschaft vor dem Werktor langsam auflöste. Doch er traute dem Frieden nicht. Er hielt den ganzen Abend telefonisch Kontakt mit dem Rathaus und mit der Kreisparteileitung in der Bahnhofstraße.
Es war kurz nach sechs. Von der Rheinmetall kamen die ersten Schichtarbeiter durch die Schillerstraße. Lucie und Clara konnten sie von der Werkstatt aus sehen. Jeden Abend liefen an die siebentausend Männer und Frauen nach Schichtende am Haus vorbei zum Bahnhof, wo sie auf dem Hunderte Meter langen Bahnsteig auf den Abendzug Richtung Erfurt, Kölleda und Sangerhausen warteten.
"Es liegt was in der Luft", sagte Lucie.
"Und unser Ausflug?" fragte Willi verstört.
Rudolf Mertin und Klaus Uhland waren mit etlichen Rheinmetallern in die Börse gegangen. Dichtgedrängt standen die Männer in ihren grauen Arbeitsjacken im Schankraum. Einige mußten ihr Bier auf der Straße trinken.
"Wir müssen uns jetzt erheben", rief Rudolf in das Stimmengewirr und hob die geballte Faust.
Rudolf Mertin stieg auf den runden Stammtisch und gebot den Kollegen Ruhe. "So kommen wir nicht weiter. Wir müssen Ruhe bewahren."
"Wir waren viel zu lange ruhig", fuhr ihm einer über den Mund. Zustimmung kam von allen Seiten.
"Ich meine", verschaffte sich Mertin wieder Gehör, "die Zeit ist reif!" Die Rheinmetaller trommelten mit den Fäusten auf die Tische. "Wir lassen uns die Holzhammermethoden der Betriebsleitung nicht länger gefallen!"
"Und die hohen Preise in der HO auch nicht!" rief einer wütend dazwischen.
"Und wir sind nicht allein", beschwor Mertin die Rheinmetaller. "Im ganzen Land herrscht Unruhe. Wenn wir jetzt schweigen, machen wir uns unglaubwürdig. Wir müssen uns mit den anderen solidarisieren!"
Klaus Uhland sprang zu Mertin auf den Tisch. "Ich rede jetzt als Gewerkschafter zu euch", sagte er. Die plötzliche Ruhe irritierte ihn. "Also. Ich verstehe euch und kenne eure Forderungen. Die sind gerechtfertigt. Mehr arbeiten für effektiv weniger Geld, das ist nicht in Ordnung." Unmut wurde laut. Doch Uhland redete weiter: "Aber: Ich glaube nicht, daß ein Streik der richtige Weg ist, denn ..." Er wurde niedergeschrien.
Um diese Zeit beendete der Bürgermeister im Ratssaal die außerordentliche Sitzung der Ratsmitglieder. Der Sitzung wohnten außerdem der Kreisparteisekretär und ein Hauptmann der Volkspolizei bei. Beraten worden war, wie die öffentliche Ruhe und Ordnung in Sömmerda bei Ausschreitungen aufrechterhalten oder rasch wiederhergestellt werden könnte.
Der Bürgermeister hatte von Notstand gesprochen und Stadträte, Polizei und Parteisekretär in Alarmbereitschaft versetzt. Wachmannschaften für das Rathaus waren ernannt worden, die sich alle zwei Stunden ablösen sollten.
Im nahen Erfurt traf kurz nach sieben Uhr abends der D-Zug aus Berlin-Ostbahnhof ein. Eine neunzehnjährige Frau verharrte auf dem oberen Trittbrett des Waggons, versuchte in der Menschenmenge den Mann zu entdecken, der sie abholen sollte. Doch die Leute hinter ihr drängelten. Die Frau griff ihren Koffer und kletterte die Stufen hinab. Der enge Rock war hinderlich.
Manfred Kronbecher, der am Zeitungskiosk gewartet hatte, entdeckte sie. "Eva!" rief er.
Eva Schmiedinger ließ den Koffer stehen und lief Kronbecher in die Arme. "Ich habe solche Angst gehabt um dich!"
Eva Schmiedinger gehörte zu den dreiundzwanzig Genossinnen, die Tag für Tag in der Erfurter Zentrale der Staatssicherheit Tonbänder abschrieben, auf denen Privattelefonate von observierten Personen mitgeschnitten worden waren. Diese Abschriften per Post nach Berlin zu schicken, war laut Dienstanweisung verboten. Eva Schmiedinger hatte diese Woche mehr als tausendzweihundert Blatt Papier nach Berlin geschafft.
Kronbecher trug ihren Koffer zum Dienstwagen, der vor dem Bahnhof parkte.
"Kannst du mir einen Gefallen tun?" fragte er wie beiläufig.
"Für dich, Liebster, tue ich alles. Das weißt du."
Über die Autobahn fuhren sie Richtung Eisenach bis zur Abfahrt Waltershausen. Ihr Ziel war der kleine Ort Fischbach bei Eisenach. Ein umgebautes Blockhaus, ehemals Wirtschaftsgebäude der Revierförsterei, war konspirativer Treffpunkt der Staatssicherheit. Diese Nacht hatte Kronbecher das Haus für sich und Eva reserviert.
Im Sitzungssaal des Rathauses in Sömmerda brannte um Mitternacht noch Licht. Auch einige Amtsstuben waren erleuchtet. Alle Stunden rief der Bürgermeister im Rathaus an. Obwohl ihm stets versichert wurde, daß alles in Ordnung sei, fand er keine Ruhe. Ein Streifenwagen der Polizei fuhr über den Marktplatz vor dem Rathaus und verschwand hinter der Sankt-Bonifatius-Kirche.
Auch der Direktor der Rheinmetall konnte keinen Schlaf finden. Kleebaum war nicht nach Hause gefahren.
Nachts um halb eins kam Rudolf aus der Börse. Sein Gesicht war erhitzt. Clara umarmte ihn und sagte vorwurfsvoll: "So lange bist du noch nie geblieben!"
"Es ging nicht anders", verteidigte er sich. "Die Börse war gerammelt voll. Und Klaus Uhland hat so dummes Zeug gequatscht. Er hält einen Streik nicht für nötig."
"Streik?" riefen Clara und Lucie entsetzt.
"Irgendwie müssen wir uns doch Gehör verschaffen", entgegnete Rudolf aufgebracht. "Auf harmlosere Aktionen reagiert doch keiner mehr von denen da oben. Morgen wird gestreikt in der Rheinmetall."
"Ob das gutgeht?" zweifelte Clara. "Ich habe Angst um uns, Rudolf!"
 
Am Morgen des siebzehnten Juni stritten sich Elfie und Ernst, wer zuerst ins Badezimmer durfte. Auch Claras Kinder, Edgar und Stefanie, drängelten. Lucie ging dazwischen. "Laßt bitte den Ernst vor. Er hat heute Mathematikprüfung in der Schule." Die Kinder kabbelten sich auf dem Flur.
Pünktlich sechs Uhr dreißig kamen die fünf Schneiderinnen in Claras Werkstatt und erzählten von der Stimmung der Arbeiter im Zug aus Sangerhausen. Clara hatte kaum geschlafen, ihre Augen waren gerötet. Die Frauen erzählten aufgeregt von dem geplanten Streik in der Rheinmetall: "Mein Mann ist heute sogar freiwillig aufgestanden."
"Ich habe kein gutes Gefühl. Ein sozialistischer Streik? Das geht nicht gut. Irgendwann schreiten die Russen ein."
"Quatsch, das sind viel zu viele, die streiken werden, als daß man die alle verhaften könnte."
"Sozialisten schießen nicht auf Sozialisten."
Lucie bügelte indes das FDJ-Hemd für Ernst, das er in der Prüfung tragen mußte. Clara kochte in der Küche Kaffee für die Schneiderinnen. Rudolf Mertin war schon vor sechs zur Rheinmetall gelaufen.
Zur selben Zeit verließen Manfred Kronbecher und Eva Schmiedinger das Blockhaus in Fischbach. Sie hatte Kopfschmerzen. Der Wodka wirkte nach. Im Auto war es noch kalt. Sie bibberte. Kronbecher fuhr los. Nach Erfurt zum Bahnhof.
"Du hast mir immer noch nicht gesagt, was ich von den Unruhen halten soll", begann Eva Schmiedinger. "Ich kann mir die Unzufriedenheit der Leute nicht erklären. Die Partei tut doch alles, damit es der Bevölkerung besser geht."
Kronbecher lachte. Er tätschelte ihr Knie und erläuterte: "Viele von denen haben noch nicht begriffen, daß ein Arbeitskampf in Form von Streik, wie sie ihn jetzt anstreben, im Sozialismus nicht nötig ist. Außerdem sind das schon konterrevolutionäre Aktionen, Eva." Er knuffte sie in die Schulter und ermahnte sie: "Du sollst die Tonbänder abschreiben und nicht auswendig lernen."
Sie überging die Äußerung mit einem Lächeln.
Vor dem Erfurter Bahnhof sagte er: "Also, die Sache mit dem Willi Meerbusch geht klar?"
"Du hast mein Ehrenwort."
"Paß aber auf, daß er dich nicht bemerkt. Wenn du sein Umfeld observierst, notiere alle Vorgänge, Namen und so weiter."
"Mensch, Manfred, ich mache das doch nicht zum ersten Mal, und der Bengel ist ja noch ein Kind."
"Aus dem wird mal was ganz Großes, verlaß dich drauf."
Er küßte sie zum Abschied. "Das Zimmer im Hotel "Zum Schwan" ist für dich reserviert. Also dann, Hals- und Beinbruch! Wir sehen uns nächste Woche in Berlin."
Es war Viertel vor sieben.
Direktor Kleebaum rasierte sich im Vorraum der Toilette. Seine Sekretärin, die er kurz zuvor zum Dienst beordert hatte, brühte starken Bohnenkaffee. Das Telefon klingelte. Der Bürgermeister wollte den Direktor sprechen. Die Sekretärin bat um einen Moment Geduld, lief über den Flur zur Herrentoilette.
"Schon wieder?" Kleebaum fluchte. "Ja, ja, ich komme gleich. Oder sagen Sie ihm, die Lage ist unverändert, und ich rufe zurück."
Vor dem Werktor auf der Weißenseer Chaussee standen die Nachtschichtler zusammen mit den Neuankömmlingen für die Tagschicht. An die zweitausend Menschen waren vor dem Tor versammelt. Kleebaum wurde unwohl, als er aus dem Fenster seines Zimmers auf die vielen Menschen in ihren grauen Arbeitsjacken hinunterblickte. Die geschlossenen Fenster dämpften das Stimmengewirr von draußen kaum.
Rudolf Mertin kletterte auf den Zaun und rief: "Wir solidarisieren uns mit den Berliner Bauleuten!" Ohrenbetäubender Beifall war die Antwort.
Im Sekretariat warteten die Abteilungsleiter. Direktor Kleebaum ließ sich von seiner Sekretärin mit dem Bürgermeister verbinden.
"Ja, Kleebaum hier. Was gibt es? ... Nun mach doch nicht die Pferde scheu, verdammt noch mal! Wir sind in Sömmerda und nicht in Berlin oder Leipzig ... Sie brüllen da unten bis jetzt nur rum ... Nein, niemand geht an seine Arbeit ... Ich werde alles tun ... Ja doch ... Ja, ich rufe dich an ... wenn die Schicht begonnen hat."
Der Bürgermeister am anderen Ende der Leitung zog die Gardine beiseite. Von seinem Amtszimmer aus konnte er den ganzen Marktplatz überblicken. Ein Mann schob einen Handwagen mit einem Paddelboot über den Markt, Richtung Dreysemühle. Den Mann kannte er. Es war Klaus Uhland, der neue BGLer aus der Rheinmetall.
Klaus Uhland schwitzte. Die Fuhre war schwer. Er schob den Wagen mit der einen Hand, mit der anderen hielt er das Boot im Gleichgewicht. Er dachte daran, daß er ja noch das zweite Boot aus der Schule holen mußte. Aber dabei würde ihm Willi helfen. Das war so abgemacht. Das Wetter war ideal für den Garten. Die Kirschen waren schon hellrot, die Erdbeeren und Himbeeren ebenso. Er freute sich darauf, mit Lucie auf der Bank im Garten zu sitzen und einfach so zu faulenzen. Er brauchte ein paar freie Tage.
Hinter der Sankt-Bonifatius-Kirche begegnete ihm Erwin. Der Brigadier vom Werkfuhrpark schlug ihm auf die Schulter und fragte: "Wo willst du denn hin? Wir sind alle am Werktor versammelt. Eine richtig revolutionäre Stimmung ist da. Deine Äußerung von gestern war übrigens schwach."
"Ich habe Urlaub", entgegnete Uhland entschieden.
"Das meinst du doch nicht im Ernst!" Der Brigadier zeigte ihm einen Vogel. "Wie kann man an so einem Tag Urlaub machen? Heute wird Geschichte geschrieben, mein Lieber!"
"Ein Streik ist doch absurd", versuchte Uhland den Brigadier umzustimmen.
"Auf wessen Seite stehst du als Gewerkschafter eigentlich, he?" Er ließ Uhland stehen und eilte über den Markt, die Weißenseer Straße entlang, an der alten Stadtmauer vorbei zur Rheinmetall.
Fahrplanmäßig sieben Uhr fünfzehn setzte sich der Personenzug von Erfurt über Sömmerda nach Sangerhausen in Bewegung. Eva Schmiedinger hatte ein Abteil für sich. Sie dachte an die letzte Nacht mit Kronbecher und nahm sich vor, ihm den "Gefallen" zu tun, wie er den Auftrag zur Überwachung des Jungen nannte. Was hatte er nur mit dem Kind vor? Egal, er sollte mit ihr vollkommen zufrieden sein. Schließlich hatte er sie extra dafür von ihrer eigentlichen Arbeit im Schreibbüro abgezogen.
Lucie war aufgeregter als Ernst, als der zu seiner Prüfung mußte. "Hast du deinen Füller nachgefüllt? Hast du Taschentücher eingesteckt?" Ernst genoß es, Hauptperson zu sein. Lucie, Willi, Elfie, Clara, Edgar und Stefanie wünschten ihm im Chor: "Toi-toi-toi. Wir drücken dir die Daumen!"
Der neue Parteisekretär der Rheinmetall stürmte an der Sekretärin vorbei ins Direktionszimmer. Kleebaum brüllte erbost ins Telefon: "Ja, ich weiß, daß es Viertel acht ist, werter Genosse Bürgermeister! Aber bei uns rührt sich nichts. Die stehen alle vor dem Werk und lassen niemanden rein ... und niemanden raus! Herrje, du hast doch keine Ahnung, was hier los ist! Das sind jetzt mindestens fünftausend, die sich zusammengerottet haben! Die haben Streikposten aufgestellt, halten laufend Reden und grölen wild durcheinander, daß man hier drin sein eigenes Wort kaum versteht!"
Er blickte wütend auf den Parteisekretär, der im Türrahmen stehengeblieben war, hinter ihm die Sekretärin, die hilfesuchend mit den Schultern zuckte. "Was ist denn vorm Rathaus los?" fragte Kleebaum gereizt ins Telefon. "Na, da sei froh. Ich fühle mich gar nicht wohl hier ... Ja, eben weil wir in Sömmerda sind und nicht in Berlin oder Leipzig! ... Ich mache keine Pferde scheu! Ich bin nur froh, daß noch nichts brennt, so sieht die Sache hier aus." Er knallte den Hörer auf die Gabel.
"Was ist?" schnauzte er den neuen Parteisekretär an.
"Die SED-Kreisleitung hat eben angerufen", stammelte der Parteisekretär.
"Und was wollen die?"
"Wir sollen um jeden Preis die Schicht gewährleisten, sagen sie."
Kleebaum faßte sich an den schweißnassen Kopf. "Sollen wir die Leute einzeln zu ihren Arbeitsplätzen tragen? Wie stellen die sich das vor?"
Das Telefon schrillte erneut. Es war noch einmal der Bürgermeister. Kleebaum hörte ihm zu, nickte ab und zu. Dann wich die Farbe aus seinem Gesicht. Als er den Hörer auflegte, sagte er: "Aus Weißenfels wurde eben gemeldet, daß die Leute das Gefängnistor mit einem Baumstamm aufgebrochen haben. Sie haben es gestürmt und alle Inhaftierten befreit."
Klaus Uhland traf gegen halb acht in der Schillerstraße ein. Willi wartete schon ungeduldig auf ihn. Clara kam aus der Schneiderwerkstatt und bestürmte ihn mit Fragen: "Was ist draußen los? Hast du Rudolf gesehen? Wird gearbeitet in der Rheinmetall?"
"Das ist doch alles Schwachsinn, was die da machen", meinte Uhland. "So ein Kräftemessen bringt doch nichts. Die Forderungen sind berechtigt, ja, aber mit Streik werden die sie nie durchsetzen." Er legte seinen Arm um Willi. "Wir holen jetzt das andere Boot aus der Schule."
Willi strahlte. Gemeinsam verließen sie kurz vor acht Uhr das Haus.
Zur selben Zeit traf Eva Schmiedinger in Sömmerda ein. Im Zug war es von Station zu Station voller geworden. Die Aufregung der Menschen steckte auch Eva an. Kronbechers Worte von Konterrevolution und westlicher Hetze ermahnten sie zur Wachsamkeit. In Gedanken protokollierte sie die einzelnen Äußerungen der aufgeregten Fahrgäste. Aber bald gab sie es auf, es waren zu viele. Eva Schmiedinger würde die Stimmung in einem Lagebericht zusammenfassen. Skeptisch beobachtete sie die Leute, die wie sie die Bahnhofstraße entlangliefen. Was hatten die vor? Wer von ihnen könnte ein Saboteur sein? Doch das herauszubekommen, war nicht ihre Aufgabe. Sie mußte Willi Meerbusch finden. Doch zuerst lief sie geradenwegs zum Hotel, um ihre Sachen unterzustellen. Dann wollte sie in der Pestalozzischule vorbeischauen und sich nach dem Jungen erkundigen.
Der Bürgermeister ließ sich mit dem Volkspolizeikreisamt in der Bahnhofstraße verbinden. Er gab seinen stündlichen Lagebericht durch: "Vor dem Rathaus ist alles ruhig, Genosse Hauptmann. Vor einer halben Stunde ist der BGLer von der Rheinmetall, Klaus Uhland, mit einem Boot über den Marktplatz gelaufen. Sonst ist nichts passiert. Wie sieht es denn in der Rheinmetall aus?"
"Ich habe strikten Befehl, das VPKA hier in der Bahnhofstraße zu schützen. Über die Rheinmetall ist mir nichts Neues bekannt. Wir warten auf Einsatzbefehle."
In der Schule lief der Direktor über die Flure. Er grüßte nur kurz. Willi und Klaus Uhland stiegen zum Dachboden hinauf. Sie wuchteten das Paddelboot hinunter und verursachten dabei einigen Lärm. Niemand begegnete ihnen. Als sie das Boot auf dem Handwagen verschnürten, klingelte es zur Pause.
"Nichts wie weg", sagte Willi übermütig. "Sonst sieht mich noch meine Lehrerin." Er hielt das Boot in der Waagerechten, Klaus schob den Handwagen.
Lucie und Elfie hatten den Proviant für den Ausflug in zwei Körben verstaut und machten sich auf den Weg zum Marktplatz, wo sie auf Uhland und Willi warten sollten.
Vor dem Werktor ging plötzlich alles sehr schnell. An die hundert Rheinmetaller stürmten mit Rudolf Mertin an der Spitze in das Hauptgebäude. Sie eilten die ausgetretenen Stufen hoch, den Flur entlang, rissen die Tür zum Sekretariat auf und drängten in das angrenzende Direktionszimmer.
Kleebaum, der neue Parteisekretär und die Abteilungsleiter waren wie versteinert. Eine lange Minute herrschte Schweigen. Die Zeiger der Wanduhr standen auf drei Viertel neun.
Direktor Kleebaum räusperte sich. "Genossen", sagte er, "ihr müßt Vertrauen in die Partei haben ..." Er versuchte seiner Stimme einen überzeugenden Ton zu verleihen, aber seine Worte gingen im Gelächter unter.
Der neue Parteisekretär mischte sich ein: "Was soll denn das werden? Ein Streik?"
"Das ist der Streik", erwiderte Rudolf Mertin lauernd.
Kleebaum ging zum Fenster, um die Distanz zwischen ihm und den wütenden Männern zu vergrößern. Sein Blick fiel auf die Rheinmetaller am Haupttor, die laut durcheinanderredeten.
"Wir müssen miteinander reden", sagte er, unsicher geworden. "Dieser Streik nutzt niemandem etwas. Wir wollen doch alle das Gleiche, nämlich besser leben. Habe ich recht?" Unfreundliches Gemurmel. "Aber wenn keiner arbeitet, dann entziehen wir uns selbst die Lebensgrundlage ..."
Der Direktor verstummte sofort, als Rudolf Mertin einen Schritt auf ihn zu tat.
"Geredet und gearbeitet worden ist genug", der Ton in Mertins Stimme wurde schärfer. "Aber verbessert hat sich nichts für uns. Die Norm steigt, aber mehr kaufen können wir uns nicht. Wir werden ausgebeutet wie im Kapitalismus! Das lassen wir uns nicht länger bieten!"
Die Männer hinter ihm klatschten und stampften mit den Füßen.
"Das ist kein Arbeiter-und-Bauern-Staat, das ist ein Funktionärsstaat!" rief ein Arbeiter.
"Wir sind die herrschende Klasse und nicht eure Sklaven!" donnerte Rudolf Mertin. Lauthals stimmten die anderen ihm zu.
"Aber, ich bitte euch, Genossen ...", weiter kam Kleebaum nicht. Er gestikulierte aufgeregt und keuchte vor Anstrengung. "Genossen!" preßte er hervor, die Tischkante umklammert. Nach einigen Sekunden hatte er sich wieder in der Gewalt und rief: "Es lebe die Große Sozialistische Oktoberrevolution! Es lebe die Freundschaft mit der Sowjetunion. Es lebe Otto Grotewohl!"
Einen Augenblick lang herrschte Stille. Alles hatten die Rheinmetaller im Zimmer erwartet, aber keine Losungen. Sekunden später war es mit der Autorität des Direktors vorbei. Gemeinsam mit einigen Kollegen zerrte Rudolf ihn weg vom Tisch. Auf dem Flur wurden die Abteilungsleiter durch das Spalier der pfeifenden und johlenden Rheinmetaller in das Direktionszimmer geführt. Von der anderen Seite schoben sich die sowjetischen Berater durch die aufgebrachte Menge.
Rudolf und seine Kollegen rissen die Telefonkabel von der Wand und sperrten Kleebaum, den Parteisekretär, die Berater und Abteilungsleiter ein. Hinter der dick gepolsterten Tür mochten sie schreien, soviel sie wollten.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Gefangennahme in der Belegschaft. Die Sendungen des Westberliner RIAS dröhnten plötzlich aus den Lautsprechern des Werkes über das ganze Gelände. Weitere Betriebe wurden genannt, in denen die Werktätigen die Arbeit niedergelegt hatten, vielerorts sollten sich Streikleitungen gebildet haben. Die Aufzählung von Städten in Thüringen wurde vom Beifallssturm der Rheinmetaller übertönt. Als sie von der Besetzung des Gefängnisses in Weißenfels erfuhren, ging ein Aufschrei durch die Menge. "Los, zur Polizei!"
Rudolf Mertin dachte an Schneider, den verhafteten Parteisekretär.
Die Rheinmetaller formierten sich zu einem Zug.
In der Pestalozzischule hasteten die Schüler mit ihren Schnittenpaketen zur Hofpause, aber Lehrer und FDJler hielten die Ausgänge geschlossen. Aufgeregt schrien die Schüler durcheinander, daß man sie auf den Hof lassen sollte. "Die Rheinmetaller streiken!" Dieser Ruf eilte von einem zum anderen. Die Schüler ließen sich nicht in die Klassenräume zurückschicken. Einige, die von der Prüfung kamen, zogen die FDJ-Hemden aus. Geschrei gellte durch das Schulgebäude. Die Schüler überrannten die Türposten und stürmten aus der Schule und liefen zur Rheinmetall.
Im Rathaus versuchte der Bürgermeister seit einer Viertelstunde vergeblich, Kleebaum zu erreichen.
Auf dem Marktplatz hatten sich einige Männer und Frauen eingefunden. Sie saßen im Schatten zweier Linden auf den Stufen, die zum Rathaus führten, und unterhielten sich.
Vom Fenster des Hotelzimmers aus wurden sie von Eva Schmiedinger beobachtet. Es waren Bauern aus der Umgebung von Sömmerda.
Sie begab sich hinunter und mischte sich unter die Bauern.
"Die Ernte hat noch nicht begonnen, und schon werden wir mit neuen Planzielen befeuert", sagte ein kräftiger Mann.
Einer mit Gummistiefeln wollte es einfach wie im letzten Jahr machen: "Tauschen wir untereinander unser Vieh und das Getreide aus, bis jeder das Soll erreicht hat."
"Puchard in der Abteilung Landwirtschaft im Rathaus hat ja letztes Mal mitgespielt", erinnerte sich ein älterer Mann, der Pfeife rauchte. "Wie ich hinkam zu dem und beichten mußte, daß ich nicht genug Doppelzentner Futterrüben abliefern kann, da hat er in sein Buch geschaut und mir gesagt, daß in der Nacht mein Nachbar kommt, mit einer Fuhre Futterrüben."
"Dafür mußtest du ihm aber Schweinefleisch abtreten", erinnerte sich der mit den Gummistiefeln.
"Der Puchard muß ja sein Plansoll auch erfüllen", wiegelte eine mollige Frau unter ihnen ab. "Sonst kriegt der Ärger mit seinem Chef im Bezirk. Ich habe mich bei dem Puchard mit einer Gans zu Weihnachten bedankt."
"Du auch?" fragte der Pfeifenraucher und kicherte.
Lucie und Elfie trafen auf dem Marktplatz ein.
Einer der Bauern zeigte auf die Holztafel, die am Eingang des Rathauses an zwei Pfähle genagelt war, und las: "Alles zum Wohle des Volkes!"
"Fragt sich nur, wer mit Volk gemeint ist", meinte die Mollige zynisch.
Der Pfeifenraucher posaunte hinauf zum Fenster des Bürgermeisters: "In einer Kolchose jedenfalls würde ich mich nicht wohl fühlen." Er lief zu seinem weißen Dreiradlaster, der mitten auf dem Marktplatz stand, und holte einen Fünfliterkanister von der Ladefläche. Von der unteren Weißenseer Straße drangen die Rufe der Rheinmetaller zum Rathaus. Eva Schmiedinger traute ihren Augen kaum, als der Bauer Benzin an die Holztafel spritzte und mit Streichhölzern anzündete. Puffend explodierte das Benzin, die Flammen schwärzten das Holz.
Der Zug der Rheinmetaller schob sich langsam durch die Weißenseer Straße. Die brennende Holztafel wurde von den Demonstranten beklatscht und bejubelt. Als der Demonstrationszug in den Marktplatz einbog, traf er auf Willi und Klaus Uhland, die dort den Handwagen mit dem Paddelboot zogen. Lucie stieß einen Schrei aus, als sie sie an der Spitze des Zuges mit dem Paddelboot erblickte. Die Rheinmetaller schoben die beiden vor sich her. Rudolf lief neben Klaus.
Schnell füllten die Menschen den Marktplatz. Eva Schmiedinger hatte Willi in der Menge entdeckt. Sie achtete darauf, in seiner Nähe zu bleiben.
Zuerst war alles ganz ruhig. Die Rheinmetaller musterten sich gegenseitig, wie sie in ihren grauen Arbeitsanzügen in dieser ungewohnten Umgebung standen. So viele Menschen waren hier auf dem Markt seit neunzehnhundertachtundvierzig, als man Charlie-Chaplin-Filme an die Rathauswand projizierte, nicht mehr zusammengekommen.
Dann wurden die ersten Rufe nach dem Bürgermeister laut. Rudolf Mertin schlug sich zum Rathaus durch. Er traf den Bürgermeister in seinem Amtszimmer, den Kopf in die Hände gestützt, das verschwitzte Haar an den Schläfen klebend, das Hemd aufgeknöpft, den Krawattenknoten heruntergeschoben. Der Bürgermeister blickte Rudolf Mertin flehend an. "So tu doch etwas!"
Die Holztafel brannte lichterloh, der Rauch zog durch das offene Fenster in die Amtsstube, Ruß legte sich auf die Papiere. Die Rufe nach dem Bürgermeister wurden immer lauter und energischer. "Oder sollen wir dich holen?" brüllten einige.
Rudolf Mertin sagte: "Sie müssen raus und reden."
Der Bürgermeister weigerte sich verzweifelt. "Die zerreißen mich!"
Rudolf schaute aus dem Fenster. Es war schon beeindruckend, wie die Menschen den Marktplatz bis rüber zum Kaufhaus füllten. Vor der Kirche erkannte er Klaus und Lucie mit Willi und Elfie, die mit ihren Körpern das Paddelboot im Gedränge schützten. Aus der Seitenstraße kamen die Schulkinder zum Marktplatz. Einige trugen noch das blaue FDJ-Hemd. Auch Ernst war dabei. Sein FDJ-Hemd hatte er ausgezogen.
Die Holztafel fiel funkensprühend in sich zusammen. Das löste einen Beifallssturm aus. Rudolf Mertin dachte dasselbe wie der Bürgermeister: Hoffentlich wird das Rathaus nicht angezündet. Er beugte sich aus dem Fenster und rief: "Kollegen! Wir müssen besonnen bleiben! Provoziert nicht! Bleibt ruhig!"
Seine Worte gingen unter. "Wo ist der Bürgermeister? Wir wollen den Bürgermeister sehen!" Ein paar Männer drangen ins Rathaus ein. Sie zerrten den Bürgermeister die Stufen hinunter. Er wurde mehr gestoßen, als daß er lief. Die Rheinmetaller bildeten einen Korridor wie bei einem Spießrutenlauf. Sie hoben den Bürgermeister auf den weißen Dreiradlaster. Rudolf Mertin drückte ihm ein Megaphon in die Hand.
Ernst Meerbusch drängelte sich durch die Rheinmetaller. An der Kirche entdeckte er seine Mutter und die Geschwister. Mühsam arbeitete er sich zu ihnen durch.
Der Bürgermeister hielt das Megaphon vor seinen Mund. Er räusperte sich, fand keine Worte. Das vom Megaphon verstärkte Räuspern klang wie ein Motor, der nicht anspringen wollte. Einige lachten. Der Bürgermeister war der Situation nicht gewachsen. Er hatte keine vorbereitete Rede. Er wußte nicht, was er den Menschen sagen sollte.
"Ich begrüße Sie alle ... hier auf dem Marktplatz ..."
Pfiffe und Spottworte trafen ihn.
Rudolf Mertin rief zu ihm hoch: "Sag: Wer gut arbeitet, soll auch gut essen!" In seiner Bedrängnis wiederholte es der Bürgermeister. Beifall schlug ihm entgegen.
"Sag: Auch Genossen machen Fehler! Du mußt sagen: Ich setze mich dafür ein, daß die Normen wieder gesenkt werden!" brüllte Rudolf Mertin.
Das wiederholte der Bürgermeister nicht. Er hatte die Fassung wiedergewonnen und schrie: "Laßt euch nicht von Agenten westlicher Geheimdienste ... "
Mertin entriß ihm das Megaphon.
Eva Schmiedinger hatte Angst, von der Menge überrannt zu werden. Sie war froh, daß niemand sie hier kannte. Warum die Volkspolizei nicht eingriff, fragte sie sich. Warum tun die sowjetischen Genossen nichts?
Sie suchte Willi Meerbusch. Der schob mit Klaus Uhland das Boot an der Kirche vorbei, sie hievten es die Treppen hinunter und schoben es zur Holzbrücke über die Unstrut. Dann holten sie das zweite Boot vom Pförtner der Dreysemühle. Lucie, Elfie und Ernst warteten an der Stelle, wo die Boote zu Wasser gelassen werden sollten. Als sie die Holzbrücke erreicht hatten, hörten sie vom Marktplatz das Deutschlandlied über einen Lautsprecher. Viele sangen laut mit.
Eva Schmiedinger schlich sich zu der Stelle, wo das Wasser unter den Mühlrädern der Dreysemühle hervorschoß. Von hier aus beobachtete sie, wie die Jungen und Klaus Uhland das Paddelboot zu Wasser ließen. Sie sah, wie Lucie, Elfie und Ernst in das eine Boot und Willi und Klaus in das andere stiegen. Bald erfaßte die Strömung die beiden Boote und trieb sie in die Nähe der Mühle. Ernst ruderte in seinem Boot derart heftig, daß es sich zweimal um sich selbst drehte und gefährlich nahe an die Mühlräder herankam. Nur mit Klaus Uhlands Hilfe gelang es ihm, aus der Strömung in die Flußrichtung zu gelangen.
Lange Fäden von Flußgras färbten die Unstrut grün. Am modrigen Ufer wucherten Eschen und Linden, deren untere Zweige die Wasseroberfläche berührten. Im Gestrüpp der niedrigen Büsche hatten sich abgebrochene Äste und Zweige, welke Blätter und von der Wasserkraft mitgeschleifte Steine verfangen. Sonnenflecken blendeten. Bald waren die beiden Boote hinter der Flußbiegung verschwunden.
Eva Schmiedinger konnte ihnen durch den Stadtpark nicht schnell genug folgen. Sie lief zurück auf den Markt, wo sich die Demonstration auflöste. Der Bürgermeister war nicht zu sehen. Sie folgte den Männern, die in die Börse gingen.
Ihre präzisen Protokolle waren die Grundlage dafür, daß in der nächsten Woche etliche Bauern in einem Schnellverfahren wegen Sabotage, manche sogar als Wirtschaftsverbrecher, als imperialistische Agenten verurteilt wurden. Deren Besitz fiel an den Staat, er wurde konfisziert.
Klaus Uhland wurde am Nachmittag des zwanzigsten Juni in seinem Garten verhaftet. Er hatte kaum Zeit, sich von Lucie und den Kindern zu verabschieden.
Dem ehemaligen Parteisekretär der Rheinmetall, Schneider, gelang nach seiner Befreiung aus einer Zelle des Volkspolizeikreisamtes die Flucht nach Westdeutschland. Rudolf Mertin wurde am ersten Juli, am Tage nach Ulbrichts Geburtstag nach Sibirien verschleppt. Er starb im Winter einundsechzig in einem Gulag. An seine Frau und die Kinder zu Hause hatte er viele Briefe geschrieben, die abzuschicken bei Todesstrafe verboten war. Die Briefe fand ein Leidensgenosse, als er die wenigen Habseligkeiten des Toten untersuchte. Als dieser dann acht Jahre später entlassen wurde, nahm er die Briefe mit in die DDR. Dort schickte er sie nach Sömmerda in die Schillerstraße.
Clara Mertin las in den ersten Jahren Rudolfs Briefe täglich, später nur noch an den Hochzeitstagen.
Anfang März neunzehnhundertvierundneunzig erhielt Clara Mertin Post von einem russischen Offizier, der Rudolf Mertins Akte bearbeitet hatte. Die Rentnerin öffnete das Kuvert mit einem spitzen Küchenmesser. Ihr Körper bebte vor Aufregung. Dann stieß sie einen Schrei aus und mußte sich setzen. Der Brief enthielt die offizielle Rehabilitation ihres Mannes. In einem persönlichen Brief entschuldigte sich der Offizier für das, was Menschen aus seinem Volk Rudolf Mertin angetan hatten.




Ausbildung am Werbellinsee
11 670 Tage vor der deutschen Vereinigung

Manfred Kronbecher kannte Dr. Helmut Sauer seit der Emigrantenzeit in Moskau. Neunzehnhundertachtunddreißig hatten beide einige Monate zusammen in einem Zimmer im Wirtschaftstrakt des Hotels Lux in der Gorkistraße gewohnt. Viele deutsche Kommunisten hatten dort gewohnt. Sauer war damals Komsomolze geworden und studierte an der Moskauer Universität Psychologie. In den Jahren der sogenannten Säuberungen hörte er auf, sich kritisch zu äußern, er unterdrückte sein jugendliches Temperament bis zur Selbstverleugnung, erledigte trotz seiner schwachen Konstitution jede Arbeit, machte sich über nichts und niemanden mehr lustig. Und da er niemandem im Wege war, überstand er unbeschadet die ständig geforderte Selbstkritik. Wie auch Kronbecher. Beider Wege aber hatten sich schon im Exil getrennt.
Zehn Jahre nach Kriegsende war Kronbecher seinem Moskauer Zimmergenossen im Ministerium des Inneren in Berlin wiederbegegnet. Seit dieser Zeit schulte Dr. Helmut Sauer von Kronbecher ausgewählte Kader unterschiedlicher Nationalitäten psychologisch für ihre Einsätze im Ausland. Im Herbst achtundfünfzig hielt er ein dreiwöchiges Sonderseminar ab. Teilnehmer dieses Kurses waren Peter Schmidt und Dieter Hugosch, Siegfried Kretschmar, Karl-Heinz Schröder und Willi Meerbusch.
Peter Schmidt und Dieter Hugosch lebten in Westberlin und betreuten Agenten, die in der Bereitschaftspolizei, einer Sonderformation der Westberliner Polizei, dienten. Peter Schmidt war selbst Hauptwachtmeister bei einer Einheit in Reinickendorf. Seine Teilnahme an Dr. Sauers Seminar war besonders schwierig zu organisieren, weil ihm als Polizisten jegliche Ostkontakte verboten waren. Dieter Hugosch arbeitete zur Tarnung als Polier auf Westberliner Großbaustellen. Karl-Heinz Schröder studierte Elektrotechnik in München und betreute DDR-Agenten, die man in die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach bei München eingeschleust hatte. Siegfried Kretschmar und Willi Meerbusch waren Neulinge in der Truppe, die Manfred Kronbecher unterstand.
Die Sonderschulung fand im Oktober achtundfünfzig in einem Objekt statt, das sich in der Schorfheide, einem großen Waldgebiet nördlich von Berlin, befand. In den Sommerferien erholten sich hier auch Kinder von Genossen aus dem nichtsozialistischen Ausland.
Kronbechers Leute waren in den Bungalows untergebracht. Im Hauptgebäude, einer langen Baracke, in dem sich auch die Waschräume und eine Gaststätte befanden, war ein Raum für die Schulung eingerichtet worden. Auf einem Podest stand ein altertümliches Lehrerpult, davor fünf kleine quadratische Tische mit jeweils einem Stuhl. Der Abstand zwischen Pult und Tischen maß mehrere Meter. Von einer Sitzgruppe im hinteren Teil des Raumes aus konnte Manfred Kronbecher nebst Assistenten die Seminare inspizieren.
Willi Meerbusch war neunzehn, als er Dr. Helmut Sauer kennenlernte, den väterlich wirkenden Dozenten, der ohne jede Unterlagen und Notizen vor seine fünf Schüler trat. "Keiner von Ihnen schreibt ein Wort mit." So lautete der erste Satz aus dem Munde Dr. Sauers. "Was ich Ihnen beibringe, steht in keiner Dienstanweisung. Alles, was Sie hier hören werden, muß Ihnen in Fleisch und Blut übergehen."
Willi Meerbusch imponierte diese Souveränität.
Die Stirn leicht kraus, die Lippen etwas geöffnet, sah Dr. Sauer einem nach dem anderen prüfend in die Augen. Vor diesem Blick gab es kein Ausweichen. Aber da war nichts Bedrohliches, Dr. Sauer schien sogar Verständnis für die jungen Männer zu zeigen, die im Schnellkurs soviel wie möglich über operative Psychologie lernen sollten. "Wenn Sie Auto fahren, müssen Sie nicht jede Einzelheit über einen Verbrennungsmotor wissen. Sie müssen ihn nur bedienen können. In diesem Sinne betrachten Sie bitte diesen Lehrgang. Sie sollen die Psychologie anwenden lernen und nicht definieren."
Dr. Sauer bat Siegfried Kretschmar zu sich. Das Podest knarrte unter dessen Schritten. Breitbeinig stand er neben dem Seminarleiter, die Arme vor der Brust verschränkt.
"Wie heißen Sie?" fragte Dr. Sauer nüchtern.
Kretschmar nannte seinen Namen.
"Wie alt sind Sie?"
"Dreiundzwanzig."
"Haben Sie eine Freundin?"
Kretschmar feixte. "Mit einer fange ich gar nicht erst an." Er wechselte Stand- und Spielbein; das Podest knarrte wieder.
Dr. Sauer wandte sich den anderen zu. "Was ist Ihnen an den Antworten aufgefallen?" Als keiner der Schüler etwas sagte, fuhr er fort: "Zuerst müssen Sie lernen, Ihr Gegenüber genauestens zu studieren, um aus den Gesten Rückschlüsse ziehen zu können. Also noch einmal, was ist Ihnen aufgefallen?"
Kretschmar kam sich vor wie ein Versuchstier. Sein rechtes Auge zuckte - wie immer, wenn er einer Situation nicht gewachsen war.
"Anfangs", meldete sich Willi zu Wort, "als er noch nicht wußte, was auf ihn zukommt, war er gelassen. Aber jetzt weiß er nicht, wohin mit seinen Händen. Er ist nervös."
Hugosch platzte heraus: "Mir ist aufgefallen, daß er ein Schürzenjäger ist!"
Alle lachten, nur Dr. Sauer lachte nicht mit. "Könnte es nicht sein", sagte er kühl, "daß Kretschmar uns das nur weismachen will? Er ist ein gutaussehender junger Mann, der das Zeug zum Schürzenjäger hätte. Aber Männer, bei denen das Liebesleben in Ordnung ist, die reden nicht darüber, sondern genießen es."
Die Schüler prusteten los. Willi gefiel die sachliche Gelassenheit dieses Dozenten. Kretschmar reagierte gereizt. Es paßte ihm gar nicht, daß sich die anderen auf seine Kosten amüsierten.
"Was soll denn das hier werden?" Er verlor die Beherrschung. "Ob ich Weiber habe oder nicht, das ist doch wohl meine Privatsache!"
Hugosch posaunte: "Der hat doch bis jetzt nur einer Frau zwischen den Beinen gelegen: seiner Mutter, als er geboren wurde!"
Das Lachen war zuviel. Mit geballten Fäusten ging er auf Hugosch los. Doch Schmidt verstellte ihm den Weg und grinste. Kretschmar begriff, daß alles, was er jetzt tat, zu seinem Nachteil ausgelegt werden könnte. Er winkte ab.
"Sie sehen", sagte Dr. Sauer unbeeindruckt, "diese harmlose kleine Unterhaltung hat unseren Freund hier etwas verwirrt. Offenbar haben wir einen heiklen Punkt in seiner Persönlichkeitsstruktur berührt. Und auch Sie, lieber Kretschmar, wissen jetzt, daß Sie sich nicht in der Gewalt haben. Setzen Sie sich!"
Kretschmars Laune war auf dem Nullpunkt. Er wußte nicht, wie er sich verhalten sollte. Immer wieder blickte einer der anderen prüfend zu ihm hinüber.
Dr. Sauer redete jetzt über die Notwendigkeit von Staatssicherheitsorganen. Zum Schluß faßte er zusammen: "Das Ministerium für Staatssicherheit ist für die DDR genauso wichtig wie es der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst für die BRD sind. Aber wir müssen besser sein als BND, Verfassungsschutz und MAD. Wir müssen auch besser sein als der CIA oder das FBI, der Secret Service oder das Deuxième Bureau. Deshalb sitzen Sie hier, meine Herren. Denn das Allererste ist die Erhaltung der Staatsmacht sowie die Sicherung unseres Staates gegen innere und äußere Feinde."
Willi ging mit Siegfried Kretschmar in der Mittagspause zum nahen Werbellinsee. Schönwetterwolken schoben sich gemächlich über den Himmel und spiegelten sich im ruhigen Wasser. An den ausgewaschenen Wurzeln schwarzer Erlen schwappten kleine Wellen, und weiter draußen auf dem See kräuselten leichte Böen das Wasser.
"Ich könnte jetzt eine Abkühlung gebrauchen", sagte Kretschmar mißmutig und setzte sich auf die Bretter eines Bootssteges. "Soll das etwa die drei Wochen so weitergehen?" Er blickte dem Rauch seiner Zigarette nach.
"Die Schulung hat erst angefangen", gab Willi zu bedenken.
"Eben." Kretschmar schnippte die Kippe in den See.
"Ich hätte vorhin nicht da vorn stehen wollen", bekannte Willi, "aber es war eine interessante Lektion."
"Sag mal", begann Kretschmar, "wie sieht es denn bei dir mit einer Freundin aus?"
Willi schmunzelte. "Willst du jetzt mich analysieren?"
"Nein, ich ..." Kretschmar scharrte mit dem Fuß über den Steg. "Ich meine ... ich rede zu dir als Freund!"
Willi blickte ihn erwartungsvoll an.
"Die Mädchen, weißt du, Willi, die gucken mir nach, aber irgendwie geht mir das nicht unter die Haut."
Willi ließ flache Steine über das Wasser springen.
Kretschmar stand auf. "Ich dachte, mit dir könnte ich reden." Er stapfte über den Steg zurück, die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Schultern hochgezogen.
Ein Wolkenfetzen schluckte das Sonnenlicht, und der See wurde dunkel wie die Erlenwurzeln an seinem Ufer. Wind kam auf. Ein Haubentaucher schwamm am Bootssteg vorüber. Sichernd spähte er von einer Seite zur anderen, bis er kopfüber lautlos im Wasser verschwand und erst nach fast einer Minute nahe dem Schilf wieder zum Vorschein kam.
"Sie haben ein Ziel vor Augen", begann Dr. Sauer die nächste Lektion. "Die Macht der Arbeiterklasse ist unantastbar! Wir werden die Feinde der Arbeiterklasse gnadenlos zerschlagen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Erhaltung der Macht hat Vorrang. Lenin sagte: 'Revolutionäre, die es nicht verstehen, die illegalen Kampfformen mit allen legalen zu verknüpfen, sind sehr schlechte Revolutionäre.' Möchte sich einer von Ihnen dazu äußern?"
Hugosch räusperte sich. "Wer Skrupel hat, ist fehl am Platze. Der Zweck heiligt die Mittel."
"Gut", sagte Dr. Sauer, und provozierend setzte er hinzu: "Legalisierte Lenin auch Mord?"
Schröder senkte den Blick, so daß sein wie mit dem Lineal gezogener Mittelscheitel auf Sauer zeigte.
"Ja, Sie", sagte Dr. Sauer, und als Schröder nicht reagierte. "Mit dem gestreiften Hemd, Herr Karl-Heinz Schröder!"
Schröders Kopf schnellte nach oben, er wurde rot. Doch dann lehnte er sich zurück und antwortete: "Von Mord sollte man nicht sprechen. Wenn ein Gefangener beim Transport zu fliehen versucht, kann gezielt geschossen werden. Todesurteile sind kein Mord. Notwehr auch nicht oder Unfälle. Mord wird von Lenin nicht legalisiert. Jemanden unschädlich machen, das ist etwas anderes."
"Eine Revolution läuft immer blutig ab", warf Schmidt ein. "Und unsere Revolution ist noch nicht beendet."
"Mord ist etwas Ungerechtes und Hinterhältiges", sagte Kretschmar. "Aber wir führen einen gerechten Kampf. Für die Befreiung der Arbeiterklasse in der ganzen Welt, gegen Ausbeutung und Unterdrückung."
Willi bekräftigte das. "Was heißt denn: den Feind ausschalten? Er muß mit Haut und Haar beseitigt werden. Aber das ist kein Mord. Außerdem: Der Klassenfeind ist es, der vor Mord auch nicht zurückschreckt."
"Es gibt subtilere Methoden, den Feind wirksam zu bekämpfen", lenkte Dr. Sauer ein.
Er hielt einen kurzen Vortrag über die verschiedenen Möglichkeiten, Fragen zu formulieren. "Es gibt Alternativ- und Suggestivfragen, Entscheidungs- und Ergänzungsfragen, Vergewisserungs- und rhetorische Fragen", betonte er. Über ein Tonband spielte er Ausschnitte von Vernehmungen ab. "Es kommt bei einer Vernehmung darauf an", sagte er, "den zu Vernehmenden in seine eigenen Aussagen zu verstricken, so daß ihm nichts anderes übrigbleibt, als die Wahrheit zu sagen. Dabei dürfen Sie jedoch niemals das Ziel der Vernehmung aus dem Auge verlieren. Wir konstruieren ein Beispiel. Herr Hugosch, wenn ich Sie bitten darf?" Sauer wies ihm den Stuhl auf dem Podest.
Hugosch kam nach vorn. Wohl war ihm nicht dabei, denn er dachte an die Lektion mit Kretschmar.
"Nehmen wir an", sagte Dr. Sauer, "Herr Hugosch ist Bauleiter ..."
"Fett genug dafür ist er ja", flüsterte Willi.
Schröder unterdrückte sein Grinsen. "Mit Hugosch solltest du dich nicht anlegen. Der ist wirklich Baupolier."
Dr. Sauer fuhr fort: "... und von einem westlichen Geheimdienst angesprochen worden. Nehmen wir an, es liegen Hinweise vor, daß er mit einem Geheimdienst zusammenarbeitet. Ihre Aufgabe, meine Herren, ist es nun, mittels verschiedener Fragetechniken Herrn Hugosch zu überführen."
Willi Meerbusch dachte an den Film, den sie am Abend zuvor gesehen hatten, "Stärker als die Nacht". Mit welcher Logik und Präzision hatte die Gestapo da verhört. Und dennoch. Zuletzt waren die Verhörten die Stärkeren gewesen.
Unterdessen hatte Schröder mit der Befragung begonnen. Er konfrontierte Hugosch mit Fakten. Wo er mit wem gesehen worden war, zum Beispiel. Hugosch begriff schnell, daß sich Schröder an tatsächliche Begebenheiten aus den letzten Tagen hielt, so an Hugoschs Geburtstag vorige Woche, den sie alle gemeinsam in seiner Schöneberger Wohnung in der Mansteinstraße sieben gefeiert hatten.
"Wer ist die Frau auf dem Bild, das Sie in Ihrer Nachttischschublade aufbewahren?" fragte er scharf.
"Meine Mutter."
"Aha", machte Schröder.
Willi wurde von hinten angetippt. Kronbecher schob ihm ein Foto zu. Darauf war Hugosch zu sehen, wie er einen prall gefüllten Sack und eine Milchkanne schleppte. Mit Mühe entzifferte Willi das Straßenschild auf dem Foto. Auf die Rückseite war ein Datum geschrieben.
Er zeigte Hugosch das Foto.
"Was haben Sie am achtzehnten September letzten Jahres in der Steinmetzstraße in Berlin-Schöneberg zu suchen gehabt?" fragte Willi.
"Ich gehe immer nach Schichtende in die Steinmetzstraße. Milch holen."
"Was war in dem vollen Sack, den Sie bei sich trugen?"
"Mein Nachbar und ich sammeln Küchenabfälle für die Kühe, die dort im Hinterhof gehalten werden, und dafür kriegen wir Anmachholz."
Willi wollte diese Aussage anzweifeln, da fiel ihm ein, wie Hugosch auf seinem Geburtstag damit geprahlt hatte, der beste Kunde im Puff zu sein. Er hatte Willi sogar aufgefordert, mit in die Giesebrechtstraße zu kommen.
"Wäre es für einen Mann in Ihrer Position nicht angemessener, verheiratet zu sein?" fragte Willi lauernd.
Hugosch versuchte einen Scherz: "Dazu hat mir noch niemand einen Parteiauftrag gegeben."
Jetzt schaltete sich Schmidt wieder ein: "Machen Sie die Partei nicht lächerlich! Sie scheinen zu vergessen, unter welchem Verdacht Sie hier stehen. Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrer Mutter?"
"Das geht Sie nichts an", sagte Hugosch gelassen. Da er wußte, daß dies nur ein Rollenspiel war, grinste er breit.
"Wo waren Sie am fünfundzwanzigsten März diesen Jahres?" fragte Willi.
"Zu Hause", antwortete Hugosch nach kurzem Überlegen.
"Den ganzen Tag?" In Willis Stimme schwang Überlegenheit mit.
Die Überraschung stand Hugosch ins Gesicht geschrieben. "Woher weißt du das?"
"Wir wissen, welche Etablissements Sie aufsuchen", fuhr Willi ungerührt fort. "Ist Ihnen eigentlich klar, wie enttäuscht Ihre Mutter wäre, wenn sie erführe, daß Sie regelmäßig in der Giesebrechtstraße zwölf ... ich möchte mal sagen, verkehren?"
"Du Drecksau!" brüllte Hugosch.
"Wer ist hier die Drecksau?" Willi genoß die Verwunderung seines Publikums, vor allem die Dr. Sauers. Er versuchte die Gelassenheit des Seminarleiters zu kopieren. "Wir alle haben kleine Schwächen. Was mich aber viel mehr interessiert: Woher kommt das Geld für Ihre amourösen Abenteuer?"
Hugosch schwieg. Mit einem Taschentuch wischte er sich über die Stirn.
"Dann will ich es Ihnen sagen", Willi stand auf und kam auf Hugosch zu. "Sie werden vom CIA bezahlt."
"Das ist doch Unsinn", verteidigte sich Hugosch. Er hatte Schwierigkeiten, sich in der Fiktion des Rollenspiels zurechtzufinden.
"Oder stehen Sie auf der Gehaltsliste des BND?"
"Mensch, hör' doch auf, Willi", flehte Hugosch. "Das ist doch bloß ein Spiel hier."
"So?" gab Willi spitz zurück. "Woher hast du also das Geld?"
Hugosch wollte aufstehen, doch Schröder drückte ihn auf den Stuhl zurück.
"Antworten Sie!" befahl Willi. Hugosch zog, in die Enge getrieben, den Kopf ein.
"Das geht euch nichts an!" schrie er verzweifelt. Hugosch konnte es nicht aushalten, daß er versagt hatte. Hilflos schaute er zu Kronbecher.
Dr. Sauer schaltete sich ein. "Herr Hugosch, bitte fallen Sie nicht aus der Rolle. Fahren Sie fort, meine Herren!"
"Du gehst jeden Monat mindestens einmal in die Giesebrechtstraße", sagte Willi. "Offenbar bringst du wertvolle Informationen dorthin, denn der westliche Geheimdienst, für den du spionierst, residiert ein Stockwerk höher. Wie sonst könntest du dir die Weiber leisten und deiner Mutter Pralinen und Likör und nahtlose Strümpfe mitbringen?"
Hugosch fixierte Willi. Der hielt seinem Blick stand und sagte: "Wir müssen annehmen, daß du ein Verräter bist, wenn wir nicht erfahren, woher du das Geld wirklich hast."
"Das geht euch einen Scheißdreck an!" Hugosch war außer sich.
Willis Schweigen wurde unerträglich für Hugosch, der die Realität vom Rollenspiel nicht mehr unterscheiden konnte.
"Ich habe ...", ihm standen Tränen in den Augen, "... ich habe Schmuck von meiner Mutter verkauft ... Das ist die Wahrheit."
Willi wich betroffen zurück. Voller Verachtung schaute er auf den heulenden Mann, der sich vor ihm auf dem Stuhl duckte. Und dann wurde ihm klar, wie tief er selbst in seine Rolle als Vernehmer gewachsen war und welchen Stolz er über seinen Triumph empfand.
"Die gute Mama beklaut", höhnte Schröder, "damit du in den Puff gehen konntest."
Hugoschs Augen verengten sich zu Schlitzen. "Das kriegst du wieder", zischte er zu Willi.
"Sie sehen", sagte Dr. Sauer, "wie schwer es sein kann, im Feindesland die neue Identität, unter der Sie Aufträge erfüllen, auch in extremen Situationen zu bewahren. Sie müssen lernen, sich zu beherrschen. Vor allem dürfen Sie, auch wenn man kurz davor ist, Sie zu enttarnen, niemals Ihren Auftraggeber und Ihre wahre Identität preisgeben."
Kronbecher sprach später mit Dr. Sauer über jenen Vorfall. Der Dozent meinte: "Ein solche Panne war nicht vorherzusehen. Hugosch sollte im Winter, wenn er wegen schlechten Wetters arbeitslos ist, regelmäßig unsere Schulungen in Golm besuchen. Er hat sich noch nicht im Griff. Eine theoretische Schulung könnte ihn festigen."
Abends sahen sie im Speisesaal wieder einen Film: "Betrogen bis zum jüngsten Tag".
Später, nach etlichem Bier und Korn am Grillfeuer, kam Hugosch auf Willi zu.
"Kameradschaft kennst du wohl gar nicht?" sagte er laut. Die anderen Männer unterbrachen ihre Unterhaltungen. Plötzlich brüllte Hugosch: "Meerbusch, du bist eine Verrätersau! Ich schlag' dir ..." Willi konnte dem ersten Schlag ausweichen, der zweite traf ihn an der Schulter. Die anderen fielen Hugosch in den Arm, überwältigten ihn. Aber noch immer geiferte er: "Ich werd's dir schon noch zeigen ..."
Tag für Tag hörten die jungen Männer vom Tonband Aufzeichnungen realer Verhöre, die sie anschließend auswerten mußten. Ein Verhör, das die politischen Unruhen in Ungarn sechsundfünfzig betraf, blieb Willi lange im Gedächtnis.
"Sie bezeichnen also die konterrevolutionären Ausschreitungen als demokratisch?" fragte eine lispelnde Männerstimme.
Ein offenbar jüngerer Mann antwortete: "Eine Demokratie muß berechtigter Kritik standhalten können."
"Und Sie glauben, jetzt auch in der DDR randalieren zu können?"
"Niemand will randalieren", sagte der junge Mann. "Es geht um Auseinandersetzung. Wir beide führen auch eine Auseinandersetzung, und das ist keine Randale."
Eine Weile waren auf dem Band nur Schritte und Atemgeräusche zu hören. Willi versuchte sich vorzustellen, wie der junge Mann aussah. Vor seinen Augen stand ein Student mit Brille und längeren Haaren, die Ärmel seines Hemdes bis zum Ellenbogen aufgekrempelt; Sandalen trug er und in der Hand einen Stoffbeutel mit Büchern drin ...
Plötzlich knallte es. Willi zuckte vor Schreck zusammen.
Dann sagte eine dunkle Männerstimme: "Worin äußert sich denn Ihrer Meinung nach die Unfähigkeit unserer Regierung?"
"Im uneingeschränkten Herrschaftsanspruch einer einzigen Partei", antwortete der junge Mann beherrscht. "Wie kann eine Verfassung demokratisch sein, wenn jede Kritik an gesellschaftlichen Erscheinungen gleich als versuchte Konterrevolution bekämpft wird? Unsere Verfassung garantiert jedem Bürger seine Menschenrechte, und Meinungsfreiheit ist auch ein Recht!"
Willi war beeindruckt von der Leidenschaft, die der junge Mann in seine Worte legte.
Die dunkle Stimme sagte lakonisch: "Im Grunde haben Sie recht. Es kommt nur darauf an, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort recht zu haben. Sie verstehen, was ich meine?"
"Ich bin Genosse", sagte der junge Mann, "und habe Marxismus-Leninismus studiert, und ich halte die sozialistische für die bessere Gesellschaftsordnung. Aber mir wird immer klarer, daß der Sozialismus nach nicht einmal sechs Jahren in der DDR schon erstarrt ist in seiner Struktur. Zentralkomitee und Politbüro sind unantastbar geworden. Und damit entfremden sich die Funktionäre immer mehr dem Volk, dessen Interessen sie vertreten sollen. Ich will den Sozialismus nicht stürzen. Aber ich bin für eine dynamische Regierung."
Die lispelnde Stimme schaltete sich wieder ein: "Sie haben innerhalb Ihrer staatsfeindlichen Untergrundorganisation, deren Anführer Sie sind ..."
"Wir haben keinen Anführer, und staatsfeindliche Interessen hegen wir nicht", unterbrach der Angesprochene.
"Das liest sich aber auf dem von Ihnen verfaßten Flugblatt ganz anders! Darin plädieren Sie dafür, das gesellschaftliche Eigentum in großem Ausmaß nach kapitalistischem Vorbild zu privatisieren. Sie geben also zu ..."
"Ich brauche nichts zuzugeben. Das ist meine Meinung. Unsere Wirtschaft ist krank, und der ideologische Überbau wird immer größer, so daß er die Wirtschaft lähmt."
"Sind die anderen in Ihrer Gruppe derselben Meinung?" fragte die dunkle Stimme.
Der junge Mann antwortete nicht, und die dunkle Stimme fragte weiter: "Verstehe ich Sie richtig, daß Sie auf eine, wie man in Ihren Kreisen sagt, Wiedervereinigung Deutschlands hinarbeiten?"
"Ich bin überzeugt vom Sozialismus als der besseren Ordnung", versicherte der junge Mann. "Aber im Sozialismus leben Menschen! Und Menschen machen manchmal Fehler. Also muß man sie darauf aufmerksam machen ..."
Die dunkle Stimme griff wieder ein: "In der Nazizeit gab es für mich nur eine Alternative: entweder bin ich für Hitler oder gegen ihn. Ich habe mich gegen ihn entschieden, wissen Sie, auch wenn ich nicht immer sofort die Beschlüsse und Maßnahmen meiner Partei verstehen konnte. Aber ich hatte Vertrauen, und dieses Vertrauen konnte durch nichts erschüttert werden. Ihnen stellt sich heute die Frage: entweder für den Sozialismus oder gegen ihn."
Willi Meerbusch hatte die dunkle Stimme längst erkannt, schließlich hörte er sie jeden Tag im Dienst, am Telefon, es war die Stimme seines Vorgesetzten und Freundes Manfred Kronbecher. Er hütete sich, über diese Erkenntnis zu reden.
Dr. Sauer stellte das Tonband ab. Im folgenden Gespräch wurde herausgearbeitet, daß der junge Mann die innere Sicherheit der DDR unterwandert habe.
"Den Feind im eigenen Lande gilt es auf das Entschiedenste zu bekämpfen", sagte Dr. Sauer.
Dann gingen sie noch einmal verschiedene Passagen des Verhörs durch, verbesserten die Fragestellungen der Vernehmer und analysierten die politische Einstellung des Vernommenen.
"Leute wie der junge Mann eben", warnte Dr. Sauer, "sind oftmals von westlichen Geheimdiensten auch rhetorisch bestens ausgebildet. Sie warten mit Argumenten auf, die Ihnen im ersten Moment als klug und logisch erscheinen, um Sie, meine Herren, in die Enge zu treiben. Diese Leute sind fanatisch! Sie dürfen sich auf Diskussionen mit ihnen nicht einlassen. Sie müssen immer Ihr Ziel vor Augen haben, meine Herren. Und das Ziel ist die Erhaltung der Macht."
"Was ist aus dem Mann geworden?" wollte Willi wissen.
"Er ist zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden", sagte Dr. Sauer.
"Aber er war doch Genosse", gab Willi vorsichtig zu bedenken.
Dr. Sauer schaute ihn durchdringend an. Schließlich sagte er: "Jede Gesellschaft wird danach beurteilt, wie konsequent sie gegen ihre Feinde vorgeht."
Am Wochenende hatte Kronbecher aus der nahen Hauptstadt ein Faß Wernesgrüner Bier heranschaffen lassen. Es war ein lauer Spätsommerabend. Die Männer freuten sich auf das Grillen: Kammfleisch wurde in Senf, Öl, Zwiebeln und Bier eingelegt, Geschirr, Besteck und Gläser nach draußen zum Pavillon geschafft, in dessen Mitte ein eingemauerter Holzkohlegrill stand. Schröder bereitete eine große Schüssel Kartoffelsalat zu, mit frischen Zwiebeln und Spreewaldgurken. Äpfel und Olivenöl für den Salat hatte er aus Westberlin mitgebracht. Das gemütliche Beisammensein dauerte bis weit nach Mitternacht.
Willi trank nicht viel, denn er wollte am Morgen Dr. Sauer und Kronbecher beweisen, daß er cleverer war als Hugosch und sich besser in der Gewalt hatte.
Er meldete sich freiwillig für die Rolle des Verdächtigen.
Kaum hatte Dr. Sauer das Podest verlassen, griff Hugosch sofort an: "Woher hast du dein Hemd?"
"Von meinem Vater."
"Von Herbert Meerbusch also, der sich fast ein Jahr lang geweigert hat, in die LPG einzutreten?" Hugosch kostete Willis Bestürzung aus.
Willi fragte sich, woher Hugosch das wußte. Doch Hugosch ließ ihn nicht zur Besinnung kommen. "Und deine Mutter ist ja nicht viel besser! In Sömmerda hat sie bei konterrevolutionärem Gesindel Unterschlupf gesucht, das am siebzehnten Juni dreiundfünfzig die Regierung stürzen wollte."
Willi schrie: "Das ist unfair! Meine Eltern haben damit nichts zu tun!"
"Womit haben sie nichts zu tun?" fragte Hugosch lauernd. "Daß du einen Aufstand wie am siebzehnten Juni vorbereitet hast? Ich nenne mal ein paar Namen: Rudolf und Clara Mertin, Klaus Uhland. Die hast du doch angehimmelt damals, die waren doch deine ideologischen Lehrer. Na, sag schon, Wilhelm Meerbusch, womit haben sie nichts zu tun?"
"Mit diesem Spiel!"
"So?" gab Hugosch zurück. "Das ist kein Spiel. Also?"
Willi hätte sich dafür ohrfeigen können, daß er sich darauf eingelassen hatte. Er fühlte sich ausgeliefert wie damals, als er vor der Pioniergruppe wegen der Maikäfer zur Rechenschaft gezogen worden war. Hilfesuchend blickte er zu Dr. Sauer und Kronbecher. Doch die saßen entspannt an einem der kleinen Tische und unterhielten sich angeregt.
"Ich will dir mal auf die Sprünge helfen." Hugoschs dicke Lippen zogen sich auseinander. Er bleckte seine ungepflegten Zähne und behauptete: "Du hast doch auf meinem Geburtstag selbst gesagt, daß du, wenn du die Wahl hättest, lieber im Westen bleiben würdest."
Willi fand diese Unterstellung infam, aber er mußte ruhig blieben. "Ich denke", sagte er, um Gelassenheit bemüht, "wir sollen lernen, den Feind zu bekämpfen, und nicht die Genossen in unseren eigenen Reihen!"
"Der Feind kriecht manchmal auch in unsere eigenen Reihen", sagte Hugosch angriffslustig. "Aber wir werden ihn vernichten, denn wir sind besser als die westlichen Geheimdienste." Er ließ seine Drohung auf Willi wirken, ehe er weiterredete: "Ich beobachte dich nämlich schon länger, Wilhelm Meerbusch. Ich weiß, daß du westliche Hetzschriften zu Hause hast, den Spiegel, den Stern und so. Ich weiß auch, daß du staatsfeindliche Bücher liest. Und ich weiß, daß du regelmäßig in den Westen anrufst. Du hast Kontakte zu einer gewissen Hedwig Sommer in Berlin-Charlottenburg. Ein bißchen alt für dich, das Mädchen, findest du nicht? Die könnte deine Mutter sein."
Willi wurde heiß. Er wollte um jeden Preis verhindern, daß die Schulfreundin seiner Mutter hier vor Kronbecher bloßgestellt wurde. Denn in den Berichten für Kronbecher über seine Besuche bei Tante Hedwig hatte er verschwiegen, daß sie mit Plagiaten sehr viel Geld verdiente. Und auch von den Bildern aus dem Keller des Sozialamtes, die Hedwig an ihre Kundinnen verscherbelte, hatte er kein Wort verloren.
"Ich gebe zu", versuchte er von Hedwig abzulenken, "daß ich öfter in den Westen fahre. Ich gebe auch zu, daß ich Westzeitschriften nach Hause geschmuggelt habe."
"Wir werden die Wahrheit schon noch herausbekommen", sagte Hugosch.
In der Nacht kam Hugosch. Willi wurde von seiner Taschenlampe geblendet. Er richtete sich auf. Ein Faustschlag warf ihn auf das Bett zurück.

"Mach doch keinen Mist, Dieter", bat er. "Hör doch auf! Ich habe nichts getan." Er wollte aufstehen, doch Hugosch boxte ihm in die Magengegend. Willi stürzte auf den Steinfußboden. "Was soll denn das?" keuchte er. "Es ist doch alles nur ein Rollenspiel!"

5. Kapitel