Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

3. KAPITEL

Die Postmietbehälter in Berlin-Pankow
243 Tage deutscher Einheit

Lisa ging langsam über ihren Hinterhof in Berlin-Pankow. Sie wollte niemanden auf sich aufmerksam machen. In der sich abkühlenden nächtlichen Sommerluft kroch süßlicher Geruch aus überquellenden Mülltonnen. Die schwarzen Fenster erschienen Lisa wie Augen, die jeden Winkel des Hinterhofes beobachteten.
Ein schmales Badezimmerfenster im Vorderhaus war erleuchtet, vom Nachbarhof drang Licht durch die Büsche, die ihre gespenstischen Schatten auf das graue Mauerwerk warfen. Aus einem Fenster flackerte bläuliches Fernsehlicht.
Mechanisch stiegen Lisas Füße, an denen die Kletterschuhe wie Bleigewichte hingen, die knarrende Treppe hinauf. Frau Schulz wohnte noch im ersten Stock mit ihrem geschiedenen Mann, jedenfalls dem Türschild nach. Im zweiten Stock dann das vertraute Schnappen des alten Schlosses, das Klacken des Lichtschalters, das Summen des Stromzählers im Flur. Die Teddytasche glitt von der Schulter. Der Duty Free Sekt darin schlug dumpf auf das Linoleum.
In der Küche suchte Lisa nach Veränderungen. Doch alles war wie gewohnt: der blaßgrüne Hängeschrank, die betagte Wellrad-Waschmaschine, die vertrockneten Blumen auf dem Fensterbrett, der Spiegelschrank über der Spüle, der wacklige Küchentisch mit beiden Stühlen.
Sie ging ins Wohnzimmer. Im Aschenbecher auf dem Mittelfußtisch lagen drei Kippen. Der helle Lippenstift daran verriet ihre Freundin Silvy.
Auf dem Wohnzimmerschrank hinter einer Reihe von Kinderbüchern entdeckte sie Willis Postmietbehälter, versteckt unter einer dicken grünen Synthetikdecke, die sich wie eine Welle vom Schrank ins Zimmer zu ergießen drohte. Die Postmietbehälter jagten ihr Angst ein. Sie zog die Vorhänge vor die Fenster.
Das erste Wasser aus dem Hahn war braun. Lisa stellte den Sekt in die Spüle und kühlte ihn unter einem dünnen Wasserstrahl. Silvy hatte die Post auf dem Küchentisch gesammelt, nach Wichtigkeit sortiert und ein Pfund Kaffee davorgestellt. Von Lisas Mutter Elke waren fünf Karten aus Kreta angekommen. Lisa suchte die Karte mit dem jüngsten Datum und las: "Die letzte Woche auf Kreta für uns reisende Frauen ist angebrochen. Keine will zurück in die Redaktion; alle möchten wie ich Reiseleiterin auf Kreta werden. Nach so viel minoischer Kultur und neuzeitlichen Männern sind wir ganz schön groggy. Deine Elke." Die Karte kam vom "Istron-Bay-Hotel", der letzten Station auf der Reise. Elke hatte mit einem Pfeil das Fenster markiert, hinter dem sie wohnte. Lisa überflog die anderen Karten. Nichts deutete in Elkes Handschrift darauf hin, daß sie Bescheid wußte. Kein Kommentar zu Alexandras Verschwinden, kein Wort über Willis Tod.
Lisa setzte Wasser auf. Sie öffnete das Kaffeepaket und sog den Duft ein. Ihr Blick fiel auf einen Umschlag mit Willis Handschrift. "Privat" stand auf dem Kuvert vom Grandhotel. Der Brief war drei Monate alt, ohne Marke. Willi hatte ihn sicher bei ihrer Freundin Silvy, die an der Rezeption des Grandhotels in der Friedrichstraße arbeitete, abgegeben. In den Brief waren zehn Hundertmarkscheine eingewickelt. Willi hatte geschrieben: "Das ist die Miete für die drei Postmietbehälter! Bis bald, ich hab's eilig, sei umarmt von Deinem Willi."
"Du bist verrückt", sagte Lisa, als lebte Willi noch.
Mit dem Zeigefinger malte sie Willis Schriftzüge nach. Tränen tropften von ihrer Nasenspitze auf den Bogen Papier. Der Schmerz lähmte sie. Sie schien immer tiefer in die Leere zu fallen, die Willi hinterlassen hatte. Millionen Menschen, dachte sie, müssen mit dem Tod ihres Vaters fertig werden. Ich muß es auch schaffen, denn ich lebe. Noch.
Solange niemand außer Dieter Hugosch von dem Geld wußte, das in den Umschlägen von Willi war, hatte auch keiner Grund, sie zu bedrohen. Sie grinste. Da habe ich die Taschen voller Geld und kann es nicht ausgeben, damit ich mich nicht selbst verrate.
Das Pfeifen des Wasserkessels riß sie aus ihren Gedanken. Während sie am Kaffee nippte, sah sie die Rechnungen und Mahnungen durch. Die Werbesendung einer Lotterie hatte Silvy mit Randnotizen versehen: "Pech im Spiel, Glück in der Liebe ... Lisa, du müßtest Millionärin sein." Lisa riß den dicken Umschlag auf. Auf jeder Seite des Informationsheftchens stand das Wort "Millionen" mehrmals fettgedruckt. Per Unterschrift sollte sich Lisa einverstanden erklären, mit achtundvierzigprozentiger Wahrscheinlichkeit Millionärin werden zu wollen. Sie rubbelte ihre persönliche Glücksnummer frei.
Mit dem Sekt ging sie ins Wohnzimmer. Erst räumte sie die Kinderbücher beiseite und starrte lange Zeit die Postmietbehälter an. Dann gab sie sich einen Ruck und hievte die schweren Kartons hinunter, die sie nebeneinander auf den Teppich stellte. Davorsitzend entkorkte sie die Sektflasche, schenkte sich ein und fixierte die Postmietbehälter, als könnte sie durch die Pappe hindurchschauen und so etwas über ihrem Inhalt erfahren. Noch konnte sie die Kartons auf den Schrank zurückstellen und so tun, als wären von jeher Weihnachts- und Ostersachen darin verstaut. Noch wußte sie nichts vom Inhalt.
Aber wenn ich die Kisten einfach auf den Schrank zurückstelle, überlegte sie, könnte ich in meiner Wohnung nie mehr ruhig schlafen.
Lisa wurde zornig auf Willi. Warum hatte er die Postmietbehälter ausgerechnet zu ihr nach Pankow gebracht? Weil sie bei ihr am sichersten seien, hatte er auf Kreta gesagt. Gab es keinen anderen sicheren Ort? Zürich zum Beispiel?
Wenn der Inhalt dieser Postmietbehälter in einem ursächlichen Zusammenhang mit seinem gewaltsamen Tod stand, mußte sie sich schnell und unauffällig der Kartons entledigen. Aber vielleicht könnte sie mehr über ihren Vater erfahren, wenn sie die Kisten öffnete? Wer war eigentlich Wilhelm Kurt Dieter Paul Otto Meerbusch? Meist hatte sie nur Stunden mit ihm verbracht, in denen er sie verwöhnt hatte. So hätte sie ihren Vater gern in Erinnerung behalten. Doch wie war er denn wirklich? Wer war er? War Geld das Mordmotiv? Vielleicht befand sich noch mehr Geld in den Kisten - schwer genug waren sie ja. Wenn Lisa sie nicht öffnete, würde sie es nie erfahren.
Lisa lupfte behutsam den ersten Deckel. Sie wußte, diesen Schritt konnte sie nie wieder ungeschehen machen. Das, was sie jetzt sehen würde, würde sie ihr Leben lang nicht vergessen. Sie fürchtete sich und ließ den Deckel wieder los. Doch die Neugier siegte, und Lisa entfernte den Deckel.
Im Karton lagen fabrikneue Seidenhemden und Anzüge vom Feinsten. Lisa packte eines der Hemden aus, löste zehn Stecknadeln und probierte es an. Das eigenwillige Muster, helle Blautöne, die ineinander übergingen, unterbrochen von Knötchen in der Wildseide, stand ihr gut, fand sie. Als sie sich so im großen Spiegel sah, brach sie in lautes Lachen aus.
In weitem Schwung landete der zweite Deckel am Ofen. Lisas Fröhlichkeit erstarb. Ein staubiger Aktendeckel lag zuoberst. Handschriftlich war darauf in dicken Blockbuchstaben der Name Dieter Hugosch vermerkt. Ein eisiger Schauer durchzuckte ihren Körper. Auf dem Ordner stand eine Nummer, darunter der ausdrückliche Befehl zur vollständigen Vernichtung der Akte, datiert auf den fünfzehnten September neunzig. Lisa nahm den Ordner heraus. Darunter lagen vier weitere. Sie gehörten zu den Personen Siegfried Kretschmar, Eva Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder und Peter Schmidt. Schon wieder diese Namen! War die Existenz der fünf Akten der Grund für Willis Ermordung?
Lisa riß den dritten Deckel weg. Der Karton enthielt einen kleinen schwarzen Koffer, darin ein Computer. Sie schloß das Netzteil an und startete das Laufwerk. Die Festplatte enthielt nur Spiele, nicht einmal ein Textprogramm konnte sie finden, also schaltete sie ihn aus. Ein Etui enthielt ein Funktelefon. Lisa ging in die Küche, um den Umschlag von Willi zu holen. Sie wollte die Nummern ausprobieren. Das Telefon funktionierte nicht, weil der Code fehlte. Sie legte das Telefon zurück.
Lisa blätterte in den Akten. Sie fand heraus, daß die Nummer auf jedem Deckel die genaue Blattzahl vermerkte. Sie begann in der Akte von Karl-Heinz Schröder zu lesen, der dünnsten Ansammlung von Papier in den fünf Ordnern und dennoch eintausendzweihundertvierundachtzig Blatt umfassend. Sie studierte die erste von siebzehn notariellen Urkunden, die Karl-Heinz Schröder in sechzehn Firmen als Hauptgesellschafter mit Einlagen von jeweils hunderttausend DM auswiesen. An einer Wuppertaler Computer-GmbH war er sogar mit einer Million beteiligt. Als jeweils zweiter Gesellschafter und Geschäftsführer wurde in allen Dokumenten der Schweizer Kaufmann Pierre Lombard, wohnhaft in der Schönthalstraße zwölf, Zürich, genannt. Pierre Lombard konnte als Geschäftsführer alle Firmen nach außen hin vertreten. Schröders Firmen waren alle nur im Ruhrgebiet angesiedelt.
Lisa untersuchte die anderen Akten. Auch sie enthielten zu oberst notarielle Urkunden, wiesen die Personen, für die die Akten angelegt waren, als Gesellschafter aus. Während Lisa auf einer Karte in Meyers Jugendlexikon, einem Jugendweihegeschenk ihrer Eltern, die Firmenstandorte einzeichnete, fragte sie sich, wie es möglich war, als DDR-Bürger Gesellschafter in westdeutschen Firmen gewesen zu sein.
Stichproben ergaben, daß die anderen Personen auch nur an Firmen in bestimmten Regionen Westdeutschlands Anteile hatten. Jede Person trat nur in einem Gebiet auf. Keine der Firmen befand sich auf dem Territorium der DDR.
Warum hatte Willi die Akten bei ihr untergestellt? Lisa verfluchte ihre Neugier. Sollte sie ihr nachgeben und sich mit dem Wissen belasten, das möglicherweise ihrem Vater schon zum Verhängnis geworden war?
Doch ihre Hände griffen wie automatisch nach der Akte von Dieter Hugosch. Sie begann zu lesen. Hugosch war Bauarbeiter, am siebzehnten Juni dreiundfünfzig verhaftet, angeklagt als Rädelsführer, später auch noch wegen Sabotage. Ein Jahr Bautzen, danach Verpflichtungserklärung zur Mitarbeit im Ministerium für Staatssicherheit. Ab sechsundfünfzig in Westberlin, Arbeit als Polier. In den sechziger Jahren Ausbildung im brandenburgischen Golm ...
Lisa saß auf dem Boden, die Akten um sich herum ausgebreitet. Ihr entging, wie die Zeit verstrich. Sie las handschriftlich verfaßte Verpflichtungserklärungen, sah abfotografierte Dokumente, Ausweise. Sie blätterte in Beobachtungsprotokollen, in denen der Name ihres Vaters öfter auftauchte. Eines betraf den Innenausbau eines Blockhauses im thüringischen Fischbach, ein anderes Willis Tischlerarbeiten in einer Villa bei Potsdam. Lisa wunderte sich, daß Willi von den eigenen Leuten beschattet worden war. Die meisten Protokolle über ihn hatte Hugosch geschrieben. An manchen Tagen hatte er minutiös jede Äußerung Willis festgehalten, sogar politische Witze.
Etliche Protokolle betrafen Ernst Meerbusch, als er noch in Jena studiert hatte. Über Jahre hinweg war er dort observiert worden. Auch Elke war oft in diesem Zusammenhang Gegenstand der Beobachtung gewesen, meist wenn sie mit einem der Brüder zusammen war. Und über ihre Journalistenkollegin und Freundin Alexandra war Material gesammelt worden, wenn sie mit Elke auf Recherchenreisen für die Zeitschrift unterwegs war. Opa Herbert in Biesenthal und Lucie, die Erfurtomi, kamen in Protokollen vor. Sogar Lisas Geburt war verzeichnet.
Lisa fand einen Bericht von Eva Schmiedinger über Schröder, der eine bundesdeutsche Delegation im Handelszentrum empfangen hatte. Vom selben Tag existierte ein weiteres Protokoll, das Kretschmar über Schmiedingers Beobachtungstätigkeit geschrieben hatte.
Gegenseitiges Observieren schien ein Prinzip dieser Leute zu sein, denn in jeder Akte gab es solche Unterlagen. Willi Meerbusch war von seinen Kollegen am häufigsten überwacht worden, sogar in der Schweiz und in Westdeutschland.
Lisa rieb sich die Augen. Warum hatte Willi die Akten vor der Vernichtung bewahrt? Wollte er seine Kollegen damit erpressen? Wußten diese fünf Leute überhaupt von der Existenz der Akten? Und wo war der Ordner, auf dem Willis Name stand? Hatte er diesen vernichtet? Wenn ja, warum?
Auf dem Teppich lagen fünf Leben vor ihr ausgebreitet. Sie wollte nicht weiterlesen. Sie empfand Ekel. Sie wollte damit nichts mehr zu tun haben. Als sie Hugoschs Akte ordnete, um sie zuzuklappen, las sie ihren eigenen Namen über einem Protokoll. Sie war wie gelähmt. Ohne daß sie es beabsichtigte, flog ihr Blick über das grobe gelbliche Papier, das an einigen Stellen von den Typen der Schreibmaschine durchgestoßen worden war. Sie vertiefte sich in das Protokoll "Zampern."
betr.: Meerbusch, Lisa; (Angaben zur Person bekannt)
Deckname: "Jungfrau"
Reg.-Nr.: K-36/84
Zeitraum der Beobachtung: Sonnabend, 25.02.1984
Quelle: "Pirat" (geschützt)
08.30 Uhr
Beginn der Beobachtung durch Pirat
09.17 Uhr
trifft der PKW Typ Wartburg Tourist, hellgrün, Kennz.: IE 31-27, am Ortseingang der Gemeinde T. ein. Es steigen vier Personen aus, unter ihnen Jungfrau, bekleidet mit altertümlicher Damenwäsche unter grünem Bademantel und schwarz-rot-gelb-gestreiften Strumpfhosen. In Kniehöhe ist je ein Emblem der DDR-Fahne befestigt. Der Fahrer des o.g. PKW und derzeitiger Lebensgefährte von Jungfrau, Tessen, Oliver, geb.: 28.03.60, wohnhaft wie Jungfrau, ist bekleidet mit einem braun-weiß-gestreiften Schlafanzug, im Gesicht ein angemalter Oberlippenbart. Er erhält den Decknamen "Schläfer". Die beiden anderen Personen tragen schwarze Umhänge, die Gesichter sind bis zur Unkenntlichkeit weiß geschminkt, aus den Mundecken fließt gemaltes Blut. Sie tragen vergrößerte Zähne im Mund. Deckname der männlichen Person: "Vampir I", Deckname der weiblichen Person: "Vampir II".
09.23 Uhr
Schläfer fährt den benannten PKW über eine schmale Straße zwischen Haus Nummer 2 und Haus Nummer 3 (siehe Ortsplan, Anlage 1) auf einen brachliegenden Acker, wo bereits mehrere PKW parken (Kennz. siehe Anlage 2). Vampir I und Vampir II machen durch das Entrollen eines Transparentes mit der Aufschrift: "Spende Blut - rette unser Leben!" auf sich aufmerksam.
09.24 Uhr
Erster Kontakt mit Einheimischen.
09.32 Uhr
Schläfer kommt in Begleitung von drei männlichen Personen vom "Parkplatz". Einer reicht eine Flasche "Nordhäuser Doppelkorn" (DDR-Produkt) herum. Die Gruppe bewegt sich zur Verkehrsinsel vor dem Dorfkrug, wohin sich Jungfrau, Vampir I, Vampir II und einige Einheimische männlichen und weiblichen Geschlechts begeben haben. Bis
10.28 Uhr
wurden von den genannten Personen und den Einheimischen, deren Anzahl zwischen 2 und 19 schwankte, folgende alkoholische Mengen (zzgl. zu den o.g.) konsumiert: 2 Fl. Bärenblut (Rotwein aus der VR Bulgarien), 1 Fl. Murfartlar (Weißwein aus der SR Rumänien), 1 Fl. Apfelkorn (DDR-Produkt), 1/2 Fl. Goldbrand (DDR-Produkt).
Die genannten Personen und vier Einheimische plus Pirat gehen in den Dorfkrug.
10.41 Uhr
Die Kellnerin, Schuster, Hannelore, geb.: 23.07.56, ledig, Mitglied in: DFD, DSF, DTSB, FDJ, wohnhaft Dorfstraße 3 in T., bringt 12 halbe Liter Bier.
Am Tisch werden folgende inhaltliche Aussagen getätigt (Gedächtnisprotokoll, erstellt durch Pirat auf der Toilette):
Jungfrau informiert die Gruppe über besondere Vorkommnisse auf der Hinfahrt: Eine Polizeikontrolle am Ortseingang habe nicht stattgefunden. Einheimischer 1 hat beobachtet, daß seit 09.30 Uhr eine Polizeikontrolle am Ortseingang postiert ist. Vampir II erwartet weitere Personen, die der Abteilung bekannt sind:
- "Kreide" (Wehrdienstverweigerer)
- "Baumann" (arbeitet in der Kirche mit)
- "Linde" (Ausreiseantrag)
- "Bote" (Lagerarbeiter)
Schläfer erkundigt sich nach Übernachtungsmöglichkeiten im Ort, worauf ihm ein Einheimischer mitteilt, daß die ehemalige Schule, in der jetzt der Rat der Gemeinde untergebracht ist, nicht mehr zur Verfügung steht. Jungfrau äußert sich negativ zum Vorgehen des Rates der Gemeinde. Früher sei alles besser gewesen.
Gegen 12.00 Uhr
verlassen die genannten Personen den Dorfkrug, um sich mit anderen Jugendlichen und Einheimischen vor dem Grundstück 1 zu versammeln. Die Zweimanncombo (Tuba, Pauke), Künstlername "Krumbacher Rumkracher", spielt volkstümliche Weisen, worauf die ersten paarweise zu tanzen beginnen. Bis
ca. 14.45 Uhr
dauert die Demonstration von Grundstück 1 bis Grundstück 11, die im wesentlichen folgendermaßen abläuft: Es werden nacheinander alle Häuser gestürmt, wobei die jeweiligen Bewohner zum Kontakt mit den angereisten Personen (zum Teil feindlich-negative Kräfte, Angaben zu diesen Personen siehe Anlage 3) gezwungen werden. Kopf der Bande ist eine männliche Person, die den Decknamen "Teufel" erhält und die eine Forke bei sich trägt. Die Lebensmittelvorräte der Einheimischen werden von der jugendlichen Horde systematisch geplündert. Erbeutet werden insgesamt 10 geräucherte Knackwürste (Herkunft sämtlicher Knackwürste unbekannt!), eine Salami (wahrscheinlich VR Ungarn oder Delikat), die auf die Forke von Teufel gehängt bzw. gespießt werden, und ca. 120 Eier (wahrscheinlich Eigenproduktion), die von zwei Frauen in einem mit Stroh gefüllten Korb zum Sammelpunkt vor der Kirche abtransportiert werden. Hervorzuheben ist insbesondere, daß zumeist die männlichen Personen zuerst die Häuser erstürmen, gefolgt von ihren weiblichen Anhängern (Fotos der entsprechenden Personen siehe Anlage 4).
Besondere Vorkommnisse bzgl. Jungfrau:
Grundstück 1: Jungfrau tanzt mit Schläfer
Grundstück 2: Erste Kontaktaufnahme mit Teufel, Jungfrau beißt von einer der benannten Knackwürste ab.
Grundstück 3: Jungfrau wird von Teufel zum Tanz aufgefordert, Inhalt der lebhaften Unterhaltung war nicht auszumachen.
Grundstück 4: Jungfrau beteiligt sich an einer Schneeballschlacht, trifft ein Kind (als Katze verkleidet) in den Rücken.
Auf dem Weg zu Grundstück 5 geht die Schneeballschlacht weiter.
Grundstück 6: Erste Kontaktaufnahme zwischen Pirat und Jungfrau. Auf die Frage von Pirat nach Schläfer tätigt Jungfrau folgende unmißverständliche Äußerung: Verpiß dich.
Grundstück 7: Unter Zuhilfenahme von einer Flasche Johnnie Walker red label (hausinterne Herkunft, Genehmigung siehe Anlage 5) gelingt es Pirat, ein zweites Mal Kontakt zu Jungfrau aufzunehmen. Jungfrau ist die Marke des Getränkes bekannt. Sie zitiert fehlerlos die westliche Werbeparole: "Der Tag geht, Johnnie Walker kommt". Jungfrau berichtet von einem Vorfall auf der Autobahn, wo sie und Schläfer einem Bürger der BRD "geholfen" hätten, indem sie dessen Auto bis zur nächsten Tankstelle abschleppten und dafür eine Flasche Johnnie Walker erhalten hätten. (Leider hält o.g. Flasche nur bis Grundstück 8, da auch die anderen Personen darauf aufmerksam werden).
Grundstück 8: Jungfrau nähert sich dem Hauptmieter, Holtz, Bernd, geb.: 14. 08. 39, wohnhaft ebenda, SED, in eindeutiger intimer Absicht. Doch Gen. Holtz bleibt standhaft.
Grundstück 9: Teufel nähert sich Jungfrau. Es kommt zu unsittlichem Körperkontakt. Schläfer wird von niemandem informiert.
Grundstück 10: Jungfrau hält sich in der Nähe von Teufel auf, der sie beim Verlassen des Grundstückes 10 nochmals von einer geräucherten Knackwurst abbeißen läßt, wobei Teufel ihr in den Schritt faßt unter dem Vorwand, das Material der Pluderhose prüfen zu wollen.
Grundstück 11 (Dorfkonsum): Die Leiterin der Konsumverkaufsstelle, Hadrig, Waltraud, geb.: 26.10.24, wohnhaft ebenda im Obergeschoß, parteilos, kann die Besetzung und Plünderung der Konsumverkaufsstelle nur verhindern, indem sie einen Kasten Berliner Bier (Herkunft unbekannt, da diese Konsumverkaufsstelle ausschließlich mit Pilsner Bier aus dem VEB Getränkekombinat Schwerin beliefert wird), opfert. Dennoch kann nicht verhindert werden, daß besagte Leiterin von der jugendlichen Horde eingekesselt und zum Tanzen mit Teufel genötigt wird. Jungfrau fällt durch besonders provokatives Verhalten auf. Sie feuert Teufel zu wilderem Tanz mit o.g. Rentnerin an.
Anmerkung: Da sich nach dem Verzehr der geräucherten Knackwürste bei Jungfrau ein geändertes Verhalten bemerkbar macht, ist zu vermuten, daß stimmungssteigernde Substanzen enthalten sind (Laborbericht einer Probe siehe Anlage 6).
ca. 15.00 Uhr
Etwa zwanzig Personen, unter ihnen Jungfrau und Teufel, betreten den Dorfkrug, wo sie Soljanka essen und Bier trinken. Inhaltlich relevante Äußerungen werden nicht getätigt.
15.50 Uhr
Teufel verläßt den Dorfkrug.
16.04 Uhr
Jungfrau verläßt den Dorfkrug. Pirat folgt ihr in Sicherheitsabstand. Jungfrau passiert Grundstück 1 und 2, bewegt sich über den schmalen Weg auf die Scheune hinter dem Grundstück 1 zu, wo sie
16.08 Uhr
auf Teufel trifft. Beide vollziehen
16.12 Uhr
den Geschlechtsakt.
16.20 Uhr
begibt sich Jungfrau wieder in den Dorfkrug, wo Pirat die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch mit ihr hat. Jungfrau gibt vor, Teufel nicht zu kennen. Sie ist das zweite Mal in T. zum "Zampern". Insbesondere gefällt ihr, mit Gleichgesinnten (d.h. also mit Wehrdienstverweigerern, Mitarbeitern kirchlicher Kreise, ausreisewilligen und asozial lebenden Personen ohne festen Arbeitsplatz bzw. mit abgebrochenen Ausbildungen usw.) zusammenzusein. Es ist anzunehmen, daß Jungfrau ihrerseits einen nicht geregelten Lebenswandel anstrebt. Namen von Personen aus ihrem Bekanntenkreis nennt sie nicht, unter dem Vorwand, nur die Spitznamen zu kennen. Aus Gründen der Konspiration wird nicht weitergefragt.
18.00 Uhr
Der Vereinssaal des Dorfkruges wird geöffnet. Nach und nach finden sich die Dorfbewohner zum geselligen Beisammensein ein, was im Laufe des Abends immer wieder durch das provokante Verhalten der angereisten Personen gestört wird. Besondere Vorkommnisse bzgl. Jungfrau:
20.30 Uhr: Tanz mit Teufel (der kein Kostüm mehr trägt)
20.48 Uhr: Schläfer provoziert Teufel, welcher noch immer mit Jungfrau tanzt. Teufel geht mit Schläfer an die Bar und bestellt hochprozentige Kaltgetränke, vermutlich um Schläfer auszuschalten.
21.00 Uhr
Jungfrau begibt sich auf die Toilette.
21.18 Uhr
Teufel verläßt mit drei Einheimischen den Vereinssaal des Dorfkruges.
ca. 21.35 Uhr
Teufel betritt allein den Vereinssaal; die drei Einheimischen folgen im Abstand einiger Minuten nacheinander.
ca. 23.00 Uhr:
Jungfrau kommt aus der Toilette. Es ist sicher, daß sie die Toilette in der Zwischenzeit nicht verlassen hat.
ca. 01.00 Uhr
beendet die Kapelle ihren Dienst.
01.35 Uhr
Jungfrau und Schläfer verlassen den Dorfkrug. Sie gehen zum Auto, woraus sie zwei Schlafsäcke holen und sich dann wieder auf die Dorfstraße begeben. Sie versuchen erfolglos in die Häuser der Grundstücke 1-4 einzudringen.
01.50 Uhr
O.g. Holtz, Bernd, Hauptmieter von Grundstück 8, bietet Jungfrau und Schläfer seine Waschküche als Übernachtungsmöglichkeit an, was beide annehmen.
02.00 Uhr
Beendigung der Beobachtung durch Pirat.
Empört stieß Lisa die Blätter von sich. Wie konnte ein Faschingsausflug für irgend jemanden von Interesse sein? Sie hatte sich damals amüsiert, weiter nichts. Es war vielleicht fahrlässig gewesen, mit dem Typen in der Scheune zu schlafen, aber es gab noch lange keinen Grund, darüber Protokoll zu führen. Der Verdacht, Rauschgift sei in den Knackwürsten gewesen, war lächerlich, und den einzigen Westalk, der bei diesem Fasching getrunken worden war, hatte ausgerechnet Pirat beigesteuert, also Dieter Hugosch! Wie oft hatte Hugosch sie beobachtet? Kannte er Oliver? Welchen Zweck erfüllte dieses Faschingsprotokoll? Was wollten die damit beweisen?
Wer waren "die"? Was haben diese fünf Leute gemacht? Waren sie OibEs wie Willi? Warum hatten sie Willi, Ernst, Lucie, Herbert und sie, Lisa, bespitzelt?
Die Angst, die der Sekt für kurze Zeit überspült hatte, kehrte zurück. Geräusche im Hausflur ließen Lisa hochschrecken. Hugosch! Sie griff nach der grünen Decke und breitete sie über den Akten aus. Nein, das konnte er nicht sein. Hugosch saß doch seit gestern in einem griechischen Gefängnis. Es war fünf Uhr morgens, der Nachbar ging zur Arbeit.
Der Aufregung folgte Erschöpfung. Doch Lisa fand keine Ruhe zum Schlafen. Diese Akten konnte sie nicht in ihrer Wohnung lassen. Egal, ob "die" sie fanden oder die Polizei, allein diese Akten zu besitzen, empfand sie als gefährlich. Doch sie wollte sie studieren, sie wollte etwas über das Leben ihres Vaters Willi Meerbusch erfahren.
Der starke Kaffee, den sie sich gekocht hatte, half nicht gegen die Müdigkeit. Ihr Körper forderte Schlaf. Vor allem mußte sie etwas essen. Sie dachte an die Biesenthaler Datsche. Bei Opa Herbert würde sie niemand suchen.
Lisa räumte Akten, Seidenhemden, Computer und Telefon wieder in die Postmietbehälter und schleppte sie treppenabsatzweise, Kiste für Kiste, auf die Straße. Die meisten Autos, die unterwegs waren, fuhren vom Ostteil der Stadt Richtung Wedding. Lisa winkte einem Taxi, das sie nach Biesenthal bringen sollte.
Warum hatte Willi die Akten in ihre Wohnung geschafft? Wozu diente das codierte Telefon? Was speicherte der Computer? Was hatte ihr Vater mit den fünf Leuten zu tun? Lisa mußte immer wieder an den Urlaub in Zinnowitz denken, an Dieter Hugosch, an seine gierigen Finger und seinen Blick, als er gestern in Athen verhaftet worden war.
 
 
 
 

Die Brandenburgische Ökostiftung
244 Tage deutscher Einheit

"Wo wollen Sie denn hin in Biesenthal?" Lisa schreckte hoch und tastete nach der Teddytasche. Auf der Uhr am Armaturenbrett war es kurz vor sieben. Sie dirigierte den Taxifahrer zum Ortsausgang. Statt des erwarteten Kopfsteinpflasters tat sich eine vierspurige asphaltierte Straße auf.
"Was ist denn hier los?" fragte sie entgeistert.
"Ein Gewerbegebiet entsteht seit dem Frühjahr hier", antwortete der Fahrer. "Sie hätten mir gleich sagen können, daß Sie zum Freizeitpark Nordost wollen. Die Strecke kenne ich. Habe schon zweimal Leute hergefahren."
Angestrengt schaute Lisa aus dem Fenster, doch sie suchte vergeblich nach Bekanntem. Weder das hölzerne Bushaltestellenhäuschen war zu sehen noch die Apfelbäume am Straßenrand, die die Sowjetsoldaten aus der Eberswalder Kaserne jedes Jahr abgeerntet hatten, gleich vom Laster aus. Sie hatte den Geschmack von Apfelkuchen auf der Zunge, denn die sauren Äpfel, die hier gereift waren, eigneten sich vorzüglich zum Backen. Der Taxifahrer wich einem entgegenkommenden Bagger aus.
Es gab keine Apfelbaumallee mehr. Am Rande der Weide erhob sich eine seltsame Silhouette: Kräne, Bagger, Blechcontainer. Betonträger ragten aus dem aufgewühlten Acker, aufgeschüttete Erde, bereit zum Abtransport, Baumaterial türmte sich, Sand- und Kiesberge bis zum Wald am Horizont.
"Wo soll es denn nun genau hingehen?" fragte der Fahrer.
Lisas Herz schlug schnell, zu schnell. Schweiß trat auf die Stirn. Sie entdeckte die Pappeln am Weiher und die Nummer neun, das Haus von Opa Herbert.
"Zu der Datsche da rechts vorn", sagte sie. Der Fahrer bremste abrupt. "Da fahre ich aber nicht bis ran."
"Warum nicht?"
"Der Typ, der da wohnt, ist bewaffnet. Und der schießt wirklich! Es hat einen mächtigen Knatsch gegeben mit dem Alten. Sein Sohn, der hier im Vorstand von diesen Immobilienfritzen sitzt, wollte ihn entmündigen lassen, um so in den Besitz des Grundstückes zu kommen. Lesen Sie keine Zeitung? Ganz Berlin weiß, was da los ist."
An einem Imbißwagen bog der Fahrer von der breiten Straße ab. In dem Gatter, das den Imbißplatz umstellte, sprang ein schwarzer Hund hoch und bellte. Früher kam man nur über einen Feldweg, der über Ackerfurchen führte, zur Nummer neun. Jetzt war die Zufahrt eine Teerstraße, zu beiden Seiten großflächig planiert.
"Der Typ, der da wohnt, ist mein Opa", sagte Lisa trotzig.
"Da können Sie aber stolz sein. So, weiter fahre ich nicht." Er hielt an einem aufgeschütteten Erdhügel, vor dem zwei Bagger und ein Gabelstapler standen. Gelbe Kranteile lagen am Boden. Schwarze Plastikrohre und braune Keramikröhren bildeten pyramidenartige Figuren.
Lisa stieg aus.
Die Datsche aus Betonfertigteilen des DDR-Wohnungsbaus sah noch immer so aus, als hätte man die übrigen neun Stockwerke vergessen. Doch Lisa erkannte das Grundstück nicht wieder. Stacheldraht umzäunte die Datsche samt Scheune, Stall und Gärten. Auf dem Dach des Hauses war ein gläserner Ausguck, der an eine Wetterstation erinnerte. Lisa glaubte, darin ihren Opa zu erkennen. Sie winkte. Doch der Mann hielt drohend ein Gewehr im Anschlag und brüllte: "Keinen Meter weiter! Oder es setzt was!"
"Opa, ich bin's", rief Lisa, so laut sie konnte, und ging auf den Zaun zu.
"Ich warne dich Miststück zum letzten Mal", drohte der Mann auf dem Dach, rückte das Gewehr zurecht und zielte. Dann setzte er die Waffe ab und winkte zurück. "Ich komme", rief er. Wenig später erschien Döskopp am Zaun. Ihm folgte Opa Herbert im gestreiften Schlafanzug. Lisa lief ihnen entgegen. Sie umarmte ihren Opa. Ein schwarzweiß gefleckter Hund kläffte und sprang an ihrem Bein hoch. Lisa bückte sich, um ihn zu streicheln.
"Der ist ja noch ganz jung", sagte sie.
"Es ist eine Dame", sagte Herbert. "Unsere Suse."
"Wo ist denn Lumpi?" fragte Lisa. Bei den Meerbuschs hießen alle Hunde, wenn sie Rüden waren, Lumpi.
"Überfahren." Herbert wurde traurig. "Er hat mich ja nicht verstanden, wenn ich ihm verbieten wollte, auf die Straße zu laufen." Herberts Stimme zitterte. "Mit der Taschenlampe habe ich ihn in der Nacht noch gefunden. Einer von diesen Rasern hat ihn erwischt, über hundert muß der gefahren sein. Lumpis Augen lagen neben dem Kopf. Sonst hatte er keine Verletzungen, äußerlich, nur die Augen hat es ihm rausgeschleudert."
"Da haben diese Idioten ein paar PS mehr unterm Arsch", wetterte Döskopp, "und gleich nehmen die auf nichts und niemanden mehr Rücksicht. Hier vorn", er wies auf den Pflaumenbaum am Tor, "unter den Spillingen haben wir ihn auf unserem Hundefriedhof begraben, da liegen alle Lumpen und können rausgucken, wenn jemand kommt. Jetzt haben wir die Suse."
Suse pullerte Lisa auf die Schuhe.
Der Taxifahrer wollte die Postmietbehälter aus dem Kofferraum heben.
"Vorsicht", rief Lisa und hievte selbst die drei Kartons heraus.
"Na, dann viel Spaß beim Fest heute", sagte der Fahrer zum Abschied und fuhr los.
"Was für ein Fest?" fragte Lisa.
"Ach", Herbert winkte ab. "Wir müssen erst mal die Kisten verstauen." Er schickte Döskopp, die Schubkarre aus der Scheune zu holen. Suse lief ihm zwischen die Füße, sprang an ihm hoch, wollte spielen.
"Mädchen, Mädchen", sagte Herbert und nahm ihre Hand, "du tust mir so leid."
"Wie?" fragte Lisa. "Du weißt schon ...?"
Herbert schniefte. Er kämpfte mit den Tränen, wirkte zerbrechlich. "Sie hat mich angerufen", sagte er, "seine Freundin, die Alexandra."
"Alexandra?" fragte Lisa ungläubig. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Alexandra war doch verschwunden! Wie konnte sie wieder da sein?
"Kennst du Alexandra nicht mehr?" tadelte Herbert.
"Doch", stieß Lisa hervor. "Aber sie ist doch mit Willi nach Ägypten gesegelt, um die Jacht zu verkaufen. Sie müßte doch auch tot sein!"
"Versündige dich nicht", rief Döskopp, der mit der klappernden Schubkarre ankam. "Den Tod wünscht man niemandem an den Hals!"
Lisa konnte sich der Tränen nicht mehr erwehren. "Ich verstehe das alles nicht! Wo ist denn Alexandra jetzt? Ich fahre sofort hin!"
Herbert beruhigte sie. "Das war alles ein bißchen viel für dich, Kindchen."
"Ja, entschuldige", sagte sie kraftlos. "Wann hat sie denn angerufen? Was hat sie gesagt?"
"Ich glaube, Samstag war's, vor drei Tagen", antwortete Herbert. "Willi hatte sie wohl kurz vorher fortgeschickt, so genau habe ich das nicht verstanden."
"Seit wann hast du denn ein Telefon?" fragte Lisa dazwischen.
"Eins nach dem anderen", bestimmte Herbert. "Wir gehen erst mal rein, und dann erzählen wir alles der Reihe nach."
Sie luden die Postmietbehälter auf die Schubkarre. Suse kläffte, als Herbert die Kellertür mit drei Schlössern verriegelte. Döskopp wollte zur Feier des Tages mal gleich ein Karnickel schlachten gehen.
"Nicht wegen mir!" protestierte Lisa.
Ein stählerner Querbalken fiel rumsend in die Verankerung. Döskopp steuerte die Schubkarre hinter das Haus, dorthin, wo die Meerbuschs früher immer gegrillt hatten.
"Mädchen, Mädchen", sagte Herbert wieder, als sie zwischen den Rosenstöcken hindurch in die Datsche gingen, "jetzt hast du keinen Willi mehr."
Die geblümten Vorhänge waren noch zugezogen. Im Halbdunkel erkannte Lisa die beiden alten Sofas, die mitten im Zimmer über Eck standen. Herbert raffte sein Bettzeug auf dem samtgrünen Sofa zusammen und schob es an das äußerste Ende. Von der blauweiß gestreiften Couch nahm er ein paar Kissen, die in Elkes bestickten und gehäkelten Bezügen steckten, und verteilte sie gleichmäßig über beide Sofas. Dann zog er den alten runden Tisch zu einem Oval aus.
"Er war mein Vater", sagte Lisa, als sie sich zu Herbert auf das grüne Sofa setzte. Sie steckte ihre Hand unter die Decke. Das Bett war noch warm. Die Suse legte sich auf das Deckbett. Doch lange hielt sie es nicht aus stillzuliegen. Sie schnupperte an Lisas Hals und legte ihr die Pfote auf die Schulter. Geistesabwesend streichelte Lisa sie. Suse leckte Lisas Finger und forderte Zuwendung.
"Ach", sagte Herbert bedächtig, "das weißt du also."
Lisa zeigte ihm Willis letzten Brief, den sie im Geheimfach der Teddytasche verwahrte.
Er schniefte. "Hätte ich ihm nicht zugetraut, meinem Herrn Sohn, daß er es dir jemals verraten würde."
"Ernst weiß nichts davon. Er denkt immer noch, er sei mein Vater." Sie schüttelte gedankenversunken den Kopf. "Wir sind schon eine komische Familie."
"Das geht Ernst auch nichts mehr an, der hätte sonst nur einen Grund mehr, zum Gericht zu rennen und dich zu enterben." Er nahm sie in die Arme und klopfte ihr auf den Rücken, als hätte sie sich verschluckt. Ihr Körper bebte. Die Suse bellte eifersüchtig unter dem Tisch, dann kroch sie wieder zu Lisa, drehte sich auf den Rücken und erwartete die streichelnde Hand.
Döskopp stapfte herein. Er wollte etwas sagen, aber Herbert legte seinen Finger auf den Mund. Döskopp zog ein kariertes Taschentuch aus seiner Hose und reichte es Lisa, die nur Satzfetzen hervorbrachte: "Ich hab solche Angst ... bin verfolgt worden ... wegen Willi ... "
Döskopps Augen wurden immer größer.
"Ruh dich erst mal aus", sagte Herbert zärtlich. "Bei uns kann dir nichts geschehen."
"Wo er recht hat, hat er recht", mischte sich Döskopp nun doch ein. "Du bist hier sicher wie in der Bank von England. Und wehe dem, der dir zu nahe kommt", er zielte mit dem Zeigefinger zur Tür und ahmte Schußgeräusche nach. Suse preschte unter dem Tisch hervor, bellte und rannte auf die Veranda. Draußen gackerten aufgeregt die Hühner.
Lisa lächelte. Sie war zu Hause. Und auch wieder nicht, denn alles war verändert.
"Ich hatte die Nummer neun erwartet", sagte sie, als sie sich ein wenig beruhigt hatte, "statt dessen finde ich eine Festung vor!"
"Ach, Mädchen, das ist eine lange Geschichte", sagte Herbert. "Also ..."
Aus dem Schrank holte er einen Aktenordner. Auf jedem der etwa hundert Blätter klebte ein Zeitungsartikel, über jedem war säuberlich das Erscheinungsdatum und der Name der Zeitung notiert. Zuunterst lag ein Prospekt, der die einzelnen Phasen des Bauvorhabens Freizeitpark Nordost vorstellte. Eine ganze Stadt sollte auf den Äckern entstehen, mit Geschäftshäusern, Schulen, Galerien, Restaurants, Läden, Ein- und Mehrfamilienhäusern für zwanzigtausend Menschen, einer Golf- und einer Reitanlage. Sogar ein kleiner Flughafen war im Gespräch. Ein Zubringer zur Autobahn sollte gebaut und die Berliner S-Bahn von Bernau aus über Biesenthal weitergeführt werden bis zum Freizeitpark Nordost. In einigen Jahren war auch ein eigener Fernbahnanschluß geplant. Das Ufer des Weihers wollte man begradigen, damit dort ein Tagungshotel mit Seeterrasse gebaut werden könnte. Ungefähr an der Stelle, wo jetzt Lisa saß, sollte die Hotelauffahrt für Gäste entstehen. Das Areal um Herberts Grundstück herum war für Wirtschaftsgebäude und eine Tennisanlage vorgesehen. Vorn an der Landstraße sollte eine Tankstelle gebaut werden. Im Impressum des Prospektes las Lisa den Namen Ernst Meerbusch, Rechtsanwalt und Mitglied des Aufsichtsrats der Freizeitpark Nordost AG.
"Die Baustelle hast du ja gesehen", begann Herbert. "Hier ringsherum entstehen Einkaufszentren und so was."
Döskopp schleppte eine Wandtafel heran, ein mal zwei Meter groß, mit rotem Fahnenstoff bespannt.
"Die Wandzeitung habe ich von der Schule abgestaubt", sagte er stolz. "Hätte nie gedacht, daß das Ding noch einmal zu etwas nütze sein würde. Hier hast du die Kurzfassung des Dilemmas."
Mit Stecknadeln hatte er Zeitungsausschnitte auf dem roten Stoff befestigt. Auf einem Papierstreifen stand in großen Buchstaben: "Der Skandal um Biesenthal!" Döskopp lehnte die Wandzeitung an den Tisch. "Das Gemeine ist aber", ereiferte er sich, "daß Ernst seinen Vater schon zu Lebzeiten beerben wollte."
"Wo er doch sonst immer eine ehrliche Haut war", sagte Herbert mißmutig. "Aber die neue Zeit hat ihm wohl den Kopf verdreht."
Lisa dachte an Trude, Ernsts Kollegin und seine Geliebte, die er sich schon vor der Maueröffnung zugelegt hatte, als er noch mit Elke verheiratet war.
Herbert erzählte, weil Ernst einen Gesellschafteranteil in die AG einbringen mußte, habe er vor zwei Monaten von ihm seinen gesetzlichen Erbanteil eingefordert. Willis und Elfies Anteile wollte er einfach dazukaufen.
"Da habe ich aber nicht mitgespielt", triumphierte Herbert. "Noch lebe ich nämlich und wohne hier. Und Lebende werden nicht beerbt. Da ist er sauer geworden und hat mir gedroht, daß er den längeren Arm hätte."
"Aber vorher hat er die Bauern hier in der Gegend übers Ohr gehauen", empörte sich Döskopp. "Die Aktiengesellschaft hat die LPG, die angeblich pleite war, gekauft für'n Appel und ´n Ei. Angeblich sollen keine Verträge vorhanden sein. Nur Herberts Land gehörte nicht dazu, weil er doch die Rückübereignung schon beantragt hatte. Die anderen haben bisher keinen Pfennig gesehen, müssen aber die fälligen Steuern zahlen."
"Es gibt auch gar keine Verträge", meinte Herbert, "weil die Leute zu gutgläubig waren. Das war wie nach der Bodenreform. Wir haben unser Land nur bekommen, damit man es uns wieder wegnehmen konnte. Jetzt laufen ein Haufen Verfahren. Und Ernst, dieser Schweinehund, hat mitgemacht! Ist ja Rechtsanwalt und so! Ich wollte ihn gänzlich enterben. Achtkantig habe ich den und sein Liebchen rausgeschmissen, und die Möbel gleich hinterher."
Lisa stützte den Kopf in die Hände. Sie erinnerte sich, daß Ernst nach der Scheidung von ihrer Mutter aus der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Köpenick ausgezogen war und eine Zeitlang mit Trude, seiner Geliebten, hier auf der Nummer neun gelebt hatte. Das alles kam ihr so fern vor wie eine Welt in einer anderen Zeit. Dabei war sie nur sechs Monate lang fort gewesen.
"Ich war ja für ein paar Monate in Spanien", sagte Herbert. Für einen Moment schlossen sich seine blassen Augen, und ein Lächeln huschte über sein stoppelbärtiges Gesicht. "Willi hat mir zugeredet, meinen Traum endlich wahr zu machen, und er hat mir auch einen größeren Notgroschen zugesteckt. In dieser Zeit habe ich Ernst hier wohnen lassen, bis er etwas Neues gefunden hätte. Daß er mich aber so hintergehen würde ..." Er schneuzte sich. "Wahrscheinlich ist er mit diesen Vorstandsschnöseln durch den Garten gelaufen. Das Maßband schon in den Händen. Aber ich habe ihn durchschaut!"
Indessen blätterte Lisa im Aktenordner. Der erste Zeitungsartikel war übertitelt mit: "Schießerei in Biesenthal. Neues aus dem wilden Osten." Demnach hatte Ernst die Schießerei als Grund für Herberts mangelnde Zurechnungsfähigkeit benutzt und seinen Vater hingestellt, als sei dieser eine Gefahr für die Nachbarschaft. Ernst hätte beinahe die Vormundschaft antreten können.
"Die Formalien für die Klapsmühle hatte der schon fix und fertig", sagte Döskopp verbittert.
Lisas Kopf brummte. "Du hast hier herumgeballert?" fragte sie entsetzt.
"Mit meinem Luftgewehr habe ich einen Warnschuß in den Himmel abgefeuert", korrigierte Herbert. "Ein Luftgewehr zu besitzen, ist nicht verboten, das kannst du in jedem Sportgeschäft kaufen. Von der MP, die ich bei den Russen gegen einen Kasten Schnaps getauscht habe, wissen die von der Polizei natürlich nichts. Die habe ich im Keller so gut versteckt, daß nicht einmal die Leute von der Treuhand, die mein Haus durchsucht haben, sie finden konnten."
"Moment mal", unterbrach Lisa. "Treuhand, Hausdurchsuchung, russische MP, was geht hier vor?"
"Die haben bestimmt die Unterlagen gesucht, die du in den Kartons mitgebracht hast", sagte Herbert. "Den Schuß haben die doch nur als Vorwand genommen, um alles durchstöbern zu können bei mir."
"Die Treuhand ist also auch hinter den Akten her?" Lisa horchte auf.
"Was für Akten?" fragte Döskopp, doch schon war er bei einem anderen Thema. "Aber dann kam der Ökorechtsanwalt, unser Peter. Der hat ein Gutachten erstellen lassen, und das bescheinigt Herbert, daß er ganz und gar nicht meschugge ist. Und da mußte sein Sohn Ernst wieder abziehen, wie ein begossener Pudel."
"Der ist nicht mehr mein Sohn", brauste Herbert auf. "Mein einziger Sohn ist Willi, und der ist tot!" Er blätterte stolz in den Zeitungsausschnitten. "Tagelang hat sich die Journaille hier die Klinke in die Hand gegeben", erinnerte er sich. "Die haben ein Riesentheater gemacht. Und die haben auch die ganze Sauerei mit den anderen Bauern aufgedeckt. Aber da es keine Verträge gibt, und da sie die GmbHs oder Firmen oder wie die alle heißen absichtlich in die Pleite gefahren haben, konnten selbst unsere Ökoanwälte den betrogenen Bauern nicht helfen. Es laufen zwar Strafanträge, aber ..."
"Ökoanwälte?" fragte Lisa.
"Na, der Peter und der Torsten", sagte Döskopp, "prima Kerle. Wirst sie bald kennenlernen."
"Jedenfalls ist die Sache erst mal erledigt", meinte Herbert zufrieden. "Ich behalte meine zwei Hektar Land um die Nummer neun, und die Heinis da draußen dürfen nur drumrum bauen. Für mein Land, das sie bebauen, haben sie schon viel gezahlt, auf ein Sonderkonto bei dem Peter. Und für ihr Hotel müssen sich die Herrschaften leider einen eigenen Weiher ausbuddeln."
"Erledigt ist gar nichts", gab Döskopp zu bedenken. "Wenn wir nicht aufpassen, dann fahren die uns den Zaun ein und mit der Planierraupe durch die Gärten."
"Und wenn der Freizeitpark fertig ist", wandte Lisa ein, "ich meine, dann sitzt ihr hier auf der Nummer neun und laßt euch begaffen wie im Museum."
"Es geht ums Prinzip", entgegnete Herbert. "Nicht wahr, Suse, meine Kleine?" Der Hund sprang unter dem Tisch hervor, schaffte es aber noch nicht bis aufs Sofa. Herbert packte ihn am Schlafittchen und hob ihn zu sich hoch.
"Das sind ja Hiobsbotschaften", sagte Lisa und seufzte.
"Dann gehe ich mal unser Frühstück ernten", kündigte Döskopp an. Ächzend erhob er sich. Das Luftgewehr an der Tür nahm er mit nach draußen.
"Für mich wird es auch Zeit", sagte Herbert. "Madame, wenn jemand nach mir fragt, ich bin in der Kleiderabteilung." Er ging zum Schrank links neben dem Eingang und stellte sich so hinter eine geöffnete Schranktür, daß Lisa ihn nicht sehen konnte. Sie hörte nur, wie er Kleidungsstücke herausnahm und dann nach draußen lief.
In der Mitte des Zimmers führte eine Leitertreppe zum gläsernen Ausguck auf dem Dach. Lisa kletterte nach oben. Auf einer kleinen Plattform stand ein alter Ohrensessel, an dessen Sitzfläche eine Doppelflinte lehnte. Am Boden trocknete auf Zeitungspapier gelbblütiges Kraut; Büschel desselben Krauts hingen an Nägeln, die in die Fensterrahmen geschlagen waren.
Von hier aus hatte sie Rundumsicht. In östlicher Richtung erstreckte sich die riesige Baustelle. Am ehemaligen Feldrain, wo der Wald begann, reihten sich fast fertiggestellte Zweifamilienheime, davor ähnliche Häuser im Rohbau, rückseits etliche Baugruben. Mit jeder Baustufe rückte der Freizeitpark Nordost näher an die Nummer neun heran. Hinter dem Weiher verlief eine provisorische Zufahrtsstraße aus Betonplatten.
Wo waren all die exotischen Bäume vor dem Hoftor, die Willi für seinen Vater aus allen Teilen der Welt mitgebracht hatte? Dort lagen nun die gelben Kranteile. Dieser vertraute Fleck Erde, über den sie als Kind in den Sommerferien gestreunt war, bestand nun aus Baugruben, soweit das Auge reichte. Bei ihrem Opa hatte sie sich geborgen gefühlt, damals, als die Nummer neun noch in Ordnung war.
Aus dem Zimmer rief Döskopp nach ihr. Lisa wischte die Tränen ab und stieg die wacklige Leitertreppe hinunter.
"Reiche Ernte von unserem Klärchen." Döskopp zog aus seiner Hosentasche ein braunes Ei hervor. "Es ist noch warm. Klärchen legt am fleißigsten von allen. Darum kommt sie auch nicht in den Kochtopf." In seiner Linken hielt er Holunderblütenschirmchen.
"Eierkuchen mit Holunderblüten!" rief Lisa begeistert. Döskopp nickte bedeutungsvoll. Er ging in die Kochecke, die durch einen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt war. Nachträglich hatte man in die Fertigbauwand ein Fenster eingebaut, damit der Kochgeruch abziehen konnte. Außer einem Waschbecken und einem ausrangierten Sprelacart-Beistellschrank, der zu einer genormten Einbauküche gehört hatte, fand in der Nische nur noch ein Stuhl Platz. Im Beistellschrank waren Geschirr und Besteck, Töpfe und Pfannen, darauf stand der zweiflammige Gaskocher, von dem aus ein orangefarbener Gummischlauch unter das Waschbecken zu einer kleinen Gasflasche führte.
Döskopp hinterließ auf dem Fußboden eine Spur aus weißen Holunderblüten, winzige fünfblättrige Blüten, mit Pollenstaub bedeckte Härchen und einem grünen gepunkteten Kranz in der Mitte.
"Weißt du noch", fragte er Lisa, "wie du als Kind Fieber hattest?"
"Ihr habt mir Holundersaft zu trinken gegeben", erinnerte sie sich. "Der schmeckte scheußlich!"
"Du hast auch gespuckt wie ein siebenköpfiger Drache, aber wie hätten wir dich sonst wieder hinkriegen sollen? Deine Mutter hätte dich nie mehr zu uns gelassen." Jeden seiner Handgriffe begleitete er mit kurzen Pfiffen.
"Ich habe ein neues Rezept für Holunderblütensaft", sagte Döskopp, "mit viel Honig und Zitrone schmeckt der fein."
Herbert, der gerade von seinem Kontrollgang zurückkam, brummte. "Mit viel Honig von Johanna, ich weiß."
"Eine Freundin?" fragte Lisa neugierig. "Du kannst doch gar nicht mehr."
"Da hast du dich aber geschnitten", widersprach Herbert. "Wir können beide noch ganz gut, wenn's drauf ankommt."
"So ist es", sagte Döskopp, "und so soll es immer sein."
Klärchens braunes Ei schlug er in eine Tasse, wobei er die Innenseite der Eierschale mit dem Finger putzte, bis sich der Hahnentritt löste und der letzte Faden Eiweiß abgetropft war. Dann schlug er zwei weiße Eier dazu, die er einer Packung entnahm. Er schlurfte zum brummenden Kühlschrank neben der gestreiften Couch. Der Kühlschrank barg hauptsächlich Bier, aber eine Tüte Milch und eine Wurstplatte paßten gerade noch hinein.
"O Johanna, du hast am Arsch 'n Leberfleck", sang Herbert und kicherte wie ein kleiner Junge.
Döskopp blieb stehen und warf ihm einen giftigen Blick zu. Milch schwappte aus der Tüte auf den Boden. Döskopp schrubbte mit dem Filzlatschen so oft über den gemusterten Teppich, bis die Milch vollständig eingezogen war.
"Bist wohl neidisch?" zischte er und hustete.
"Auf die dicke Johanna?" zog Herbert ihn auf.
"Ich kann von der gar nicht genug haben", bekannte Döskopp augenzwinkernd. Er verquirlte einen Schuß Milch und drei Eßlöffel Magdeburger-Börde-Mehl mit den Eiern. Lisa nahm die Mehltüte in die Hand. "Mehl aus Magdeburg?" fragte sie. "Das gibt es noch?"
"Zum Glück", sagte Döskopp. "Das olle Westmehl taugt nichts." Er setzte die schwere gußeiserne Pfanne auf die größere Flamme und erhitzte Butter darin.
"Seit kurzem", Herbert hörte nicht auf zu stänkern, "liefert Johanna nämlich die Post persönlich ab bei uns."
Döskopp riß der Geduldsfaden. "Du oller Zausel! Was hättest du denn gemacht ohne mich? Als du den Brief gekriegt hast, daß du bis zum Ersten ausziehen solltest, weil hier der Freizeitpark hin soll, da kamst du zu mir gekrochen! Ich habe Johanna von deinem Unglück erzählt, und Johanna hat die Ökos rangeschleppt, die aus dem Modder beim Weiher einen Biotopp machen werden, und die Ökorechtsanwälte haben eine Stiftung für die Nachwelt gegründet." Döskopp redete sich in Rage: "Allein könntest du das Grundstück nicht halten. Ich bin zu dir gezogen, weil du mich darum gebeten hast, jawohl du, weil du dein Grundstück gegen die Freizeitparkheinis nicht allein verteidigen kannst, so ist das. Da wird mir doch ein Stück Privatleben gestattet sein. Oder?"
Die Butter spritzte aus der Pfanne.
"Und du pennst immer ein, wenn du Wache hast!"
"Ach, halt dein Maul", brubbelte Döskopp.
"Noch ist es mein Haus ...", krächzte Herbert. Lisa legte ihre Hand beschwichtigend auf seine. Er ließ hörbar die Luft heraus, die er für seinen Wutausbruch angestaut hatte.
Döskopp goß den Teig in die heiße Butter, daß es zischte. Dann steckte er die Holunderdolden kopfüber in den Eierkuchen und drosselte das Gas. Die Stiele ragten nach oben. Der Teig stockte langsam, ohne daß der Eierkuchen gewendet werden mußte. Der Duft von Holunderblüten zog durch das Zimmer. Er war mit nichts vergleichbar; er roch ein bißchen nach Heu und Rhabarber, säuerlich und ölig zugleich, und doch wie ein Parfüm.
Warum bloß gab es kein Holunderparfüm? Lisa sog den Duft der Holunderblüten tief ein, er weckte in ihr die Sehnsucht nach der Kindheit, nach Ordnung, nach Nichtwissen. Holunderduft hatte sie begleitet, wenn sie im Frühjahr bei Opa Herbert war. Er gehörte zum Bauernhof wie die Hühner und Katzen. Lisa dachte daran, wie die Holunderbeeren an der Landstraße zwischen den Apfelbäumen im Spätsommer allmählich blau wurden und die Vögel sie anpickten. Sie fühlte sich zu Hause.
Döskopp hielt einen großen Deckel über den Eierkuchen, damit die Hitze nicht entweichen konnte, die Blütenstengel aber auch nicht abbrachen. "Bin gleich fertig", sagte er.
Vom Essensduft angelockt, schlich eine Katze durch das offene Fenster in die Kochecke. Ihr Schatten zeichnete sich am Vorhang zum Wohnzimmer ab. Herbert stand auf und zog den Vorhang beiseite. "Pieze, na schau mal, wer gekommen ist!" Doch die Katze ignorierte ihn und machte sich über das Hundefutter, das in einer Butterschachtel auf der Erde stand, her.
"Irgendwann fängt die an zu bellen", brubbelte Döskopp.
Von draußen war aufgeregtes Jaulen und Fiepen zu hören und eine kräftige Frauenstimme: "Na, du Töle, du olle Lumpentöle!"
"He, Maxe, dein Schwarm ist eben angekommen", rief Herbert in die Küche.
"Oje", machte Döskopp. "Wir haben uns verquatscht. Lisa, der Eierkuchen ist fertig, hier unten stehen die Teller! Setz' schnell Kaffeewasser auf, ja?"
Döskopp hastete zum Rasierspiegel, der am Türrahmen hing, und fuhr sich mit einem Taschenkamm über den grauen Haarkranz am Hinterkopf. Dabei drehte er sich vor dem kleinen Spiegel wie ein Gockel. Mit dem Gewehr in der Hand lief er nach draußen. All seine Gebrechlichkeit war wie weggeblasen.
Herbert wiegte den Kopf. "Im Grunde ist er ja ein lieber Kerl."
Lisa ließ den Eierkuchen aus der Pfanne auf einen großen flachen Teller gleiten. Der Holunderduft stieg mit dem Dampf auf und erfüllte bald das ganze Haus.
Herbert reichte ihr mit verschwörerischem Grinsen ein Honigglas, an dem außen Honigspuren klebten. "Hab' ich von Johanna, aber sag's nicht Döskopp!" Lisa steckte einen Teelöffel in das Glas, drehte ihn im Honig und zog ihn heraus. Ein dicker goldgelber Tropfen fiel auf den Eierkuchen. Danach rieselte ein dünner Strahl vom Löffel herab. Lisa zeichnete Honigkreise und Wellenlinien, bis der Löffel abgetropft war und sie ihn sauberleckte.
Die Holunderblütenblätter hatten sich in der Hitze bräunlich verfärbt, nur die Härchen waren gelb geblieben. Um die Schirmchen vom Teig zu lösen, drückte sie den Eierkuchen mit der Gabel sacht auf den Teller und zog an den grünen Stielen. Leise knisternd lösten sie sich. Die Blüten blieben auf dem Eierkuchen haften. Der Holundergeruch schwebte wie eine zarte Wolke über dem Teller. Die Blüten selber waren im Mund nicht zu spüren. Lisa biß in den Geruch, der sich jetzt auf ihre Zunge legte. Holunder schmeckte grün, fand sie.
"Mmmh, Holunder", rief Johanna in der Tür. "Genauso hab' ich mir eure Lisa vorgestellt." Döskopp rieb sein Kinn an ihrer Schulter. Johanna drohte ihm lachend mit dem Finger. "Oller Lustmolch." Er stellte das Gewehr an die Tür.
Suse legte sich auf den Rücken, präsentierte ihren dünn behaarten Bauch mit acht kleinen rosa Zitzen und fiepte. Pieze wurde es zu laut, sie huschte aus der Tür.
Johanna streckte Lisa die Hand entgegen. Der Händedruck war kräftig, fast grob. Ihr rosiges Gesicht lachte. Schweißtröpfchen standen ihr auf der Stirn.
Als wäre sie hier daheim, machte sie sich sogleich im Haus zu schaffen. Aus dem Kühlschrank beförderte sie ein Dutzend Bierflaschen unter die Treppe zum Ausguck, damit sie ihren Einkauf, Fleisch, Käse und Butter, hineinlegen konnte. Den Goldbrand stellte sie auf den Tisch, ein halbes Brot brachte sie in die Küche. Danach trug sie Herberts Bettzeug hinaus auf die Bank, damit es in der Sonne auslüften konnte.
Als Döskopp in der Küche den Kaffee aufbrühte, mahnte Herbert: "Denk aber dran, daß wir auch noch da sind! Nicht daß du wieder nur zwei Tassen aufsetzt."
Johanna sah den Ordner mit den Zeitungsartikeln. "Na, Lisa, da hast du was verpaßt. Aber der Sturm hat sich gelegt. Bis auf ein paar kleine Böen."
Sie legte einen Brief auf den Tisch. "Tut mir leid", sagte sie, "aber es ist nur die Wasserrechnung. Jetzt bekommt ihr ja keine schönen Karten mehr aus Kreta, was?" Sie lachte Lisa an. "Hast du die selbst gemalt?"
"Ich hab' die Karten nur koloriert", antwortete sie kauend. Der Bissen Eierkuchen in ihrem Mund schien auf einmal immer größer zu werden. Wie konnte sie bloß so leichtsinnig sein und Postkarten verschicken, für jedermann lesbar? Wenn Hugosch nun ihre Karten auf Kreta abgefangen hatte? Der Poststempel des Dorfes hatte ihren Aufenthaltsort verraten und die Adresse den Weg zu Herbert gewiesen. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie auf der letzten Karte kurz vor Willis Tod geschrieben hatte. Angst überfiel sie wieder.
"Hach, es muß herrlich sein am Mittelmeer", schwärmte Johanna beim Abwasch. Das Geschirr in der Schüssel klapperte. Zum Abtropfen stellte sie es auf den Stuhl. "Weihnachten hast du im Meer gebadet, nicht wahr?"
"Laß sie", sagte Döskopp, um von Lisa abzulenken und Johanna wieder auf sich aufmerksam zu machen. "Lisa ist doch eben erst angekommen und todmüde."
Johanna träumte weiter: "Ein halbes Jahr auf Kreta, das Dorf vom Olivenbaum aus beobachten, du siehst das Dorf, und das Dorf sieht dich ... Max, hast du nicht Lust?"
"Auf die Insel der Liebe, mit dir immer", posaunte er.
Lisa legte das Besteck auf den Tisch. "Ich kann nicht mehr."
Herbert stellte den Teller mit dem Rest Eierkuchen auf die Erde. "Suse, komm, feines Freßchen." Suse schnupperte daran und leckte den Honig ab. Herbert lachte. "Ein Hund, der Honig frißt!"
Döskopp servierte den Kaffee in großen Pötten, bei denen der Trinkrand abgebröckelt war. An zweien fehlte der Henkel.
Johanna verbrannte sich am Kaffee die vollen Lippen. "Max, hast du mal wieder mit Feuer und nicht mit Liebe gekocht, was?"
"Nur mit Luft und Liebe wird's kein Kaffee, sondern Pupe."
Sie stellte den Kaffee auf den Tisch zurück und forderte Döskopp auf, ihr beim Ausladen des Autos zu helfen.
"Die Post hat ihr ein neues Auto spendiert", sagte Döskopp, als wäre der gelbe Golf seine Errungenschaft.
Johanna ging hinaus. Döskopp folgte ihr leichten Schrittes, war das doch Gelegenheit für ihn, mit ihr allein zu sein. Lisa sah ihnen nach.
"So viel Holzkohle? Und ein Bierfaß?" fragte sie.
"Für heute nachmittag", gab Herbert zurück. "Dann kaufen die Leute wieder wie wild Johannas Grünzeug."
Lisa fragte nicht weiter. "Sag mal", begann sie, "die Datsche so auszubauen und zu sichern, das hat doch sicher eine Menge Geld gekostet."
Er hob die Schultern. "Billig war's nicht. Allein schon die Lampen draußen haben ein paar Tausender verschluckt. Aber mach dir mal um mich keine Sorgen, Mädchen. Die neue Ökostiftung bezahlt alles von dem Sonderkonto, und vorigen Monat hat Willi mir noch eine ganze Menge überwiesen."
"Du verschenkst doch das Geld nicht?" fragte Lisa besorgt. Herbert schüttelte den Kopf.
Lisa fühlte sich plötzlich schuldig, ausgerechnet in dieser Zeit, als Herbert Hilfe gebraucht hätte, auf Kreta gewesen zu sein. Und sie ärgerte sich über Ernst, der als gewendeter Rechtsanwalt die Entmündigung seines eigenen Vaters vorantrieb, nur um den Kapitalinteressen irgendwelcher Anleger des Freizeitparks zu dienen - genau wie früher, als er als Familienrichter darauf erpicht war, die Politbürobeschlüsse noch zu übertrumpfen. Dafür verachtete Lisa ihn.
"Ich mache mal einen Kontrollgang durch die Gärten", sagte sie zu Herbert wie damals, wenn sie lange nicht dagewesen war.
Die Scheune war aufgeräumt, gefegt und mit lauter Kleiderregalen ausgestattet. Das war also die Kleiderabteilung, von der Herbert gesprochen hatte. In den Fächern lagen, fein säuberlich nach Größen sortiert, Pullover, Hosen, Mäntel, Schuhe. Wozu hatte sich Herbert dieses Kleiderlager zugelegt? Oder verkaufte Johanna diese Sachen auf Trödelmärkten und lagerte sie hier nur zwischen? Hinter den Regalen entdeckte Lisa ihren alten Trabi. Gerührt strich sie über die Scheinwerfer. Herbert hatte das Auto gepflegt. Der Zündschlüssel steckte. Lisa setzte sich eine Weile hinter das Steuer und schloß die Augen. Den Sitz hatte jemand weit vorn einrasten lassen, ein Schaumgummikissen daraufgelegt und die Rückenlehne senkrecht aufgestellt, als wäre ein Kind mit dem Auto gefahren. Der Geruch von Zweitaktersprit, dem Gemisch eins zu dreiunddreißig, das sie früher getankt hatte, lag in der Luft. Für einen Moment versetzte sie das Ächzen der Federung zurück auf die Leipziger Autobahn, über die sie damals, als sie noch Unterstufenlehrerin gewesen war, jedes Wochenende zu ihrem Liebhaber Thomas gefahren war, und sie erinnerte sich an die Ton-Steine-Scherben-Songs, die sie so laut von der Kassette abspielte, daß sie das Getöse des Motors nicht mehr hörte und die sie aus vollem Halse mitgesungen hatte: "Ich hab' geträumt, der Winter sei vorbei, du warst hier, und wir war'n frei ..." Sie schaltete das Radio ein, und eine übermütige Männerstimme verlangte von ihr, sie dürfe sich die Eröffnungsschnäppchen im Einkaufsparadies des Freizeitparks Nordost auf keinen Fall entgehen lassen.
Lisa zwängte sich aus dem Trabi und ging zu Herberts Lieblingsbank, auf der das Bettzeug auslüftete. Daneben stand noch immer die Jauchetonne. Herberts Geheimrezept für die Düngung der Rosenstöcke bestand aus gemahlenen Kuhhörnern und Siliziumpulver, gerührt im schweren Morgenurin, und zwar linksherum bei Sonnenaufgang. Lisa hob den Holzdeckel der Jauchetonne. Gut dreiviertelvoll war sie. Die Schöpfkelle, ein kleiner Aluminiumeimer, der an einen Besenstiel genagelt war, lehnte an der Hauswand.
Auf dem Grillplatz hinter dem Haus saßen sich Döskopp und Johanna auf Gartenstühlen gegenüber. Johanna sang: "Embambi kolonie kolonasti embambi kolonie ..." Sie klatschte im Takt in ihre Hände und auf Döskopps Handflächen, dann sich auf die Schenkel und über Kreuz auf ihre Schultern. Schneller und immer schneller. Döskopp kicherte und wollte die Bewegungen mitmachen, doch er verhedderte sich. Johanna feixte. "Das haben wir als Kinder auf dem Schulhof gespielt. Wer einen Fehler machte, mußte ein Pfand abgeben."
Döskopp stand auf und zeigte Lisa ein Mäuerchen, das er aus roten Ziegelsteinen gebaut hatte. "Weil wir nicht so viele Tische haben", erklärte er. "Ich habe extra ein paar Steine quer eingemauert, daß sie rausgucken und man Gläser drauf abstellen kann."
Lisas Frage, wozu denn so viele Tische gebraucht wurden, blieb unbeantwortet. Johanna zog sie über den Rasen zu einem gesondert eingezäunten Gartenstück, in dem Herbert früher seine Spargelhügel aufgehäuft hatte. Sonnenblumen standen in gleichmäßigen Abständen am Zaun, die Blüten waren noch geschlossen. Davor wuchsen in einem Areal von zwei Morgen auf Beeten, die durch Wege voneinander getrennt waren, die verschiedensten Küchenkräuter. Lisa erkannte Rosmarin, Thymian, dicke Brunnenkresse, Schnittlauch, Kerbel, Bohnenkraut, Petersilie und Dill. Der Wind trug die Gerüche herüber. Überall gab es Zwischenbeete mit gelben Studentenblumen.
"Wer, um Himmels willen, braucht denn die vielen Küchenkräuter?" fragte Lisa verwundert.
Johanna bückte sich, zupfte ein paar Blättchen ab und hielt sie Lisa unter die Nase. Sie genoß den fruchtig-süßlichen Geruch. "Zitronenmelisse?"
"Bist ja gut!" lobte Johanna. Sie zeigte ihr ein Beet mit wild wachsender Minze.
Lisa zerrieb ein Blatt zwischen den Fingern, und sofort umgab sie Pfefferminzgeruch. "Hier wuchs schon immer Pfefferminze", erinnerte sie sich, "aber es ist jetzt viel mehr."
"Wir essen jetzt dank Johanna viele Vitamine", meinte Döskopp. Johanna winkte ab und lachte. "Wenn ihr euch mal dafür weniger Schnaps hinter die Binde gießen würdet."
"Wer macht denn die ganze Arbeit?" fragte Lisa. "Das sieht ja aus wie in einer Gärtnerei!"
"Gärtnerei ist das richtige Wort", klagte Döskopp. "Johanna arbeitet jeden Tag in den Kräutern, hinten am Weiher hat sie noch mehr Felder."
"Sagen wir mal so", lenkte Johanna ein, "ich habe die Flächen bei Herbert kostenlos gepachtet."
Lisa wurde skeptisch. Konnte Johanna etwa auch in den Keller, in dem Lisa die Postmietbehälter versteckt hatte?
Die Morgensonne, die sich über den Pappeln am Weiher erhob, hatte noch keine Kraft. Lisa durchquerte die Erdbeerfelder. Zwischen den Stauden lag gelbes Stroh, damit die herabhängenden Erdbeeren nicht auf dem feuchten Boden faulten. Außerdem hielt das Stroh die Feuchtigkeit tagsüber im Boden. In einen der Apfelbäume hinter den Erdbeeren hatte der Blitz eingeschlagen. Das Baumhaus darin war samt einem dicken Ast heruntergestürzt.
Auf der Wiese vermißte Lisa die Rehköttel, die sonst morgens hier lagen, nur Wildschweine trauten sich trotz der Baustelle noch bis zum Sumpf am Weiher. Davon legten etliche Spuren und aufgewühlter Boden Zeugnis ab. Hier hinter den Apfelbäumen war die Wiese in diesem Jahr nicht gemäht worden. Kornblumen wuchsen zwischen mannshohen Gräsern und Hundekamille, Margeriten, wilde Stiefmütterchen. In den letzten Tagen mußte es geregnet haben. Lisa setzte sich ins feuchte Gras.
Rings um sie ein Meer von Grün: das saftige des krausen Ampfers mit seinen dichten rötlichgelben Blütenknäueln, das gelbliche des wilden Hafers, das satte des Klees. Der Boden speicherte noch die Feuchtigkeit der Nacht. Lisa pflückte eine Handvoll Löwenzahnblätter für die Karnickel. Die milchige, klebrige Flüssigkeit, die aus den fleischigen Stengeln tropfte, hinterließ braune Flecken auf der Haut. Ein dünner Grashalm knickte, als ein Marienkäfer an ihm hochkrabbelte. Eine Ringeltaube gurrte, und es klang, als riefe jemand in einem Tunnel. Die Stare, die in den Kirschbäumen eifrig plünderten, antworteten frech in spitzen Tönen.
Döskopp lief dicht an Lisa vorbei, ohne sie zu bemerken. Er trug einen Strauß goldgelb blühenden Johanniskrauts auf dem Arm. Etwas später war er im Ausguck zu sehen. Langsam lief Lisa zurück. Sie schloß das Tor zu den Gärten, wo die braunen Hühner einen Durchschlupf zu den Erdbeeren suchten.
Lisa wunderte sich über das neue Emailleschild "Kein Trinkwasser", denn das Wasser aus der Pumpe wurde seines metallischen Geschmacks wegen schon immer nur zum Händewaschen nach der Gartenarbeit benutzt. Herbert trat hinter sie. "Das Schild haben die Ökos angebracht", sagte er. "Die Wasserproben waren nämlich voller Nitrate. Pures Gift, sagen sie. Soll von den überdüngten LPG-Feldern kommen. Früher gab's kein Gift."
"Früher hat auch niemand das Wasser untersucht", wandte Lisa ein.
Im Haus stand eine Obstkiste unter der Leiter zum Ausguck. Stiele von Johanniskraut rieselten von oben herab. Lisa kletterte die wacklige Konstruktion zu Döskopp hinauf. Der saß in dem Ohrensessel mit den abgesägten Beinen, auf dem Schoß ein Strauß Johanniskraut. Er zupfte Blüten und Blätter ab und stopfte sie mit seinen von der Gicht gekrümmten Fingern in ein Weckglas. Am Sessel lehnte die Doppelflinte.
"Johanniskraut ist gut gegen Monatsschmerzen", sagte er. Er langte nach ihrem Bauch, um ihr die Stelle zu zeigen, die sie einreiben mußte. Auf dem Boden reihten sich Weckgläser mit Johanniskraut, reichlich in Öl getränkt.
"Woher weißt du von meinen Monatsschmerzen?" fragte Lisa.
"Alle Frauen haben Monatsschmerzen", erwiderte er mit einer Entschiedenheit, die typisch für ihn war, wenn er über Frauen sprach.
"Johanna hat die Schlüssel vom Tor", sagte Lisa unvermittelt.
"Na und?" fragte er. "Sie gehört zu uns dazu. Zu meiner Wohnung hat sie ja auch den Schlüssel. Einer muß ja ab und zu nachsehen, wenn ich hier draußen bin. Bist du etwa eifersüchtig?"
"Ich habe nichts gegen Johanna", versicherte sie. "Ich finde sie nett. Wer hat denn noch alles einen Schlüssel für das Tor und das Haus?"
"Keiner weiter. Warum fragst du?"
"Nur so", sagte sie und überlegte, ob die Postmietbehälter in Herberts Keller wirklich sicher aufgehoben seien. "Kann ich dir helfen?"
Döskopp stand auf, gab ihr das Bündel Johanniskraut und stellte ein neues Weckglas hin. Er setzte sich auf die Armlehne und erklärte: "Manche nennen es auch Nervenkraut. Die Ökos nehmen das Öl für alles mögliche, zum Braunwerden zum Beispiel. Sie streichen es einfach auf die Haut und schon geht's los! Oder getrocknet als Teezusatz fürs allgemeine Wohlbefinden, gegen Appetitlosigkeit und so. Johanniskraut hilft gegen alles." Er streifte seinen Ärmel hoch und zeigte ihr eine rötliche Quaddel, die den Unterarm überzog. "Ein Wespenstich von gestern. Ich hab ihn gleich mit Johanniskrautöl eingerieben, und morgen wird nichts mehr zu sehen sein. Das Öl hilft auch bei Wunden, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen ..."
"... und ist prima zum Einpennen", keifte Herbert von unten.
Eine Mittfünfzigerin stellte gerade ihr rostiges Damenfahrrad an den Zaun. Auf den verbliebenen hellblauen Lackresten klebte noch das Signet von "Diamant". Aus einem umfunktionierten Einkaufskörbchen am Lenker lud die Frau prall gefüllte Plastiktüten aus. Herbert, der eilfertig hinausgelaufen war, nahm sie ihr ab.
"Paß auf", Döskopp feixte wie ein kleiner Junge, "gleich befingert der Olle sie wieder." Herbert tätschelte die rundliche Frauenschulter, von der das weite Kleid abgerutscht war. Die Frau lachte geniert.
"Ich übergebe dir die Wache, Lisa", rief Herbert, "Wenn sich was auf der Baustelle rührt, dann pfeifst du." Er warf ihr eine Kindertrillerpfeife zu. Kurz darauf schäkerte er am Zaun mit der Frau.
Die Baustelle klaffte wie eine Wunde in der Landschaft. Nahe der Landstraße entdeckte Lisa Leute, von denen einige orangefarbene Overalls trugen. Sie vermaßen Land. Etwas schien nicht zu klappen, denn sie liefen hektisch hin und her. Lisa glaubte, Ernst Meerbusch in der Gruppe zu entdecken. Doch sie war zu müde, um nach ihrem Fernglas zu suchen. Im Ausguck war es wohlig warm. Nur einen Moment die Augen schließen, dachte sie, nur einen Moment. Lisa schlief bereits fest, als Döskopp etwas später die Leiter hinaufkam, ihr das Johanniskraut vom Schoß nahm und ein Kissen unter die Wange legte.
 
Wie in der Achterbahn kam es ihr vor, Fahrtwind rauschte und zauste ihr Haar, da waren Musikfetzen und Gekreisch von den Losbuden, Geruch nach Fritierfett und kandiertem Zucker. Sie durfte sich nicht ablenken lassen, sie mußte die Postmietbehälter finden. Der Wagen, in dem sie fuhr, geriet aus der Bahn, plötzlich fuhr sie über eine Kopfsteinpflasterstraße, die Postmietbehälter rumpelten hinter ihr im Achterbahnwagen, das Geruckel ließ den ganzen Körper beben, jemand rief ihren Namen. Willi! schrie sie ...
Alexandra gab Lisas Arm frei. "Wie ein Murmeltier hast du geschlafen."
"Du?" fragte Lisa, noch halb im Traum verhaftet.
Sie blickte in Alexandras braungebranntes, feingeschnittenes Gesicht mit den grünen Augen. Ihre blonden Haare wurden jeden Sommer schlohweiß. Mit vierundvierzig Jahren hatte sie noch die Figur eines jungen Mädchens.
Alexandra reichte Lisa einen Pott heißen Kaffee. Stimmengewirr, Lachen und Kindergeschrei drangen durch die Fenster des Ausgucks. Ungläubig blickte Lisa hinunter in die Gärten der Nummer neun, die voller Menschen waren. Vom Grillplatz stieg eine Qualmsäule empor, Männer und Frauen tranken Bier, Kinder tobten auf der Wiese, und vor den Karnickelbuchten grasten drei Ziegen und ein Schaf. Wie auf einer Marktstraße waren Stände vom Eingangstor bis hinter zu Johannas Kräutergarten aufgebaut. Überall diskutierten Menschen.
"Herbert hat gesagt, ich soll dich endlich wecken", sagte Alexandra, "damit du den Trubel miterleben kannst und auf andere Gedanken kommst."
"Was wollen die vielen Menschen hier?" fragte Lisa ärgerlich. "Wozu hat Herbert Stacheldraht und Sicherheitsschlösser, wenn das Grundstück nun doch jedermann offensteht?"
"Lisa, du siehst Gespenster! Hier treffen sich regelmäßig die Gründungsmitglieder der neuen Ökoakademie. Wußtest du nicht, daß die Datsche zum Ökodorf wird?"
Lisa schüttelte den Kopf. Der heiße Kaffee trieb ihr den Schweiß aufs Gesicht. Die Sonne brannte, es war schwül wie in einem Gewächshaus. Sie kletterten nach unten.
"Elke müßte mit ihrer Reisegruppe aus Kreta zurück sein", sagte Lisa.
"Seit gestern."
"Was haben bloß die vielen Leute hier zu suchen?" Lisa schüttelte mißmutig den Kopf. Vor der Datsche entdeckte sie Wandtafeln mit Zeitungsartikeln über die jüngsten Ereignisse und davor standen drei Rentner, die einen angeregten Disput miteinander führten. Einer von ihnen war Manfred Kronbecher, der sich in seinem Aufzug absolut sicher fühlen konnte. Lisa erkannte das bärtige Gesicht unter dem Tirolerhut nicht. Sie fand die Knickerbocker, die er trug, die Wanderschuhe und den kleinen Rucksack in dieser Atmosphäre unpassend. Lisa ging dicht an ihm vorüber, als er mit seinem selbstgeschnitzten Stock, auf dem er Abzeichen verschiedener Alpenorte befestigt hatte, auf die Zeitungsausschnitte zeigte. Sie hörte ihn sagen: "Unkraut vergeht nicht!" Für einen Moment richtete er seine stahlgrauen Augen auf sie, und es überkam sie ein ungutes Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte.
Überall Menschen über Menschen - wie auf einem Weihnachtsmarkt. Die meisten Verkaufstische, auf Böcken aneinandergelegte Bretter, waren mit hellen Laken bedeckt. Direkt vor der Datsche verkauften zwei junge Mädchen selbstgenähte Leinenkleider, daneben bot ein Pärchen Korbwaren an, und ein kräftiger Mann zeigte drei neugierigen Kindern, wie man Körbe flicht. Die Weidenzweige seines Korbes stachen in alle Richtungen. Die Kinder versuchten es, waren jedoch nicht kräftig genug, die Zweige zu biegen.
"Letzten Sonntag war hier noch mehr los", sagte Alexandra. "Ich kann dir nachher alles zeigen, wenn du willst."
Sie faßte wie eine Mutter Lisa bei der Hand und zog sie an den Menschen vorbei zum Eingangstor.
Herbert kam ihnen entgegen. Er trug das blaue von Willis Wildseidenhemden und eine dunkle Hose, das Jackett lag lässig über der Schulter.
"Wo hast du denn die schicken Sachen her?" fragte sie gereizt.
"Na, aus deinen Kisten", sagte er in aller Gemütsruhe. Als er Lisas erschrockenen Blick sah, fügte er belehrend hinzu: "In den Kisten vergammelt das Zeug nur, ich werde die Sachen auftragen."
Für Lisa stand jetzt fest, daß die Postmietbehälter im Keller der Datsche vor fremdem Zugriff nicht sicher waren.
Sie folgte Alexandra, die auf den Erdhügel vor dem Grundstück kraxelte.
"Warum ist Willi tot?" fuhr Lisa auf. "Warum Manusso? Und wieso lebst du noch?"
"Reiß dich zusammen", verlangte Alexandra streng. "Denkst du, ich komme da so leicht drüber hinweg?"
Die Baulandschaft samt dem Trubel vor der Datsche verschwammen vor Lisas Augen.
Alexandra begann zu erzählen: "Wir sind, wie geplant, mit der Jacht letzte Woche in den Westhafen von Alexandria eingelaufen. Willi bat mich, alle Sachen gepackt zu haben, bevor wir unseren Liegeplatz erreichen würden. Manusso steuerte, und Willi ordnete an Deck den Papierkram für die Hafenpolizei. Ich habe jeden Löffel, buchstäblich alles eingepackt, weil die Jacht verkauft werden sollte. An unserem Liegeplatz tauchten fünf Leute auf, vier Männer und eine Frau. Ich dachte erst, das wären die Käufer, aber sie fingen auf einmal an, sich mit Willi zu streiten. Worüber, das habe ich nicht verstanden. Ich bin mir aber absolut sicher, daß sie Deutsch miteinander geredet haben. Auch ihrem Aussehen und der Kleidung nach waren sie Deutsche. Der eine war richtig bullig, aber auch schwammig, wulstige Lippen und Glubschaugen, verstehst du? Die Frau war ganz schön beieinander, ich meine, die hatte gutes Sitzfleisch. Sie hat mit den Fingern auf alles getrommelt, was ihr unterkam. Die anderen drei Männer hatten keine besonderen Kennzeichen. Sie waren alle so um die Fünfzig, schätze ich. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie wirkten die da im Hafen fehl am Platze. Wie soll ich das beschreiben? Wie Ossis. Na ja, der Streit dauerte nicht lange. Ich hörte nur, daß sie von Geldüberweisungen sprachen, dann gingen sie von Bord."
Lisa überlegte, ob es sich dabei um das Geld handeln könnte, das sie gestern in Athen nicht eingezahlt hatte? Aber das erschien ihr unwahrscheinlich.
"Ich höre noch, wie Willi ihnen hinterherrief: Dann bis fünf Uhr Ortszeit! Und die Typen sind mit einem Auto weggefahren. Willi kam aufgeregt zu mir unter Deck. So nervös hatte ich ihn noch nie erlebt. Er verlangte, daß ich mit allem Gepäck die Jacht sofort verlassen sollte. Zum Diskutieren sei keine Zeit, meinte Willi. Er hat mich nur flüchtig in die Arme genommen ..." Alexandras Stimme flatterte. "Ja, und dann habe ich die Taschen und den Koffer genommen, Willi hat einem Taxifahrer befohlen, mich zum Bahnhof zu bringen, von wo ich mit Sack und Pack zwei Stunden nach Kairo gefahren bin. Im "Sheraton Hotel" habe ich dann auf Willi gewartet."
"Du warst gar nicht im Hafen, als es passierte?" fragte Lisa.
"Nein, ich habe im Hotel auf ihn gewartet."
"Und wie hast du es erfahren, daß er ..."
Alexandra schluckte. "Nachts, als er längst hätte bei mir sein müssen, habe ich den Fernseher angeschaltet. Nur, um mich abzulenken." Sie kämpfte um ihre Fassung. "Ich verstehe ja kein Arabisch, ich habe nur die Bilder in den Nachrichten gesehen, unsere Jacht und ein unscharfes Foto von zwei Leichen. Erst hoffte ich, ich hätte mich geirrt. Aber Willi kam auch in der Nacht nicht. Am nächsten Morgen habe ich mir an der Rezeption eine englischsprachige Zeitung gekauft, da war die Jacht auf der ersten Seite. Der Boy hat mir den Artikel vorgelesen. Aber mein Englisch, du weißt ja."
"Was stand in dem Artikel?"
"Über eine Schießerei im Westhafen von Alexandria haben sie geschrieben. Aber wer und warum, das stand wohl nicht da, nur, daß die Polizei ermittelt. Da hat mich die Angst gepackt. Ich bin Hals über Kopf abgehauen, mit einer Reisegruppe im Bus nach Luxor gefahren. Und im Bus lauter Engländer! Ich verstand kein Wort. Ich glaube, die haben gedacht, ich hätte einen Sonnenstich, verheult und übernächtigt, wie ich aussah. Aber die Engländer waren ganz rührend zu mir, gaben mir Wasser und Bier zu trinken. Von Luxor bin ich tags darauf mit dem Flugzeug nach Kairo zurück und zwei Stunden später über Frankfurt nach Berlin geflogen."
"Und das Gepäck?" fragte Lisa.
"Das habe ich mitgeschleppt und vor zwei Tagen hierher gebracht."
"Dann hat wohl Herbert schon in deinen Sachen geschnüffelt."
"Kaum, denn an dem Koffer ist ein Zahlenschloß! Die Papiere, die Pässe und das Kuvert mit dem Geld von Willi sind bei mir zu Hause. Ich muß mit Elke darüber reden."
"Nein, lieber noch nicht", schlug Lisa vor.
Alexandra widersprach: "Also, gerade Elke hat ja nun ein Anrecht darauf, zu erfahren ..." Sie brach erschrocken den Satz ab. Lisa lächelte sie an und sagte, daß sie Bescheid wußte über Willis Vaterschaft.
"Als ich den Namen Hubert Münchmeier las, war mir alles klar", erinnerte sich Alexandra. "Willi war die eine Leiche und Manusso die andere."
Im Ausguck der Datsche küßte sich Döskopp mit Johanna. Lisa machte große Augen. Alexandra stieß sie an. Beide mußten lachen. Auf der Wiese vor den Karnickelbuchten fütterten ein paar Kinder das Schaf und versuchten eine Ziege zu streicheln, die im Kreis um den Pflock herum vor den Kinderhänden flüchtete. Auf dem Grillplatz stach ein Mann ein neues Bierfaß an. Das Bier spritzte nach allen Seiten, die Leute johlten.
"Warum mußten Willi und Manusso sterben?" fragte Lisa nach einer Weile.
"Ich weiß es genauso wenig wie du, Lisa. Ich habe darüber bis jetzt noch nicht nachgedacht, denn ich hatte die ganze Zeit eine panische Angst. Ich bin doch die letzte, die Willi lebend gesehen hat. Und ich habe sein Gepäck. Vielleicht suchen die mich jetzt auch?"
"Wer sind die?" fragte Lisa aufgebracht.
"Ich habe keine Ahnung."
"Haben die fünf Deutschen, die sich mit Willi gestritten haben, etwas damit zu tun?" Lisa dachte an ihren Verfolger. "Sag mal, fiel der Name Hugo oder Hugosch?"
Alexandra verneinte.
"Hat es Elke schon erfahren?" fragte Lisa.
"Ich bin zu ihr gefahren und habe ihr alles erzählt, was ich gesehen habe. Sie hat ganz schön geflennt."
"Sie liebt Willi noch heute", sagte Lisa gedankenversunken.
"Aber sie hat sich nicht zu ihm bekannt", meinte Alexandra lakonisch. "Als sie Ernst heiratete, hatte sie nur daran gedacht, dir ein sicheres Leben bieten zu können."
"Warum habe ich nicht früher erfahren, daß Willi mein Vater gewesen ist?" Alexandra blieb eine Antwort schuldig, und Lisa stieß unter Tränen hervor: "Was mich so ärgert, ist, daß ihr alle mir die heile Welt vorgegaukelt habt. Alle wußten Bescheid, auch du. Nur ich stand da wie eine Blöde."
"Jetzt spiel dich nicht so auf!" wies Alexandra sie zurecht. "Du bist nicht die einzige, die Grund hat, um ihn zu trauern."
"Aber er war mein Vater! Ihr habt mir meinen Vater vorenthalten."
"Denkst du, es hätte sich irgendwas geändert, wenn du es gewußt hättest? Hättest du dann anders mit ihm geredet? Hättest du ihn dann anders geliebt? Vielleicht mehr? Oder auch weniger? Du hattest deine Zeit mit Willi, genauso wie Elke oder ich. Wenn du deine Zeit mit ihm nicht genutzt hast, dann bist du selbst schuld, meine Liebe!"
Lisa schwieg betreten. Sie blickte über die menschenleere Baustelle vor der Nummer neun und stellte sich den Lärm vor, der werktags hier herrschen mußte.
"Denkst du, daß dir in den letzten Tagen jemand gefolgt ist?" fragte sie unvermittelt.
"Nein, ich glaube nicht. Mich hat niemand gesehen, ich war doch unten in der Kajüte, als die Leute da waren. Auf meiner Heimreise habe ich natürlich in jedem Touristen einen dieser Leute vermutet, aber das war Quatsch. Ich hatte Angst, Lisa, weil ich das Geld und Willis Unterlagen bei mir hatte."
"Unterlagen?"
"Na, seinen richtigen Paß, den Führerschein. Und als er mir das Geld gab, meinte er, davon könnten wir jetzt zwei Jahre leben. Ich würde es dir gern geben. Bei Herbert hätte ich Angst, daß das viele Geld offen herumliegt."
"Das Geld behältst du", bestimmte Lisa. "Du warst doch seine Frau."
"Aber ich ... Gut, reden wir ein anderes Mal darüber. Lisa, komm! Du mußt dir ansehen, was die auf dem Hof alles aufgebaut haben." Alexandra stieg den Erdhügel hinunter. Lisa zögerte noch. In Gedanken war sie im Hafen von Alexandria.
"Wäre es nicht möglich", überlegte sie, "daß Willi doch noch lebt?"
"Nein", erwiderte Alexandra entschieden. "Dann hätte er sich längst gemeldet und dich und mich beruhigt. Lisa, du mußt dich mit seinem Tod abfinden."
Die Regale in der Kleiderabteilung quollen über. Eine Frau stopfte aus einer Plastiktüte Pullover in eines der Fächer und zerrte aus einem anderen ein Herrenhemd hervor. Sie hielt es sich an den Leib. Als sie Lisas skeptischen Blick sah, wurde sie unsicher: "Grün steht mir wohl nicht?"
"Doch, doch", sagte Lisa schnell.
Alexandra probierte ein Paar Wanderschuhe. "Ein bißchen groß, aber mit Socken drin müßten sie passen." Sie knotete die Schnürsenkel beider Schuhe zusammen und hängte sie sich über die Schulter.
"Du kannst die doch nicht einfach so mitnehmen", wunderte sich Lisa.
"Klar kann ich das", erwiderte Alexandra. "Wer Sachen mitbringt, kann sich andere Sachen nehmen. Ich habe vorhin meine ausrangierten Klamotten eingeordnet. Frisch gewaschen und gereinigt, hier, siehst du?" Sie zeigte auf bunte Blusen, die Lisa von früher kannte. "Das Regal und das Tauschprinzip haben die Ökos eingeführt."
Die Frau mischte sich ein: "Das ist ja alles zu schade zum Wegwerfen, und der An- und Verkauf in Biesenthal hat dichtgemacht. Ich tausche hier jede Woche. Meine Kolleginnen wundern sich schon, daß ich immer andere Kleidung trage." Sie lachte und verließ die Scheune.
Draußen boten Kinder Erdbeeren und Rhabarber aus ökologischem Anbau an. Eine Frau verkaufte Frühkartoffeln aus märkischem Sandboden, die nach Größe sortiert in Säcken auf dem Boden standen.
Johanna und Döskopp hatten ihren Verkaufsstand unter dem Holunderbusch vorm Kräutergarten aufgebaut. Zwischen Holzstangen, die eine helle Plane trugen, waren Schnüre gespannt, an denen Scharlotten und büschelweise frische Kräuter hingen. Eine Hälfte des Verkaufstisches nahmen Döskopps Fläschchen mit dem Johanniskrautöl ein. Sie schimmerten im Sonnenlicht bräunlichrot.
Döskopp rührte in einem Töpfchen, das in einem heißen Wasserbad über einem Campinggaskocher stand. Dabei rief er jedem Vorbeikommenden zu: "Johanniskraut - seit zweitausend Jahren bewährt. Fünf Mark das Fläschchen, nur fünf Mark, und Ihre Hausapotheke ist komplett. Die letzten Fläschchen, greifen Sie zu! Mit fünf Mark sind Sie dabei." Lisa dachte an das Dutzend Weckgläser, in denen er oben im Ausguck Johanniskraut in Öl angesetzt hatte. Kaum jemand kam am Stand vorbei, ohne ein Fläschchen zu kaufen. Sechs Fläschchen standen noch auf dem Tisch.
Döskopp wandte sich an Alexandra: "Was darf es denn sein, schöne Frau?"
"Ich lass' mir von Johanna meine Tagescreme anrühren", sagte sie. Erstaunt beobachtete Lisa, wie herzlich sich die beiden Frauen begrüßten.
"Es gibt doch jetzt genügend Cremes zu kaufen", mutmaßte Lisa. Alexandra winkte ab. "Da weiß ich nie, was genau drin ist. Plötzlich kriegst du Pickel, und nicht einmal der Hautarzt kann dir helfen, weil die Zutaten nicht bis ins letzte deklariert sind. Johanna rührt mir eine Creme an ohne Konservierungsstoffe und ohne Emulgatoren, nur aus natürlichen Zutaten."
Johanna pflichtete ihr bei, während sie Döskopp den Porzellanlöffel aus der schwieligen Hand nahm. "Verkauf du dein Öl, damit hast du genug zu tun." Sie stellte eine Holzlade mit etlichen Gläsern und Fläschchen vor sich hin. "War die letzte Creme gut?" fragte sie.
"Meine sonnenverbrannte Haut hat die aufgesaugt wie ein Schwamm", lobte Alexandra. "Aber vielleicht sollte die nächste nicht ganz so fettig sein."
"Mehr in Richtung Lotion also", entschied Johanna. Sie stellte ein Glastöpfchen in das Wasserbad und gab einige Tropfen vom geschmolzenen Bienenwachs hinein, das Döskopp gerührt hatte. Dazu erklärte sie, daß Bienenwachs eine Creme geschmeidig mache.
Als Döskopp das letzte Fläschchen Johanniskrautöl verkauft hatte, tauschte er das Tablett gegen ein volles aus und rief in unverminderter Lautstärke: "Gleichmäßige Bräune in einer halben Stunde! Mit diesem Sonnenöl braucht ihr nicht zu lange unter dem Ozonloch zu liegen und werdet trotzdem braun ..."
Aus einem Glas, auf dem in altdeutscher Schrift "Lanolin" stand, löffelte Johanna eine fadenziehende, gelblichweiße Masse, die sie zum geschmolzenen Bienenwachs gab. "Für den Grundkörper einer Creme nehme ich am liebsten Lanolin", erläuterte Johanna, "das zieht gut in die Haut ein und ist völlig neutral. Außerdem bindet Lanolin andere Öle gut. Damit habe ich bessere Erfahrungen gemacht als mit Kakaobutter."
"Manche Frauen verlangen extra Kakaobutter", plapperte Döskopp dazwischen, "weil sie die aus der Werbung kennen."
Auf einer Briefwaage wog Johanna vierzig Gramm destilliertes Wasser ab, das sie in einem anderen Töpfchen im Wasserbad erhitzte. Johannas Bitte nur allzugern folgend, griff Döskopp bedächtig den Porzellanlöffel und rührte in der Schmelze, so daß Johanna tropfenweise Schafgarbetinktur dazugeben konnte, danach je einen Teelöffel mit Jojobaöl, Olivenöl und süßem Mandelöl.
"Wo hast du denn die Zutaten her?" fragte Lisa, die interessiert zusah.
"Die Wirkstoffe wachsen hinten im Kräutergarten", antwortete Johanna. "Petersilie zum Beispiel ist nicht nur ein Küchenkraut, sondern auch als Schönheitsmittel geeignet."
Lisa stellte sich eine Petersilienmaske vor und mußte lachen.
"Das ist kein Scherz", sagte Johanna. "Ich koche einen Petersiliensud und gebe einige Tropfen davon in Cremes, die die gestreßte Haut beruhigen und besser durchbluten sollen. Pfefferminze wirkt auch belebend, und Rosmarin erweitert die Poren ..."
"Das meiste liefert die Wiese dahinten", unterbrach Döskopp, der froh war, Lisa sein neu erworbenes Wissen verkaufen zu können. "Huflattich gegen fette Haut, Johanniskraut zum Heilen, Lindenblüten für Gesichtswasser ..."
Johanna tröpfelte das erwärmte Wasser in die Fettschmelze, Döskopp rührte heftig, ohne zu versäumen, den Leuten weiterhin sein Johanniskrautöl anzupreisen. In einem Schuhkarton sammelte er die Fünfmarkstücke.
Johanna ließ ihn gewähren und träufelte ein wenig Lavendelöl in Alexandras gelbliche Creme, die Döskopp anschließend mit einem Handmixer kaltrühren durfte, bis sie fast weiß wurde. In der Zwischenzeit rechnete Johanna den Preis aus: Fünf Mark für die Cremegrundlage und für jede Zutat eine Mark. "Die Lavendelöltropfen schenke ich dir", sagte Johanna, "weil du für mich soviel Reklame machst."
Alexandra steckte dankend die Creme ein und schlenderte mit Lisa zum Grillplatz, wo Herbert mit drei Ökobauern heftig diskutierte. In dem Disput ging es um die Ökoakademie Brandenburg, die letzte Woche als Stiftung gegründet worden war. Herbert hatte sein Grundstück samt Wald und Weiher als erster eingebracht. Die drei Bauern, die ihm gerade zuprosteten, hatten ihre Ländereien hinter dem Weiher etwas später auch dazugegeben und waren wie Herbert Ehrenmitglieder der Stiftung. Im Gegenzug hatte die Ökoakademie allen vier Wohnrecht auf Lebenszeit eingeräumt in Häusern, die noch gebaut werden würden.
"Wir sind der Ältestenrat!" Herbert erhob wieder sein Schnapsglas.
"Du sollst den Ältestenrat achten und ehren", sagte der Bauer, der neben Herbert stand.
"Hoffentlich sind wir nicht im nächsten Jahr zu Hausmeistern abgekanzelt", meinte ein anderer skeptisch.
"Wer wird denn gleich so pessimistisch sein?" Ein junger, sportlich gekleideter Mann trat auf die vier Rentner zu. Er war der Ökoanwalt Peter.
"Ich hab' schon Pferde kotzen sehen", beharrte der Skeptiker, "kurz vorm Ziel."
"Herbert ist an allem schuld", sagte der dritte Bauer, schon nicht mehr nüchtern.
Der Ökoanwalt scherzte: "Du wolltest doch bloß deinem Sohn eins auswischen, Herbert."
"Und wenn schon", trotzte Herbert. "Macht ihr eure Ökolandwirtschaft, ich gehe sowieso in den Süden."
Lisa zog Alexandra weiter. "Wie konnte er bloß die Postmietbehälter aufmachen?" grollte sie.
Alexandra beschwichtigte sie und schlug vor, die Kartons wieder nach Berlin zu bringen und bei ihr unterzustellen.
Als Lisa später ins Haus kam, saß Herbert auf dem grünen Sofa und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
"Ganz schön warm in den schicken Sachen", sagte er.
Lisa war empört. "Du hast alle Kartons durchgewühlt! Und dabei ist der Hof voller Leute!"
Herbert lächelte. "Da sind Akten drin, nicht wahr? Und der Computer in der einen Kiste öffnet nur die schönen Spiele, stimmt's? Und das Telefon geht auch nicht", sagte er ruhig und genoß Lisas Staunen. "Willi hat mir von den Kisten erzählt. Die Kisten hat er bei dir gelassen, und bei mir die Codes."
"Du hast die Codes?" Sie mußte sich setzen.
"Nicht direkt", wich er aus und strich sich beim Aufstehen über das Hemd, das Willi gehört hatte. "Mein Herr Sohn hat alles gut durchdacht, weil er geahnt hat, daß irgendwann die Treuhand hier auftaucht." Aus der Sofaritze fingerte er bedächtig einen zerknitterten Zettel.
"Wann waren die eigentlich da?" fragte Lisa und dachte daran, ob die auch in ihrer Wohnung in Pankow mit einem Durchsuchungsbefehl auftauchen könnten.
"Vorige Woche", sagte Herbert gelassen. "Sogar im Keller haben sie nachgeschaut. Aber unter der Jauchetonne haben sie nicht nachgesehen. Dort ist nämlich mein Geldversteck." Er löste die Klemmen von dem Wechselrahmen, in dem eine Kinderzeichnung von Lisa hing, und nahm einen zweiten Zettel heraus, der zwischen Zeichenblatt und Rückwand steckte. Einen dritten Zettel fand er im Schrank. Die drei Zettel legte er nebeneinander auf den Tisch. Auf dem ersten stand eine Zahlenfolge: zwei eins zwei sechs sechs, auf dem zweiten eine Sieben, auf dem dritten ein Satz: "Wir drei im Alphabet."
In der Zahlenreihe erkannte Lisa ihr Geburtsdatum, den 2.12.66.
"Das muß jetzt mit der Sieben multipliziert werden", erklärte Herbert, "dann hängst du einfach unsere Namen in alphabetischer Reihenfolge an. Das ist der Code für den Computer."
"Wessen Namen?" fragte Lisa.
"Na, die von denen, die mit der Geschichte zu tun haben, also deinen, meinen und Willis Namen."
Lisa lachte. "Und diesen Code konntest du nicht behalten?"
"Ich hab's immer verwechselt mit dem Code für das Telefon."
Herbert ging in die Kochecke, wo er noch zwei Zettel versteckt hatte. Der Kartencode war wieder Lisas Geburtsdatum, multipliziert mit der nächsten Primzahl, der Elf, und der Sicherungssperrcode für das Telefon war die Zahlenfolge ihres Geburtsdatums allein.
Lisa faltete die Zettel und steckte sie ein. Ihr Entschluß stand fest. Den Postmietbehälter mit Willis Kleidern konnte sie getrost bei Herbert lassen, aber die anderen beiden wollte sie vorerst bei Alexandra verstecken.

4. Kapitel