Ankunft der Pandora

Ein Roman von Kerstin Jentzsch

Lange nicht gesehen

2. KAPITEL

Die Befreier in Biesenthal
16 597 Tage vor der deutschen Vereinigung

Für Wilhelm Kurt Dieter Paul Otto Meerbusch endete die Kindheit jäh am fünfundzwanzigsten April neunzehnhundertfünfundvierzig. Er war sechs Jahre alt, seine Schwester Elfie war ein Jahr älter, der Bruder Ernst ging schon in die zweite Klasse. An seinen Vater hatte Willi nur undeutliche Erinnerungen. Der Bauer Herbert Meerbusch wurde neunzehnhundertzweiundvierzig eingezogen, als Willi drei Jahre alt war. Ansonsten hatte der Krieg das Anwesen, das etwas außerhalb von Biesenthal lag, verschont. Die Mutter, Lucie Meerbusch, führte fortan den Hof. Max Schmalbach, Hilfspolizist im nahen Eberswalde, half ab und zu bei der Kartoffelernte, beim Heumachen, beim Schlachten. Geld gab's keins, aber als Städter kam er auf diese Weise in den Genuß ländlicher Kost.
Im Frühjahr fünfundvierzig rückte die Front mit jedem Tag näher, unaufhaltsam. Tagelang donnerten die Geschütze, mal nah, mal fern, je nachdem, wie der Wind stand. Nächtelang blitzte der Himmel am Horizont, dort, wo die Schlacht um die Seelower Höhen ihrem grausamen Ende entgegenging. Nachbarn und die meisten Bewohner Biesenthals hatten ihre Habseligkeiten gepackt und waren geflohen. Lucie Meerbusch packte nicht. Sie wollte dasein, wenn ihr Mann Herbert nach Hause zurückkehrte.
An einem Mittwoch kamen sie, die Befreier, von allen Seiten kamen sie, überrannten die Gärten, die junge Saat. Lumpi, der Schäferhund, bellte. Lucie Meerbusch verkroch sich mit den Kindern in der Scheune. "Rührt euch nicht vom Fleck", sagte Lucie streng, "egal, was passiert!" Ihre Augen waren aufgerissen, der Atem ging schnell. Willis Herz schlug, daß es weh tat. Elfie heulte. Lucie gab ihr einen Klaps auf die Wange. "Sei still!" Ernst nahm seine Schwester in den Arm und streichelte sie.
Draußen schlug ein Soldat dem Hund, der an der Leine wie wild zerrte, mit dem Gewehrkolben auf den Kopf. Das Winseln erstarb bald, der Hundekopf war blutiger Brei. Die Soldaten erschossen Jorinde und Joringel, die beiden Schweine im Stall, sie schossen auf die Hühner und den Hahn, sie schossen auf alles, was sich bewegte. Ein Panzer durchbrach die Zaunlatten, als wären sie Reisig. Das Nachbarhaus brannte. Die Soldaten stürmten in das Haus der Meerbuschs, das bis zu diesem Augenblick ihrer aller Zuhause gewesen war. Fensterscheiben klirrten, Türen und Schubladen krachten, Wäsche und Geschirr flogen aus dem Fenster, die Puppen von Elfie hinterher, die Holzschiffe von Ernst und die Einzelteile der Räuberburg, die Willi zusammen mit Max Schmalbach aus Lindenholz geschnitzt hatte, zerbarsten auf dem Hof. Einige Soldaten hetzten die Pferde über die Weide, durch den Sumpf am Weiher. Der große braune Hengst scheute und bäumte sich auf, warf den Reiter ab und wurde erschossen, Gertrud, die Milchkuh, wurde erschossen. Die Ziegen Röschen und Rosa wurden erschossen. Das Geschrei der Soldaten erfüllte den Hof, wo die Tierkadaver lagen. Sie feierten ein Fest der Zerstörung, das Siegerfest.
Wie eine Glucke hielt Lucie ihre Kinder im Arm. Der Geruch des Strohs, den Willi so mochte, wurde zum Geruch von Angst. Angst um die Mutter, Angst um die Geschwister, Angst um das Spielzeug.
Lucie spürte Willis Zittern. "Du mußt jetzt ein Mann sein", flüsterte sie. Willi nickte kaum merklich. Er wollte seine Mutter nicht enttäuschen. Die Tränen wischte er tapfer ab. Das Zittern konnte er nicht unterdrücken.
Ein Soldat entdeckte den nackten Frauenfuß, der unter Stroh und Bohnenkraut hervorschaute. Die Soldaten zerrten die Frau heraus. Die Hände der Mutter entglitten den Kinderhänden, die sich ängstlich an sie klammerten. Die Mutter rannte vor der Scheune hin und her wie ein gehetztes Tier, doch die Soldaten kreisten sie ein. Einer bekam sie zu fassen, der Stoff ihrer Bluse riß. Willi sah, wie die weißen vollen Brüste der Mutter beim Rennen schaukelten. Die Soldaten sahen das auch. Elfriede wollte schreien. Willi ahnte, daß das, was mit seiner Mutter passierte, auch mit Elfie passieren könnte. Er hielt ihr den Mund zu, ihre Fingernägel krallten sich in seinen Arm. Durch eine Ritze zwischen den Strohballen sah Willi, was mit seiner Mutter geschah. Ein Soldat schnallte sich das Koppel ab, ließ die Hosen herunter. Die Mutter wurde von einem anderen Soldaten festgehalten, vorn an den Brüsten. Der mit den heruntergelassenen Hosen warf sie auf die Erde. Lucie schrie, schlug um sich, war zu schwach. Die anderen lachten, grölten, klatschten, brüllten Worte, die Willi nicht verstand, und lösten ihre Koppel. Das Kanonenrohr des Panzers zielte auf den Strohballen, hinter dem Willi mit den Geschwistern hockte. Willi war überzeugt, das Geschoß würde losgehen, wenn sich auch nur einer von ihnen rührte. Ein Soldat nach dem anderen legte sich auf die Mutter, zwischen die nackten Beine, hielt die Arme fest. Ihr Schreien war in leises Wimmern übergegangen. Lucie Meerbusch dachte an ihre Kinder und an den Tod.
Ein Jeep mit einem roten Stern an der Tür preschte durch die Lücke, die der Panzer in den Zaun geschlagen hatte, und bremste quietschend. Drei Offiziere sprangen heraus. Urplötzlich standen die Soldaten stramm, einige mit heruntergelassenen Uniformhosen. Lucie lag entblößt im Staub. Das Gesicht war verquollen und blutig, der Körper zerkratzt, die Schenkel blutbeschmiert.
Die drei Offiziere richteten ihre Maschinenpistolen auf die Soldaten. Die mußten sich zuerst mit erhobenen Händen an die Wand der Scheune stellen, dann mit dem Gesicht nach unten auf die Erde legen. Einer der Offiziere breitete eine graue Decke über Lucie aus.
Ernst wollte aufspringen, als er seine Mutter liegen sah. Willi hielt ihn fest. Über die Hand, mit der er Elfies Mund zuhielt, flossen Tränen, lautlos, in zwei dünnen Rinnsalen. Den Soldaten wurden die Hände auf den Rücken gefesselt und die Füße zusammengebunden, sie lagen in einer Reihe inmitten der erschossenen Hühner. Die Mutter regte sich, wollte aufstehen, brach zusammen. Ein junger Offizier trug sie ins Haus. Minuten später kam er wieder heraus, schrie einem anderen Offizier etwas zu, der in den Jeep stieg und davonfuhr. Dann kam er in die Scheune und rief die Namen der Kinder: "Willi, Elfriede, Ernst, kommt heraus!"
Zögernd krochen sie, aneinandergeklammert und zitternd vor Angst, aus ihrem Versteck.
Willi wunderte sich, daß der russische Offizier deutsch sprach.
Ins Haus durften die Kinder nicht. Auch nicht, als ein Sanitäter ins Haus eilte. Sie sahen zu, wie die gefesselten Soldaten weggebracht wurden.
Den Hund begruben sie am Zaun, gleich am Eingang.
Spät am Abend kam Max Schmalbach. Von dem deutschsprechenden sowjetischen Offizier erfuhr er, was vorgefallen war. Sie trugen die toten Hühner in die Küche und enthäuteten die Ziegen. Später tranken er und Max Kaffee in der Küche. Der Offizier bat ihn, über Nacht zu bleiben, der Kinder wegen. Dann fuhr er fort.
Willi schlich in der Nacht zum Zimmer der Mutter und klopfte. Sie hatte sich eingeschlossen. Er klopfte lauter, bis er ihre schlurfenden Schritte hörte. Sie öffnete. Ihr Nachthemd, das Bett waren voller Blut.
Max Schmalbach verbrannte in dieser Nacht seine Polizeiuniform. Das Parteiabzeichen wollte nicht brennen. Er trug es hinter das Anwesen der Meerbuschs, wo er es im Weiher versenkte.
Der deutschsprechende sowjetische Offizier kam nach dem fünfundzwanzigsten April fast jeden Tag vorbei und erkundigte sich, wie es der Mutter ging. Er half, das Haus aufzuräumen und sorgte dafür, daß die Kadaver weggeschafft wurden und daß der verwüstete Garten wieder in Ordnung kam. Er verschaffte Max Schmalbach die Anstellung bei der Post.
Der deutschsprechende sowjetische Offizier hieß Manfred Kronbecher und war zweiundzwanzig Jahre alt. Stundenlang konnte er den Kindern von Moskau erzählen, der Hauptstadt der Sowjetunion. Er erzählte von Lenin und seinem Grundsatz: Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung. Er erzählte von riesigen Kraftwerken, die in Sibirien entstanden, in unwegsamen Gegenden. Willi empfand die Erzählungen wie Abenteuergeschichten. Manfred Kronbecher erzählte auch, daß die Arbeiterklasse eine Führung brauchte, eine kommunistische Partei. Sein Vater war als Kommunist in Duisburg von den Nazis ermordet worden, als Manfred Kronbecher dreizehn Jahre alt war. Aber von seinem Vater hatte er gelernt, wie wichtig die Organisierung der Jugend und der Arbeiterklasse für den antifaschistischen Widerstandskampf war. Er erzählte von einer Schule bei Moskau, wohin er delegiert worden war. Dort habe er alles über den kommunistischen Aufbau eines Landes gelernt.
Über den fünfundzwanzigsten April wurde nicht gesprochen.
Mitte Mai brachte Max ein großes Paket aus der Kaserne in Eberswalde, die jetzt von den Soldaten der Roten Armee genutzt wurde. Wodka war in dem Paket, Seife und Schokolade. Lucie konnte sich über das Paket nicht freuen. Doch sie behielt die Sachen. Willi Meerbusch aß das erste Mal in seinem Leben Schokolade. Süß und bitter schmeckte sie. Er war enttäuscht, die Himbeerdrops aus dem Kolonialwarenladen in Biesenthal schmeckten besser.
Lucie Meerbusch nähte wieder. Wenn auch die allmonatlichen Pakete aus der Kaserne eine große Hilfe waren, nur mit Wodka, Schokolade, Kohlen konnte die Familie nicht überleben. Den Wodka trug sie auf den Schwarzmarkt in Westberlin, wohin sie mit dem Fahrrad fuhr, um das Fahrgeld zu sparen. Einmal wurde sie von einer sowjetischen Straßenkontrolle geschnappt. Der Wodka und das Fleisch wurden ihr abgenommen, doch man ließ sie laufen. Die Näherei war sicherer, aber längst nicht so einträglich. Für ein einziges knuspriges Sauerteigbrot mußte sie in einer Nacht ein Kleid für die Bäckermeisterfrau nähen, die sie noch von früher her kannte. Die Schneiderei hatte Lucie Meerbusch zusammen mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft gelernt.
Von Manfred Kronbecher bekam sie einen Ballen derben Leinens, wovon sie Kleidung für die Kinder nähte. Woher er das Leinen hatte, fragte sie nicht. Eines Tages brachte er einen jungen Hund mit, einen Schnauzer. Die Kinder nannten ihn Lumpi wie ihren ersten Hund. Kronbecher besorgte ihnen das Kleinvieh, ohne das der Hof verkommen wäre. Er kam einmal in der Woche, meist samstags. Für Willi, Ernst und Elfie brachte er jedes Mal eine Kleinigkeit mit, Süßigkeiten, Spielzeug, und vor allem Geschichten. Willi hing an seinen Lippen. Manfred Kronbecher erkundigte sich auch nach der Schule, kontrollierte die Hausaufgaben, was Willi weniger reizvoll fand.
"Wie soll denn aus einem Dummkopf wie dir ein guter Genosse werden?" sagte Manfred Kronbecher. Bei Max Schmalbach, den alle Döskopp nannten, konnte er fauler sein und mit auf den Feldern helfen. Doch Kronbecher hatte noch viel vor mit Willi Meerbusch. Er genoß es, wenn der Junge zu ihm aufblickte wie zu einem Vater. Lucie ließ es geschehen. Schlaksig wirkt der Manfred, dachte Lucie, er könnte mein jüngerer Bruder sein. Nur die Augen stehen zu dicht beieinander, fand sie, und Segelohren hat er wie ein Schulkind. Sie fragte sich, was er an den Meerbuschs fand, daß es ihn an seinen freien Tagen auf das Anwesen trieb. Sie wußte nichts von seiner Mutter, die im letzten Kriegswinter, als Manfred Kronbecher in der Nähe von Moskau zur Parteischule ging, erfroren war. Manfred Kronbecher machte an Lucie das gut, was er bei seiner eigenen Mutter versäumt hatte.
Er hatte ihr das Leben gerettet, und durch ihn wurde die Familie auch mal ohne Lebensmittelkarten versorgt. Sie fragte nicht, was er genau tat in Eberswalde. Von Döskopp wußte sie nur, daß er die Laufbahn eines Funktionärs eingeschlagen hatte. Einen solchen Mann hatte man besser zum Freund als zum Feind. Von Landwirtschaft verstand er nicht viel, vom richtigen Leben auch nicht. Sonst würde er ihr praktischere Dinge aus der Kaserne schicken. Doch Lucie bat um nichts.
Döskopp dagegen war ihr auf dem Hof eine größere Hilfe. Aber er machte ihr eindeutige Avancen. Wenn er zu aufdringlich wurde, gab sie ihm Wodka und hielt ihn sich so vom Leibe.
Im Winter siebenundvierzig lag hoher Schnee bis zu den Fenstern. Alle Meerbuschs schliefen im Eßzimmer, sie wechselten nachts die Außenplätze. Das Paket aus der Kaserne blieb aus. Max hatte eine schwere Lungenentzündung, er schlief auf der Ofenbank. Lucie pflegte ihn zwei Monate.
Der Kälte wegen waren Karnickel, Ziegen und Schafe im Hausflur untergebracht. Die Hühner durften in die Stube, da Lucie hoffte, sie würden trotz der Kälte Eier legen. Der Schnauzer war groß geworden und wurde nicht mehr Lumpi gerufen, er hieß nun Lump. Trotz seiner Gutmütigkeit fühlte er sich in seinem Revier, dem Hausflur, von den anderen Tieren bedrängt. Doch er ließ es zu, daß die Katzen nachts an seinem Bauch schliefen. Da niemand bei der eisigen Kälte Holz hackte, verheizte Lucie alle brennbaren Materialien, überflüssige Möbel, Teile des Zaunes prasselten im Feuer, sogar getrockneter Ziegenmist.
Mit dem Tauwetter kam von Manfred Kronbecher ein Brief aus Berlin. Er steckte in einem amtlichen Umschlag. Genosse Kronbecher war nach Berlin in ein Ministerium versetzt worden und besuchte die Meerbuschs nur noch selten.
 
 
 
 

Maikäferplage im Eberswalder Urstromtal
14 030 Tage vor der deutschen Vereinigung

Im Frühjahr zweiundfünfzig krochen Millionen von Maikäfern aus dem märkischen Sand. Sie fraßen die junge Saat auf den Feldern, labten sich an den zarten Blättern der Kirschbäume auf dem Gehöft der Meerbuschs, und sie legten sich auf Zweige und Äste der Apfelbäume an der Allee wie ein dunkler Belag.
Die Maikäferplage war für die Genossen im Kreis kein Hindernis, die Landwirtschaft zügig zu vergenossenschaftlichen, wie es offiziell hieß. In der Nachbargemeinde wurde der Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung zuerst gebrochen. Kein Bauer weigerte sich mehr, seine Äcker in die neue "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft" einzubringen. Die SED-Kreisleitung und die Abteilung Landwirtschaft des Rates des Kreises betrachteten das als leuchtendes Beispiel. Die LPG mußte unterstützt werden. Schüler aus der Gemeinde, aus der weiteren Umgebung, sogar aus Berlin, wurden zum Rübenverziehen auf die Felder geschickt. Rübenverziehen war anstrengend. Von drei Rübenpflänzchen mußten zwei herausgezogen werden, und die Rübenreihen reichten bis hinter den Horizont.
Die Mädchen aus Berlin waren in der Schulturnhalle der Gemeinde untergebracht, die Jungen in Zelten.
Am Nachmittag des fünften Mai liefen Willi, Elfie und Ernst zur Landstraße. Elfie hänselte ihren Bruder Ernst, der als Ältester mit seinen sechzehn Jahren noch immer einen halben Kopf kleiner war als sie. Willi zog einen kleinen Leiterwagen, auf dem ein Pappkarton stand.
Überall auf der Allee lagen von Reifen zerquetschte Maikäfer, die bei jedem Schritt unter den Schuhsohlen knackten. Die vorbeifahrenden Autos schlitterten wie auf Glatteis. Willi schlug mit einem Stock gegen die Äste der Apfelbäume. Wie Hagelkörner fielen die gefräßigen Biester zu Boden. Ernst und Elfie schippten sie mit Kehrschaufeln in den Pappkarton.
Elfie kreischte wie eine Verrückte. Vom Baum war ihr ein Maikäfer in den Blusenausschnitt gefallen. Sie achtete nicht auf das näherkommende Motorrad und lief mitten auf die Straße. Der Motorradfahrer mußte ausweichen und kam ins Schlingern. Nur mit Mühe konnte er einen Sturz verhindern. Er hielt an, nahm den Helm ab.
Sein pockennarbiges Gesicht blickte finster. "Dafür bekommt ihr doch nichts. Nicht mal die Schweine fressen das Viehzeugs."
"Wir sammeln Schädlinge", antwortete Willi selbstbewußt.
"Hm", brummte der Motorradfahrer. "Und warum helft ihr nicht beim Rübenverziehen wie die anderen?"
"Wir haben unseren eigenen Hof", sagte Willi.
"Ach, ihr seid die Meerbuschkinder?"
Sie nickten.
"Aber die Allee gehört nicht zu euerm Hof", sagte er.
Elfie und Ernst waren um die Antwort verlegen. Willi kam ihnen zu Hilfe: "Wir sammeln hier die Maikäfer auf, damit sie nicht auf die Äcker der LPG krabbeln können." Willi zeigte auf die Felder zu beiden Seiten der Allee.
"Na, dann ist es ja gut. Ihr müßt aber besser aufpassen auf der Straße." Das Motorrad entfernte sich schnell.
"Puh, das ging ja noch mal gut", meinte Willi erleichtert. Behende kletterte er auf den nächsten Apfelbaum und schlug mit dem Stock gegen die Äste, daß es Maikäfer regnete. Bald war der Karton voll.
Vor dem Eingangstor zum Gehöft standen noch die Lautsprecherwagen, die den ganzen Tag, manchmal auch bis in die Nacht die LPG-Parolen verkündeten. Obendrein dröhnte Marschmusik, die sogar hinten am Weiher noch zu hören war. Lucie Meerbusch war die letzte Bäuerin, die ihr Land noch nicht in die Biesenthaler LPG eingebracht hatte.
Lucie ärgerte sich, daß ihre Kinder so spät zum Abendbrot kamen. Als sie den Karton sah, schimpfte sie: "Wollt ihr jetzt etwa Maikäfer züchten? Und womöglich noch mit dem bißchen Karnickelfutter, das wir haben?"
Später, es dämmerte bereits, brachten Willi, Ernst und Elfie den Pappkarton auf dem Leiterwagen in die benachbarte Gemeinde. Sie schlichen sich in die Turnhalle, die mit Stroh ausgelegt war. Darauf lagen Decken und Schlafsäcke der Berliner Mädchen. Aus dem Speisesaal nebenan drang deren Gelächter über den Schulhof.
Kichernd versteckten Willi und Ernst den Karton in einem Verschlag unter Sportgeräten. Elfie stand Schmiere. Sie schnitten Löcher in die Pappe, durch die die ersten Käfer krabbelten.
Gegen zehn Uhr abends drang schrilles Geschrei aus der Turnhalle. Die Maikäfer schwirrten in Scharen gegen die Lampen, stürzten ab, fielen auf die Mädchen. Die Lehrer, die Nachtwache hatten, waren ratlos. Die Maikäfer waren überall, in den Decken und Schlafsäcken, im Gepäck, an den Wänden. Die Mädchen, die kreischend über den Schulhof rannten, mußten in die Klassenräume der Schule ausquartiert werden.
Im Dorfkrug konnten sich die Männer vor Lachen kaum halten, als sie von den Maikäfern in der Turnhalle erfuhren. Sie stellten sich die Panik der Mädchen vor und ahmten das Gekreische nach. Nur der pockennarbige Motorradfahrer lachte nicht: Der Mann war stellvertretender Vorsitzender der LPG.
Am nächsten Morgen kam er auf den Hof der Meerbuschs, und mit ihm die Volkspolizei.
Lucie arbeitete im Garten hinter dem Haus und hörte sein Rufen nicht. Aber die Kinder kamen neugierig heraus.
"Na, dann nehmen wir eben die Gören mit", sagte der Pockennarbige.
Lucie, die aus dem Garten kam, sah gerade noch, wie ihre Kinder in den Streifenwagen stiegen. Sie rief nach ihnen, doch das Auto fuhr ab.
Aufgebracht holte sie ihr Fahrrad aus der Scheune, schob es fluchend zwischen den Lautsprecherwagen hindurch und radelte zum Biesenthaler Polizeirevier.
Die Frau in der Anmeldung griente hämisch und nannte ihr die Nummer des Raumes, in dem die Kinder verhört wurden.
Lucie riß die Tür auf.
Vor einem Tisch, der sich wie eine Barriere quer durch den Raum zog, standen Elfie, Willi und Ernst mit gesenkten Köpfen. Zwei Volkspolizisten, der LPG-Vorsitzende, dessen pockennarbiger Stellvertreter und zwei Lehrer der Berliner Mädchen saßen hinter dem Tisch. Sie blickten kurz auf, als sie Lucie in der Tür sahen, atemlos und verschwitzt, den Sand aus dem Gemüsegarten noch an Händen und Knien.
"Könnt ihr euch nicht vorstellen", fuhr ein Polizist die Meerbuschkinder an, "daß die Mädchen Angst bekommen haben?"
Willi konnte nicht verhindern, daß Elfie den Erwachsenen ins Gesicht sagte: "Das wollten wir ja auch."
"Was machen Sie mit meinen Kindern?" ging Lucie dazwischen.
Die Blicke richteten sich jetzt auf sie. Der LPG-Vorsitzende sagte: "Diese drei da wollten sich wohl einen Jux machen. Aber sie haben den Schlafsaal der freiwilligen Helferinnen mit Ungeziefer unbenutzbar gemacht. Deshalb ist ein ganzer Arbeitstag vergeudet worden. Ganz zu schweigen von den Arbeitskräften der LPG, die wir für die Reinigung der Turnhalle abziehen müssen."
Erbost ging Lucie auf ihre Kinder zu und gab jedem eine schallende Ohrfeige. "Ihr kommt jetzt sofort mit!"
"Wir müssen ... das Protokoll ...", stotterte der stellvertretende LPG-Vorsitzende.
"Meine Kinder nehme ich mit", fuhr Lucie ihn an. "Die sind noch nicht volljährig. Damit kommen Sie bei mir nicht durch, nein, nein. Reden Sie mit mir, wenn Sie ein Protokoll brauchen."
Sie schubste ihre Kinder zur Tür hinaus. "Jetzt werden meine Kinder schon von der Polizei geholt. Eine Schande ist das! Als ob wir keine anderen Sorgen hätten. Ich hatte noch nie mit der Polizei zu tun."
Willi schämte sich. Er wollte seiner Mutter keinen Ärger machen. Sie war schon nervös genug wegen des Lautsprecherkrieges vor dem Hof. Auch Ernst und Elfie waren bedrückt. Schweigend liefen sie zurück. Lucies Gesicht war gerötet. Die Maikäfer auf der Allee knackten unter ihren Schuhen.
Lucie zerrte ihre erschöpften Kinder über den Acker, der vor dem Gehöft lag. Die Erde war staubig. Regen war vonnöten. Die Pflänzchen hatten keine Kraft. Die Lautsprecherwagen waren fort.
Lucie öffnete das Tor.
Ein Mann stand im Hof, abgemagert, bärtig, zerlumpt, schmutzig. Lucie erstarrte.
Neun Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, nicht berührt, nur gehofft, sich nach ihm gesehnt. Jetzt, sieben Jahre nach Kriegsende, stand er vor ihr: Herbert Meerbusch.
Er kam auf Lucie zu, krallte die knochigen Finger in ihr Gesäß und zog sie in die Scheune. "Laß das", zeterte Lucie, "du tust mir weh. Nimm die Finger da weg! Hör auf!"
Willi, Elfie und Ernst verharrten wie versteinert auf dem Hof. Wenig später kam Lucie aus der Scheune. Sie zog den Rock zurecht, ordnete das Haar.
"Du hättest mich fragen können", rief sie erbost in die Scheune.
Herbert knöpfte sich im Gehen die dünne Hose zu. "Du bist meine Frau."
"Aber du hättest ein wenig warten können", schimpfte sie.
"Ich habe neun Jahre auf diesen Augenblick gewartet."
"Dann wäre es auf ein paar Minuten nicht angekommen."
"Wo wart ihr die ganze Zeit?" fragte er streng.
Lucie berichtete ihm vom Streich mit den Maikäfern und von der Volkspolizei.
Was dann geschah, ging zu schnell, als daß Lucie hätte eingreifen können. Willis Gesicht glühte von Herberts erstem Schlag. Elfie heulte und hielt sich den Hintern, Ernst krümmte sich, die Arme vor dem Bauch verschränkt. Der Vater ordnete Stubenarrest an.
Vor dem Gehöft hielt ein Streifenwagen. Zwei Volkspolizisten betraten den Hof. Als Herbert die Uniformen sah, fing er an zu brüllen: "Verlaßt sofort meinen Besitz! Oder ich hetze den Hund auf euch!"
Lump verzog sich winselnd in die Hundehütte.
"Hat das nicht Zeit", griff Lucie beschwichtigend ein, "das ist mein Mann, er ist eben aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt."
"Ich verbiete dir, mit diesem Gesocks zu sprechen", brüllte Herbert. Die Volkspolizisten fuhren fort.
Am Nachmittag hielt ein Wolga vor dem Haus. Manfred Kronbecher entstieg der rechten hinteren Tür. Er trug eine Offiziersuniform und kam allein auf den Hof.
Herbert ergriff das Brotmesser.
"Diesen Mann läßt du in Frieden", sagte Lucie bestimmt.
"Ich dulde keine Uniformen in meinem Haus", brüllte Herbert.
"Diesen wirst du dulden. Manfred Kronbecher hat uns das Leben gerettet, als du nicht da warst."
Herbert brummte und legte das Messer zurück.
Kronbecher begrüßte Lucie, die ihm ihren Mann vorstellte. Daraufhin ging er noch einmal zum Auto und holte aus dem Kofferraum eine Flasche Wodka.
Von Schnaps zu Schnaps legte sich Herberts Unmut.
"Die Sache hat sich zugespitzt", bedauerte Kronbecher.
"Aber es war doch nur ein Dummerjungenstreich", widersprach Herbert.
"Aber die haben das an die große Glocke gehängt", sagte Kronbecher. "Vielleicht, weil ihr nicht in die LPG eingetreten seid. Ihr werdet jetzt der Sabotage verdächtigt."
"Sabotage?" Herbert verlor die Fassung. "Das ist doch an den Haaren herbeigezogen! Meine Kinder sind noch keine Achtzehn ..." Das Schnapsglas zerschellte auf dem Boden.
Lucie schluchzte, putzte sich die Nase. "So tu doch was, Manfred!"
"Ich kann da gar nichts machen", bedauerte er. "Es sei eine vorsätzlich geplante und durchgeführte Sabotage gegen die LPG, heißt es. Ich bin schon froh, daß ich dich da raushalten konnte."
"Das können die den Rotznasen nicht anhängen", brüllte Herbert.
"Die Kinder sind Junge Pioniere!" sagte Manfred Kronbecher. "Weißt du, was auf Sabotage steht? Arbeitslager. Und dann findet ihr euch alle sonstwo wieder."
"Aber ich habe jedem der Gören eins hinter die Löffel gegeben, sie haben Stubenarrest. Das reicht doch." Herbert wischte sich über den Mund.
"Das reicht eben nicht", sagte Kronbecher. "Das wird ein Nachspiel haben. Belastend kommt hinzu, daß ihr euch weigert, in die LPG einzutreten."
"Was soll ich denn tun?" fragte sie verzweifelt.
"Paß besser auf sie auf", mahnte er. "Es wird Aussprachen geben. Es läuft ein Disziplinarverfahren gegen deine Kinder. Das geht von der Pionierorganisation aus."
"Aber sie kriegen jeden Tag Stubenarrest", begehrte Herbert zwischen zwei Schnäpsen auf.
"Das ist denen nicht genug", sagte Kronbecher. "Ich habe deiner Frau geholfen, soviel ich konnte. Aber hier sind mir die Hände gebunden. Es tut mir leid für euch. Willi ist wohl am meisten in der Vernehmung aufgefallen, der wird sicher daran glauben müssen."
"Wie meinst du das?" fragte Lucie besorgt. "Jugendgefängnis etwa?"
"Ich werde für ihn ein gutes Wort einlegen, aber mehr kann ich nicht tun."
In dieser Nacht fand Willi keinen Schlaf. Er hörte Herberts trunkenes Brüllen unten aus der Küche und das Weinen der Mutter. Geschirr zerbrach. Die Mutter kreischte und rannte ins Wohnzimmer, wo sie sich einschloß. Kurz darauf wummerte Herbert mit Fäusten und Füßen an die verriegelte Tür, und dann nach einer langen Pause bat er sie schluchzend um Verzeihung.
Am nächsten Morgen zog Lucie ihrem Sohn ein weißes Hemd an und knotete das blaue Halstuch. "Mach dich unterwegs nicht dreckig", mahnte sie. "Du gehst geradenwegs und ohne Umwege zur Schule und wirst dich entschuldigen."
"Aber Ernst und Elfie haben auch mitgemacht", protestierte Willi. "Wieso soll ich da allein hin?"
"Es war doch deine Idee, oder?"
Als Willi die Allee entlanglief, fuhren ihm die Lautsprecherwagen entgegen. Willi beobachtete, wie sie zum elterlichen Hof abbogen.
In Biesenthal hatte man die Pioniergruppe in der Schule zusammengetrommelt. Eine Abordnung der Mädchen war da, die beim Rübenverziehen eingesetzt waren, ihre Lehrer, die Pionierleiterin der Schule, einige von Willis Lehrern, der Direktor, die zwei Volkspolizisten, der LPG-Vorsitzende und sein Stellvertreter.
Zuerst wurde der Bericht verlesen, den der Pockennarbige angefertigt hatte.
Dann sollte Willi dazu Stellung nehmen. Angesichts der vielen Leute fühlte er sich unsicher. Aber er nahm sich zusammen. "Ich möchte mich für meine Tat entschuldigen", preßte er hervor.
Dann herrschte Stille. Gespannt wanderten alle Augenpaare von Willi zum Stellvertreter und wieder zu Willi.
"Und du denkst, mit so einer Entschuldigung ist es getan?" fragte der Stellvertreter. Er schimpfte nicht, er schrie nicht, sein Tonfall war ganz ruhig. "Durch dein unwürdiges Verhalten hast du nicht nur einen Arbeitstag verschwendet, hast du nicht nur anderen Werktätigen zusätzlich Arbeit gemacht, hast du nicht nur die Versorgung der arbeitenden Bevölkerung gefährdet, nein, du hast die Ehre der Pionierorganisation Ernst Thälmann in den Schmutz gezogen."
Willi war die ganze Veranstaltung peinlich. Der Stellvertreter forderte nun alle Schüler einzeln auf, ihre Meinung zu Willis unwürdigem Verhalten zu äußern.
"Er hat gegen die Pioniergebote verstoßen", sagte ein Mädchen. "Ein Pionier quält keine Tiere."
"Ein Pionier ärgert die Mädchen nicht, sondern er muß sie beschützen vor den Großen", meinte eine andere.
"Willi zieht uns immer an den Haaren", ereiferte sich ein Mädchen aus seiner Klasse.
Noch nie hatte Willi ein Mädchen an den Haaren gezogen, das war für einen wie ihn eine Schande. Nicht mal seine Schwester zog er an den Haaren. Doch er schwieg, weil er der Mutter nicht noch mehr Schwierigkeiten machen wollte.
"Der Willi ist in Mathe schlecht", sagte ein Junge.
"Der lügt auch manchmal", behauptete einer aus der Parallelklasse. "Und er frißt Regenwürmer."
Nacheinander äußerten sich die Schüler, kritisierten Willi, warfen ihm Dinge vor, die mit den Maikäfern nichts mehr zu tun hatten. Willi fühlte sich ungerecht behandelt, als hätte er allein die Maikäfer losgelassen, von Ernst und Elfie sprach niemand. Auf einmal zählten all seine guten Taten nichts mehr, die Altstoffsammlungen, die Timureinsätze. Doch die Atmosphäre schüchterte ihn ein. Er traute sich nicht zu widersprechen.
Dann sprachen die Erwachsenen.
Der LPG-Vorsitzende meinte: "Wilhelm Meerbusch, es fällt mir schwer, dich mit Pionier anzureden. Denn du erweist dich der Pionierorganisation nicht würdig. Statt deinen Vorbildern Ernst Thälmann oder Wilhelm Pieck nachzueifern und selbst für die jüngeren Pioniere Vorbild zu sein, hast du dich in schändlichster Weise am sozialistischen Volkseigentum vergangen. Kannst du dir vorstellen, wie es um unsere Volkswirtschaft bestellt wäre, wenn sich noch mehr Kinder so unüberlegt, ja, ich möchte beinahe sagen kriminell verhielten? Anstatt die Pioniergebote einzuhalten, erbringst du im Unterricht nur mangelhafte Leistungen. Was soll denn einmal aus dir werden? Du lernst nicht gut und hast nur Dummheiten im Kopf."
Einige Mädchen nickten und schauten Willi, den Angeklagten, vorwurfsvoll an. Ihre Blicke erinnerten Willi an die alten Frauen im Konsum, wenn sie über die schicke Pionierleiterin und ihre Männerbekanntschaften herzogen.
Willi mußte grinsen.
"Seht euch das an", keifte eine Lehrerin. "Jetzt lacht der freche Bengel auch noch! Schlimm genug, daß Willi Meerbusch die Idee hatte, unseren Arbeitseinsatz zu boykottieren, er hat auch seine Geschwister angestiftet, die allein nie auf diesen Blödsinn gekommen wären."
Willi ahnte, daß er irgendwann noch etwas sagen mußte. Aber was?
Ein Volkspolizist ergriff das Wort: "Meist fängt es ganz früh an. Oftmals merken die Kinder und Jugendlichen gar nicht, wie sie in die Kriminalität abrutschen. Kinder aus schlechten Elternhäusern fangen an zu stehlen, bald werden sie Alkoholiker und Brandstifter, manchmal morden sie auch."
Die anwesenden Kinder nickten, als kämen sie aus den besten Elternhäusern. Einige Mädchen sahen Willi angeekelt an.
Der Volkspolizist fuhr fort: "Wir wollen in unserer Republik keine Jugendkriminalität wie im Westen haben, darum müssen wir so etwas im Keim ersticken." Er zählte Beispiele aus der Umgebung auf, wo sich Kinder und Jugendliche an Volkseigentum vergriffen hätten, er sprach davon, daß jene kriminell gewordenen Elemente in Jugendhaft säßen oder sich in Arbeitslagern befänden. "Unsere junge Republik hat nicht nur äußere Feinde, die Amerikaner oder die anderen Imperialisten, nein, sie hat auch den inneren Feind, der die Erfolge aller Werktätigen unseres Landes zunichte machen will, durch Sabotage und Boykott. Aber der Arbeiter-und-Bauern-Staat wird auf das Energischste gegen diese Elemente vorgehen."
Willi konnte nicht mehr stehen, der Bauch tat ihm weh. Er biß sich auf die Lippe. Das Zuhören fiel ihm schwer. Das war ja eine richtige Gerichtsverhandlung! Dem war er nicht gewachsen. Dennoch überlegte er angestrengt, wie er sich rechtfertigen könnte. Ihm war klar, daß er Einsicht zeigen mußte. Es blieb ihm nur eins: hoch und heilig zu versprechen, von nun an ein vorbildlicher Pionier sein zu wollen. Er würde sich bereit erklären, die Hälfte seines Taschengeldes als Solidaritätsbeitrag zu spenden. Er würde auch mit dem dicken Karl aus seiner Klasse trainieren, damit der von seiner Vier in Sport herunterkäme.
Der LPG-Vorsitzende hatte unterdes das größte Geschoß aufgefahren: "Was sollen wir denn von einem Jungen erwarten, dessen Eltern sich strikt weigern, am sozialistischen Aufbau teilzunehmen? Die Mutter von Willi Meerbusch ist ideologisch einfach noch nicht reif für den Sozialismus. Sie ist unfähig, ihr Kind in sozialistischem Sinne zu erziehen."
In Willi stieg die Wut hoch. Ihm konnten sie vorwerfen, was sie wollten, aber sie sollten gefälligst die Mutter aus dem Spiel lassen, die es schwer genug hatte mit ihm und seinen Geschwistern. Und die hier im Raum konnten sich schon gar kein Urteil über seinen Vater Herbert erlauben, der erst gestern aus dem Krieg wiedergekommen war, der von der neuen LPG gar nichts wissen konnte.
"Das ist nicht wahr!" schrie er.
Der LPG-Vorsitzende räusperte sich. Er war zu weit gegangen und schlug einen freundlicheren Ton an. "Willi Meerbusch, du bist erst dreizehn Jahre alt. Wir können nur hoffen, daß bei dir noch nicht alles verloren ist."
Die Pionierleiterin, die sich bisher zurückgehalten hatte, erhob sich. "Das Vergehen von Wilhelm Meerbusch können wir nicht ungesühnt lassen. In der Diskussion ist herausgekommen, daß dieser Schüler gegen die Statuten der Pionierorganisation verstoßen hat. Ihm nur einen Tadel zu erteilen, finde ich zu gering. Wie in den Diskussionsbeiträgen herausgearbeitet wurde, verhält sich dieser Schüler nicht kameradschaftlich und hilfsbereit gegenüber seinen Mitschülern, außerdem ist er leistungsschwach im Unterricht. Ich schlage deshalb vor, Wilhelm Meerbusch aus der Pionierorganisation auszuschließen."
Die Pionierleiterin setzte sich und schaute in die Runde. Die meisten nickten, am heftigsten die Mädchen. Der LPG-Vorsitzende rief: "Ich bin dafür!"
Für Willi brach eine Welt zusammen.
Der Volkspolizist, der gesprochen hatte, wandte ein: "Wir sollten diesem Schüler aber die Chance zur Bewährung geben. Wenn er sich diszipliniert verhält und sich bessert, dann könnte aus ihm vielleicht doch noch ein nützliches Mitglied der sozialistischen Gesellschaft werden."
Der Schuldirektor ordnete an: "Das Klassenkollektiv wird sich mit Wilhelm Meerbusch auseinandersetzen. Bis Montag wird Wilhelm Meerbusch Vorschläge unterbreiten, wie er seine Schandtat wieder gutzumachen gedenkt. Ansonsten bin ich auch für einen zeitweiligen Ausschluß aus der Pionierorganisation."
Die Pionierleiterin klatschte, die anderen fielen ein. Willi fand es albern, wie sie klatschen konnten, wo er doch von den Pionieren ausgeschlossen werden sollte.
Als die Pionierleiterin ihm vor allen Anwesenden das Halstuch abnahm, kam es Willi vor, als hätte sie ihm die rechte Hand abgehackt.
Auf dem Heimweg nahm er sich vor, alles zu tun, um wieder ein Pionier zu werden. Er fürchtete, Manfred Kronbecher als Freund zu verlieren.
 
 
 
 

Willis erste Spionageaufträge in Westberlin
13 959 vor der deutschen Vereinigung

Tante Hedwig aus Berlin-Charlottenburg war jederzeit elegant gekleidet. Zu behaupten, sie wäre nur gut angezogen gewesen, träfe ihr Erscheinungsbild nicht. Als Modeschöpferin kannte sie die neuesten Trends, an denen sich in den goldenen Fünfzigern die aufstrebende Westberliner Gesellschaft orientierte. Sie registrierte jede noch so kleine modische Empfehlung an Kragenbreite und Rocklänge, Knopfgröße und neuen Stoffen, deren Farbgebung und Muster. Ihre selbstgenähten Kostüme trug sie nie sehr lange. Sie verkaufte sie manchmal schon nach Tagen, wenn der Neid ihrer Kundinnen besonders groß war.
Tante Hedwig war Lucie Meerbuschs Schulkameradin und hatte mit ihr in Biesenthal die Maßschneiderei gelernt, sich dann aber günstig verheiratet. Mit ihrem Mann Arthur war sie nach Berlin gezogen, wo sie sich nach dem Krieg selbständig gemacht hatte und allein in einer Hundertfünfzig-Quadratmeter-Wohnung mit Atelier lebte. Hier schöpfte sie ihre Modeideen, wenn sie die neu dekorierten Schaufenster der großen Kaufhäuser am Kurfürstendamm eingehend besichtigt hatte.
Ihr Mann Arthur war im Krieg geblieben, vermißt, wie es hieß, noch bevor er ihr ein Kind hatte machen können. Aber sie gab die Hoffnung nicht auf, daß er eines Tages wieder vor ihr stehen würde, wie der Mann ihrer Freundin Lucie.
Tante Hedwig in der Niebuhrstraße fünfundsechzig war auch die alljährliche Ferienadresse von Willi. Für mindestens vier Wochen durfte er zu seiner Patentante nach Berlin fahren.
Im Sommer zweiundfünfzig war für Willi der Besuch bei Tante Hedwig mit einem ganz besonderen Auftrag verbunden. Der kam von ganz oben, aus dem Ministerium, vom Genossen Manfred Kronbecher. Nach seiner öffentlichen Selbstkritik vor der Pionierorganisation könnte die ordnungsgemäße Erledigung des Auftrages Willi vom Vorwurf der Sabotage reinwaschen. Er sollte während der Ferien in Westberlin Erkundungen über die Bewohner der Niebuhrstraße einziehen. Manfred Kronbecher wollte Willi testen, inwieweit er in der Lage war, seine Umgebung genau zu beobachten.
Auf der Fahrt nach Berlin konnte Willi die Gewitterwolken sehen, die sich am märkischen Himmel zusammenbrauten. Schwüle Luft stand in der S-Bahn, mit der er von Bernau zur Friedrichstraße fuhr. Dort stieg er in die S-Bahn Richtung Potsdam um, in den letzten Wagen. Auf dem Bahnhof Savignyplatz stand Tante Hedwig, schlank, duftend, mit kirschrotem Mund, nahtlosen Nylonstrümpfen und kastanienbraunen Locken, die keß unter dem runden Hütchen hervorlugten, das natürlich zu Kostüm, Schuhen und Handtasche, alles in Marineblau, hervorragend paßte.
"Wir müssen uns beeilen", rief Tante Hedwig, statt einen guten Tag zu wünschen, "es fängt gleich an zu prasseln." Sie stöckelte voran, Willi an der Hand hinter sich herziehend, das Handtäschchen an ihre Wespentaille gepreßt. Willi trottete folgsam mit, aber er schämte sich angesichts der flotten Tante Hedwig seines provinziellen Aussehens.
Vor dem Bahnhof, in der Schlüterstraße, parkte Tante Hedwigs neues Rolux Baby, ein VB 60. Erste dicke Tropfen fielen auf die Plane, die das Innere des kleinen Flitzers vor dem Regen schützte. Der Himmel war grau wie die Hauswände, in den Pfützen schlugen die Tropfen Blasen. Die Gullys schluckten die Wassermengen nicht schnell genug, so daß die Bäche am Bordsteig anschwollen und die Hundehaufen fortspülten. Als der erste heftige Schauer vorüber war, fuhren sie durch den Nieselregen von der Schlüter- in die Niebuhrstraße, wo der Regen gerade wieder einsetzte.
Als Tante Hedwig vor der Haustür den Schlüssel aus der Handtasche kramte, quollen Geldscheine aus ihrem Portemonnaie hervor, von denen Willi seinen Blick nicht abwenden konnte. Sie lächelte und gab ihm zehn Mark. "Dein Taschengeld für diese Woche."
Willi war glücklich. Das Westgeld wollte er sparen und am Ende der Ferien Bohnenkaffee für seine Mutter kaufen, eine Puppe für Elfie, für seinen Bruder ein Matchboxauto und für Herbert eine runde Blechdose des nach Vanille duftenden Tabaks, den Tante Hedwigs Bekannter Friedhelm immer paffte.
Bei schönem Wetter erhellte das Tageslicht, das durch die Glaskuppel kam, das Treppenhaus bis nach unten. Doch jetzt war es dunkel draußen, und es pladderte so stark, daß es Willi unheimlich wurde. Willi drehte den schwarzen Lichtschalter eine halbe Runde, das Treppenlicht ging an, und der Zeitmesser schnarrte. Tante Hedwigs Kostüm war vom Regen gesprenkelt. Aus Willis Haaren troff Wasser. Noch zweimal schaltete Willi das Licht ein, ehe sie die oberste Etage erreichten. Hier unter dem Dach, wo sich die schwüle warme Luft staute, kam es Willi vor, als sei er im Affenhaus im nahe gelegenen Zoo.
Die schwere Wohnungstür fiel ins Schloß. "Herzlich willkommen in Berlin", sagte Tante Hedwig außer Atem und zog sich das marineblaue Jäckchen aus. Darunter trug sie eine hauchdünne Bluse, unter der der Büstenhalter durchschimmerte. Mit einem flauschigen, nach Parfüm duftenden Handtuch rubbelte Tante Hedwig Willis Haare trocken.
In der geräumigen Küche steckte sie eine Juno in eine silbern glänzende Zigarettenspitze. Beim Rauchen sah sie zu, wie Willi sich über die vorbereiteten Tomatenbrote hermachte und den heißen Kakao aus der Thermoskanne trank.
Willi konnte sich nicht erklären, woher der Gemüsehändler an der Ecke Leibnizstraße im Juni schon Tomaten haben konnte. Aus Teneriffa, sagte Tante Hedwig, und für Willi klang das wie ein Märchen. Tante Hedwig erklärte ihm, daß die Tomaten auf den Kanarischen Inseln ganz grün geerntet werden mußten, damit sie auf der langen Schiffsreise langsam reifen konnten. Und was machen die Händler auf den Schiffen, wenn sie von Piraten angegriffen werden? fragte sich Willi.
Jedenfalls hatte Hedwig immer Tomaten in einer Schale aus rötlichem Glas. Willi roch die Tomaten gern. Sie erinnerten ihn an den Spätsommer, wenn die Tomaten in Biesenthal auf den Fensterbrettern reiften.
Willi erzählte von seines Vaters Heimkehr nach neun Jahren, er erzählte von den Toten in Workuta, von den Briefen, die der Vater geschrieben hatte, aber nicht abschicken durfte. Hedwigs Augen röteten sich und füllten sich mit Tränen, die Wimperntusche verlief.
"Laß man", schluchzte sie. Wenn sie Kummer hatte, verfiel sie ins Berlinern. "Laß man, irgendwann kommt mein Arthur auch wieder, und dann wird alles wie früher, nur schöner."
Am liebsten hielt sich Willi im Atelier auf, einem lichtdurchfluteten Raum, in dem modeschöpferische Unordnung herrschte. Stoffballen lagen auf dem Parkett, in den Führungen der beiden Nähmaschinen klemmten unfertige Teile. Das lange Fensterbrett diente als Ablage für Schneiderwerkzeug, Scheren in allen Größen, Maßbänder, Stecknadelkissen an Armreifen. Die großen Zuschneidetische am Fenster wurden flankiert von einem schlanken Schneiderpuppentorso und einem beleibten Schneiderpuppenmann, der Arthurs Hut trug. Daneben wucherte bis zur Decke eine hohe Zimmerlinde, die Äste wurden von Angelsehnen gehalten, die an Nägeln in der Wand endeten. Unter den Tischen klemmte eine dicke Packpapierrolle, von der Tante Hedwig Bahnen abschnitt, um darauf die Schnitte für ihre neuen Modelle aufzuzeichnen. Für zahlungskräftige Privatkundinnen, die zur Anprobe kamen, standen zwei Ledersessel und ein niedriger runder Tisch im Erker bereit. An der Wand hingen lange Spiegel. Zweimal in der Woche erschienen Schülerinnen zum Schneiderkurs, Töchter betuchter Familien oder Hausfrauen, die sich allein in ihren Grunewaldvillen langweilten. Die Kurse waren mehr Plauderstündchen für die Frauen, und für Tante Hedwig bedeuteten sie eine hübsche Nebeneinnahme.
Sonst arbeitete Tante Hedwig allein. Hektik kam nur auf, wenn neue Modelle entworfen werden mußten. Das passierte, wenn ein Kaufhaus, wie zum Beispiel das KaDeWe oder ein Nobelladen wie Horn am Kurfürstendamm, die Schaufensterdekorationen wechselte. Das auszukundschaften, gehörte zu Willis Aufgaben.
Ein Dekorationswechsel kündigte sich schon im Wirtschaftshof eines Kaufhauses an. Dann stand dort ein Lieferwagen aus Neuß, aus dem die langen Garderobenständer mit den neuen Kollektionen herausgefahren wurden. Wenn Willi das am Nachmittag meldete, herrschte Aufregung im Atelier. Tante Hedwig mobilisierte telefonisch den Schneidereibetrieb Wonder und bestellte ihre beiden Gesellinnen ins Atelier, oft auch die geschicktesten ihrer Kursantinnen.
Abends nahm sie Willi mit zu den neu dekorierten Schaufenstern, wo er Schmiere stehen mußte, während Tante Hedwig in ihrem Notizbuch die entscheidenden neuen Finessen der ausgestellten Modelle skizzierte. Solcherart inspiriert, wurde sie dann selbst modeschöpferisch tätig. Sie ahmte die Originale nach, wich geringfügig von den Schnitten ab, kombinierte die besonderen Details miteinander, veränderte die Art der Nähte, so daß die Entwürfe ihrer Kleider in Fasson und Farbe dem neuen Trend entsprachen, aber keine Kopien waren.
Zusammen mit den unterdes im Atelier eingetroffenen Frauen arbeitete sie die ganze Nacht hindurch. Nach ihren Skizzen wurden auf dem Packpapier die Schnitte für die gängigsten Größen gezeichnet. Männer aus dem Schneidereibetrieb schleppten Stoffballen in die Wohnung.
Bis zu fünfzehn Stoffbahnen wurden übereinandergelegt. Tante Hedwig schnitt mit einer Motorschere die Kleiderteile heraus. Willi versorgte die Frauen mit Kaffee, Zigaretten und Früchten. Er suchte im Radio Sender, die Musik spielten, oder bestückte das Grammophon im Wohnzimmer mit Schallplatten. Die Männer spielten einstweilen in der Küche Karten.
Gegen drei Uhr nachts wurden die zugeschnittenen Teile in speziell gefertigten Kartons von den Männern hinuntergeschleppt und nach Westend, in die Nähe des Olympiastadions, zum Schneidereibetrieb Wonder gefahren, wo dann bis zum Morgen etwa fünfzig Näherinnen unter Tante Hedwigs Anleitung und Aufsicht die Kleider zusammennähten.
Wenn morgens die großen Kaufhäuser öffneten, waren bei der Konkurrenz nahezu die gleichen Modelle zu haben, nur preiswerter.
Dann kam Tante Hedwig nach Hause. Willi war längst inmitten der Stoffreste eingeschlafen. Tante Hedwig öffnete eine Flasche Champagner und prostete ihrem Arthur zu, der in Uniform aus einem Bilderrahmen lächelte.
"Ja, ja", sagte sie zu Willi, der im Schlaf schniefte, "Ideen und Kreativität sind das A und O im Leben."
Tante Hedwig ahnte nichts von dem Auftrag, den Willi in diesem Jahr für Kronbecher auszuführen hatte. Morgens war die Luft in der Niebuhrstraße angenehm kühl. Doch schon mittags hatte die Sonne die hellen Häuser wieder aufgeheizt. Neue Hundehaufen lagen auf dem Gehweg, und der Hausmeister warf Kalk an die Hauswand, damit die Hunde nicht dranpinkelten.
Willi kaufte sich ein dickes Schulheft. Mit dem Heft in der Hand traf er Karl, seinen Ferienfreund, und dessen Bande, vier Jungen aus der Niebuhrstraße.
Karl lästerte: "Machst du in den Ferien etwa Schulaufgaben?"
"Ich muß was herausbekommen", gab Willi gelassen zurück.
"Und was?" fragte der stupsnasige Heinz.
"Ein Geheimnis." Willi wollte ins Haus, aber Karl hielt ihn am Ärmel fest.
"Was für ein Geheimnis?" fragte er.
Willi zeigte ihm einen Vogel. "Wenn ich es dir verrate, ist es ja kein Geheimnis mehr."
Karl merkte, daß er so nicht weiterkam. "Eine Runde Poker heute nachmittag?" Er holte aus der Hosentasche einen Stapel Kärtchen, ausgeschnittene Vorderseiten von Zigarettenschachteln. "Ich habe eine Menge davon", prahlte er und fächerte die Karten auf, "R6, Juno, HB, Rothändle, Ernte 23, Golddollar, Overstolz, sogar Astor ..."
Willi selbst hatte schon sechsundzwanzig Karten gesammelt, von Tante Hedwig die Junokarten, aus den Abfalleimern auf den S-Bahnhöfen Bernau und Friedrichstraße die anderen. Außerdem hatte er sich aus russischen Papirossy-Schachteln Pokerkarten ausgeschnitten, und die konnte keiner vorweisen. Willi Meerbusch hatte sie sich von Manfred Kronbecher schenken lassen. Aber jetzt hatte er keine Zeit für einen Zigarettenpoker. Er vertröstete die Jungen auf den Nachmittag.
Tante Hedwig war mit Familie Wonder in die Modestadt nach Düsseldorf zu einem Messegespräch gefahren. Willi sollte alle zwei Stunden nach ihrem Sportwagen schauen, der vor der Haustür in der Niebuhrstraße parkte. Dafür bekam er extra Taschengeld. Beneidet von den Jungen der Bande, lümmelte sich Willi in dem kleinen Flitzer auf der durchgehenden Sitzbank, drehte am Lenkrad, er brummte dabei wie ein Motor und ahmte Tante Hedwigs Fahrstil nach.
In der Zwischenzeit hatte er das Atelier für sich. Er schnitt einen Bogen Packpapier ab und begann die einzelnen Grundstücke der Niebuhrstraße aufzuzeichnen, wie er es bei Manfred Kronbecher gelernt hatte. Er zeichnete die Linden ein und die Hydranten, die Gullys und die Straßenlaternen.
Am Nachmittag wartete Karls Bande schon ungeduldig vor der Haustür auf ihn. Während die Jungen mit ihrem Reichtum an Murmeln und Zigarettenkarten prahlten, fuhr ein Sprengwagen der Straßenreinigung vorbei und spritzte Wasser unter die parkenden Autos. Die kreisenden Bürsten nahmen Staub und Papier mit. Das verspritzte Wasser dampfte auf den heißen Pflastersteinen, feinste Staubpartikel schwebten durch die Luft. Es dauerte nicht lange, und die Straße war trocken wie zuvor.
Ziel des Zigarettenpokers war es, so viele Karten wie möglich zu bekommen. Die Spieler nahmen ihre Karten in die Hand, die unbedruckte Seite nach oben. Der erste Spieler deckte eine Karte auf und legte sie in die Mitte, dann ringsum die anderen. Wer dieselbe Karte aufdeckte wie sein Vordermann, dem gehörte der ganze Stapel, der sich bis dahin angesammelt hatte. Manchmal waren es fünf Karten, manchmal aber auch zwanzig und mehr, so daß die Spannung der Jungen bis aufs äußerste stieg.
Um die Papirossy-Karten wurde Willi beneidet. Die waren so begehrt, daß sie von den Jungen zum Joker ernannt wurden. Willi schummelte geschickt. Weder Karl noch die anderen der Bande merkten, daß er nicht immer seine Karten von unten aufdeckte. Da nur Willi Papirossy-Karten besaß, hatte er bald den größten Kartenstapel gewonnen, ohne einen der Joker eingebüßt zu haben.
Bei einem seiner täglichen Schaufensterrundgänge am Kurfürstendamm kam ihm eine Idee, wie er sich bei der Erledigung seines Auftrages von der Niebuhrstraßenbande helfen lassen konnte. Er durchsuchte die Papierkörbe vor den Schuhgeschäften nach weggeworfenen Herrenschuhen, bis er einen abgelaufenen Stiefel fand. In Hedwigs Atelier präparierte er eine alte Zeitung: Er zerknüllte und beschmutzte sie, bis es so aussah, als hätte die Zeitung tagelang auf der Straße gelegen. Dann beschmierte er die Stiefelsohle mit feuchter Blumenerde und drückte sie auf das Papier, als sei jemand daraufgetreten. Der Schuhabdruck sah echt aus. Alsdann wartete Willi auf eine Gelegenheit, der Bande von seinem Geheimnis zu erzählen.
In den nächsten Tagen beobachteten die Jungen der Bande neugierig, wie Willi die Namen aller Bewohner der Niebuhrstraße, nach Hausnummern geordnet, in das Schulheft schrieb.
"Können wir nicht mitmachen bei deinem Geheimnis?" fragte Heinz, der Stupsnasige.
Willi schüttelte den Kopf. Heinz zog einen Flunsch. Karl drohte: "Dann spielen wir nicht mehr mit dir."
"Dann behalte ich meine Joker." Willi blätterte geschäftig in seinem Heft.
"Die Joker sind sowieso blöd", maulte Heinz. "Wir kriegen ja nie welche."
Willi bedauerte, daß Heinz den Trick mit den Jokern durchschaut hatte. Doch er ließ sich nichts anmerken, sondern griff in die Tasche und schenkte jedem der Bande eine Papirossy-Karte.
Jeden Abend führte Willi Buch über die parkenden Autos in der Straße. Bald konnte er die Gastparker von den Dauerparkern unterscheiden. Zwölf Autos gehörten in die Niebuhrstraße, Hedwigs Flitzer eingeschlossen.
"Einer in der Straße ist der Mörder." Mit diesem überraschenden Satz eröffnete Willi am nächsten Nachmittag den Zigarettenpoker. Die Jungen schauten ihn fragend an. Willi genoß die Spannung, die er ausgelöst hatte. "Ich bin dabei, den Mörder zu finden." Willi erzählte die Erich-Kästner-Geschichte von Emil und den Detektiven, umgemünzt auf die Niebuhrstraße. Er zeigte den Jungen den Schuhabdruck. Nachdem Willi seine schillernde Beschreibung beendet hatte, glaubte die ganze Bande an ein Verbrechen.
"Wie willst du denn den Mörder finden?" fragte Karl.
"Durch Logik", erklärte Willi. "Zur Zeit bin ich noch dabei, alle Informationen aus der Straße zu sammeln, danach erst kann man kombinieren, wer der Mörder ist. Man kann ihn durch Indizien überführen."
"Richtig wie Sherlock Holmes?" Heinz war Feuer und Flamme.
Willi holte bedächtig Luft. "Ihr könnt mir helfen", bot er an. "Wir müssen alles, was in der Straße passiert, erfahren. Man muß Augen und Ohren offenhalten, das kleinste Detail kann ein Hinweis sein. Aber zu niemandem ein Wort, auch nicht zu euren Eltern", mahnte er. "Der Mörder darf nichts merken. Schwört ihr das?"
Die Jungen legten die Hände auf den Kartenstapel und schworen Stillschweigen.
Zum Zigarettenpoker kamen sie in den Tagen darauf nicht. Das Zusammentragen von Indizien nahm ihre ganze Zeit in Anspruch. Sie standen an den Hauswänden und beobachteten die andere Straßenseite. Sie kletterten auf die Mauer des Umspannwerkes und schauten in die erleuchteten Fenster. Sie verfolgten die Bewohner der Niebuhrstraße zur Post in der Leibnizstraße, zum S-Bahnhof Savignyplatz und zum Einkauf. Sie schlichen durch die Hausflure und lauschten an den Türen.
Willi listete die Informationen in seinem Schulheft auf. Er erfuhr, worüber sich die Menschen unterhielten, was sie privat und beruflich taten, wer mit wem verstritten war, wer wo wie oft und was einkaufte, wie die Wohnungen eingerichtet waren. Es ergaben sich erste Verdachtsmomente. Mal sprach alles dafür, daß der Hausmeister der Mörder war, mal der Gemüsehändler, mal der Lehrer aus dem Eckhaus zur Wielandstraße. Nahezu jeder männliche Bewohner in der Straße machte sich irgendwann verdächtig. Doch Willi wollte auch über die Frauen etwas erfahren. "Und wenn der Mörder eine Mörderin ist, die sich verkleidet hat?" Willis Frage löste eine neue Informationsflut aus.
Zur Belohnung für seine Aktivitäten als Modespion besuchte Tante Hedwig mit Willi an den Wochenenden den Zoo, wo er unter ihrer Anleitung Nashörner zeichnete. Oder sie fuhren mit der S-Bahn zur Regattastrecke nach Grünau oder zum Wannseestrandbad.
"Pack die Badehose ein, und dann nichts wie raus zum Wannsee", sangen Willi und Tante Hedwig an diesem Morgen um fünf Uhr. Zwei Stunden später, Punkt sieben, wenn das Strandbad am Wochenende seine Pforten öffnete, konnten sie noch einen Strandkorb mieten, für sieben Mark am Tag.
Manchmal kam Friedhelm, Tante Hedwigs Bekannter, mit zum Wannsee. Dann konnte es vorkommen, daß Tante Hedwig Willi fragte: "Möchtest du nicht schwimmen gehen?" Sie tat das in einem Ton, der ihm eindeutig zu verstehen gab, daß er verschwinden sollte. Folgsam schraubte er auch dieses Mal das Glas mit den Buletten und dem Kartoffelsalat zu, leckte die Gabel gründlich ab und schwamm zum blauen Niveaball, der noch im Nichtschwimmerbereich verankert war. Der Niveaball faszinierte ihn. Der war so groß, daß man auf ihm herumklettern konnte. Von dort aus beobachtete Willi, wie Tante Hedwig in all ihrer Grazie im Strandkorb residierte. Friedhelm, der zu ihren Füßen im Sand lag, redete auf sie ein. Sie nickte ab und zu.
Als Willi aus dem Wasser kam, pfiff Tante Hedwig ihren Bekannten wütend an: "Wenn mein Mann nach Hause kommt, dann verpißt du dich, Friedhelm."
"Der kommt nicht wieder", sagte er bestimmt.
"Der Mann meiner Schulfreundin ist letzten Monat auch wiedergekommen, nach neun Jahren!" Sie trocknete Willi mit einem ihrer duftenden Handtücher ab. "Willi, erzähl' meinem Bekannten, wie es war, als dein Vater wiederkam!"
Willi gehorchte. Er wollte Tante Hedwig gefallen, darum berichtete er, wie Lucie jedem Annäherungsversuch von Max Schmalbach widerstanden hatte und malte dabei dessen Anzüglichkeiten bunt aus. Er erzählte, wie sie die Hoffnung nicht aufgegeben hatte und wie Herbert urplötzlich vor dem Hof stand.
"Da hast du es", sagte Hedwig schnippisch. Sie gab Willi fünf Mark. "Bringst du mir eine Bockwurst mit?"
"Du wirfst mit dem Geld um dich", kritisierte Friedhelm, "der Junge verliert doch jeden Bezug zum Leben!"
"Im Gegensatz zu dir habe ich genügend Geld", triumphierte sie. "Und Willi ist mein Gast. Schließlich ist Geld zum Ausgeben da, es kurbelt die Wirtschaft an, wie du selbst sagst." Sie gab Willi noch einmal fünf Mark. "Das Geld ist ja nicht weg", sagte sie lachend, "es hat nur ein anderer. Kauf dir auch Eis oder Schokolade."
Friedhelm kam abends mit zu Tante Hedwig und blieb über Nacht. Sie bauten das Schachspiel auf. Während Friedhelm Gambit, Rochade und den Schäferzug erklärte, legte Tante Hedwig immer wieder ihre Lieblingsplatte mit dem Kaiserwalzer auf, den ganzen Abend lang. Der Kaiserwalzer wurde Willis Lieblingsmusik.
Friedhelm war Abteilungsleiter im Westberliner Senat.
"Ich hab ein neues Bild für dich", kündigte er an.
"Bring's mit", entgegnete Tante Hedwig, die in ihrem luftigen Kleidchen wie eine Fee durch das Atelier schwebte.
"Das Bild ist von einem gewissen Kurt Schönholz, der in der nächsten Woche eine Ausstellung in der Paulsen-Galerie hat", erzählte er. "Stand heute in der 'Morgenpost'."
Tante Hedwig wußte nicht, daß sich Friedhelm die Originale aus dem Kunstkeller des Sozialamtes besorgte. Um Westberliner Künstler zu unterstützen, kauften die Sozialämter regelmäßig von ihnen geschaffene Werke, die dann in den Amtsstuben aufgehängt wurden. Friedhelm ließ ab und an welche mitgehen. Tante Hedwig fragte nicht, woher die Gemälde stammten. Sie hängte sie im Atelier auf, und wenn eine ihrer Kundinnen Interesse für ein Bild zeigte, verkaufte sie es und profitierte vom Geschäft mit einer Provision.
Am Tag vor seiner Heimreise ging Hedwig mit Willi einkaufen. Für seine Schwester Elfie kaufte er eine Puppe, für Ernst zwei Matchboxautos. Hedwig suchte für Lucie Seife, Unterwäsche, Nylonstrümpfe und Kaffee aus. Sie dachte auch an Max und Herbert. Für den einen kaufte sie Tabak, für den anderen eine Flasche Cognac. Willi bekam einen Zauberkasten, den er sich heimlich gewünscht hatte. Tante Hedwig steckte ihm fünf Zehnmarkscheine zu, die er Lucie mitnehmen sollte. Aus dem Atelier durfte Willi Stoffreste für Elfies Puppenkleider mitnehmen.
Willi bestellte die Niebuhrstraßenbande an diesem Abend in die Nummer fünfundsechzig, kurz vor acht Uhr, bevor die Haustür abgeschlossen wurde. Er ließ die Jungen unten an der Treppe warten, stieg hinauf in den vierten Stock und warf seinen ganzen Besitz von vierhunderteinundachtzig Zigarettenkarten hinunter. Die Karten segelten überall auf die Treppen, und Willi beobachtete von oben, wie sich die Jungen um die Pokerkarten prügelten.
"Und was ist nun mit dem Mörder?" rief Karl durch das Treppenhaus. Die anderen zählten ihre Karten, vor allem die Joker, die sie ergattert hatten.
"Er wohnt nicht in der Niebuhrstraße", rief Willi herab.
"Woher weißt du das?" fragte Heinz.
Doch Willi hatte die Wohnungstür schon geschlossen. Der Hausmeister verscheuchte die Kinder.
Tante Hedwig fuhr Willi am nächsten Morgen zur S-Bahn. Auf dem Bahnsteig bleute sie ihm ein, wo er umsteigen mußte, gab ihm einen Kuß und winkte dem abfahrenden Zug hinterher. Die Reisetasche war schwer.
Max Schmalbach holte ihn in Bernau vom Bahnhof mit seinem Motorrad ab. Zu Hause packte er die Kostbarkeiten aus dem Westen aus. Herbert trank an diesem Abend die halbe Flasche Cognac leer. Später hörte Willi, wie sich seine Eltern bis in die Nacht hinein stritten.
 
Manfred Kronbecher lobte Willi für seine Arbeit. Er hatte eine Zeichnung erwartet und eine Namensliste. Daß er aber von einem Dreizehnjährigen ein vollständiges Soziogramm einer Straße geliefert bekam, verblüffte ihn. Diesen Meerbusch würde er im Auge behalten.

3. Kapitel