Ankunft der Pandora
Ein Roman von Kerstin Jentzsch
1. KAPITEL
Prolog
242 Tage deutscher Einheit
Willi Meerbusch war tot.
Das Taxi, in dem seine Tochter Lisa saß, kroch die Serpentinen hoch.
Links die aufragenden rotbraunen Felsen, rechts eine kniehohe Mauer und
dahinter der Abgrund. Die Straßendecke war vom häufigen Steinschlag
arg beschädigt, heruntergestürzte Felsbrocken hatten Teile der
Randbegrenzung weggerissen.
Iannis fuhr die Kurven weit aus. Er schwitzte und schimpfte über die
Schlaglöcher im Asphalt und über die Regierung, die es aufgegeben
hatte, die Straße auszubessern.
Lisa Meerbusch war auf dem Weg zurück nach Deutschland. Von dem Dorf, das
an der Südküste Kretas lag, war sie im letzten Dezember gastlich
aufgenommen worden, und nachdem sie mit dem dicken Vangelis vor sieben Monaten
auf ihren vierundzwanzigsten Geburtstag anstieß, hatte sie geglaubt, in
die dörfliche Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein. Jetzt, am zweiten
Juni neunzehnhunderteinundneunzig, erzwang der Tod ihres Vaters die
Rückkehr. Dem Zeitungsbericht zufolge war Willi Meerbusch am
dreißigsten Mai in Alexandria ermordet worden.
Lisa Meerbusch blickte wehmütig auf die schroffe, rotbraune Landschaft mit
dem spärlichen Gelbgrün verdorrter Büsche, auf die
Krüppelkiefern in den Schluchten und auf das silbergraue Meer unter ihr,
das am Horizont in den Himmel überging.
Diese Landschaft hatte ihre Heimat werden sollen, doch sie war die Fremde im
Dorf geblieben. Nicht ihrer langen blonden Locken und ihrer schlanken Figur
wegen hatten die Einheimischen sie auf Distanz gehalten. Zu einer Kreterin, die
sie hatte werden wollen, gehörte mehr, als ein paar griechische Sätze
sprechen zu können oder es auf der Insel romantisch zu finden. Sie war
hier nicht verwurzelt, und auch ihr griechischer Geliebter Wassili konnte
dieses Manko gegenüber den Dorfbewohnern nicht wettmachen. Lisa
betrachtete ihr schmales Gesicht im Rückspiegel. In der gebräunten
Haut wirkten ihre übernächtigten und verheulten Augen gespenstisch.
Der Fahrtwind verfing sich in ihrem Haar, das die Sonne fast zu Weiß
gebleicht hatte.
Sie erinnerte sich an die Fahrten über den zweitausend Meter hohen
Paß. Im Linienbus. In der letzten Reihe sitzend, hatte sie die Gefahr
genossen, wenn das Heck in den Rechtskurven über der Schlucht schwebte.
Die einspurigen Geraden zwischen den Kehren waren an einigen Stellen für
Ausweichmanöver verbreitert. Auf einer dieser Flächen hielt Iannis
an. Das tat er immer, stets am gleichen Ort. Als Lisa das erste Mal mit ihm
über den Paß in den Norden Kretas gefahren war, hatte er ihr hier
voller Inbrunst von seinem Vorfahren erzählt, von Dimitri Papadopoulos,
dem Partisanen: "Hier oben hat sich Dimitri versteckt, und unten im Tal
kamen die türkischen Banditen. Er allein gegen vierzig Türken! Und er
hat sie alle in die Flucht geschlagen. Er allein hat das Dorf gerettet! Das Tal
war voller türkischer Leichen."
"Und wann war das?" hatte sie damals interessiert gefragt.
"Am zwölften September achtzehnhunderteinundzwanzig." Iannis zog
seinen Revolver aus dem Hosenbund, wickelte ihn in einen öligen Lappen und
versteckte ihn im Kofferraum unter dem Ersatzrad. Eine Waffe zu besitzen, war
verboten, und im Norden gab es strenge Polizeikontrollen. Unten im Dorf war
jeder Mann bewaffnet, aber dorthin traute sich die Polizei nur im Schutz des
Militärs, wenn es um Grundstücksstreitigkeiten ging oder um
Rauschgifthandel.
Wenn Iannis gut gelaunt war, ließ er sich von seinen Fahrgästen mit
gezücktem Revolver fotografieren. Als Gegenleistung verlangte er
Abzüge der Fotos. In seinem Restaurant zierten diese Revolverfotos eine
ganze Wand. Im Winter, wenn keine Touristen im Dorf waren, schoß Iannis
mit Vorliebe auf streunende Katzen. Lisa mochte den Revolver nicht.
Tief unter ihnen, vielleicht eine Viertelstunde Fahrt zurück, bewegte sich
ein weißer Punkt über das Asphaltband. Dem weißen Punkt folgte
ein roter. Durch ihr Fernglas erkannte Lisa das rote Pritschenauto, in dem
Wassili mit Männern aus dem Dorf zur Hochebene fuhr. Er fuhr sehr schnell,
schnitt gefährlich die Kurven und hupte ständig, um den Gegenverkehr
zu warnen. Es waren hauptsächlich Busse, die hinunter zum Meer fuhren, wo
sie Tagesausflügler abholten und dann über den Paß zurück
zur Nordküste brachten.
Wassili, der Fischer, war von Dezember bis zum Frühjahr ihr Geliebter
gewesen. Mit ihm war sie oft aufs Meer gefahren, manchmal auch zur Insel
Gavdos, deren Konturen sich am Horizont abzeichneten. Wassili überholte
den hellen Punkt, einen weißen Ford.
Lisa drängte zur Weiterfahrt, sie erinnerte Iannis an die Abfahrt des
Schiffes im Hafen von Souda. Das Getriebe des Taxis knirschte, als Iannis den
Gang einlegte. Blaugraue Wolken quollen aus dem Auspuff. Die Serpentinen wurden
steiler, bald dampfte der Kühler.
Seit einer halben Stunde wußte Lisa, daß Willi ihr richtiger Vater
war. Ihre Finger umklammerten seinen Brief. Wieder und wieder las sie die
Zeilen. Willi bat sie, nicht zu fragen, warum sie das erst jetzt erfuhr, denn
die Antworten würden weh tun. Er wollte mit ihr, seiner Tochter,
Champagner trinken, wenn er aus Ägypten zurückkäme. Ihre Mutter
Elke sollte auch dabeisein. Vater, Tochter, Mutter zusammen an einem Tisch.
Keine Heimlichkeiten mehr. Keine Lügen.
Nein. Nie wieder konnte Lisa mit ihrem Vater Champagner trinken, an keinem Ort
der Welt.
Bis vor einer halben Stunde hatte sie geglaubt, sein älterer Bruder Ernst
Meerbusch sei ihr Vater. Ernst Meerbusch hatte ihr sozialistisches
Bewußtsein anerzogen und Loyalität dem Staat gegenüber
abverlangt. Seinen Anordnungen war sie nur unwillig gefolgt. Ernst Meerbusch
war in der DDR einer der Richter gewesen, die für Zwangsadoptionen und
Inhaftierung Ausreisewilliger verantwortlich zeichneten. Er war
autoritätsgläubig und trug diese Autorität in seine Familie
hinein. Sie mußte ihn "Vati" nennen.
Willi hatte ihr die väterliche Wärme gegeben, nach der sie sich
sehnte und die sie bei Ernst Meerbusch vermißte. Aber Willi durfte nur
ihr Onkel sein. Bis jetzt. Bis sie vor einer halben Stunde die Wahrheit
erfuhr.
Lisa spürte noch seine Umarmung. Ein paar Tage war das her. Willi hatte
sie auf Kreta besucht. Er hatte ihr gestanden, bei der Staatssicherheit
gearbeitet zu haben. Doch der Staat, der gesichert werden sollte, existierte
nicht mehr.
Lisa fühlte sich alleingelassen.
Ein staubiger grasgrüner Touristenbus schob sich hupend zwischen Felswand
und Taxi vorbei. Die Hitze des Motors kam durch die offenen Fenster, Ruß
verpestete die Luft, es war der Geruch von Städten, Autobahnen, von
Zivilisation.
Wassili war neun Kehren unter ihnen, der weiße Ford lag vier Kehren
zurück. Noch zweihundert Meter an Höhe, dann hatten sie das obere
Bergtal erreicht.
Was soll ich bloß antworten, wenn mich jemand nach meinem Vater fragt?
dachte sie. Der eine nannte sich Sozialist und hat mich erzogen, aber der war
ein Feigling, dem das Lob der Partei wichtiger erschien als das Schicksal eines
Menschen, über den er zu richten hatte. Und der andere, den ich geliebt
habe, der mich geprägt hat, war ein Wirtschaftskrimineller. Aber ich habe
mit dem Leben meiner Väter nichts zu tun! Ich bin dafür nicht
verantwortlich! Ich lebe mein eigenes Leben! Ein Makel haftet an mir, für
den ich nichts kann. Genausowenig kann ich etwas dafür, daß ich eine
Ostdeutsche bin. Nein, ich war DDR-Bürgerin, und jetzt bin ich eine
Deutsche. Jeder im Dorf hat mich als Deutsche angesehen. Es gibt keinen Grund,
das Ostdeutschsein als Makel zu empfinden. Aber ich bin das Kind dieser beiden
Väter.
Durchdringendes Hupen in kurzen Stößen kam rasch näher. Ein
Laster raste, die ganze Breite der Kehre einnehmend, dem Taxi von oben
entgegen. Iannis mußte scharf bremsen und würgte dabei den Motor ab.
Als der Staub sich verzogen hatte, standen sich Laster und Taxi Kühler an
Kühler gegenüber. Iannis fluchte, ballte die erhobene Hand und
brüllte. Der andere Fahrer brüllte zurück. Die Zündung
streikte. Iannis ließ seinen Wagen einige Meter zurückrollen auf die
Randbefestigung zu. Etliche Steine spritzten unter den Reifen in die Schlucht,
die hier eintausendachthundert Meter steil abfiel. Der Laster fuhr
millimetergenau an ihnen vorbei.
Wassili war nur noch vier Kehren entfernt. Der weiße Ford holte auf.
Iannis und der Motor atmeten auf, als die Hochebene erreicht war. Im saftigen
Grün der Felder, vom Silbergrau der Olivenhaine umstanden, drängten
sich drei Dörfer um ihre Kirchen. Im mittleren Dorf, das sich an einen
sanften Hügel schmiegte, wohnte Papa Iorgo, der die Gegend mit
Thymianhonig versorgte.
Der rote Pritschenwagen überholte das Taxi. Wassili hupte, die Männer
grölten, winkten und schossen Lisa zu Ehren in die Luft. Dafür liebte
sie diese rauhen Kerle. Bevor Wassili rechts zu seiner Rakibrennerei im
mittleren Dorf abbog, bremste er Iannis aus. Der fluchte und lachte zugleich,
ohne die Hupe loszulassen.
Der weiße Ford war zurückgefallen. Lisa erkannte durchs Fernglas
zwei Männer darin.
Kurz vor dem Dorf Imbros winkte der Wirt des Kafeneons. Als Iannis stoppte,
reichte der Wirt einen Ziegenkäse durch das Fenster, der in ein feuchtes
Leinentuch eingewickelt war. Iannis stieg aus und bedankte sich. In dem Moment
zwängte sich ein Touristenbus durch die rechtwinklige Kurve. Von hinten
preschte ein Motorrad heran. Iannis wollte gerade losfahren, als das Motorrad
ihn in einem gewagten Schlenker überholte und knapp vor dem Bus
einschwenkte. Lisa kniff die Augen zusammen. Iannis' Flüche gingen unter
im Geknatter des Motorrads. Ächzend und puffend fuhr der Bus vorbei. In
der nächsten Sekunde war der weiße Ford mit ihnen auf gleicher
Höhe. Der Beifahrer starrte Lisa an. Lisa hatte das Gefühl, diesen
Mann schon einmal gesehen zu haben. Ein Stich durchfuhr sie. Ihr Körper
erinnerte sich.
Der Hafen von Souda wimmelte von Leuten. Laster, Busse, Autos kamen nur
langsam voran. Fischgeruch vermengte sich mit menschlichen Ausdünstungen,
mit dem Gestank trocknender und faulender Algen und aufgeheizten
Motorenöls. Die Nachmittagssonne brannte auf das dunkle Dach von Iannis'
Taxi. Kein Lüftchen wehte.
Der stechende Schmerz in ihrem Körper und ein seltsames Schamgefühl
beschäftigten Lisa. Woran erinnerte sie der Mann in dem weißen
Ford?
Ein Lorry, beladen mit silbernen Fischen unter einem Netz, zwängte sich in
die Lücke vor dem Taxi. Der Fischgeruch wurde von Minute zu Minute
unerträglicher. Iannis steckte sich die dritte Zigarette zwischen die
Lippen. Er hatte es eilig. Bei seiner hochschwangeren Frau konnten jeden
Augenblick die Wehen einsetzen. Der Schornstein des Fährschiffes Minos mit
dem Lilienprinzen darauf war schon zu sehen. Das Schiff lag am
übernächsten Kai, zu weit für Lisa mit all ihrem Gepäck.
Lisa dachte an ihre Mutter Elke, die mit den Frauen aus ihrer
Zeitschriftenredaktion durch Kreta reiste und die Überreste der minoischen
Kultur besichtigte - die Paläste von Knossos, Kato Zakros und von Malia.
Elke war der felsenfesten Überzeugung, daß Minos kein König,
sondern eine Königin gewesen sein mußte, und der Lilienprinz eine
Prinzessin. Elke glaubte an ein Matriarchat auf Kreta vor viereinhalbtausend
Jahren. Ob es die Statuette der Schlangengöttin im Archäologischen
Museum von Heraklion war oder minoischer Goldschmuck, ob es
Gebrauchsgegenstände oder die Ruinen der Bäder in den Palastanlagen
waren, in allem sah sie Beweise für ihre Theorie.
Mit Willi war nicht nur Lisas Vater gestorben, sondern auch Elkes erster
Geliebter. Lisa wußte nicht, ob Elke schon von Willis Tod erfahren hatte.
Wieder dieses stechende Gefühl im Körper.
Im Stau ging es wieder einige Meter vorwärts. Noch etwa zweihundert Meter
bis zum Schiff Minos. Nervös trommelte Iannis mit den Fingern auf das
Lenkrad. "Ramoto", fluchte er hin und wieder. Bei einem Griechen
kommt dieser Fluch aus dem Bauch und wird so häufig in den Mund genommen
wie bei Engländern das Wort "fuck".
Ein Bananenverkäufer fuhr vorüber. Mit einem Lautsprecher verschaffte
er sich im Hafenlärm Gehör. Lisa fragte sich, warum er hier
ausgerechnet Bananen aus Übersee verkaufte und nicht die kleinen
zuckersüßen, die auf den Plantagen im Süden Kretas wuchsen.
Ungeduldig ließ Iannis den Motor aufheulen. Kurz darauf brach er aus der
Blechschlange aus, hupte sich den Weg zwischen den Fußgängern frei
und fuhr im Zickzack durch die Menge zur hohen Außentreppe der Minos.
Lisa beförderte ihre Teddytasche vom Sitz auf die heißen, mit
Ölflecken übersäten Betonplatten. Iannis stellte Rucksack und
Reisetasche aus dem Kofferraum daneben.
Aus den Augenwinkeln nahm Lisa plötzlich den weißen Ford wahr, der
keine zehn Meter von ihr entfernt auf der anderen Seite der Treppe anhielt. Sie
duckte sich und beobachtete, wie der beleibte Beifahrer umständlich
ausstieg. In seiner Sonnenbrille spiegelten sich die Bilder, die seine Augen
einfingen, die Menschen und Fahrzeuge, die in den Schiffsbauch strömten,
der leicht bewölkte Himmel. Unter dem runden, geröteten Gesicht
wackelte ein Dreifachkinn wie bei einem Pelikan der Futtersack. Obwohl er das
bunte Hemd zur Hälfte aufgeknöpft hatte, schien er sich darin beengt
zu fühlen. Der Bauch hing über dem Gürtel, der dünne Stoff
spannte. Der Mann wischte sich mit einem Taschentuch über die Halbglatze
und lachte. Es war ein gemeines Lachen wie nach einem zotigen Männerwitz.
Dieses Lachen kannte Lisa, sie hatte es schon einmal gehört. Eine
unbestimmte Angst überkam sie. Lisa war, als hätte sie ihr ganzes
Leben vor einem Kerl wie diesem Angst gehabt. Und dann stand Zinnowitz vor
ihren Augen, der Badeort auf Usedom, wohin Willi sie als Zwölfjährige
mit in die Ferien genommen hatte. Lisa erinnerte sich, wie dieser Kerl am
Strand auf sie zugekommen war. Sie fühlte seine fleischige Hand auf ihrer
Haut, wie diese Hand nach ihr griff, wie derb sie zupackte. Ihr war, als
wäre sie wieder zwölf, und dieser Kerl war viel stärker als sie.
Alles Kratzen und Treten half nichts, er hob sie auf seine Schulter, so leicht,
als sei sie eine Puppe. Ein Krampf im Unterleib. Als passierte es jetzt noch
einmal. Sie roch den Bierschweiß, seine Finger wühlten in ihrer
Bikinihose, sie gierten nach ihrem Geschlecht und bohrten sich hinein. Und sie
hörte das Lachen, dieses fette Lachen.
Langsam schälte sich ein Name aus diesen Erinnerungen: Hugo wurde der Kerl
von Willi und seinen Kollegen gerufen, Hugo, das war der Spitzname. Der Kerl
hieß Hugosch, Dieter Hugosch.
Doch Lisa war sich nicht sicher, ob dieser Kerl hier tatsächlich Hugosch
war, denn immerhin waren zwölf Jahre seit Zinnowitz vergangen. Er
könnte es aber sein. Warum schaute er so oft zu ihr herüber? Wollte
er sich ihr Gesicht einprägen? Willi war tot, und dieser Kerl verfolgte
sie seit über einer Stunde.
Panik ergriff sie. Hugosch kannte sich aus auf Kreta, er wußte, daß
nur ein Weg vom Dorf zum Hafen von Souda führte. Flehend schaute sie
Iannis an. Solange er in ihrer Nähe war, glaubte sie sich in Sicherheit.
Doch sie konnte ihn nicht länger aufhalten. Er hob die Augenbrauen und
schaute auf die Uhr. Lisa zitterte, als sie ihm das Geld gab. Er lächelte
und machte eine Bemerkung über den gestrigen Abend, an dem Lisa
sternhagelvoll gewesen sei. Ach ja, der letzte Abend im Dorf. Lisa hatte
tatsächlich zuviel getrunken, Retsina mit Cola vermischt, wie die
Einheimischen, später Bier mit Cola. Und sie erinnerte sich vage, wie sie
ein Mädchen mit Liebeskummer getröstet hatte.
Iannis steckte das Geld in die Brusttasche und verabschiedete sich. Er
wünschte ihr Glück. Jetzt war sie allein mit dem Kerl, der wieder
lachte. Das Lachen ging in einen Hustenanfall über. Der Fahrer des
weißen Ford reichte dem Kerl eine abgewetzte braune Umhängetasche,
die wie eine Schaffnertasche aussah. Solche Taschen hatte es nur in der DDR
gegeben, im Centrum Warenhaus am Alex.
Lisa fühlte sich diesem Verfolger ausgeliefert. Ihre Beine schienen in
einer zähflüssigen Masse zu stecken, wie in manchen Träumen, in
denen sie weglaufen mußte, aber nicht konnte. Lisa zwang sich zur Ruhe.
Vielleicht war es ja gar nicht Hugosch, sondern ein ehemaliger DDR-Bürger,
der im Süden Urlaub gemacht hatte und mit demselben Schiff wie sie nach
Athen fahren wollte.
Der Fahrer des Ford schloß den Kofferraum. Mehr Gepäck als diese
Umhängetasche hatte der Kerl nicht. Der konnte kein gewöhnlicher
Tourist sein, dachte Lisa. Der war auch kein Geschäftsmann, dazu war er zu
nachlässig gekleidet. Sie nahm ihr Gepäck und stieg, so schnell sie
konnte, die steilen Stufen zum Schiff hinauf. Auf halber Treppe fiel ihr ein,
daß das Schiff ja eine Sackgasse war. Der Kerl würde eine ganze
Nacht Zeit haben, sie zu ... Ja, was? Was könnte er von ihr wollen? Das
Kuvert, das Willi ihr vor seiner Abreise nach Alexandria zugesteckt hatte? Oder
den Brief mit den Nummern der Konten, auf die Lisa in Athen Geld einzahlen
sollte? Lisa preßte die Teddytasche, in der sie Willis Unterlagen
verwahrte, fest an ihren Körper. Als sie sich oben auf der Treppe
umschaute, war von ihm nichts mehr zu sehen. Der weiße Ford fuhr gerade
durch das Hafentor zur Stadt.
Auf der kleinen Plattform staute sich die Schlange der Passagiere, die eine
Kabine gebucht hatten. Eine griechische Familie mit Koffern und Tüten
drängelte sich an Lisa vorbei und verschwand im schmalen Gang neben dem
Eingang. Sie kannten sich auf den Schiffen aus und benutzten sie wie
Vorortbahnen. Lisa ärgerte sich über die griechischen Matrosen, die
bei jedem Ausländer das Ticket kontrollierten, als zelebrierten sie ein
Ritual. Hätte sie gewußt, wo ihre Kabine war, wäre sie genauso
an den wartenden Touristen vorbeigelaufen. Kabinentüren wurden nie
abgeschlossen.
Jemand hustete hinter ihr. Lisa drehte sich um. Nur zwei Schritte von ihr
entfernt stand der Mann aus dem weißen Ford und schnaufte. Sein Kopf war
ihr so nahe, daß sie in seinen übergroßen Spiegelreflexaugen
ihr eigenes entsetztes Gesicht erkennen konnte. Er hatte großporige,
schlaffe, von Mitessern übersäte Haut. Graubraune Haare stachen aus
den Nasenlöchern. Schütteres Haar klebte an den Schläfen. Er
roch nach einem süßlichen Rasierwasser.
Lisas Knie wurden weich, schienen den Dienst zu versagen. Er war es - Dieter
Hugosch!
Ungepflegte Zähne bleckten hinter auffallend gewölbten Lippen. In
der Nähe dieses Mannes zu stehen, war ihr zutiefst unangenehm. Vielleicht
irrte sie sich doch? Die Angst wich nicht von ihr. Lisa fühlte sich
gefangen auf dem Schiff. In ihrem Hals machte sich der Druck bemerkbar, dem
unweigerlich Tränen folgten. Willi war tot. Und Willi war ihr Vater.
Wäre Willi als ihr Onkel ums Leben gekommen, wäre alles einfacher.
Sie wäre zur Beerdigung gegangen, wäre traurig gewesen, und beim
Leichenschmaus hätte sie darüber geredet, wie gern sie ihren Onkel
gehabt und daß sie sich immer einen Vater wie Onkel Willi gewünscht
hatte.
In seinem letzten Brief hatte Willi sich nun zu seiner Vaterschaft bekannt.
Und jetzt war er tot. Ermordet in Ägypten. Kaum, daß sie ihren
richtigen Vater gefunden hatte, war er ihr schon wieder genommen worden. Von
einem Mörder.
Lisa drückte Daumen und Zeigefinger in die Augenwinkel. Tränen
rollten an ihren Fingern hinab.
Der Zahlmeister hinter der Rezeption, ein drahtiger Typ mit Stutzbart,
blickte Lisa wichtigtuerisch und gelangweilt an. Sie kramte in der
Gürteltasche nach dem Ticket für die First-Class-Kabine. Um zu
verhindern, daß der Kerl hinter ihr sah, welche Nummer ihre Kabine hatte,
hätte sie lieber eine einfache Deckspassage bezahlt. Doch der Zahlmeister
riß ihr schon das Ticket aus der Hand. Während er die
Kontrollabschnitte abtrennte und in einen Ordner einheftete, hörte sie,
wie die Worte "Tourist cabin" fiel. Ein Steward sagte es zu dem Mann
hinter ihr. Zu Hugosch?
Lisa hatte Zeit gewonnen. Eine Nacht lang.
Durch die großen Fenster ihrer geräumigen Kabine schien das
goldgelbe Abendlicht, das sich in den Scheiben der Bürohäuser im
Hafen und in den Bullaugen der anderen Schiffe spiegelte. Auf dem Vorderdeck
unter ihr richteten sich Touristen auf den Bänken ihre Schlafplätze
her, und Matrosen liefen geschäftig umher.
Lisa leerte die Teddytasche, um das weiße, weiche Fell nach
außen zu stülpen. Dann stopfte sie eines der Kissen aus dem Bett in
den Bauch des Teddys. Der Eisbär guckte sie mit seinen schwarzen Glasaugen
verliebt an. Die kleine, rote Zunge an der länglichen Schnauze würde
sie wieder richtig ankleben, wenn sie zu Hause war. Die Teddytasche
verströmte auch nach über zehn Jahren noch ihren herben Lederduft.
Als es an der Kabinentür klopfte, sprang sie aus dem Bett auf und
versteckte sich hinter dem Vorhang des Schlafalkovens. Ein Steward stellte
Kaffee auf den Tisch, dazu eine Schale mit Äpfeln und Apfelsinen, und er
legte ein spitzes Messer daneben. Lisa kam hinter dem Vorhang hervor, bezahlte
den Kaffee und schloß die Tür von innen ab.
Sie öffnete Willis Kuvert und studierte seine Anweisungen: Beträge
in vier- und fünfstelliger Höhe sollte sie unbedingt noch von
Griechenland aus auf Konten in der Schweiz einzahlen. Fast hunderttausend Mark
lagen in verschiedenen Währungen bei. Die Konten wurden geführt auf
die Namen Siegfried Kretschmar, Eva Schmiedinger, Karl-Heinz Schröder,
Peter Schmidt und Dieter Hugosch.
Dieter Hugosch war ein Kollege von Willi. Er arbeitete in derselben
Abteilung der Staatssicherheit. Wenn der Kerl aus dem weißen Ford
tatsächlich Hugosch war, dann wußte er von Willis Ermordung in
Ägypten. Wenn er Hugosch war, dann suchte er etwas bei ihr. Oder sollte
sie ihn zu den drei Postmietbehältern führen, die Willi vor einem
Vierteljahr bei ihr zu Hause in Berlin-Pankow abgestellt hatte? Was war in den
Postmietbehältern? Lisa erschrak. Vielleicht wartete er auch nur, bis Lisa
das Geld bei einer Bank eingezahlt hatte?
Sie holte das hellblaue Seidenbuch aus dem Ohr des Teddys. Diesem Buch hatte
sie, seit Willi es ihr damals vor dem Urlaub in Zinnowitz geschenkt hatte,
alles anvertraut, was sie niemandem erzählen konnte. Das zierliche
Schloß war längst verschlissen, das Scharnier abgebrochen. Sie
begann zu lesen.
Der letzte Eintrag war vom vergangenen Jahr und betraf Bo, ihren
Westgeliebten: "Mein kleines Seidenbuch, erschrick nicht, denn ich habe
mich von Bo getrennt. Er kann so zärtlich sein, doch seine
Zärtlichkeit gehört nicht mir allein. Wie kann ich einen Mann lieben,
der mit anderen Frauen schläft? Und was mich fast noch mehr stört,
ist, daß der clevere Pressefotograf jeden Morgen zum Zeitungskiosk rennt
und die Magazine kauft, in denen er seine Bilder vermutet. Der große Bo,
der Westmensch, holt sich seine Identität jeden Morgen am Zeitungskiosk
ab. Ist das nicht ulkig?
Ich bin wieder solo. Und einsam. Aber morgen, am 1. Dezember des ersten
Jahres deutscher Einheit, fahre ich nach Griechenland, nach Kreta, in Willis
Lieblingsdorf Nummer zwei. Gute Nacht, liebes Seidenbuch, ich muß packen
..."
Lisa blätterte zur ersten Seite vor. Dort standen in kindlich runder
Schrift untereinander die Namen: Siegfried Kretschmar, Eva Schmiedinger,
Karl-Heinz Schröder, Peter Schmidt und Dieter Hugosch, genannt Hugo.
Darunter hatte sie zwei Männer gezeichnet. Der eine boxte dem anderen ins
Gesicht. Ein Pfeil zeigte auf den Schlagenden, das war Onkel Willi, der
Geschlagene war Dieter Hugosch. Sie zitterte vor Angst. War vielleicht das
viele Geld, das sie bei sich trug, ihre Lebensversicherung?
Lisa beschloß, das Geld nicht einzuzahlen.
Die Scheine, die sie auf dem Bett ausgebreitet hatte, sortierte sie nach
Währung und Wert. Dann versteckte sie das Geld: Die Schweizer Franken
verbarg sie in Teddys Ohren. Die Dollarnoten legte sie in die Kosmetiktasche.
Das deutsche Geld stopfte sie in Bündeln zwischen Pullover, Kleider und
Wäsche in die Reisetasche und den Rucksack. Das Kuvert an Elke ließ
sie verschlossen.
Behäbig schob sich die Fähre durch den Hafen dem offenen Meer zu.
Lisa trank den kaltgewordenen Kaffee.
Am nächsten Morgen streikten in Athen die Busfahrer, was im Hafen
Piräus ein heilloses Durcheinander verursachte. Menschentrauben umlagerten
die Taxis, deren Fahrer die Eile der Touristen, die zum Flughafen mußten,
ausnutzten. Unter der Last ihres Gepäcks rannte Lisa von einem Taxi zum
nächsten, doch andere Touristen waren schneller als sie. Eine Taxifahrt
kostete normalerweise zweitausend Drachmen. Lisa bot einem Taxifahrer
fünftausend. "En daxi", in Ordnung, nuschelte der Taxifahrer und
verlud ihr Gepäck im Kofferraum. Doch sie bestand darauf, die Teddytasche
mit auf die Rückbank zu nehmen. "Das ist verboten", behauptete
der Taxifahrer dreist. Lisa erhöhte den Preis. Der Fahrer winkte ab und
steckte den Kofferraumschlüssel ein. Dann ging er zu einem anderen
Taxifahrer und rauchte. Lisa rief ihm zu, daß sie es eilig habe.
"Siga-siga", sagte der Fahrer, und das bedeutete: immer mit der Ruhe.
Zwei holländische Mädchen entdeckten die freien Plätze in
Lisas Taxi, und ehe sie begriffen hatte, daß sie dieses Auto gegen den
Ansturm verteidigen mußte, saßen die beiden Mädchen schon
drin. Der Fahrer unterbrach kurz sein Gespräch und rief in gebrochenem
Englisch: "Zweitausend. Von jeder", während er mit seinem
tabakgelben Finger auf die Holländerinnen zeigte. Die mußten
einwilligen, wenn sie ihren Flug schaffen wollten. Der Fahrer palaverte jetzt
mit einem anderen Athener, bis sich schließlich noch ein Pärchen ins
Taxi gezwängt hatte. Endlich fuhr er los. Die Frauen saßen zu viert
hinten, aus dem Kofferraum ragte das Gepäck. An jeder roten Ampel, wenn
das Taxi hielt, stürmten Menschen von den Bushaltestellen auf das Auto zu,
rissen die Türen auf und versuchten einzusteigen. Lisa fürchtete bei
jedem Halt um ihr Gepäck.
Immer wieder dachte sie an Dieter Hugosch. War er es oder war er es nicht?
Sie hatte ihn am Morgen, als das Schiff im Hafen angelegt hatte, nicht gesehen.
Sie schaute in jedes Auto, das das Taxi überholte oder von dem es
überholt wurde.
Die Hitze drückte in das Auto, Staub wirbelte durch die Luft und legte
sich auf die Haut. Der Fahrer rauchte. Er klopfte die Asche nach draußen
ab, die vom Fahrtwind durch das heruntergekurbelte Fenster hinten wieder
hineingeweht wurde. Vor dem internationalen Flughafen angekommen, kassierte der
Fahrer ab. Über seinen grindigen Lippen lag ein lächelnder Zug.
Lisa schleppte ihr Gepäck durch das Flughafengebäude. Vor dem
Lufthansaschalter Richtung Berlin bildete sich eine Schlange. Das Lächeln
der Schalterhostessen wirkte gequält. Lisa stand wie auf glühenden
Kohlen. Sie wollte weg. Schnell. Oder sollte sie in Athen bleiben? Sie
könnte in das Nationalmuseum gehen, sich die minoischen Fresken ansehen,
die sie nur von Abbildungen her kannte. Der griechische Archäologe
Marinatos hatte sie erst 1970 auf der Insel Santorin in der unterirdischen
Stadt Akrotiri entdeckt. Warum sollte sie die Gelegenheit nicht nutzen, die
blauen Affen, die boxenden Jungen oder den Fischer im Original zu betrachten?
Warum sollte sie den Flieger nicht ohne sie abfliegen lassen? Geld für ein
paar Tage in Athen hatte sie genug. Von Willi.
"Raucher oder Nichtraucher?" fragte die Hosteß. Lisa blickte
sich um. Hinter ihr warteten die deutschen Touristen ungeduldig.
"Einen Gangplatz bitte", antwortete sie. "Nichtraucher."
Lisa nahm die Teddytasche als Handgepäck mit, gab nur den Rucksack
sowie die Tasche auf und ging zur Sicherheitskontrolle.
Hinter sich hörte sie plötzlich eine Männerstimme fragen:
"Mister Hugosch?"
Lisa schrak zusammen, ihr Puls raste. Jetzt wußte sie es. Der Kerl war
Hugosch! Und er stand dicht hinter ihr!
"Nein, ich bin Pierre Lombard. Ich bin Schweizer
Staatsbürger", gab Dieter Hugosch patzig zurück.
"Das werden wir feststellen", sagte der Zivilist auf deutsch.
Lisa sah, wie zwei Uniformierte dem Mann Handschellen anlegten, während
der Zivilist in einem weinroten Paß blätterte. Hugosch kniff die
gewölbten Lippen zusammen. Seine Augen waren fest auf Lisa gerichtet.
2. Kapitel